Manfred Klimek Kolumne

Ich lebe im schönsten Bezirk der Bundesrepublik. Ich lebe in der perfekten Idylle. Ich lebe in Prenzlauer Berg.





• Wo ich lebe, erfahre ich zwischen Freitag 14 und Sonntag 16 Uhr auf den Straßen meines Bezirks. Bezirke werden in Berlin Kieze genannt. Kieze sind in Berlin eigene Dörfer. Dort bleibt man unter sich. Ein weiterer Beleg der Weltoffenheit der Berliner. Vor allem der neu zugezogenen, die sich heftiger mit ihrem Kiez identifizieren als jene, die in einer der vielen Rütlischulen auf das Leben vorbereitet wurden.

Wo ich lebe, kann ich auch an den Gesichtern der Touristen ablesen, die mir am Wochenende zwischen Schönhauser Allee, Kollwitzplatz und Volkspark Friedrichshain entgegentorkeln. Ich lebe in Prenzlauer Berg, der deutschen Idylle schlechthin – ein Starnberg ohne Wasser. Ich lebe unter Menschen mit Festanstellungen in neu erfundenen Wirtschaftszweigen. Die in Berlin gern hervorgekehrte Kreativwirtschaft ist allerdings selten darunter. Sie macht brotlos, und ihre Ausübenden können sich die Mieten hier nicht mehr leisten. Früher konnten sie.

Früher war, als ich hierher zog. Früher war vor 15 Jahren. Früher war das Haus, in dem ich wohne, eines von nur drei renovierten Häusern in der Straße. Trotzdem kostete die Wohnung so wenig, dass die Vertrauensperson meiner Wiener Bank an einen Scherz glaubte, als ich den Kapitalbedarf zur Sprache brachte. Ein Immobilienexperte für Auslandskäufe wurde hinzugezogen. Er blätterte in seinen Unterlagen und sagte: „Szenebezirk.“ Damit war der Kredit durch. Ohne Besicherung.

Szenebezirk? Oh ja! Damals. Die Leute, alle deutlich jünger als ich, saßen im Sommer auf alten, ausgeleierten Sofas auf der Straße, irgendwer machte Cocktails, ein anderer hatte Gras mit. Und Clubs gab es auch noch. Einer hieß Magnet und stank derart nach kaltem Rauch, dass man versucht war, eine Gasmaske aufzusetzen. Ein anderer hieß Knaack und musste schließen, weil sich zugezogene Süddeutsche in ihren Loftwohnungen von den Beats gestört fühlten. All die Jahre zuvor hatte das keinen gestört. Aber damals wohnten auch noch Berliner hier. Echte, harte Berliner. Und keine kleinstädtischen Mimosen, die einen Nervenzusammenbruch bekommen, wenn das Biojoghurt im protestantisch schmucklosen Lebensmittelladen ausverkauft ist.

Die eingeborenen Berliner? Keine Ahnung, ob es die noch gibt. Als ich in mein Haus zog, lebten noch einige hier. Vor allem Familien, die ein eigenes Verhältnis zur Herzlichkeit hatten. Statt zu grüßen bellten sie. Doch als ich einmal meinen Schlüssel in der Wohnung liegen ließ, da konnte Kevin (kein Witz), 32 Jahre alt und zwei Stöcke höher wohnend, die Tür mit einem einfachen Trick öffnen. Er trat dagegen. Ein leises Grunzen, als ich ihm zum Dank eine Flasche Wein in die Hand drückte. „Dit is wat Jutes, wa?“

Kevin ist weg. Wie auch die nette Familie im Hinterhaus rechts, mit der ich viel über die guten Seiten der DDR sprach. Dann war da auch der Automechaniker im Vorderhaus, der am Sonntag seinen getunten BMW wusch und nach diesem heiligen Ritual begann, stundenlang am Motor herumzuschrauben. Jeden Montag gab es folglich einen großen Ölfleck auf dem alten Pflaster. So ein Typ ist mit dem Flair eines aufstrebenden Szenebezirks freilich nicht kompatibel. Deswegen wurde er ausgebürgert. Statt Begrüßungsgeld gab es Abschiedsgeld. Nicht zu knapp.

Einer aber blieb. Ein alter Mann, der nicht gehen wollte, weil er nicht gehen kann. Er schleppt weiter schwer an seinen Taschen, obwohl man ihm am Rande von Friedrichshain eine Wohnung mit Aufzug angeboten hatte. Und zuzüglich noch 20 000 Euro. Doch er blieb. Er ist mein Held. Ich würde ihm gerne die Lebensmittel zu seiner Wohnung hochtragen. Er jedoch lehnt jedes Mal ab. Offenbar will er mit meiner Welt nichts zu tun haben.

