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iFixit

iFixit hilft seinen Kunden dabei, Geräte zu reparieren, die dafür nicht vorgesehen sind. Porträt einer Firma mit gutem Riecher.




• Mit seinem karierten Hemd und den abgestoßenen Stiefeln könnte Kyle Wiens als Handwerker durchgehen. Doch der 29-jährige Informatiker leitet vom Städtchen San Luis Obispo aus ein aufstrebendes Unternehmen, das das US-Wirtschaftsmagazin »Inc.« seit fünf Jahren im vorderen Drittel der 5000 am schnellsten wachsenden des Landes führt. iFixit beschäftigt 50 Angestellte und setzte vergangenes Jahr 9,8 Millionen Dollar um. 2011 waren es noch 5,9 Millionen Dollar.

Wiens und sein Partner Luke Soules fangen mit der von ihnen vor zehn Jahren gegründeten Firma dort an, wo die meisten die Waffen strecken: bei der Reparatur von Elektronik, vor allem der von Apple. Die beiden begannen als Versandhändler für Ersatzteile und haben sich zur wichtigsten Anlaufstelle für alle entwickelt, die Smartphones, Laptops oder Spielkonsolen so lange wie möglich nutzen wollen, statt ständig neue anzuschaffen. Das Unternehmen kombiniert den Verkauf von Spezialwerkzeugen und Ersatzteilen geschickt mit Tausenden kostenloser Anleitungen in Wort und Bild. Es trifft so den Nerv der boomenden sogenannten Maker-Bewegung, die die Dinge selbst in die Hand nehmen will. Und der mit Mobilgeräten aufgewachsenen Generation, die auf jede Frage sofort eine Antwort im Netz erwartet.

Wiens und Soules begannen ihren Versandhandel im Studentenwohnheim. Weil ihre Kunden nicht nur nach Ersatzteilen, sondern auch nach Handbüchern für moderne Elektronik verlangten – die es nicht mehr gab –, verfassten sie selbst welche und versuchten sie für 13 Dollar pro Stück zu verkaufen. Doch niemand wollte dafür etwas bezahlen, „also stellten wir sie gratis ins Netz“, erinnert sich Wiens. „Eine strategische Entscheidung kann man das nicht nennen, wir haben einfach aufs Kunden-Feedback gehört.“ Als die beiden 2005 ihr Studium abschlossen, setzten sie bereits eine Million Dollar im Jahr um — ganz nebenbei. Nun standen sie vor der Frage, ob sie bei einem der großen Unternehmen im vier Autostunden entfernten Silicon Valley anheuern oder das lukrative Hobby weiterverfolgen sollten.

Seinerzeit begann die Maker-Bewegung. Meilensteine waren die Gründung der Zeitschrift »Make« 2005 und die „Maker Messe“ ein Jahr darauf. Bei diesem ersten Tüftler-Treffen gab es unter anderem Roboter und kühne Visionen zum 3D-Druck. 2012 besuchten 120 000 Menschen das Do-it-yourself-Treffen, und von Kerkrade bis Rom sind Ableger entstanden.

Welche Ausmaße der Frickel-Boom annehmen würde, konnten Wiens und Soules 2005 noch nicht absehen. Sie nahmen sich eine Auszeit und reisten einen Monat um die Welt. Überall stellten sie fest: Es wird zu wenig repariert, weil zu wenige Menschen Zugang zu dem nötigen Wissen haben und Hersteller keine Anstalten machen, es zu teilen. Nur arme Menschen benutzen Handys jahrelang; die meisten wohlhabenden bestellen alle 18 bis 24 Monate das nächste Modell.

Das bestärkte die Jung-Unternehmer in ihrem Kampf gegen die Wegwerfkultur. „Wir entschieden uns, zum Reparaturhandbuch für alles und jedes zu werden. Eine Wikipedia für Gebrauchsgegenstände“, sagt Wiens bei einem Rundgang durch die Firma. Sie liegt gut versteckt am hinteren Ende eines kleinen Shopping- und Büroparks. Wer eine Ritterrüstung passiert, steht direkt im Warenlager, mit rund 3000 Ersatzteilen und Werkzeug-Sets, die in alle Welt verschickt werden — vom kleinen Schraubendreher bis zum mit Flachssamen gefüllten Stoffsäckchen namens iOpener, das in der Mikrowelle aufgeheizt wird, um die verklebte Glasfront eines iPads zu lösen.

