Partner von
Partner von

Was bringen Arbeitszeitkonten?

Sie gelten als Lösung für große und kleine Probleme der Arbeitswelt. Doch ihre Wirkung ist begrenzt.





• Nichts ging mehr Anfang August am Mainzer Bahnhof. Tagelang fielen Regionalzüge aus, ICEs mussten umgeleitet werden. Es gab nicht genug Personal für das Stellwerk. Ein Teil war krank, der andere im Urlaub. Bitten des Bahnchefs Rüdiger Grube an die Mitarbeiter, früher als geplant ihren Dienst anzutreten, verhallten weitgehend ungehört. Man kann es ihnen kaum verübeln: Laut der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG hatten sich auf den Arbeitszeitkonten der Fahrdienstleiter rund eine Million Überstunden angesammelt. Eine Pause war dringend nötig.

Arbeitszeitkonten sollen Unternehmen und Beschäftigte flexibler machen. Die Varianten reichen von den bereits in den Sechzigerjahren in Deutschland eingeführten Gleitzeitmodellen bis zu Lebensarbeitszeitkonten, die längerfristige Auszeiten ermöglichen. Das Prinzip, Arbeitskraft nach Bedarf einzusetzen, wird viel gelobt und gern genutzt – hat aber seine Grenzen. Denn es geht darum, eine Balance zu finden zwischen den Bedürfnissen der Arbeitgeber und -nehmer. Wie im Fall der Deutschen Bahn gelingt das nicht immer.

Mehr als ein Drittel der deutschen Betriebe nutzt mittlerweile das Instrument; mehr als jeder zweite Beschäftigte in Deutschland hat die Möglichkeit, Überstunden anzusparen. Wie viele dabei angesammelt werden können und in welchem Zeitraum sie wieder abgebaut werden müssen, liegt im Ermessen der Unternehmen. Die meisten nutzen Ausgleichszeiträume zwischen einem halben und einem Jahr. Bei guter Auftragslage wird mehr gearbeitet, in schlechteren Zeiten werden die Überstunden wieder abgebaut. Kurzfristige Schwankungen können ausgeglichen werden, ohne dass entlassen werden muss. So wird Beschäftigung gesichert, die Unternehmen sparen Kosten und erhalten ihr Know-how.

Überstunden anzusammeln bedeutet zunächst aber eine stärkere Belastung der Belegschaft. „Die Mehrarbeit darf nicht dazu führen, dass die Arbeitnehmer krank werden und so der Faktor Arbeit geschwächt wird“, sagt Alexander Herzog-Stein vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böck­ler-Stiftung (IMK). „Wenn die Mitarbeiter überlastet sind, nehmen für die Betriebe die Risiken in der Produktion zu. Außerdem ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht erwünscht, dass die Menschen länger arbeiten. Das werden sie kaum schaffen, wenn sie sich vorher kaputtarbeiten.“

Dass der Grad an Flexibilität, den Arbeitszeitkonten bieten können, begrenzt ist, zeigte auch die Krise 2008/2009. „Die Möglichkeit, zunächst Überstunden abzubauen, verschaffte den Betrieben eine Verschnaufpause“, sagt Hans-Dieter Gerner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Danach seien allerdings andere Instrumente wie die Kurzarbeit für die Beschäftigungssicherung entscheidend gewesen. Die gesammelten Überstunden reichten schlicht nicht, um die Durststrecke zu überwinden. „Wir finden in unseren Daten keine Hinweise, dass Beschäftigte eher gehalten wurden, wenn in den Betrieben Arbeitszeitkonten existierten“, sagt Gerner.

Fraglich ist generell, ob die Konten den Mitarbeitern ebenso viel Flexibilität ermöglichen wie den Firmen. In der Theorie sollen die Menschen die geleisteten Überstunden zur freieren Zeitgestaltung nutzen können – vom Zahnarztbesuch zwischendurch bis zum eingeschobenen Studium. Aber: „Die Flexibilität geht für die Beschäftigten häufig nur so weit, wie es mit den betrieblichen Belangen vereinbar ist“, sagt Gerner.

