Partner von
Partner von

Kai Spittler

Als Landschaftsarchitekt bekam Kai Spittler keinen Boden unter die Füße. Darum machte er seine Liebe zu Holz zum Beruf.





• Neulich fragte ihn seine Frau, ob er glücklich sei mit seiner Arbeit. Kai Spittler dachte kurz nach und sagte zum ersten Mal bewusst: „Ja, ich bin zufrieden. Mir macht es Spaß, Möbel zu bauen. Und, ja, ich bin wirklich gerne Handwerker.“

Normalerweise ist ein Mann von 49 Jahren nicht zu früh dran, um mit sich und seinem Beruf im Reinen zu sein. Doch Spittler hat das Schreinern nie bei einem Meister gelernt, und es war auch nicht sein Plan gewesen, je davon zu leben. Spittler ist Akademiker, Landschaftsarchitekt. Auf seiner Homepage steht Dipl.-Ing. vor seinem Namen. Von Landschaftsplanung aber steht da nichts mehr, sondern stattdessen: Ausstellungsdesign, Möbeldesign, Kulissenbau.

Spittlers beruflicher Wandel vollzog sich über Jahre, schleichend. Angestoßen durch Zufälle und, so sagt er, auch aus der Not geboren. Man klickt sich im Netz durch sein Portfolio, entdeckt: eine putzige Küchenkulisse für die Dreharbeiten zu „Pettersson und Findus“, einen Waschtisch aus aufbereiteten Gerüstbohlen für ein Bad, die Vitrinen einer Mittelalter-Ausstellung auf einer Burg, einen puristischen Esstisch mit Bank aus Douglasie.

Man erkennt, er liebt und beherrscht das Handwerk, das er sich selbst beigebracht hat. Spittler kann sich in Räume denken, sieht voraus, wie Materialien zusammenspielen, findet eigene Formen.

Er hatte lange nach einem passenden Studium für sich gesucht, bis er 1992 aus Augsburg nach Dresden an die Technische Universität gekommen war. Dort legte man in der Landschaftsarchitektur Wert auf den Entwurf, das Gestalterische. Die Studenten wurden einem künstlerischen Eignungstest unterzogen. Das gefiel ihm.

Spittler fühlte sich wohl im Osten und beschloss, nach dem Studium zu bleiben. Obwohl Kommilitonen erzählten, wie schwer es dieser Beruf in den neuen Bundesländern habe. Die Rede war von Einstiegsgehältern von 1200 Mark.

In Leipzig gründete er mit zwei Kollegen ein Büro. Sie warben um Aufträge und nahmen an Wettbewerben teil. Einige Male belegten sie vordere Plätze und konnten manches Projekt selbst verwirklichen – das ist keine Selbstverständlichkeit für Preisträger.

Doch die Einnahmen waren gering. Ende der Neunziger war der Boom der Nachwendejahre vorbei, die Baubranche lag danieder. Sofern Architekten überhaupt Aufträge bekamen, erledigten sie die Planung von Außenanlagen und Gärten gleich mit. Für Spezialisten wie Spittler gab es nicht viel zu holen.

Im Jahr 2002 gewann sein Büro einen Ideenwettbewerb für das „Gartenreich Dessau-Wörlitz“, die berühmte Parklandschaft und das Unesco-Welterbe, ein Renommierprojekt. Mit seinem Partner gestaltete er dafür neue Rast- und Picknickplätze. Ausgerechnet im Gartenreich bekam Spittler aber zu spüren, wie enervierend es sein kann, einen eigenen Entwurf umzusetzen. Bei einer Besprechung saßen die beiden Landschaftsplaner den Vertretern von 17 verschiedenen Genehmigungsbehörden gegenüber. Jeder hatte ein Mitspracherecht – und machte davon Gebrauch. „Und es ging nur um Rastplätze!“, sagt Spittler. Über anderthalb Jahre zog sich die Ausführung des übersichtlichen Auftrags hin, am Ende gab es noch Ärger mit der Bezahlung. „Es war wirklich frustrierend.“

Obwohl seine Ansprüche gering waren, spürte er: „Ich bekomme keinen Boden unter die Füße.“ Manchmal machte er nur 1000 Euro Umsatz im Monat. Um sich über Wasser zu halten, fuhr er als Kurier beim Film. Er holte abends die Filmkassetten vom Dreh in Leipzig ab, raste nach Babelsberg ins Kopierwerk, wartete, bis sie vervielfältigt worden waren und brachte sie noch in der Nacht zum Set zurück.

