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Aktien für alle!

Der Bankier Charles Merrill machte aus gewöhnlichen Leuten Shareholder.Als seine Nachfolger den Kurs änderten, hatte das fatale Folgen.





• Dass das schnelle Geld nicht alles ist, wurde Charles Merrill schon früh nahegebracht. 1897 lebte die Familie in Green Cove Springs, Florida, der Vater betrieb eine Apotheke und wurde von den Nachbarn „Doc“ genannt. Charles half samstags und sonntags aus und hieß bald Little Doc.

Da die Apotheke schlecht lief, beschloss der Sohn im Alter von zwölf Jahren, den Umsatz auf eigene Faust zu steigern: Wenn der Vater nicht da war, mixte er Schnaps in Softdrinks und verkaufte sie teuer. Die Cocktails wurden populär und bescherten der Apotheke die höchsten Umsätze überhaupt.

Als Doktor Merrill herausfand, weshalb der Laden sich plötzlich rentierte, rügte er den Sohn: Schnaps habe in einer Apotheke nichts verloren. Der Vater hatte Prinzipien, an denen er nicht rütteln wollte, selbst wenn es dem Geschäft schadete.

Als Charles Merrill 1940 ein bekannter Mann an der Wall Street war, hielt er sich an diese Prinzipien. Sie wurden später in den Beton des Büros geritzt: „Kundenorientierung, Respekt vor dem Individuum, Teamwork, Verantwortung, Integrität.“ Auf diesem Fundament hatte Charles Merrill eine Bank errichtet. Mehr noch, es war ihm gelungen, Angestellten und Farmern Zugang zur Wall Street zu verschaffen. Merrill Lynch war das erste Geldinstitut, das Kleinanlegern half, ihre Ersparnisse lukrativ zu investieren.

Nach einem wenig erfolgreichen Studium, Stationen bei einer Textilfirma und einer Bank hatte Charles Merrill im Januar 1914 an der Wall Street sein erstes eigenes Büro bezogen: Charles E. Merrill & Co. Sein Mitbewohner Edmund Lynch stieg später ebenfalls in die Firma ein. Ein Mitarbeiter sagte damals: „Merrill sah die Möglichkeiten, Lynch wusste, was in einer heimtückischen Welt alles schiefgehen konnte.“

Der Anfang war zäh, denn es fehlte beiden an Geld. In seiner Verzweiflung lieh sich Merrill zehn Dollar, um den Besitzer einer Haushaltswarenkette zum Essen einzuladen. Es gelang ihm, den Mann davon zu überzeugen, 20 Prozent seines Unternehmens für zwei Millionen Dollar zu verkaufen. Merrill bot die Anteile seinen Kunden an – es war der Anfang der Investmentbank. Weitere Beteiligungen folgten. 1928 jedoch fürchtete er, der Markt könne sich überhitzen, und verkaufte alle Aktien. Seinen Kunden empfahl er, es ihm gleichzutun.

Danach baute Merrill die Supermarktkette Safeway auf und kehrte erst 1940 an die Wall Street zurück. An seine Mitarbeiter schrieb er damals: „Wir brauchen Leute, die Vertrauen in die Zukunft ihres Landes haben und die ihre Kunden davon überzeugen können, dass Anteile an der amerikanischen Industrie mehr wert sind als Papiergeld.“ Um das zu erreichen, wurden Magazine, Broschüren und Forschungsberichte publiziert. Auch Anleitungen, wie die Bilanzen großer Konzerne zu lesen sind, wurden aufgelegt. „Wie investieren?“, war die große Frage, die über allem stand. Merrill wollte seine Kunden bilden, damit sie ihr Geld verantwortungsvoll anlegen konnten. Überall in den USA lud die Firma zu Seminaren ein, bei denen es stets auch Kinderbetreuung gab, damit beide Ehepartner teilnehmen konnten.

Auf Landwirtschaftsmessen im Mittleren Westen empfingen Merrill-Mitarbeiter die Kunden in Zelten. In abgelegene Dörfer rollten Busse, in denen Aktien gekauft werden konnten. Und in New Yorks Grand Central Station betrieb die Bank eine Filiale, damit die Kunden auf dem Weg zur Arbeit ihre Finanzgeschäfte erledigen konnten.

Nur eines bot Merrill nicht an: Investmentfonds. Er wollte, dass die Leute selbst die Kontrolle über ihre Anlagen behielten, und ließ sie nur mit Aktien handeln. Merrill wollte ihnen mit Rat zur Seite stehen, nicht Produkte in den Markt drücken. Dafür konnten Kunden schon ab 40 Dollar pro Monat bei ihm Sparpläne abschließen. Seinen Mitarbeitern predigte er: „Der Kunde hat nicht zwingend immer recht, aber er hat Rechte. Und genau in der Anerkennung seiner Rechte und in unserem Willen, ihm gerecht zu werden, liegt unsere Chance, erfolgreich zu sein.“

Als Charles Merrill 1956 starb, hatte die Bank 400 000 Kunden, war der größte Aktien-Broker der USA und wuchs kontinuierlich. Das Ende kam erst im neuen Jahrtausend. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Crash der Technikaktien glaubte der neue Chef, Stanley O’Neal, aufräumen zu müssen. Die Firmenkultur bei Merrill Lynch, so seine Überzeugung, sei behäbig, den Mitarbeitern fehle es an Ehrgeiz. Er entließ 24 000 Leute und investierte im großen Stil in US-Immobilienpapiere. Die Folge war der größte Verlust in der Firmengeschichte.

Als nichts mehr ging, wurde Merrill Lynch 2008 von der Bank of America übernommen. O’Neal hatte zuvor die Firma mit einer Abfindung von 160 Millionen Dollar verlassen, „die dem Gehaltsniveau der Branche entsprach“, wie er später sagte. Den Grund für den Untergang erklärte er vor dem US-Kongress mit „unvorhersehbaren Faktoren“. ---