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Manfred Klimek Kolumne

Einerseits fühlt sich unser Autor zum Hochschullehrer berufen.Andererseits gibt es da ein paar Probleme.





• Wenn Sie das lesen, bin ich Professor. Oder auch nicht. Ich weiß es nicht. Die Entscheidung fällt in diesen Stunden. Jederzeit kann der Anruf kommen und mich zum Lehrstuhlinhaber machen. Festanstellung, Staatsknete, die fehlenden Jahre zur Rente mit Steuergeldern versüßt. Ganz vergessen: Arbeiten muss ich auch was. An einer Uni. Aber nicht so viel, habe ich mir sagen lassen, denn es gibt ja Assistenten, die mit den Studenten pauken, während ich im Café durch die Feuilletons blättere, Cremeschnitten verzehre und Intrigen gegen andere Professoren schmiede. Sagenhaft, was so geht, wenn man Hochschullehrer ist.

Wieso man ausgerechnet mich gefragt hat, obwohl ich nicht einmal Abitur habe? Ich weiß es nicht. Man hielt mich wohl für fähig, junge, unsichere Erwachsene auf die Welt vorzubereiten; Hipsterpack, das Interesse am Lernen vortäuscht, weil es weitere zehn Jahre vom Geld seiner Eltern leben will, statt frühmorgens den Arsch in die Arbeit zu schieben. Ich finde diese Einstellung in Ordnung, denn auch ich will ein Zimmer mit Vollpension und wenig bis nichts dafür leisten. Die Leistungsgesellschaft hat uns schließlich an den Rand des Ruins gebracht – sie ist samt und sonders abzulehnen.

Ich könnte jetzt sagen, dass es sich bei meiner Person um eine Fehleinschätzung der Berufungskommission handle. Könnte ich. Tue ich aber nicht, denn noch ist nichts entschieden. So will ich den nicht existenten Schicksalsgott nicht provozieren und rede mir ein: Das kriegst du schon hin! Du kriegst die Stelle!

Ich weiß freilich, dass ich das hinkriege. Denn man hat mich ja nicht als Experte für das Sexualleben der Blattläuse ausgesucht, sondern für Fotografie. Und fotografieren kann ich so gut wie nur wenige andere auf der Welt, auch wenn mein Wikipedia-Biograf nach wie vor glaubt, ich schriebe vornehmlich Kochbücher und tränke Wein. Wenn ich erst mal Professor bin, werde ich diesen Kretin zu mir zitieren und auf Ein-Meter-zwanzig-mit-Hut zusammenschreien.

Es gibt aber einen sauren Drops, den ich schlucken muss, wenn die mich tatsächlich auswählen: Die Uni ist in Wien. Wer mein Verhältnis zu Wien im Speziellen und Österreich im Allgemeinen kennt, der weiß: Mein Wesen kann dort nicht genesen. Ich habe das Land mehrmals, teils fluchtartig, verlassen, habe Veltliner, Mehlspeisen, Gemütlichkeit und das „Tachinieren“ (Nichtstun) gegen ein Leben in Deutschland eingetauscht, wo man Dreck als Lebensmittel deklariert, bis zur Besinnungslosigkeit Schnäppchen jagt und einem Verfahrensweg-Staat huldigt, dessen Beamte alles tun, was selbst die sinnloseste Vorschrift verlangt.

Meine mir in geringer Zahl noch verbliebenen österreichischen Freunde können bis heute nicht verstehen, warum ich das kuschelige Mentalitätsnest gegen bellende Pickelhauben eingetauscht habe, die selbst den Süden ihrer Republik mit preußischer Manierlosigkeit überziehen.

Dennoch scheint mir das Leben bei den Hunnen erstrebenswerter als die Rückkehr in das Jammertal Österreich, wo Zombies die Regierung stellen und selbst seriöse Medien höchstens den Bildungsauftrag der Satire erfüllen. Zudem ekle ich mich vor dieser einlullenden Gemütlichkeit und ertrage es nicht, wenn Menschen ein Leben lang die immergleichen Geschichten erzählen, weil ihre sozialstaatlich abgesicherte Feigheit keine divergente Existenz zulässt. Wien ist ein Dorf sesselfurzender Systemprofiteure, die glauben, ihre an einer Hand abzuzählenden Arbeitsminuten zwischen Gabelfrühstück und zweiter Jause würden zum Sozialprodukt beitragen. Aber hoppla: Will ich nicht auch einer von denen werden?

