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Das Leben ist eine Baustelle

Wie verrückt muss jemand sein, der mit wenig Geld und ohne Erfahrung einen jahrhundertealten Sanierungsfall retten will? Ziemlich verrückt, wie diese Geschichte eines Paares und seiner Liebe zu einem Haus zeigt.





• Da sind, um nur ein Beispiel zu nennen, diese paar Quadratmeter umbraroter Küchenfußboden. Ein unregelmäßiger Fleck Stampflehm, sorgfältig in Handarbeit aufgetragen und zu den Zimmerecken hin ausfransend. Am Rand des Raumes scheinen die grauen Steine des darunterliegenden Kellergewölbes durch, der Boden ein Zeuge von fünf Jahrhunderten Hausgeschichte und der vergeblichen Restaurierungsbemühungen jüngster Zeit. Denn kaum war der frische Lehm auf dem Boden verteilt, riss er beim Trocknen spaltendick wieder auf und musste mühsam per Hand abgekratzt werden. Zwei Wochen Arbeit und ein paar Tausend Euro für nichts.

Natürlich, sagt Judith Rüber, hätten sie damals einfach ein paar Schubkarren Estrich über den Boden kippen können. Ein halbes Jahrtausend unter einer Ladung Zement begraben. Auf diese Weise hätten sie nicht nur viele Probleme vermieden, es wäre auch weitaus billiger, einfacher, vernünftiger gewesen.

Aber nicht sie. Nicht in diesem Haus. Nicht nach all dem, was bereits geschehen war.

Die fatale Dreiecksbeziehung Judith Rübers und Jan Kobels mit dem Haus beginnt im Dezember 2004. In jenen Tagen begegnet es ihnen als ein leer stehender Sanierungsfall im Zentrum der thüringischen Kleinstadt Arnstadt, vis à vis der Oberkirche und des Lyzeums gelegen, in dem der junge Johann Sebastian Bach widerwillig Chorschüler unterrichtete. Bei ihrem Rundgang mit dem Makler steigen die Verlagskauffrau und der Fotograf über Schutt, Asche und die Überreste einer Manufaktur, die hier jahrzehntelang Handschuhe und Anoraks produzierte, bis sie zusammen mit der DDR unterging. Gleich nebenan verfällt ein Fabrikgebäude, das durch zig An- und Umbauten mit dem Stadthaus verbunden ist und ebenfalls seit der Wende leer steht. Auf den Weg hinab in den Keller stoßen sie auf die Jahreszahl 1582, die ein Handwerker in den Schlussstein über dem Gewölbegang gemeißelt hat. Vor Rüber und Kobel steht also ein Veteran mit einer Unmenge Narben und Falten.

Es ist genau das, was sie gesucht haben.

Judith Rüber trägt metallicgrüne Ohrringe, kocht und lacht gern. Eigentlich ist die 55-Jährige Sozialpädagogin und Autorin eines literarischen Reiseführers durch Venedig. In den vergangenen acht Jahren aber hat sie vor allem als Anstreicherin, Behelfs-Bauleiterin und Kapitalbeschafferin gearbeitet. Jan Kobel, ihr fünf Jahre jüngerer Mann, von Beruf Fotograf, ist der Ernsthaftere der beiden und in den vergangenen Jahren unter anderem als Amateur-Restaurator und Bauhelfer tätig gewesen.

Kennengelernt hat sich das kinderlose Paar in München, „sozialisiert aber wurden wir in Italien und Frankreich“, wie Kobel erklärt. Dort, in den Agriturismo-Herbergen mit ihren dicken Sandsteinmauern, windschiefen Dächern und platanenbeschatteten Vorplätzen entstand auch diese Sehnsucht und damit vermutlich das erste große Missverständnis: dass etwas Ähnliches auch in Deutschland zu finden sein müsse.

Als Rüber und Kobel den Kaufvertrag für das 450 Quadratmeter große, denkmalgeschützte Stadthaus und das benachbarte Fabrikgebäude unterschreiben, ahnen sie nicht, dass sie nun ständig mit Handwerkern und Ämtern, Normen und Standards, vor allem aber mit dem Bestreben aneinandergeraten werden, ihr Bauprojekt in erprobte Sanierungs-, Finanzierungs- und Nutzungsraster zu pressen. Sie wissen noch nicht, dass ihre Idee, ein historisches Gebäude möglichst originalgetreu zu bewahren, sich zu einer nerven- und vermögenzerstörenden Odyssee auswachsen wird.

