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Uwe Meßner

Der Koch Uwe Meßner eröffnete im schleswig-holsteinischen Schönberg ein Restaurant. Die Gourmets liebten es, die Schöneberger boykottierten es. Die Geschichte eines Missverständnisses.





• Die Drohanrufe begannen im Oktober 2012, das „Aarngard“ hatte noch nicht einmal einen Monat geöffnet. Wenn Uwe Meßner morgens in seinem Büro den Hörer abnahm, schimpften dort anonyme Anrufer, Männer wie Frauen, zumeist ältere Leute: „Vollidioten! Arschlöcher! Das wird nie was mit euch hier! Wir sorgen schon dafür, dass ihr bald wieder weg seid!“

„Bis heute geht das so, manchmal ein- bis zweimal pro Woche“, sagt Meßner. Neun Monate nach dem ersten Anruf führt er vorbei an den leeren Tischen des Gastraums seines Restaurants Aarngard in Schönberg und sagt: „Ich weiß bis heute nicht, was ich den Leuten hier getan habe.“

Meßner ist 44 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Töchter und ist von Beruf Koch. Ausgebildet im Hamburger Hotel „Atlantic“, dann Stationen bei Alfons Schuhbeck und Johann Lafer. Er hat mit Eckart Witzigmann zusammengearbeitet, mit Heinz Winkler und stand zuletzt im Hamburger „Tafelhaus“ von Christian Rach in der Küche.

Eine ehemalige Angestellte be­schreibt Uwe Meßner als hilfsbereiten Chef, als einen, der Gastronomie mit großer Leidenschaft betreibe.

Er ist ein Profi, der zehn Köche gleichzeitig führen kann, wenn diese mit schweißnasser Stirn an dampfenden Töpfen sautieren, schäumen, blanchieren oder pochieren. Ein Mann, der hochkonzentriert zwischen den Stationen rotiert, mit dem Löffel Aromen abschmeckt und Texturen prüft und sein nadelfeines Digitalthermometer ins Fleisch und in den Fisch sticht. So erkochte Meßner als Chef de Cuisine für das Hamburger Tafelhaus einen Michelin-Stern und 16 Punkte im einflussreichen Restaurantführer Gault-Millau.

Dass Meßner nun in seiner leeren Diele ohne Mittagsgeschäft steht, liegt also nicht daran, dass er schlecht kocht. Auch nicht daran, dass er zu teuer ist. Wer sich mit Gastronomie auf diesem Niveau auskennt, der weiß, dass ein Mittagstisch für weniger als zehn Euro und ein Rumpsteak im Hauptgang für 14,50 Euro für die gebotene Qualität günstig sind. Nein, das Restaurant bleibt leer, weil Meßner Mitte Juni dieses Jahres in einem Theaterstück den Prozess gegen das historische Schöneberger Thing-Gericht verloren hat.

Bei dem alljährlichen Kulturfest im Heimatmuseum wird stets eine historische Gerichtsverhandlung nach germanischem Brauch in plattdeutscher Sprache nachgespielt. Dieses Jahr stand dort ein Koch vor Gericht, dessen feine Menüs den Bauern der Region nicht zusagen und die ihnen zu teuer sind. Im Laufe des Stücks eskaliert die Verhandlung, der Koch wird von einer Magd überwältigt und gewaltsam mit jener Grütze gefüttert, die er sich aus Dünkel zu kochen geweigert hat. Die »Kieler Nachrichten« berichteten danach: „Alles frei erfunden, hieß es wie immer im Abspann. Aber die meisten Zuschauer auf den Bänken dachten bei dieser Geschichte unweigerlich an die vor einem Jahr veränderte und viel kritisierte Praxis im einstigen Bahnhofshotel, der ehemaligen Spielstätte des AWO-Theaters. Denn die Theaterleute sind wegen der finanziellen Forderungen des neuen Betreibers seit einem Jahr ohne Übungsstätte.“

Uwe Meßner klingt verbittert, als er von dem Stück erzählt. „Dadurch, dass der Thing-Tag in der Presse so extrem auf uns gemünzt wurde, ist uns das Mittagsgeschäft komplett weggebrochen. Plötzlich standen wir mittags mit null Gästen da. Da haben wir den Sozialdruck schon gemerkt. Es hat sich niemand mehr getraut zu kommen.“

Der Schauprozess auf der Laienbühne ist der vorläufige Höhepunkt eines Konfliktes, in dem die Schönberger nicht nur Meßners Restaurant boykottieren, sondern auch die Frage nach der wirtschaftlichen Zukunft ihrer Heimat – und welche Rolle die Gastronomie dabei spielen soll. Uwe Meßners Antwort auf diese Frage war sein Restaurant Aarngard.

