Partner von
Partner von

Jean-Claude Trichet Porträt

Jean-Claude Trichet wurde während der Krise als Chef der Europäischen Zentralbank abgelöst. Ein Risiko für die Bank und für ihn.





• Es war im Jahr 2003. Jean-Claude Trichet musste in Brüssel den Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments davon überzeugen, dass er der Richtige sei für den Posten als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Er sagte: „Das Erbe der Vergangenheit war gut; und es ist wichtig, dass wir das beibehalten. Wir hatten Erfolg unter der Führung von Wim Duisenberg.“ Was er sagen wollte: Es mag bald einen neuen Chef geben, aber sonst bleibt alles beim Alten.

Trichet ist inzwischen 70 Jahre alt, er ist Vorsitzender der G 30, einer Organisation von früheren und aktiven Bankmanagern, und hat ein Büro in der Französischen Nationalbank in Paris. An der EZB-Spitze hat er zwei Trennungen erlebt: Er folgte 2003 auf Wim Duisenberg und räumte 2011 sein Büro für Mario Draghi. „Und, wenn ich das hinzufügen darf, ich habe bei der Französischen Zentralbank Jacques de Larosière abgelöst, und ich war der Vorgänger von Christian Noyer.“

Keine Trennung aber war derart heikel wie jene im Jahr 2011. Ausgerechnet während der schwersten Krise in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs löste die EZB turnusgemäß ihren Chef ab. An Jean-Claude Trichet hatte man sich gewöhnt. Er fiel mit seiner blumigen Sprache auf, verwendete bestimmte Codewörter, die Bank war unter ihm berechenbar – und die Trennung ein Risiko. „Wenn Zentralbanken ihre Präsidenten auswechseln, dann muss das immer unter dem Motto der Kontinuität geschehen“, sagt Trichet. „Da die Beschlüsse von einem Komitee getroffen werden, in dem kluge, erfahrene und gut informierte Beamte sitzen, die nicht wechseln, ist die Figur des Präsidenten aber nicht allentscheidend. Er ist der Sprecher und der Vorgesetzte.“

Gemäß dem Vertrag von Maastricht über die Europäische Union ist es Aufgabe der EZB, die Preisstabilität in der Eurozone zu überwachen. Die Bank soll die jährliche Inflationsrate bei unter zwei Prozent halten. Zu diesem Zweck kann sie die Zinsen, zu denen sich Geschäftsbanken bei ihr Geld leihen, senken oder erhöhen. Sie kann dadurch Vermögen vernichten oder schaffen, sie kann die Aktienmärkte bewegen oder den Eurokurs – und sie kann die Volkswirtschaft anheizen oder abkühlen.

Daher werden Zentralbanker auch genau beobachtet. Routiniert versuchen sie die Akteure an den Märkten und die Bürger in Europa zu beruhigen. Darum bezeichnete Mario Draghi 2011 kurz nach seinem Amts antritt Jean-Claude Trichet als sein Vorbild.

Die letzten Monate Trichets im Amt waren turbulent. Die Banken misstrauten sich gegen seitig und wollten sich untereinander kein Geld mehr leihen. „Es war eine schwierige Phase“, sagt Trichet. Und dann griff auch noch die »Bild«-Zeitung in die Geldpolitik ein. Sie warnte vor dem Kandidaten Draghi und behauptete, dass Italien und Inflation zusammengehörten wie Pasta und Tomatensoße. Diese Wortmeldung von fachfremder Seite macht Trichet heute noch wütend. „Mario Draghi ist ein exzellenter Präsident, und es ist überhaupt nicht akzeptabel, dass jemand sich derart über eine Nationalität äußert. In der EZB sind wir Europäer, wir vertreten die Interessen von 335 Millionen Mitbürgern, denen wir Preisstabilität garantiert haben.“

Für Trichet war es keine Überraschung, dass der Übergang von ihm zu Draghi problemlos verlief. Draghi war Präsident der Italienischen Notenbank gewesen und damit schon Mitglied des EZB-Rates. „Wenn man in einer solchen Situation einen Nachfolger aus dem inneren Kreis sucht, gewinnt man wertvolle Zeit, weil er schon über alles informiert ist und bereits Entscheidungen mitgetroffen hat“, sagt er. „Er muss sich dann nicht mehr einarbeiten und sich durch dicke Dossiers durcharbeiten, um zu erkennen, wie schwierig die Situation ist.“ Eine allgemeingültige Regel will er daraus jedoch nicht ableiten. „Aber in Krisenzeiten scheint mir das sinnvoll zu sein.“

Am 1. November 2011 war Trichet nicht mehr Präsident der EZB. „Das war eine psychologisch interessante Erfahrung“, sagt er. „Davor wurde ich zu den wichtigsten Menschen der Welt gezählt – ich beziehe mich auf die angelsächsischen Medien, wo ich einmal in einem Ranking als viert- oder fünfwichtigster Mann der Welt bezeichnet wurde –, und von einem Tag auf den nächsten hat man kein Amt mehr.“

Trichet beobachtet weiterhin die Eurozone, die Geldpolitik, die Entscheidungen der Notenbanken. Aber die Trennung sei richtig gewesen. „Dass man nach acht Jahren aufhören muss, ist gut für die Unabhängigkeit der Institution“, sagt er. Doch bis man ganz abgeschlossen hat, dauere es. „Innerlich befasse ich mich immer noch mit der Bank. Aber ich habe jetzt nicht mehr den Stress und die Verantwortung. Ich würde es so formulieren: Ich habe noch immer die Konzentration und das Bewusstsein.

Aber nicht mehr das Adrenalin der Position.“