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Renate Meidt

Renate Meidt wurde irgendwann klar, dass sie als Angestellte einer Spedition keine Perspektiven hatte. Und machte ihr eigenes Ding.





• Kindergeschrei ertönt aus dem Babyphone auf ihrem Schreibtisch. „Mein Enkel ist für ein paar Tage zu Besuch“, sagt Renate Meidt. Die 58-Jährige lächelt verschmitzt, als wollte sie sagen: Kein Problem, das kriege ich auch noch gewuppt. Sie steht in ihrem Büro im Keller ihres Wohnhauses in Kläden, ein Dorf in der Altmark, eine Autostunde von Magdeburg entfernt. Tiefste Provinz. Sechs Bildschirme, drei Telefone und zwei Mitarbeiterinnen – das ist ihr Unternehmen. Schon im zweiten Jahr nach der Gründung hat es 1,5 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Ende 2010 konnte sie sich noch nicht vorstellen, eine eigene Firma zu führen. Sie war damals 55 Jahre alt und schon seit mehr als 20 Jahren Disponentin. Nur eine kleine Angestellte sei sie gewesen, sagt sie, zuletzt sieben Jahre bei einer großen Spedition der Region.

Den Namen will sie nicht nennen. Über ihren früheren Arbeitgeber spricht sie nicht gern, sie will kein böses Blut, schließlich ist sie nun sein größter Konkurrent. Dabei hatte sie nie vorgehabt zu gehen, wollte in der alten Firma Teamleiterin werden. Doch als die Stelle zum zweiten Mal ausgeschrieben worden war, bekam sie zu hören: „Sie brauchen sich gar nicht erst zu bewerben.“

Warum man ihr diese Chance verweigerte, weiß Meidt bis heute nicht. Dass sie in einer beruflichen Sackgasse angekommen war, frustrierte sie damals sehr. Irgendwann ging dieser Frust in Gedanken über eine Alternative über und mündete schließlich in einem entschlossenen Schritt in die Selbstständigkeit.

Im Grunde tut sie heute genau das, was sie vorher auch getan hat. Ihre Kunden sind Menschen oder Firmen, die etwas zu transportieren haben und zu diesem Zweck möglichst günstige Lkw-Flächen suchen. Diese Leute bringt sie mit Spediteuren zusammen, die darauf aus sind, ihre Lkw-Flotte möglichst optimal auszulasten. Jeder freie Kubikmeter und jede Leerfahrt sind für sie verlorenes Geld.

„Wir machen nichts Besonderes“, sagt Meidt. Dennoch wirkt sie euphorisch, voller Energie. Ihr Job mag sich kaum verändert haben, doch seit sie ihn als Chefin ihres eigenen Unternehmens ausführt, fühlt er sich anders an.

Sie checkt ihre E-Mails, scrollt sich durch die Anfragen und Auftragseingänge. „Von Soest nach Neuss, da fährt doch kein Mensch hin“, sagt sie dann. Ein Kunde braucht einen Lkw für Altpapier. „Das sind 120 Kilometer“, sagt Meidt mit Blick auf eine Straßenkarte im Internet. Sie überlegt. Dann wählt sie die Nummer eines Spediteurs. „Hi. Ich brauch’ mal wieder eure Hilfe. Was würdest du für die Strecke nehmen?“

Klar gebe es für diese Art der Vermittlung eine Plattform im Internet, aus dem sie die Kapazitäten von Spediteuren und gleichzeitig die Anfragen der Kunden ablesen könne. Doch die Strecke zwischen Soest und Neuss sei kurz, die stelle keiner ein, weil keiner sie gern fahre. Meidt profitiert in diesen Situationen von ihren Kontakten zu den Spediteuren, die sie in vielen Fällen seit Jahrzehnten kennt. Und weil sie regelmäßig mit ihnen telefoniert, weiß sie auch genau, wo sich Fahrzeuge befinden, die noch etwas transportieren.