Ein Projekt mit den besten Absichten, gespeist aus der Sehnsucht nach Ruhe und Einfachheit. Nach 25 Jahren im Beruf und drei Jahren im Tafelhaus hatte Meßner 2012 genug vom Innovationsdruck, der in der Großstadt-Sterneküche herrscht. Er sehnte sich zurück nach dem Landleben seiner Kindheit; wünschte sich mehr Zeit für seine Töchter, die inzwischen sieben und elf Jahre alt sind, für deren Theateraufführungen und Fußballspiele.

An den seltenen Urlaubstagen, die er sich mit der Familie gönnte, fuhren sie oft nach Schleswig-Holstein und durchquerten dabei immer wieder die Probstei, so heißt die Gegend rund um Schönberg, unweit von Kiel. Sie ist leicht hügelig, es gibt Kornfelder, Flüsse, Seen und kleine Dörfer. An der Ostseeküste liegen lange Sandstrände, mit Namen wie „Kalifornien“ oder „Brasilien“. Es ist eine Gegend zum Radfahren, Baden, Zelten und Durchatmen.

Sie hat nur einen Makel: die mäßige Gastronomie. Landgasthöfe haben entweder geschlossen oder bewerben mit grellen Schildern die Spezialität des Hauses: Schnitzel, Pommes und Salat. Im Mittagsangebot für um die sechs Euro mit Suppe vorneweg und Dessert. Lieblose Angebote für die 70 000 Sommertouristen, die jedes Jahr rund um Schönberg Urlaub machen.

Meßner wusste schon damals, dass das auch anders ginge: Die Menschen lieben jetzt wieder das Ursprüngliche. Sie lesen Magazine wie »Landlust«, »Landleben« oder »Liebes Land«. Sie stehen Schlange auf Wochenmärkten und kaufen im Hofladen. Viele dieser Menschen machen an der Ostsee Urlaub, manche leben dort sogar. Allein in Schönberg sind 2000 Zweitwohnsitze gemeldet, viele der 6000 Einwohner pendeln tagsüber zur Arbeit nach Kiel. Viel städtische Kaufkraft also, ohne eine hochwertige Gastronomie, wie man sie etwa in Plön, Sylt oder Timmendorfer Strand findet. „Wir wollen den Menschen etwas bieten, was wir selbst vermissen“, beschloss Meßner damals mit seiner Frau.

So war es immer, so muss es bleiben

Das ehemalige Hotel „Am Rathaus“ schien dafür genau der richtige Ort zu sein. Das denkmalgeschützte Gebäude von 1899 mit elf Zimmern und einem großen Festsaal liegt im Zentrum der Ortschaft und war vor Kurzem erst saniert worden. Der Eigentümer ist ein ortsansässiger Familienunternehmer, der mit dem Restaurant seine liebe Not hatte. In zwei Jahren hatte er drei Küchenchefs und machte dennoch Monat für Monat Verluste. Er suchte händeringend einen Profi, der ihm die Verantwortung für den Betrieb abnahm. Meßner kam wie gerufen, er wurde als Retter begrüßt. Per Handschlag übernahm er zwei Monate vor seiner Konzessionierung im August 2012 den Betrieb.