Missionarischer Eifer plus Geschäftssinn

Neben einem Dutzend selbst entwickelter Werkzeuge – die iFixit auch an Apples Techniker verkauft – versucht die Firma alle Ersatzteile vorrätig zu haben, mit denen sich gängige Apple-Geräte reparieren lassen. Weil der Konzern aber nur autorisierte Vertrags-Werkstätten beliefert, reist Luke Soules alle paar Monate nach China, um bei dortigen Herstellern Nachbauten zu beschaffen. In schwierigen Fällen nimmt sein Team auch Mobilgeräte oder Laptops auseinander, um ihre Einzelteile zu verkaufen.

Während es im Erdgeschoss zwischen Kartons und Regalen voller durchnummerierter Kleinteile um Absatz und Umsatz geht, wird im ersten Stock Wissen verschenkt. Dort residieren die Techniker, Fotografen und Texter, die die Reparaturanleitungen verfassen. Mittlerweile umfasst das Archiv rund 8000 solcher interaktiven, multimedialen Handbücher, allesamt kostenlos online abrufbar. Sie zeigen in Nahaufnahme Schritt für Schritt, wie man etwa ein Handy oder eine Xbox auseinandernimmt.

Die Fotostrecken und Videos werden in eigens eingerichteten Studios aufgenommen. „Wenn man Leuten zu Hause helfen will, muss man sichergehen, dass es wirklich funktioniert“, sagt Wiens. „Ein Techniker in einer Werkstatt kann einen Kollegen um Hilfe bitten oder einfach ein neues Teil nehmen. Wir wollen Anleitungen ins Netz stellen, die den Normalverbraucher überzeugen, sich an einer Reparatur zu versuchen.“

Dazu bedient sich das Unternehmen zunehmend des Wiki-Prinzips. Während die Anleitungen anfangs aus Gründen der Qualitätssicherung im Haus angefertigt wurden, hat sich inzwischen eine Gemeinschaft von rund 60 000 „Fixern“ herausgebildet, die neue Reparaturfibeln anregen, bestehende korrigieren oder auf aktuelle Fragen antworten. Je mehr jemand mithilft, umso mehr Punkte sammelt er und steigt damit in der Hierarchie der Bastler auf. Ab einem bestimmten Punktestand werden Beiträge von erfahrenen Profis automatisch ins System eingepflegt und bedürfen nicht erst der Genehmigung eines Technikers in San Luis Obispo.

Bei den Fixern handelt es sich interessanterweise meist um Herren mittleren Alters, die irgendwo auf dem flachen Land leben und davon überzeugt sind, dass man kaputte Geräte nicht einfach wegwirft – eine weitere Zielgruppe neben den Hipstern, die sich der Maker-Bewegung zugehörig fühlen.

Wiens und Soules Händchen für PR zeigt sich bei der öffentlichkeitswirksamen Demontage neuer Gadgets. Die beiden sind stets die Ersten in der Schlange, wenn ein neues Apple-Gerät auf den Markt kommt, und zerlegen es wenig später vor laufender Kamera in seine Einzelteile. Diese sogenannten Teardowns mit Großaufnahmen der verbauten Technik sorgen für viel Verkehr auf der Website und stehen Medien in aller Welt kostenlos zur Verfügung. So bekommt das Publikum Einblicke ins Innenleben seiner Spielzeuge. Und iFixit ist Teil der Diskussion über jedes neue Modell.

Die Doppelrolle als Öko-Initiative und Versandhandel erfordert einiges Geschick. So haben sich die Inhaber früh entschieden, keine Anzeigen auf iFixit zuzulassen, da das ihre Glaubwürdigkeit untergraben könnte. Aber sie verweisen sehr wohl bei jeder Anleitung auf die Teile und Werkzeuge, die man bestellen kann, um die anstehende Aufgabe zu bewerkstelligen. „Das ist eine Ökonomie des Gebens und Nehmens, die auf Nächstenliebe beruht. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass wir eine empfindliche Balance halten müssen“, sagt der Vorstandsvorsitzende Wiens. „Unterm Strich verschenken wir mehr Wert, als wir abschöpfen.“ Sein Kompagnon ergänzt wie aus der Pistole geschossen: „Wer bei uns ein paar Mal nützliche Antworten gefunden und so jeweils 100 Dollar gespart hat, fühlt sich verpflichtet, Zeit und Wissen in die Gemeinschaft einzubringen.“

