Partner von
Partner von

Zach Klein - Vimeo

Es begann mit dem Video-Portal Vimeo – seither gründet Zach Klein immer neue Unternehmen, von denen er sich bald wieder trennt. Warum? Weil das Leben zu kurz ist für nur eine Karriere.





• Der Mann ist ein Bastler. Er kann nicht anders. Zach Klein, 31, hat eine verwaiste irische Eckkneipe in San Franciscos Mission-Viertel in eine minimalistische Oase verwandelt. Weiß getüncht bis unters offene Dach, an Seilen abgehängte Paletten dienen als Garderobe. Für den gut zwei Meter langen Esstisch aus massivem Holz hat er vier Bänke geschreinert. Da das Gebäude keine Heizung hat, schürt Klein an kalten Tagen einen gusseisernen Ofen. Im Hinterhof wachsen neben sorgfältig gestapelten Holzscheiten Kräuter und allerlei Gemüse in Hochbeeten, in einem handgefertigten Hühnerhaus dösen drei Legehennen.

Solche handwerklichen Leistungen sind aber nur privater Zeitvertreib, am liebsten bastelt Klein an Geschäftsideen. Am Stück und meistens höchst erfolgreich. So bringt er es auf bislang rund ein Dutzend Firmen, die er entweder gründete, mitbegründete, finanzierte oder als Teilhaber unterstützt – von Websites mit Millionenpublikum über ein Fahrradgeschäft bis zum Restaurant. Geduld ist nicht seine Stärke. In der Regel zieht er nach ein bis zwei Jahren weiter, ist wieder ein bisschen vermögender geworden und verwirklicht gleich darauf das nächste Projekt.

Genau so, als Entdeckungsreise, sollte jeder sein Leben leben, sagt er. „Es ist verrückt, dass sich Menschen in ihrer Karriere eingesperrt fühlen. Sie haben das Wissen gratis vor der Nase, um mehr aus sich zu machen, aber sind zu Geiseln des Geldes und all dessen geworden, was sie in ihren Werdegang gesteckt haben. Diese Investitionen rentieren sich längst nicht mehr für sie – es gibt weder eine Rendite in Sachen Leidenschaft noch in finanzieller Hinsicht. Wir haben den Punkt erreicht“, doziert Klein, während zwei aus dem Tierheim adoptierte Hunde unter dem Tisch an einem Gummiball zerren, „an dem man sich nicht mehr auf eine Kariere fürs ganze Leben verlassen kann. Wer Erfolg hat, schiebt sich früher oder später selber ins Aus.“ Je weiter man es bringe, umso weniger habe die Arbeit mit Kreativität oder Spaß zu tun: „Man wird ein Manager, man entwickelt ein Ego, man ist erfahren. Und man hört auf, neue Dinge zu tun und Neues zu lernen.“

Große Töne für einen jungen Grafikdesigner aus Indiana. Woher nimmt der Mann so viel Zuversicht? Aus zwei Jahrzehnten fast ununterbrochener Bastelei an Dingen, die ihm Spaß machten. Mit elf Jahren programmierte der Sohn eines Autovermieters seine erste Website. Noch als Student startete er eine Ulk-Seite namens CollegeHumor, aus der quasi nebenbei eine der bekanntesten Video-Plattformen im Web hervorging. Das von Klein 2004 mitbegründete Portal Vimeo ist der seriöse Bruder von Youtube. Dort stellen professionelle Fotografen, Animationskünstler und Filmemacher ihre Projekte vor, teilen Agenturen ihre Rohschnitte mit Kunden und Partnern. Rund 93 Millionen Besucher kommen im Monat auf die Seite, die Klein und sein Kompagnon 2006 an den Internetriesen InterActiveCorp (IAC) verkauften.

Die Tinte unter dem Vertrag war noch nicht trocken, als Klein schon an Abschied dachte. Zwar ist IAC ein Konglomerat aus mehr als 20 Firmen und 150 Marken in aller Welt mit einem Jahresumsatz von 2,8 Milliarden Dollar, das ausreichend Kapital besaß, um die Videoseite richtig groß zu machen. Doch deren Gründer wollte keine Auftragsarbeit verrichten. „Ich bin gegangen, sobald am Tag nach der vereinbarten Jahresfrist meine goldenen Handschellen abfielen. Höchste Zeit, wieder etwas Interessantes zu tun. Auf eigene Faust.“

Was nach Rastlosigkeit klingt, ist für Klein Lebensart. „Meine Firmen fallen in eine von zwei Kategorien. Entweder sind es vernünftige Ideen, deren Zeit gekommen ist und die man einfach jetzt umsetzen muss. Oder es sind autobiografische Firmen wie Vimeo, bei denen mich meine Leidenschaft und Erfahrung antreiben.“ Lassen sich Pragmatismus und Passion so säuberlich trennen? Klein denkt nach: „Nicht immer. Ich will auch nichts beschönigen: Manchmal geht man, weil es nicht funktioniert oder man mit anderen Leuten nicht so gut klarkommt.“ Bei Vimeo sei das eindeutig anders gewesen: „Wir wollten ein soziales Netzwerk für Videos schaffen, um unseren eigenen Lebensraum im Internet zu definieren – eine Gemeinde Gleichgesinnter, die nicht alles an die große Glocke hängen wollen. Das bauten wir auf, dann war es Zeit zu gehen. Vielleicht bin ich zu früh ausgestiegen, aber ich bin immer noch unglaublich stolz auf Vimeo – das war ein erfolgreicher Lebensabschnitt.“

Wie bringt man die Idee der Pfadfinder ins Netz?