Für viele heißt es: Wir müssen leider draußen sein

So stehen laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung in 60 Prozent der untersuchten Unternehmen längerfristige Arbeitszeitkonten erst gar nicht allen Mitarbeitern offen. Vor allem geringfügig Beschäftigte und leitende Angestellte seien ausgeschlossen. Außerdem haben nicht alle die gleichen Voraussetzungen, um frei über den Einsatz ihrer Überstunden entscheiden zu können. „Frauen“, sagt Alexander Herzog-Stein vom IMK, „haben es schwerer, Guthaben anzusammeln, da sie häufig noch immer die Hauptlast der Familienarbeit tragen.“ Und ihre Überstunden im Alltag rasch wieder abbauen.

Von Nachteil für die Beschäftigten kann auch sein, dass nicht immer klar geregelt ist, was mit den Guthaben auf den Arbeitszeitkonten im Fall einer Kündigung oder Insolvenz passiert. Zwar gebe es Möglichkeiten, die gesammelten Überstunden mitzunehmen, aber das Verfahren sei aufwendig, sagt Hans-Dieter Gerner vom IAB. Einfacher sei es, sie sich auszahlen zu lassen. „Dafür muss der Betrieb allerdings auch genügend Rücklagen bilden. Sonst schaut der Arbeitnehmer unter Umständen in die Röhre.“

Problematisch ist das vor allem bei den sogenannten Lebensarbeitszeitkonten. Sie sollen den Beschäftigten ermöglichen, über einen langen Zeitraum Überstunden anzusparen. Diese werden in Form von Geld verbucht, um damit längere Auszeiten finanzieren zu können. So kommen teilweise hohe Beträge zusammen. Ein 2009 in Kraft getretenes Gesetz schreibt zwar vor, dass die Firmen diese Guthaben vor Insolvenz absichern müssen. Doch eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass es in der Praxis große Lücken gibt: Knapp ein Drittel der befragten Personalverantwortlichen in den Unternehmen gab an, keine Insolvenzversicherung abgeschlossen zu haben oder nicht zu wissen, ob man eine habe. Von denen, die eine hatten, entsprach wiederum mehr als ein Drittel nicht den gesetzlichen Vorgaben.

Das mag ein Grund sein, warum die Langzeitkonten kaum im betrieblichen Alltag angekommen sind: Laut IAB boten 2010 lediglich zwei Prozent der Unternehmen diese Möglichkeit an. Die Forscher vermuten, dass die Lebensarbeitszeitkonten noch zu viele Risiken bergen: Der Insolvenzschutz stelle hohe Anforderungen an die Unternehmen. Zudem gebe es eine gewisse Unsicherheit, was mit den Guthaben passiert, wenn die Beschäftigten den Betrieb verlassen.

Die Politik hat hohe Erwartungen an die Lebensarbeitszeitkonten: Sie sollen das Arbeitsleben flexibler machen und Weiterbildungen, Sabbaticals oder die Pflege von Angehörigen erlauben. Auch ein vorzeitiger Renteneintritt soll damit möglich werden. Zu diesem Zweck müssten allerdings erst sehr große Guthaben angespart werden.

Die Frage ist, wie und wann sie erarbeitet werden sollen. „Ich habe Zweifel, ob das zu leisten ist, vor allem, wenn diese Konten verschiedene Aufgaben übernehmen sollen“, sagt Alexander Herzog-Stein vom IMK. Noch dazu konkurrieren mitunter verschiedene Formen von Arbeitszeitkonten miteinander: Knapp drei Viertel der Unternehmen mit Langzeitkonten verwenden zusätzlich noch Kurzzeitmodelle. Das bringt mehr Möglichkeiten –aber die müssen durch Überstunden erst einmal geschaffen werden. ---