Sie waren, das sagen sie heute selbst, ein wenig naiv.

„Meine Frau und ich hatten absolut keine Ahnung vom Bauen“, sagt Kobel. „Aber wir hatten ja eine ortsansässige Architektin mit Denkmalerfahrung, die das Haus bereits in allen Details dokumentiert hatte und uns bei der Sanierung begleiten wollte.“

Schnell jedoch wird klar, dass ihre Vorstellungen von einer geglückten Sanierung etwa so weit auseinanderliegen wie Bach und die Beatles. Kobel und Rüber wollen ausbessern, restaurieren und retten, was sich irgendwie erhalten lässt. Die Architektin hingegen setzt auf Beton, Gipskarton, Lochziegel und Raufaser, sie will die alten Fundamente ersetzen, schiefe Wände verkleiden, Wandlöcher zumauern und das Ganze mit Tapeten überkleben. Komplettsanierung statt Restaurierung, eine solche Lösung hatte das örtliche Denkmalschutzamt bei ähnlichen Bauten in der Nachbarschaft bereits durchgewunken.

„Gerade in den neuen Bundesländern scheinen einige Denkmalschutzämter unter politischem Druck geneigt, ihre Richtlinien mit Blick auf Investoren-Interessen aufzuweichen“, sagt Walther Grunwald, ein Berliner Architekt und Spezialist für das Bauen im historischen Bestand. Ihm selbst sei schon von Denkmalschützern vorgeschlagen worden, sich auf die Sanierung der Fassaden zu konzentrieren und die innere Substanz eines Hauses aufzugeben, um neue Nutzungen zu erleichtern. „Dahinter steht häufig die Angst: Wenn die Kosten durch die denkmalpflegerischen Auflagen zu hoch werden, wird gar nicht renoviert und das Denkmal sich selbst überlassen.“

Sie tasten sich von Desaster zu Desaster voran

Für Profis vom Bau, das ist die erste Erkenntnis des Bauherrenpaares, sind die Narben eines Denkmals keine Herausforderungen, sondern möglichst gründlich zu beseitigende Hindernisse. Ihnen dämmert, dass eine auf Routine und Kosteneffizienz getrimmte Branche naturgemäß nicht in Abweichungen und Sonderlösungen denken darf. Genau das aber verlangt ihr Bau.

„In Italien werden bei einer Renovierung die alten Ziegel wieder draufgelegt, und so etwas wie ein Wärmedämmverbundsystem gibt es dort gar nicht“, sagt Jan Kobel. „In Deutschland bedeutet Sanierung meist Betonestrich, Trockenbau, abgehängte Decken und ein DIN-gerechtes Verbergen dessen, was ein altes Haus ist. Warum unterziehen wir alte Häuser einem Sanierungswahn, bis sie am Ende wie jedes x-beliebige Fertighaus ausschauen?“

Auf all das kennt der Fotograf bis heute keine zufriedenstel-lende Antwort. Eine leise Ahnung vermittelt ihm einmal der Chef einer Dachziegelbrennerei, mit dem er bei einem Geschäftstermin ins Gespräch kommt. Kobel fragt ihn, wieso seine Firma eigentlich nur diese eintönigen Standardziegel anbiete, die wie aus Plastik geformt aussähen. Viel interessanter seien doch Ziegel, die – wie beim Brennen unvermeidbar – verschiedene Tönungen und Farben aufwiesen und damit das Farbenspiel auf den Dächern einer Stadt belebten.

Auf seine Frage blickt ihn der Mann erst einmal konsterniert an. Dann ruft er: „Wissen Sie eigentlich, welchen Aufwand wir treiben, um genau das zu vermeiden?“

Für einen Liebhaber alter Bausubstanz wie Kobel ist dieses Streben nach makelloser Perfektion unverständlich. Für einen Baustoffproduzenten hingegen ist es die Geschäftsgrundlage. „Der ästhetische Maßstab der meisten Kunden ist heute der eines frisch gelackten Autos“, sagt Walther Grunwald. „Man ist es heute einfach nicht mehr gewohnt, dass Produkte altern, und wenn sie es doch tun, empfinden die Kunden es als Fehler.“ Das aber bedeute für einen Hersteller: Wer Abweichungen zulasse, laufe ins Produkthaftungsrisiko. Und auch ein Handwerker begebe sich sehenden Auges in die Gefahr, nachher von Bauherren mit Verweis auf Normen und Standards verklagt zu werden, wenn er von diesen abweiche. Also lasse er es lieber.