Klar, will ich. Ich habe in dieses Ausbeutersystem gnadenloser Zwangs-Sozialversicherungen jahrelang grenzwertige Höchstbeiträge eingezahlt und so das Leben jener Beamten gesichert, die stets so wirken, als würde man im Amt Schlafkrankheit bekommen. Zeit, dass diese Parteiknilche einem Professor wie mir etwas zurückzahlen. Wobei ich erst noch Professor werden muss. Mal schnell die E-Mails kontrollieren! Schon eine Entscheidung gefallen? Nö, schon wieder nicht. Wie lange wollen sich die noch Zeit lassen? Das Hearing war vor einer Woche.

Was ist die These meiner Lehre?

Zuerst kam eine Aufforderung, mich zu bewerben. Weil ich mich aber noch nie um eine Position beworben hatte, schrieb ich zurück, dass es mir nicht im Traum einfalle, für eine Professur eine Ausnahme zu machen. Die sehr freundliche Findungskommission erkannte sofort meine Minderbemitteltheit in Sachen akademischer Bräuche und erklärte mir, dass jeder, der ein akademisches Amt anstrebt, eine Bewerbung abgeben müsse. Auch Zaha Hadid und Peter Weibel, die an derselben Uni unterrichten, mussten das tun.

Das fand ich aber nur gerecht, denn Hadids Feuerwehrhaus in Weil am Rhein sieht so aus, als blieben die Löschfahrzeuge beim Ausfahren mit dem Blaulicht an der Oberkante hängen, und Weibels stundenlange Vorträge hat bis heute wohl kein Mensch so richtig verstanden. Die Studenten, die diese beiden Genies auf das Leben vorbereiten, bauen Sozialwohnungen, die selbst ALG-II-Empfänger als Zumutung ablehnen oder werden Medienwissenschaftler, die jene Medien verteidigen, die uns Tag für Tag Finanzmarkt- oder Regierungspropaganda auftischen. Bestenfalls fallen diese Leute dem Staat als Querdenker zur Last und richten keinen weiteren Schaden an.

Es wäre mir eine Freude, selbst zu diesen Leuten zu gehören. Jedoch glaube ich, mein durchdachtes und flüssig-fremdwortfrei geschriebenes Konzept und das Hearing danach haben wenig dazu beigetragen, mich als Kandidat nach vorne zu spielen. Der Grund: Ich bin Pessimist.

Die anderen Kandidaten für die Professur warfen ihre Anker klugerweise vor Jahren schon in der Kunst- oder Fashionfotografie aus. Nicht mein Bier, denn das sind abgeschottete Parallelwelten, in der wenige Prominente ein Leben des Luxus und der Moden führen, während das darbende Prekariat mit dem Versprechen abgespeist wird, später partizipieren zu können. Logisch, dass meine Mitbewerber für diese Professur das Blaue vom Himmel versprachen. Ich jedoch gestand gleich, dass ich meinen Studenten von der Wahrheit einer eventuell erfüllenden, aber wahrscheinlich brotlosen Existenz berichten muss, weil nur wenige das Zeug zu einer individuellen Bildsprache haben. Da war Schweigen im Raum.

Später brachte mich einer der Professoren total ins Schwimmen, als er nach „der These meiner Lehre“ fragte. Ich starrte ins Leere und wünschte mir, im Erdboden zu versinken. Das peinliche Schweigen dauerte über eine Minute und machte mir klar, dass ich auf Einfaches besser vorbereitet sein muss als auf Kompliziertes. Wenn ich erst mal Professor bin.

Moment, ich sehe mal in den Mails nach. Vielleicht ist inzwischen etwas gekommen? Bank, Penisverlängerung, Reiseziele, mein Freund Edgar, der nach Berlin kommt und eine Couch zum Schlafen sucht. Nichts von der Uni. Wenn Sie das lesen, bin ich also immer noch ohne Lehrstuhl. Aber wenn ich es werden sollte und dieser Text schon gedruckt ist, dann sehe ich ziemlich alt aus. Sicherheitshalber sage ich mal, dass die Meinung des Autors nicht mit der Meinung des Autors übereinstimmt. Professoren – und solche, die es werden woll(t)en – haben bekanntlich multiple Persönlichkeiten. Einer allein brächte nicht so viel Unsinn zu Papier. ---