Es war das erste eigene Restaurant von Meßner, er gab ihm den Namen Aarngard. Eine Wortschöpfung, die sich zusammensetzt aus Aarnt, Plattdeutsch für Ernte, und dem englischen garden für Garten – Erntegarten. Geplant war eine Bio-Küche mit Grünkohl, Ostseescholle, Sylter Austern und Zutaten von Bauern und Fischern aus der Gegend. Keine Sterneküche, sondern Qualität „aus der Region – für die Region“, beschreibt Meßner den Ansatz und fügt hinzu: „Da ist meine Romantik auf eine Realität getroffen, die ganz anders ist.“

Was Meßner zum Zeitpunkt der Übernahme noch nicht wusste: Das Haus ist in der Probstei eine Institution und allen als Bahnhofshotel bekannt. Kaum einer, der hier noch keine Hochzeit gefeiert hat, keinen runden Geburtstag, keine Konfirmation. Rustikal ging es bei den rauschenden Bällen der Schweinegilde zu. Damals waren die Säulen im Saal noch mit Teppich umwickelt, damit beim feuchtfröhlichen Miteinander kein Abrieb am Putz entstand. Zwei Millimeter dick klebte das Nikotin vor der Renovierung an der Saaldecke. Landfrauen, Jagdhornbläser, Chöre und Theatergruppen gingen ein und aus. Freiwillige Feuerwehr, Sozialverband, Sportverein trafen sich. Parteien und Verbände tagten – kurz, das gesamte ländliche Gesellschaftsleben spielte sich seit Jahrzehnten im Bahnhofshotel ab.

Zu den Stammgästen gehörte seit jeher auch die plattdeutsche Theatergruppe Lampenfewer, die seit mehr als 30 Jahren die mauen Wintermonate für Proben und Aufführungen nutzte. Jedes Jahr lockte der Ortsverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) rund 2500 Senioren aus dem Umkreis als Zuschauer an. Von Anfang an dabei sind zwei Probsteier Brüder, Ingo Lage und Hans-Ulrich („Ulli“) Lage, die im Ort nur die Lage-Jungs genannt werden. Von ihnen stammt das Theaterstück vom Thing-Tag, in dem sie sich mit allen Mitteln der Kleinkunst gegen den Koch gewehrt haben.

Besuch beim Autor Ingo Lage. Er wohnt in einem Haus an der Dorfstraße von Bendfeld, fünf Kilometer entfernt von Schönberg. Davor ein kleines Schild: „Bürgermeister von Bendfeld“. Dieses Ehrenamt führt der Sparkassen-Angestellte nach Feierabend aus. Der 58-Jährige kümmert sich dann um das traditionelle Flechten der Erntekrone, die Aktion „Saubere Gemeinde“ und den Dorfhaushalt.

Neben der plattdeutschen Kultur und der Geschichte der Probstei liebt er die regionale Küche, sagt er. Mit einem Zwinkern fügt er hinzu: „Ich interessiere mich für alles, was spannend und neu ist.“

Auch fürs Aarngard? Lage schüttelt den Kopf: nein, dafür nicht! „Wenn dir jemand den Stuhl von heute auf morgen vor die Tür stellt, dann musst du erst mal schlucken.“

Die gestörte Idylle

Lage ging, seit er Jugendlicher war, im Bahnhofshotel ein und aus, hatte lange Zeit sogar einen Schlüssel zum Gebäude. Nun fühlt er sich vertrieben. Er hat Meßner nie persönlich getroffen, sein Bruder Ulli, der Regisseur der Theatergruppe, hat ihm nur erzählt, wie das Gespräch mit dem Wirt abgelaufen ist. Im Oktober 2012 trafen sich sieben Vertreter von Lampenfewer und der AWO in der neu renovierten Lounge den Gastronomen. Lages Bruder, der die Leute „locker angeht“ und so auch Geschäftsleute „aus dem Anzug rausbekommt“, ging so auch auf Meßner zu. Der siezte höflich. „Streng“ und „kaufmännisch“ wirkte das auf Ulli Lage.

Der Wunsch der Theatergruppe: alles wie bisher weiter-führen. Rund zehn kostenlose Proben und bei den zwölf Wochenend-Aufführungen für jeden Gast ein trockenes Stück Beerdigungskuchen und ein Stück Mandarinenschmandtorte sowie Kaffee satt. Umsatz für den Gastwirt pro Aufführung: 6,50 Euro pro Gast.