So kommen Judith Rüber und Jan Kobel zu dem Schluss, dass sie die Maßstäbe für die Restaurierung ihres Hauses selbst entwickeln und verantworten müssen. Sie trennen sich von der Architektin. Was für die Bauherren bedeutet, künftig im Alleingang von Lapsus zu Lapsus zu stolpern. Da ist der Küchenfußboden, der, weil sich der Stampflehm als zu fett erweist, bereits nach vier Tagen wieder aufreißt. Und viele weitere Fehler, die ihnen mangels Kenntnis und Erfahrung unterlaufen. Eines Tages fragt der Spengler Kobel, ob er die Zinkverkleidung einer Flachdachkante eigentlich Richtung Haus oder vom Haus abweisend anbringen solle. „Vom Haus weg natürlich“, antwortet der Bauherr intuitiv – mit der Folge, dass das Wasser jetzt unten im Hof aufspritzt und mit jedem Starkregen die Fassade weiter annagt. Eigentlich müsste daher der Spengler erneut anrücken und den Fehler korrigieren. Nur fehlt dafür den Bauherren nach neun Jahren Dauer-renovierung schlicht das Geld.

Da sind aber auch der Maurer sowie zwei Helfer, die das Paar einstellt, weil es im Haus Schutt, der 200 Container füllt, abzuschlagen und eine Menge zu mauern und zu verfugen gibt. Was sie nicht ahnen: Mit ihren drei Angestellten avancieren sie automatisch zu Arbeitgebern des Bauhauptgewerbes, deren Lohnabrechnungen derart kompliziert ausfallen, dass ihr Steuerberater entnervt kapituliert. Aus Frankfurt am Main meldet sich die Berufsgenossenschaft Bau bei ihnen, die sie als private statt als gewerbliche Bauherren einstuft und entsprechend hohe Hebesätze verlangt. Erst zwei Verhandlungsrunden in der BG Bau-Zentrale später kann Judith Rüber erreichen, dass man sie an die Berufsgenossenschaft Verwaltung weiterreicht, die für sie als Betreiber einer gemischt genutzten Immobilie zuständig ist.

Mit Hartnäckigkeit und überdurchschnittlichem Einsatz, das ist ihre zweite Erkenntnis, lässt sich ihr Mangel an Erfahrung und Können ausgleichen. Aber es kommen Herausforderungen, die sie überfordern. Es kommt jener Tag, an dem sie einen der hässlichen Anbauten im Hof abreißen. Kaum ist der Bagger abgerückt, klaffen im Herzen des Hauses Risse. Offensichtlich hatte der Anbau, mit dem man zu DDR-Zeiten die Handschuh-Manufaktur erweitert hatte, ihrem altersschwachen Bau neben-bei als Stütze gedient. Ihre Immobilie, die sie gerade mühsam wiederherzustellen versuchen, droht ihnen unter den Händen auseinanderzufallen.

Es ist, als würden sie ein in die Jahre gekommenes Uhrwerk reparieren, wobei ihnen beim Auseinanderschrauben immer weitere defekte Teile entgegenpurzeln. In ihrem Haus stecken sämtliche Ersparnisse, ihre Altersvorsorge sowie der Verkaufserlös ihrer Münchener Eigentumswohnung. Sie haben sogar geheiratet, obwohl sie nie den Sinn eines amtlichen Ja-Worts, sehr wohl aber die Notwendigkeit verstanden haben, sich bei einem derartigen Himmelfahrtskommando gegenseitig abzusichern. Im Fabrikgebäude neben ihrer Wohnung haben sie vorsichtshalber ein weiteres Stockwerk mit Wasseranschlüssen ausgestattet. Sollte ihre Beziehung ob der Daueranspannung zerbrechen, könnten sie hier notfalls eine zweite Wohnung einbauen.

Und die Anspannung ist enorm. Längst kennen sie keine Wochenenden, keine Urlaube und keinen Feierabend mehr. Sie arbeiten immer. Und doch ähnelt ihr Haus immer mehr einem Notfallpatienten, der mit offenen Wunden auf dem OP-Tisch liegt, während seinen Ärzten die Kräfte ausgehen.