Mit 55 Jahren eine Angestellte ohne Aufstiegschance zu sein, damit wollte sie sich nicht abfinden. Bei einer anderen Spedition anzufangen war auch keine Alternative. „Hier ist doch nichts.“ Ostern 2011 habe sie dann das erste Mal an Selbstständigkeit gedacht. Sie traf sich nach Feierabend mit Leuten, die unternehmerische Erfahrung hatten, bekam viel Unterstützung, hatte aber auch Gegenwind. Der Bankmitarbeiter verstand ihr Konzept nicht, er sah ihr Alter, ihre unbefristete Stelle und ihren Gehaltszettel. Schließlich riet er ihr, Angestellte zu bleiben.

Ihr Chef war ebenfalls verständnislos. Wo sie denn anfangen wolle, fragte er. Vom Kinderzimmer ihres Sohnes aus organisierte sie zwei Monate später, im Oktober 2011, ihren ersten Transport. Genau so, wie sie es im Businessplan vorgesehen hatte. Dass der aufgehen würde, war auch für sie nicht selbstverständlich. Sie hatte Bedenken, zu simpel war ihr alles vorgekommen. Nicht mal einen Kredit habe sie gebraucht. Ihr finanzieller Einsatz war überschaubar. Ihr Steuerberater suche noch heute nach dem Haken.

Früher, noch zu DDR-Zeiten, war sie in einem Sekundärrohstoffhandel tätig gewesen und hatte nebenbei im Fernstudium Ökonomie gebüffelt. Dann kam ihr zweites Kind auf die Welt, sie schaffte den Weg zur Hochschule nicht mehr, hörte auf. Nach der Wende kam sie erstmals in einer kleinen Spedition unter. Die Arbeit füllte sie nicht aus, aber sie war froh, überhaupt eine zu haben. „Mit drei Kindern brauchte ich mich doch nirgendwohin bewerben.“

Als Mitte der Neunzigerjahre ihr Mann starb, hörte sie endgültig auf, sich nach anderen Stellen umzuschauen. Doch dann zog 2002 ein großes Transportunternehmen in die Altmark, wo Meidt 2004 anfing und besser bezahlt wurde als zuvor. So konnte sie ihre Kinder zum Studieren schicken.

Das Telefon klingelt. Ein Spediteur aus Rumänien ist am Apparat. Ihre Kunden sind über ganz Europa verstreut. „Jede Spedition hat ihre Stärken in bestimmten Gebieten – die einen sind im Osten, die anderen im Westen stark. Meidt ist überall stark, auch im Ausland.“ Das sagt Christian Wiechern vom Hamburger Werkstoffrecycler Veolia. Wenn kein anderer Spediteur einen Wagen habe, fügt er hinzu, besorge Meidt einen.

„Ich habe immer eine Idee“, sagt die Unternehmerin. Sie erinnert sich an einen Anruf eines Baustoffhändlers aus Magdeburg. Freitags um zwölf. Er brauchte dringend Steine aus Flensburg. „Eigentlich hast du da keine Chance mehr. Wer um diese Zeit noch nicht mit Laden fertig ist, dem ist wahrscheinlich eine Ladung weggebrochen.“ Eine Stunde später hatte sie für die Steine den passenden Lkw organisiert. „Andere Spediteure würden gleich ablehnen. Für mich ist das eine Herausforderung.“

Kürzlich wurde die Meidt Logistic Services GmbH mit dem Women are future Award ausgezeichnet. „Bestes Jungunternehmen unter weiblicher Führung“, hieß es. Renate Meidt gilt nun als ein Beispiel dafür, dass Frauen in einer strukturschwachen ländlichen Region wie Sachsen-Anhalt etwas bewegen können. Sie selbst schaut schon wieder nach vorn. Freie Transportflächen gebe es ja nicht nur in Lkws, sondern auch in Bahnen und Schiffen. Erste Kontakte hat sie schon geknüpft. Güterwaggons für eine 30 000 Tonnen schwere Schiffsladung organisieren – das finde sie spannend. Ihre Augen funkeln, wenn sie davon erzählt. „Aber eins nach dem anderen.“ ---