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Nestwärme, ein Leben lang

Früher galt jede Trennung als Axthieb in die russische Seele.
Heute fällt der Abschied leichter, weil er sich lohnt.




• In dem Perestrojka-Film „Cloud-Paradise“ denkt sich ein junger Fabrikarbeiter aus Langeweile aus, er werde demnächst nach Ostsibirien verschwinden. Seine angekündigte Abreise erschüttert das ganze Städtchen, der Jüngling wird zum Held, die Frauen himmeln ihn an, man bereitet ihm ein rauschendes Abschiedsfest und begleitet ihn dann zum Autobus: Trennungen sind für die Russen so außerordentlich wie Begräbnisse.

Dabei ist Russland statistisch betrachtet trennungswütig: 4,7 Scheidungen auf 1000 Einwohner, die russische Ehe-GAU-Rate ist Weltspitze, zweimal höher als in Deutschland. Auch meine Olga krönte in unseren beiden Ehejahren alle Streitigkeiten mit der Drohung: „Ich nehme das Kind und fahre nach Tscheboksary.“ Mit anderen Worten: heim, zur Mama. Wie ein Großteil der russischen Scheidungen wäre ihr Abschied eine fluchtartige Rückkehr gewesen – zurück in den warmen Schoß der Familie.

Die Russen empfinden Trennung als Flucht, als Endgültigkeit. Aber das russische Wort für „verlassen“ hat auch denselben Stamm wie das für „sitzen lassen“ oder „reinlegen“. Scheidung heißt auf Russisch „Raswod“, im aktuellen Slang bedeutet das inzwischen auch „austricksen“.

Die Menschen hier haben sich mit Trennungen immer schwergetan. In Westsibirien lernte ich ein Tanzlehrer-Ehepaar kennen, das in seinem Taigadorf eine Kindervolkstanzgruppe aufgebaut hatte, die landesweit Preise gewann. Aber irgendwann wurde ihnen das Leben ohne fließendes Wasser und Zentralheizung zu hart, sie zogen Richtung Omsk. Zwei Jahre später gingen sie zurück, um ihre Tanzgruppe wiederzubeleben. Russische Rockstars oder Fußballlegionäre geben ebenfalls oft ihre Karriere auf, um ins vertraute Kollektiv zurückzukehren. Und Wladimir Putin, wirklich kein Gefühlsdusel, gesteht, es gebe für ihn nichts Unangenehmeres, als sich von einem treuen Mitarbeiter zu trennen.

Auch geopolitisch mag Russland keine Partnerwechsel. Es steht fest zu den Verbündeten der entschlafenden UdSSR, von Castro bis Assad, egal, wie schwachbrüstig oder zwielichtig die geworden sind. Mit allerlei Zollunionen und Militärallianzen wird versucht, die Ex-Sowjetrepubliken beisammenzuhalten. Und man ist tief beleidigt über den Flirt der ukrainischen Brüder mit der EU.

Eigentlich ist jede Trennung ein Axthieb in die russische Seele. Unter den Zaren strafte man Mörder mit Verbannung, mit Vorliebe ins ferne Sibirien. Im Unterschied zu westlichen Dramaturgien bedeutet räumliche Trennung in russischen Epen keine Zeit der Prüfung oder der Hoffnung auf umso glücklichere Wiedervereinigung. Sondern Scheitern, Schmerz und Untergang: Tolstois Heldin Natascha Rostowa warf sich aus Frust über eine Auslandsreise ihres Fürsten Andreis einem Weiberhelden in die Arme, dem Fürsten blieb nur letale Selbstverwirklichung auf dem Schlachtfeld. Pasternaks Doktor Schiwago siechte nach der Trennung von seiner Lara kraftlos dem finalen Herzinfarkt entgegen.

Jahrhunderte sah die Chemie Russlands nicht vor, dass sich ihre Elementarteilchen trennen und neu verbinden. Bis 1861 war die Masse der arbeitenden Bevölkerung durch Leibeigenschaft an Scholle und Herren gebunden, danach durch Schulden. Viele Kolchosen verweigerten ihren Bauern noch ein Jahrhundert später Personalausweise und damit Freizügigkeit.

So blieben Russlands rustikale Großfamilien zusammen, von der Wiege bis zum Sarg, unfreiwillig, aber einträchtig. Selbst das Weite suchte man mit Vorliebe kollektiv, ganze Dörfer entflohen der Leibeigenschaft Richtung Sibirien. Auch heute kaufen Provinzrussen, die in Moskau oder Petersburg Fuß gefasst haben, bald Zug- oder Flugtickets für ihre Verwandten in Perm, Pskow oder Petropawlowsk-Kamtschatski. Es verlangt sie weiter nach lebenslanger Nestwärme.

Aber aus Russland ist inzwischen russland.ru geworden. Außer mit Kameraden aus dem Sandkasten oder der Eishockey-C-Jugend gilt es jetzt, mit immer neuen Unbekannten und Gruppen zurechtzukommen und Partner zu wechseln. Trennung wird auch in Russland alltägliche Notwendigkeit.

Viele wehren sich dagegen. Wer es geschafft hat, kann sich das auch leisten. In der Forbes-Liste der reichsten Russen versammeln sich immer mehr Datschennachbarn aus Putins Petersburger Zeit. Seine Getreuen kommandieren monströse Staatskonzerne wie Gasprom oder Rosneft, die immer weiter wachsen, sich immer neue Unternehmen einverleiben, aber praktisch keine Aktiva abstoßen.

Nach außen aber zeigt die bäuerliche Loyalität des kleinen Kreises eiserne Stacheln. Zu viele Fremde, zu viele Ausländer, denen man nicht vertrauen kann. Und das Misstrauen gegen alle, die nicht zur eigenen Bluts- und Wodkabruderschaft gehören, kippt oft in Untreue. Jetzt trennt man sich, wenn es sich lohnt. Einen Geschäftspartner sitzen zu lassen, ihn um seinen Anteil zu bringen, das ist zum unfeinen, aber üblichen Geschäftsmodell geworden. Oder wie ein Schweizer Hotelier mit Petersburg-Erfahrung seufzt: „Mit den Russen kannst du wunderbar zusammenarbeiten. So lange, bis die ersten Gewinne fließen.“

Danach werden die Tischtücher gern zerschnitten. Vor allem in den „wilden Neunzigern“ heuerte man oft Auftragsmörder an, inzwischen schmiert man auch Staatsanwälte, um das Opfer etwa mit einer fingierten Vergewaltigungsklage loszuwerden. Oder die Umweltbehörden werden aktiv. Wie 2005/2006, als der russische Staat dem ausländischen Konzern Shell unter Androhung von Lizenzentzug wegen angeblicher Wasserverschmutzung die Aktienmehrheit an dem Gas- und Ölförderprojekt Sachalin 2 abnahm.

Auch privat trennt man sich jetzt berechnend. In der späten Sowjetunion pumpte man mangels Bargeld und Bankkrediten Freunde und Nachbarn an. Inzwischen haben die Großstadtrussen entdeckt, wie rentabel es ist, seinesgleichen zu prellen. „Er hat mich reingelegt“, klagte meine Freundin Natascha, die einem gemeinsamen Bekannten ein günstiges Jahresabo in einem Fitnessklub organisiert hatte. Der aber antwortete auf alle Fragen nach den 700 Dollar: „Kriegst du später.“ Mit anderen Worten: „Meine 700 Dollar sind mir mehr wert als deine Freundschaft.“ Nie waren die Russen so reich wie heute. Aber auch nie so einsam. ---