„Bei der ersten bösen Überraschung denkt man: Na ja, das war ja zu erwarten“, sagt Rüber. „Bei der dritten denkt man: Muss das sein? Und nach der zehnten fängt man an zu zweifeln.“

Walther Grunwald kennt solche Verzweiflung zu Genüge. Der Berliner Planer hat neben diversen Schlössern und Herrenhäusern die Unterkirche des Französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt und die Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek restauriert. Eine 700 Jahre alte Bäckerei im französischen Cuers, die Grunwald in den Siebzigerjahren umbaute, steht bis heute auf einer Liste der 100 bestrestaurierten Häuser Frankreichs. Zeit seines Architektenlebens hat der 76-Jährige keinen einzigen Neubau errichtet. „Wer ein historisches Gebäude kauft, muss sich im Klaren sein, dass er keine Baumaßnahme, sondern ein Kulturunterfangen vor sich hat“, sagt Grunwald. „Er ist lediglich ein Zwischenglied in einer langen Kette von Besitzern, die ein solches Gebäude weiterreichen. Darin liegt für viele Bauherren die Haupt-Frustebene. Denn auf eine solche Aufgabe sind die meisten gar nicht eingestellt.“

Rund 1,3 Millionen historische Stadtkerne, Ensembles und Einzeldenkmäler sind in Deutschland registriert, und wer sich als Privatmann an die Restaurierung eines solchen macht, gerät häufig an seine Grenzen. Der Architekt Grunwald berichtet von einem oberfränkischen Schlossbesitzer, in dessen Immobilie die altersschwachen Bodendielen erneuert werden mussten. Der originalgetreue Ulmenrüster, den Grunwald für ihn ausfindig machte und verlegen ließ, kostete seinen Bauherrn horrende 250 Euro pro Quadratmeter. „Natürlich kann man genauso gut auf Kieferdielen für 49 Euro laufen“, sagt der Architekt. „Aber genau darum geht es beim Denkmal ja nun einmal nicht.“

Hinterher gibt’s sogar Lob vom Bauminister

Für Judith Rüber und Jan Kobel geht es nach zwei Jahren Renovierung eigentlich nur noch darum, ihr Projekt irgendwie zu überleben. Eine Herkulesaufgabe wie diese, das ist ihre dritte Erkenntnis, ähnelt einer Irrfahrt, bis man eines Tages hoffnungslos feststeckt. „Wir haben alles auf dieses Haus gesetzt“, sagt sie. „Wir sind sehenden Auges in eine Einbahnstraße eingebogen, aus der es für uns kein Zurück mehr gab.“

Eine solche Einbahnstraße aber, das ist ihre vierte Einsicht, führt nebenbei immer auch zu unerwarteten Wendungen und glücklichen Begegnungen. Ihr Statiker beispielsweise entwickelt, als sich ihr Haus zu neigen droht, einen enormen Ehrgeiz. Nach seinen Plänen werden die wackeligen Wände mit Gewindestangen, tragenden Balken, zusätzlichen Säulen und Stahlseilen fixiert. Ihr Zimmermann wiederum übernimmt anstelle der Architektin beherzt die Regie auf der Baustelle. „Wir haben Handwerker gefunden, die uns mehrfach den Hintern gerettet haben“, sagt Kobel. „Das waren Überzeugungstäter, die sich in das Haus und diese Irrsinnsaufgabe verliebt haben, gerade weil es eben kein Standardjob war.“

In jenen Tagen melden sich auch Anwohner, die ihnen alte Ziegel, Dachschindel oder Thüringer Pflaster schenken. Im ersten Stock entdecken sie, nachdem sie mehrere Lagen abgehängter Decken abgenommen haben, überraschend die originale Deckenbemalung aus dem Jahre 1592. Nahezu unversehrt.