Uwe Meßner, dessen Vater ebenfalls Vorsitzender eines AWO-Ortsvereins ist, wollte der Theatergruppe entgegenkommen, er kalkulierte sein Angebot so billig wie möglich. Doch sein Lokal muss einiges einspielen, um überhaupt die Ausgaben zu decken: Personal und Betriebskosten, Arbeiten am Gebäude und Instandsetzung verschlingen im Jahr etwa 350 000 Euro. Allein für die Beheizung des Saals mit 250 Quadratmetern Grundfläche, 15 Meter hohem Holzgewölbe und den ungedämmten Wänden fallen pro Abend 350 Euro Energiekosten an. Meßner wollte um das Verständnis der Gruppe werben, indem er diese Kosten ganz genau vorrechnete: Wenn also der Saal geheizt, bestuhlt und gereinigt vermietet werden sollte, die Servicekräfte frisch gebackenen Kuchen statt aufgetauter Tiefkühlware auftischten, benötigte er 12,50 Euro pro Gast und Aufführung. Dazu einen festgelegten Mindestumsatz und für die Proben eine Saalmiete, die die Heizkosten deckt.

Theatergruppe und AWO waren geschockt: 12,50 Euro für Kaffee und Kuchen! „Da hätten wir noch Geld mitbringen müssen“, sagt Ingo Lage. „Wir sind doch keine Meßner-Diener, die dem sein Geschäft bezahlen.“ Sie wollten höchstens 8,50 Euro geben. Dafür boten sie an, wie in der Vergangenheit üblich, den Kaffee selbst aus großen Pumpflaschen auszuschenken und bei den Proben einfach die Heizung auszulassen. Meßner überschlug im Kopf: Das wären 480 Euro Verlust pro Abend gewesen, 4800 Euro insgesamt, also sagte er: „Das funktioniert nicht zu dem Preis. Auch wenn es die vergangenen 10 oder 20 Jahre so gewesen ist, es tut mir leid, wir können uns das nicht leisten.“

Ein Jahr später kann sich Ingo Lage immer noch echauffieren: „Mich hat geärgert, dass ihm nicht zu vermitteln war, wo wir leben. Nicht nur mich, sondern auch tausend andere Leute. Man hatte so das Gefühl, wir alten Ländler hier waren nicht mehr gut genug für den Laden. Da holt er sich sein Publikum aus Hamburg, die zu ihm Wallfahrten machen, um seine Cuisine zu genießen. So’n spinnerten Kram liest man immer in Hochglanzmagazinen.“

Meßners Idee, mit dem Restaurant die Region zu stärken, hochwertige Produkte zu verarbeiten, erscheint Lage „blauäugig“ und an der Realität vorbeigeplant: „Wenn der so auf seiner Website schreibt: Gemüse und Fleisch aus der Region und Fisch vom Kutter, dann ist das für mich Heile-Welt-Geschwafel“, schimpft er. „Muh und Mäh und Kikeriki auf’m Dorf, wie man das so lauschig kennt, ist nicht. Hier gibt es Biogasanlagen, Monokulturen, das sind alles fatale Entwicklungen. Und was ist mit den Menschen hier?“

Seit Jahrzehnten erlebt Lage, wie die Kleinbauern in der Nachbarschaft nach und nach aufgeben. Großbetriebe haben die Flächen übernommen. Der Strukturwandel hat der Gegend, die seit Jahrhunderten durch einen starken Bauernstolz, die plattdeutsche Sprache und das Dorfleben geprägt war, ihre Identität und wirtschaftliche Grundlage entzogen. Viele Dörfer der Probstei haben sich zu „Schlafdörfern“ entwickelt. Gerade die jüngeren Menschen nutzen Schönberg nur noch zum Einkaufen, so Lage. „Das Denken und Leben verstädtert, und die alten Strukturen sind nicht mehr aufrechtzuerhalten“, sagt er. Zwei Drittel der Einnahmen von Schönberg kommen aus dem Tourismus. Und beide, Touristen und Zugezogene, wollten vom dörflichen Miteinander nur noch das Hübsche und Plüschige, ohne sich wirklich zu engagieren. „Und dann schmiert das ab in Folklore.“