Idealer Sitz für die Tochterfirma: Schwaben

Diese Doppelstrategie verfolgt das Duo konsequent. Wiens trommelt unter dem Motto „Fix the Planet“ für mehr Umweltschutz. Und hat ein Reparatur-Manifest verfasst, dekoriert mit einer Faust, die einen Schraubenschlüssel umklammert. „Reparieren ist besser als Recyceln“, heißt es da. Und: „Was du nicht reparieren kannst, gehört dir nicht.“ Seine Landsleute verhielten sich wie Kinder, kritisiert der Unternehmer. „Sie kaufen Dinge, bestaunen sie mit großen Augen und schmeißen sie weg, sobald auch nur die geringsten Probleme auftreten. Das können wir uns weltweit nicht mehr lange leisten. Man muss sich nur die Rohstoffpreise ansehen. Ein neues iPhone verschlingt genauso viele Ressourcen wie ein neuer Kühlschrank. Wir müssen den Menschen zeigen, wie man Dinge repariert und länger benutzt.“

iFixit aber soll weiter wachsen. Die Eigentümer verlegen die Firma Anfang 2014 in ein neu erworbenes Gebäude, um dort die Arbeitsabläufe zu straffen und neue Dienstleistungen anzubieten. So können Unternehmen, die ihren Kunden Reparaturanleitungen bieten möchten, eine White-Label-Version der Wiki-Plattform namens Dozuki mieten — benannt nach einer japanischen Präzisionssäge. Wiens und Soules drängen zudem ins Ausland. Schon jetzt stammen nur 40 Prozent der Besucher aus den USA, gefolgt von Großbritannien, Kanada, Deutschland und Australien.

Wichtigstes Ziel ist die Bundesrepublik, beim Umsatz die Nummer zwei hinter den USA. „Das sollte eigentlich niemanden überraschen, denn in Deutschland hat Qualität eine lange Tradition“, so der Firmenchef. „Das fällt uns jedes Mal auf, wenn wir dort sind und sehen, was in den Geschäften ausliegt. Schraubenzieher in deutscher Qualität würde in Amerika keiner bezahlen wollen.“ Im März hat iFixit in Stuttgart eine Tochterfirma gegründet. Die GmbH liefert Produkte in 28 europäische Länder. Das spart Zeit und Geld, auch für Kunden, die nicht mehr mit der Einfuhrumsatzsteuer und Verzögerungen beim Zoll kämpfen müssen. Die beiden Geschäftsführer Matthias Huisken und Matthias Mayer waren vorher selber iFixit-Nutzer und dienten sich dem Unternehmen als örtliche Geschäftspartner an.

„Am Anfang haben sie unsere Mails ignoriert, aber wir waren hartnäckig und haben sie überzeugt“, sagt Huisken. „Deutschland ist das Land der Tüftler, Schwaben hat dieses Image noch mehr. Hier gibt es die Bereitschaft, in Qualität zu investieren.“ Er sieht großen Bedarf, die bislang nur auf Englisch erhältlichen Anleitungen in anderen Sprachen anzubieten – angefangen mit Deutsch. Die Zeit drängt, bevor die Maker-Bewegung auch in Europa zu viele Nachahmer auf den Plan ruft. Schon jetzt gilt Youtube mit seinem reichen Video-Fundus als größte Konkurrenz zu iFixit.

Den beiden deutschen Statthaltern der Bastler-Bewegung sitzt der amerikanische Chef mit seinen hohen Qualitätsansprüchen im Nacken. Mit seinem bissigen Essay „Ich stelle niemanden ein, der Grammatik-Probleme“ hat, brachte er es in die »Harvard Business Review« und ins »Wall Street Journal«. Wer it’s mit its verwechsle, ätzte der iFixit-Chef, dem könne man auch an der Werkbank nicht trauen. Offenkundig besteht aber diesbezüglich auch in der Zentrale in San Luis Obispo noch Reparaturbedarf. Im Lager dort stapeln sich Kartons voller magnetischer Tischmatten, auf denen Bastler Mini-Schrauben ordentlich sortieren können, wenn sie ihre Geräte zerlegen. Sie sind einer der Bestseller – und so beschriftet: Magnetic Mat’s. ---