Mit Diplom ins Praktikum

Ein schöner Job für einen Studenten, aber nichts für einen Mittdreißiger. Eine Freundin hatte eine bessere Idee. Sie wusste, wie gut Spittler tischlern konnte: Warum nicht Kulissen beim Film bauen? Spittler hat seit seiner Jugend gern mit Holz gearbeitet. Das war seine Leidenschaft, sein Ausgleich. „Ich hatte auch immer irgendwo eine Werkstatt.“

So wurde der Diplom-Ingenieur noch einmal Praktikant, mit 36. Dann ging es schnell. Er lernte die Besitzerin einer Filmbau-Firma kennen, die Leute für ein Projekt von Peter Greenaway suchte. Heute ist Spittlers Bau-Filmografie auf 25 Produktionen angewachsen, darunter viele berühmte: „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Das weiße Band“ oder „Erbsen auf halb sechs“. Wäre es nach seinen Auftraggebern gegangen, hätte Spittler die Produktionen zunehmend koordinieren können, statt selbst zu bauen. Er hätte eine Art Bauleiter beim Film werden können.

Aber das reizte ihn nicht. Er wollte planen, bauen, das Ergebnis sehen – und nicht den Launen der Filmleute ausgesetzt sein. Man habe es ständig mit widerstreitenden Interessen zu tun, sagt er, Kamera, Regie, Aufnahmeleitung – eine Situation wie damals mit den 17 Behörden im Gartenreich. Was ihn am Filmbau erfüllte, war die Unmittelbarkeit des Jobs, nicht der „Organisationskram“.

„Es gibt nichts Schöneres in diesem Metier“, sagt Spittler, „als für Kinderfilme zu arbeiten.“ Es gibt aber auch nichts Kinderfeindlicheres, als am Set zu arbeiten. Zehn, elf Stunden Arbeit am Tag seien normal. 90 Prozent der Bauten müssten vor Ort hergestellt werden. Ein Kulissenbauer ist oft wochenlang von zu Hause weg. Doch Spittler hatte inzwischen Familie, wollte seine zwei Söhne aufwachsen sehen.

Wieder musste er umdenken. Die Koordinaten waren klar: Geld verdienen, ohne andauernd weg zu sein. Es musste etwas sein, dass er richtig gut konnte und gern tat, und er brauchte Kunden. Zufällig tauchten sie wie von selbst auf.

Schon seit Jahren stellt Kai Spittler seine Möbel selbst her. Als er vor drei Jahren seine Wohnung in einem alten Industriegebäude ausbaute, konnte er sich austoben. Er verwendet gern Altes und macht daraus Neues. Das Ergebnis sahen Freunde und wollten auch so etwas Schönes haben: Küchen, Kommoden, Kleinmöbel. Dann wollten es die Freunde von den Freunden und dann deren Bekannte.

Daraus wurde Spittlers neues Standbein, das Möbeldesign. Er müsse nur noch lernen, Preise zu machen, die nicht nur fair seinen Kunden gegenüber seien, sondern auch fair zu seinem Konto, sagt er und lacht. Es wäre schön, wenn er in ein paar Jahren vom Möbeldesign leben könnte.

Er sagt, er konnte das Alte loslassen, weil es nicht funktionierte. Nur manchmal vermisse er etwas aus seiner Zeit als Landschaftsarchitekt, „den großen Gestaltungsentwurf im großen Raum, für Parkanlagen zum Beispiel.“ Aber sonst sei er jetzt gerne Handwerker, ja, wirklich. ---
Rüstzeug eines glücklichen Handwerkers