Nach diesem Gespräch könnte man denken, dass Ingo Lage und Uwe Meßner eigentlich am gleichen Strang ziehen. Beide wollen die Region stärken. Doch stattdessen greift ein Mechanismus, der in der Stadt mit dem Schlagwort Gentrifizierung bezeichnet wird: die Aufwertung von Stadtteilen und die Verdrängung der dort lebenden Menschen. Der Wandel im Bahnhofshotel erscheint vielen Schönbergern ebenso, vor allem den älteren. Seit Jahrzehnten erleben sie, wie die reetgedeckten Katen im Ort Funktionsbauten weichen, wie die alte Meierei und der Krämerladen durch Döner-Imbiss und Kik-Filiale ersetzt werden.

Und nun besetzt da ein Neuer den wichtigsten Treffpunkt der Gegend und krempelt den Betrieb komplett um. Was – nüchtern betrachtet – lediglich unvereinbare wirtschaftliche Interessen und ein Preisunterschied von vier Euro pro Person sind, wird in der Gerüchteküche Schönbergs zum Konflikt zwischen dem „Butendörper“, wie Auswärtige auf Plattdeutsch genannt werden, und den Probsteiern; zwischen Arm und Reich, Wandel und Tradition, zwischen Kopf und Herz.

Über Meßner heißt es plötzlich pauschal: „Er will die Vereine nicht.“ Die Schönberger stapfen lauthals schimpfend in die Redaktion der Lokalzeitung »Probsteier Herold« und klagen: „Die Tradition verschwindet!“ Die Zeitung verteilt in der Folge in einigen Artikeln Seitenhiebe an das Aarngard. In dem Dorf, in dem ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre ist, fast jeder in einem Verein Mitglied ist und viele miteinander verwandt sind, erhitzen sich die Gemüter: „Aarngard, was soll das überhaupt heißen?“, fragen jene, die plattdeutsch aufgewachsen sind. „Es ist zu teuer“, finden die Rentnerinnen. „Arrogant“ sei der Wirt, haben andere gehört.

In der Fußgängerzone, beim Einkaufen in der Apotheke, auf dem Parkplatz des Sky-Marktes – überall wird Uwe Meßner als Wucherer dargestellt, der die alteingesessenen Dorfbewohner von ihrem letzten Treffpunkt vertreibe: „Der neue Kröger will Stuhl- und Heizungsgeld.“ Woraus im Stille-Post-Prinzip wird: „Er will von seinen Gästen einen Euro für den Toilettengang“ – was nicht stimmt, wie so vieles andere auch nicht.

Als Meßner dem Vorsitzenden einer Wählerinitiative wegen einer Doppelbuchung den gewünschten Termin für eine Weihnachtsfeier absagen muss, ätzt dieser per E-Mail zurück: „Es entsteht der Eindruck, dass Sie mit uns genauso wenig zusammenarbeiten wollen wie mit anderen lokalen Vereinen und Verbänden. Natürlich werden wir unseren circa 200 Gästen über Ihre Ablehnung berichten. Es wird sie in der in Schönberg weitverbreiteten Meinung bestärken, dass Sie an einer lokalen Verwurzelung Ihres Hauses nicht interessiert sind.“

So verliert Meßner seine potenziellen Gäste in Scharen. AWO, CDU, SPD, FDP, die Landfrauen und sogar der Lions-Club: Alle waren sie früher Stammgäste im Bahnhofshotel. Aber keiner von ihnen will sein Geld im Aarngard ausgeben. Auch ihre Familien, Freunde und Bekannte nicht.

„ ,Das war nie so‘, ,das war immer umsonst‘, solche Aussagen sind ein Augenverschließen vor der Realität und für uns absolut existenzbedrohend“, sagt Uwe Meßner an einem Sommerabend im Juli 2013. Er trägt seine weiße, zweireihig geknöpfte Kochjacke und hat nur noch kurz Zeit, denn in der Küche ist viel los. Kurze Zeit später parken vor der Tür des Aarngard Autos der Marken Mercedes-Benz, BMW und Porsche. An den Tischen in Restaurant und Garten sitzen Paare, Familien und Grüppchen aus Hamburg, Kiel und Plön, aus Konstanz und Frankreich bei kühlem Weißwein, sautierten Jakobsmuscheln auf Zucchinigemüse und Filet vom Ibérico-Schwein. Was die Schönberger heraufbeschworen haben, ist Realität geworden: Meßner kocht jetzt für Butendörper.