Mit 25, als frischgebackener Millionär, entschied sich Klein für ein eher nüchtern durchgezogenes Projekt aus der Kategorie eins. „Seit ich 13 war, hatte ich mehr oder weniger konstant an Web-Ideen gearbeitet. Mein Leben war zu einseitig.“ Also heuerte er 2009 bei einem ambitionierten Start-up namens Boxee an. Die aus Tel Aviv stammende Firma will wie Apple TV und andere eine Brücke zwischen Videos im Netz und dem guten alten Fernseher schlagen.

Gerade einmal anderthalb Jahre spielte er bei Boxee Chef für Produktdesign, um einen Crash-Kurs in Sachen Management und Hardware-Entwicklung zu absolvieren. „Ich wusste von vornherein, dass meine Zeit dort begrenzt sein würde. Ich wollte unter einem erfahrenen Gründer so viel wie möglich lernen, um es für mein nächstes eigenes Projekt anzuwenden.“

Gleichzeitig hatte Klein ein anderes Eisen im Feuer. Svpply (ausgesprochen wie supply, das Angebot) ist eine jener Websites, die die Warenvielfalt reduzieren. Kenner und Fans listen dort begehrte Konsumobjekte als elektronischen Wunschzettel auf, eine Mischung aus Social Media und Werbung. „Eine Sammlung zu kuratieren war die logische Antwort auf die Qual der Wahl, um online weniger Schrott zu sehen“, sagt Klein. „Bei Svpply wollte ich nur in der Anlaufphase dabei sein: die Firma gründen, die Finanzierung sicherstellen und beim Design helfen. Eine langfristige Rolle im Tagesgeschäft wollte ich nie spielen.“

Als Klein dann 2011 bei Boxee den Hut nahm, verschwand er erst einmal für längere Zeit in den Wäldern nördlich von New York. Gemeinsam mit Freunden kaufte er 24 Hektar Land und baute ein Blockhaus, über das er auf dem Blog „Cabin Porn“ berichtet. „Ich nenne das zwar meine Anti-Internet-Phase“, sagt er, „aber die Idee dazu hat mich das gesamte vergangene Jahrzehnt beschäftigt. Unsere Generation ist die erste, die mit dem Web aufgewachsen ist und gelernt hat, wie man Online-Gemeinschaften begründet. Aber wie wird das die Art und Weise verändern, wie wir in Offline-Gemeinschaften miteinander umgehen?“

Für Klein ist das wieder einmal eine Aufgabe, aus der sich die nächste Geschäftsidee entwickelt: Wie genau wirken sich die neuen Fertigkeiten der Netz-Generation auf Dörfer, Städte und persönliche Beziehungen aus? „Mich interessiert brennend, wie Zusammenarbeit und Kreativität zu neuen Formen von Gemeinschaften führen. So etwas wie Skype oder einfach nur vor einem Bildschirm zu kleben, das kann nicht die Zukunft des Miteinanders sein.“

Tatsächlich entstand in den Monaten des Holzhackens und Hausbaus die nächste Idee, für die er 2012 an die Westküste zog. „Beim besseren Zusammenleben und -arbeiten schwebt mir keine Kommune auf dem Land vor, sondern eine Stadt wie San Francisco – ein kreativer Ort, der Leute anzieht.“ Mit zwei Mitgründern hob er dort DIY Co (die Abkürzung für Do It Yourself) aus der Taufe, eine Bastelplattform für Kinder und Jugendliche.

Das Logo ist eine schwarze Tatze, und seit dem offiziellen Start haben sich bereits rund 100 000 Kinder angemeldet; erste Schulen in den USA und Indonesien wollen mit dem kostenlosen Dienst ihre Schüler anspornen, selbst etwas zu schaffen. Bei DIY können sie Video-Anleitungen hochladen und kommentieren, etwa wie man Feuer macht, Hühner hält oder Gemüse anbaut.

Diesmal, versichert Klein, ist er wieder mit Leidenschaft dabei – „für mindestens zehn Jahre“. Denn alle seine vorangegangenen Projekte, ja seine gesamte Kindheit und Jugend hätten ihn für diese Firma vorbereitet. Beim Selbermachen mithilfe eines sozialen Netzwerks und einer Mobil-App geht es ihm um eine zeitgemäße Variante des Pfadfindergedankens: Lernen fürs Leben, das so viel Spaß macht, dass man gar nicht merkt, wenn man etwas lernt.

„Mir ist erst als Erwachsener bewusst geworden, dass mich die Zeit bei den Pfadfindern mehr geformt und mir mehr fürs Leben mitgegeben hat als die Schule. Pfadfinder nehmen Kinder für voll. Wenn man 13 Jahre alt ist, sollte man als richtiger Junge mit einer Axt umgehen und einen Fisch filetieren können. Man sollte Camping-Trips planen und die Vorräte dafür einkaufen. Man sollte seine eigenen Anführer wählen“, schwärmt Klein.

Hand anzulegen und echte Dinge zu bauen statt nur Videos zu teilen und auf „Gefällt mir“ zu klicken – das weckt für ihn die spielerische Kreativität und vermittelt Fähigkeiten, die eine Biografie wie seine ermöglichen. „Es gibt dir das Gefühl, dass es mehr als einen Weg zum Erfolg gibt. Nicht wie im Klassenzimmer mit allen anderen dem vorgegebenen Pfad folgen – etwa denselben Aufsatz abgeben. Wer ein Scout ist, muss sich nicht vor den anderen schämen, wenn er etwas selber gebaut hat.“

Am Ende muss Arbeit einfach Spaß machen, davon ist Klein überzeugt. Falls nicht, muss man sein Zelt woanders aufschlagen. „Ich bin ja nicht mehr 20.“ ---