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Ado Gardinen

Ein kleiner Mittelständler schnappt sich einen großen Namen: Ado – die mit der Goldkante.





• Andreas Zimmer kalkuliert sein neuestes Abenteuer ganz kühl. „Es ist sehr schwierig, teuer und langwierig, eine Marke zu etablieren“, sagt der 60-Jährige am Sitz seiner Familienfirma in Oberursel bei Frankfurt am Main. Wenn dies aber einmal geschehen ist, sei ein solcher Name fest in den Köpfen der Kunden verankert. Daher schlug Zimmer beherzt zu, als sich die Gelegenheit ergab, die Ikone Ado vom finanziell angeschlagenen Eigentümer zu übernehmen, der den Glauben an die Zukunft der Gardine verloren hatte.

Ado ist heute noch vielen bekannt, weil die Marke ab 1968 von der damals sehr populären Schauspielerin Marianne Koch massiv im Fernsehen beworben wurde: „Achten Sie auf die Goldkante – es lohnt sich.“ Fast 600 Spots gingen mit ihr über die beiden konkurrenzlosen öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF ins kollektive Bewusstsein ein. Heute wäre eine solche Kampagne für Mittelständler unbezahlbar.

Ado ist die achte Marke im Portfolio von Zimmer, der sich als Textilverleger bezeichnet. Seine Firma kreiert Dessins für hochwertige Gardinen, Möbelstoffe und Tapeten, die er dann in Italien und Indien herstellen lässt. Und weil die Geschmäcker seiner Kunden – 80 Prozent befinden sich im Ausland – regional sehr unterschiedlich sind, hat er verschiedene Marken für sie erfunden beziehungsweise erworben. Das Spektrum reicht von barock – Ardecora, im arabischen Raum beliebt – bis klassisch-britisch: Warner Fabrics, englischer Hoflieferant. Alles exklusiv und teuer.

Und warum legt er sich nun eine Mittelmarke zu? Der große Name hat Zimmer gereizt. Außerdem wäre es ja schade gewesen, wenn jemand anderes sich Ado mit rund 30 Millionen Euro Jahresumsatz unter den Nagel gerissen hätte – 5300 Raumausstatter zählen zu den Kunden. Und außerdem ist es für ihn reizvoll, für eine bodenständigere Klientel zu arbeiten. Die Kunden seiner Premiummarken, darunter Elton John, Madonna und Richard Gere, bezeichnet Zimmer diplomatisch als „sehr anspruchsvoll und betreuungsintensiv“.

Für die Neupositionierung von Ado unter anderem mit Anzeigen in Wohnzeitschriften hat er genaue Vorstellungen, die er blitzschnell herunterrattert: „Natürlich, behaglich, zeitgemäß, inspirierend, leicht, frisch, langlebig, familienfreundlich.“

Damit das Abenteuer sich auch auszahlt, hat er im tschechischen Cheb ein neues Werksgebäude errichten lassen, wo Zentrallager, Warenannahme, Musterproduktion und Versand zusammengefasst werden, was für 45 bis 50 Mitarbeiter in Oberursel die Kündigung bedeutet.

Andreas Zimmer ist ein scharfer Rechner, der stolz erzählt, dass er in den 30 Jahren an der Unternehmensspitze „noch nie rote Zahlen“ geschrieben habe. Im Gegensatz zu vielen in der Branche sieht er das Geschäft mit Heimtextilien optimistisch: Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit sehnten sich die Leute „nach gemütlicher Atmosphäre zu Hause“. Nur leider fehle vielen Architekten, bedauert Zimmer, der selbst einmal einer werden wollte, „der Sinn dafür“. ---

Statt in die kleine Textilfabrik seines Vaters in Rheine einzusteigen, gründet Hubert Wulf 1954 lieber sein eigenes Gardinenwerk im emsländischen Aschendorf. Er nennt es nach dem Ort: Ado. Wulf hat sowohl ein Händchen für Technik als auch fürs Marketing. 1968 erfindet er den am unteren Rand der Gardine eingewirkten Goldfaden. 1979 ist Ado Europas größter Gardinenhersteller. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1989 führen zunächst seine Witwe und dann die Söhne Andreas und Klaus die Firma. Das Geschäft wird schwieriger, weil sich weniger Leute Gardinen ins Fenster hängen und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt härter wird. 2008 übernimmt der Geschäftsführer Heinz Otto Müller die Mehrheit am Unternehmen und teilt es in mehrere Firmen auf. Anfang 2013 verkauft er die Markenrechte von Ado an Zimmer + Rohde. Die Entscheidung von Andreas Zimmer, die Neuerwerbung ins tschechische Cheb zu verlegen, bedeutet das Aus für die in Aschendorf verbliebenen Ado-Nachfolgefirmen, die noch für die Marke gearbeitet haben.

Zimmer + Rohde GmbH
Mitarbeiter: ca. 400
Umsatz 2013: etwa 80 Millionen Euro