Die einen gingen, die anderen kamen. Es kamen sehr freundliche Menschen aus Süd- und Westdeutschland. Auch ein Paar aus Zürich. Und einmal stand David Lynch in einer Erdgeschosswohnung herum, die einer seiner Jünger für seine obskure Sekte der transzendentalen Meditierer angemietet hatte. Doch die neuen Mieter hatten nicht mit den schnell steigenden Mieten gerechnet. So luden sie ihr Sperrmüllinventar rasch wieder in die Umzugswagen. Auf der Suche nach einem neuen Jerusalem.

Nach ihnen kamen die Langweiler, die Risiko und Unabwägbarkeiten scheuen. Die die Zahl der Patisserien, Tagessaunen, Yogasäle und Kinderpsychologen auf ein unerträgliches Maß anschwellen ließen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich jemals nach den Zeiten zurücksehnen würde, in denen im Haus von Freitag bis Sonntag Remmidemmi gemacht wurde. Aber es gab eine Vereinbarung: Um zwei Uhr früh ist Schluss mit Lärm. Daran hielt sich tatsächlich jeder. Zu jener Zeit hatte ich meinen Fernseher vor die Tür gestellt. Das Haus war Programm genug.

Tempi passati. Zuletzt gab es noch ein kleines Aufflackern der Anarchie, als eine Mitbewohnerin, Mutter zweier Kinder, auf einem Fensterbrett ein paar Krümel eines weißen Pulvers entdeckte und ausgerechnet mich fragte: „Ist das Kokain?“ Ich wischte etwas mit dem Zeigefinger auf und lutschte an der Kuppe. „Klar ist das Koks, was sonst?“ Die Frau holte japsend Luft und telefonierte mit ihrem Mann, damit dieser ein Sondereinsatzkommando rufe. Das sind meine neuen Nachbarn.

Nachbarn wie jener Mann, der nicht mehr mit mir spricht. Das hat einen guten Grund, denn ich habe ihm verboten, meinen Müll zu kontrollieren. Er hat mir nachspioniert, nachdem ihm aufgefallen war, dass ich zwar die Papier- und Glastonne befülle, nicht aber die Plastikverpackungs- und die Biomülltonne. Ökologisches Fehlverhalten ist in Prenzlauer Berg natürlich nicht hinnehmbar. Ich habe die Worte vergessen, die ich ihm an den Kopf schleuderte. Er sicher nicht.

Wo sind die Türken? Sie kommen nicht mal als Dealer in den Bezirk. Wo sind die alten, kaputten Gehsteige? Sie wurden ausgebessert. Den Antrag stellte ein grüner Bezirkspolitiker. Grund: Die Kinderwagen können nicht laufleicht rollen. Wo sind die brennenden Autos mit Stuttgarter Kennzeichen? Ich vermisse den Geruch angekokelten Leders, der über dem Bötzowviertel lag, als wieder jemand einen SUV abgefackelt hatte.

Spießer, ich

Noch ein paar Zeilen Hass über den idyllischsten Bezirk der Bundesrepublik? Ein bisschen mehr Sehnsucht nach dem Gestern, als es noch Abrisshäuser wie die „Kommandantur“ gab, ein völlig verwahrloster Ziegelhaufen in der Rykestraße, mit Gratisbier (gestohlen) und Gratismusik (frei von Gema-Abgaben)? Vielleicht noch ein kurzer Gedächtnismoment an die desolate Bötzow-Brauerei? Da hat jetzt Tim Raue ein Restaurant drin. Nichts gegen Tim Raue. Man isst gut bei ihm.

Und nichts gegen die vielen Kinder. Zwar scheitern die meisten Eltern augenscheinlich an der Erziehung ihrer Bälger, doch ist mir das Kindergeschrei hier tausendmal lieber als der Anblick der billigen Menschen, die teuer angezogen in Charlottenburg oder Wilmersdorf vor ihren Sportwagen herumstehen und gelangweilt nach Claqueuren Ausschau halten.

Ich habe mir oft genug überlegt, rüber nach Kreuzberg zu ziehen. Oder nach Mitte. Doch ich bleibe. Als Chronist der Spießer. Und als Spießer. Denn das Leben tobt leicht erreichbar. Auf der Torstraße. Im Grill. In der Kingsize. In der Grand. Im Katz. Im Cookies. In Mitte. Kurzstrecke Taxi. Und dann zurück nach Hause. Exile near Mainstreet.

Hier bleib’ ich Mensch, dort darf ich sein. ---