Es ist dieser Kombination aus glücklichen Zufällen, kompeten-ten Helfern und enormem Einsatz zu verdanken, dass ihr Patient schließlich doch wieder zu Kräften kommt. Sechs Jahre nach ihrem geplanten Einweihungstermin eröffnen Judith Rüber und Jan Kobel im Juni 2013 ihr „Stadthaus Arnstadt – Übernachten im Denkmal“. Eine außergewöhnliche Herberge mit sechs ebenso großzügigen wie individuellen Zimmern mit historischem Stuck, Kassettendecken und antikem Mobiliar. Wer als Gast von der Schwarzküche im Erdgeschoss vorbei an wurmstichigen Balken, krummen Wänden und knarzenden Treppenstufen hinauf in sein Zimmer geht, passiert binnen weniger Minuten viereinhalb Jahrhunderte Baugeschichte. Mit etwas Glück nimmt einen Jan Kobel sogar mit auf eine Tour hinab ins Kellergewölbe, in dem der Franziskanerorden vor fünf Jahrhunderten Weine und Vorräte lagerte. Jeder Quadratmeter erzählt hier ein Stück Geschichte, jedes Zimmer ist eine weitere Episode. Dennoch verfügt das Stadthaus Arnstadt über keinen einzigen Stern.

„Das, was wir hier bieten, wird von den Kriterien des Deut-schen Hotel- und Gaststättenverbandes gar nicht erfasst“, sagt Judith Rüber. „Für ein gesundes Raumklima und Frühstück und Obst auf den Zimmern beispielsweise gibt es keine Punkte, sehr wohl aber für einen Kosmetikspiegel im Bad oder eine Minibar auf dem Zimmer.“ Die aber hat ihr Haus ebenso wenig wie Klimaanlagen oder fest installierte Fernseher. Ein älteres Gästepaar, das in seinem Zimmer vergeblich nach dem Bildschirm sucht, reist erbost gleich wieder ab.

Dafür lockt das Hotel seine ganz eigene Klientel an, die es gerade ob seiner Ecken und Kanten liebt. Es kommen Kulturreisende und Rennsteig-Wanderer, Bach-Fans, Skandinavier, Niederländer und vor allem Amerikaner nach Arnstadt. Rübers Erfahrung: „Je länger die Anreise, umso größer meist die Begeisterung für originale Substanz.“ Urlaubsarchitektur.de, ein Portal für außergewöhnliche Übernachtungsadressen, nimmt ihr Haus in sein Portfolio auf, und im Juli wird der Reiseveranstalter des Zeitverlags erstmals mit ein paar Dutzend Lesern des Wochenblattes zum „Arnstädter Bach:Sommer“ anreisen. Den hat Judith Rüber ins Leben gerufen, nachdem sie in der Oberkirche einen Amerikaner kennenlernte, der sich als der Pianist und Dirigent Joshua Rifkin entpuppte. Auch einer dieser Zufälle. Zusammen mit dem weltberühmten Bach-Interpreten veranstaltet Rüber jetzt alljährlich das Konzertfestival, dessen Musiker im Stadthaus wohnen. Manchmal, wenn es warm genug ist, bauen sie auf dem Kopfsteinpflasterplatz draußen vor ihrem Haus Tische auf und tragen Stühle und Bänke auf den Platz.

Wenn sie dann aus ihrer kleinen Küche Selbstgekochtes und Wein hinaustragen, wenn sie Musiker und Konzertbesucher bewirten: Dann gleicht ihr Haus tatsächlich einer jener knarzigen Herbergen, wie sie sie aus der Provence oder dem Veneto kannten. Und das mitten in Thüringen.

Was ihre Gäste nicht sehen, ist das Erdgeschoss ihres Fabrikgebäudes, das immer noch voller Zementsäcke, Paletten, Ziegel und verstaubter Nähmaschinen steht. Sie sehen nicht die aufgerissenen Wände und Böden des Dachgeschosses, die mangels Geld und Zeit noch gefühlte Lichtjahre von ihrer geplanten Umwandlung zu Ferienwohnungen entfernt sind. Die Hoteliers hingegen wissen sehr wohl, dass ihre Baustelle sie noch jahrelang in Atem halten wird. Und dass sich mit sechs Hotelzimmern und Preisen ab 70 Euro pro Übernachtung nie jene 1,2 Millionen Euro einspielen lassen, die das Projekt verschlungen hat. Umso überraschender ist, dass sie all das mit Humor nehmen.

Jan Kobel erzählt von dem thüringischen Bauminister. Der habe in seiner Pressemitteilung kryptisch von „Investoren aus München“ geredet, denen die Rettung der Immobilie zu verdanken sei. Der Münchener Fotograf, der die vergangenen Jahre in ebendieser Immobilie geschuftet und zugesehen hatte, wie sich seine Ersparnisse in Kalk, Zement und Farbe auflösten, konnte sich das Lachen kaum verkneifen. ---