„Wir sind notgedrungen nach draußen gegangen“, sagt er. Magazine wie »Geo Saison« und »Mohltied!« hatten ihn empfohlen, auch der Gault-Millau hat ihn über seine Aufnahme informiert.

Eine Broschüre des Tourismusverbandes Schleswig-Holstein stellt das Aarngard auf Platz eins der gastronomischen Empfehlungen. Das Bundesland setzt in seiner Tourismus-Vermarktung auf sogenannte „Best Ager“ und „anspruchsvolle Genießer“. Für beide, so ergaben Studien, ist eine gute Gastronomie noch wichtiger als der Strand. Genau an diese Gruppe wendet sich Meßner jetzt. Den Mittagstisch als Angebot für Gäste aus der Umgebung hat er eingestellt.

Er weiß inzwischen, dass das nicht ungewöhnlich ist. Auch Robert Stolz, Sternekoch im nahen Plön, begrüßt nach eigenen Schätzungen in seinem Restaurant höchstens zehn einheimische Besucher im Jahr. Meßner sagt: „Viele Gastronomen kommen an einen Punkt, wo sie ihr Publikum überregional finden müssen, weil es die Kaufkraft auf dem Land mit der Akzeptanz von realistischen Preisen nicht mehr gibt.“ Er weiß aus Gesprächen mit Biobauern und regionalen Produzenten aus dem Verein Feinheimisch e.V., dass sie ihr Publikum ebenfalls hauptsächlich in den Ballungsräumen Kiel und Hamburg finden.

Es hat eine gewisse Ironie, dass Uwe Meßner als Auswärtiger vorhatte, gerade mit diesen Biobauern und Händlern zusammenzuarbeiten, während deren Nachbarn lieber in das neue Gewerbegebiet von Schönberg fahren, um ihr Geld im Backshop-Café, bei Aldi oder Lidl zu lassen – den Discountern, die jene Produkte aus der Massenlandwirtschaft verkaufen, die den Strukturwandel der Region nur weiter vorantreiben.

„Wer immer alles umsonst haben will, sorgt dafür, dass in der Region immer weiter Dinge kaputtgehen“, sagt Meßner. Er ist ernüchtert, er spricht über die „Billig- und Viel-Mentalität“ vor Ort. Dieser durch Preissenkungen entgegenzukommen sei aber falsch. Denn die Gegend sei zu dünn besiedelt, um wirklich Masse zu machen. Und wo Renovierungen und neue Verordnungen vom Brandschutz bis zur Wärmedämmung die Kosten in die Höhe treiben, bedeutet jedes unter Preis verkaufte Gericht nicht nur ein Geschenk an die Gäste – sondern ein Zehren an der eigenen Substanz.

Keine Frage des Geldes

Wo das enden könne, sehe man an dem anderen großen Veranstaltungssaal im Ort, dem inzwischen insolventen und geschlossenen Hotel „Stadt Kiel“. Dort sprießt auf der Terrasse inzwischen das Unkraut, drinnen ist das unnütz gewordene Mobiliar verhüllt. „Jahrzehntelang ist alles verfallen und an einen Punkt gekommen, an dem der Gastronom nur zugezahlt hat, um seine Freundschaften zu erhalten, um den Menschen hier nach dem Mund zu reden“, sagt Meßner. In einem Leserbrief an den ­»Probsteier Herold« hat der frühere Küchenchef des Hotels Stadt Kiel, Dieter Radde, die Situation mit dem Bahnhofshotel verglichen: „Auch im Hotel Stadt Kiel sollte möglichst alles umsonst sein, vor allem der Saal bei allen Versammlungen und Vorführungen! Statt Einnahmen für die hohen Energie- und zusätzlichen Servicekosten brachten die Aufführenden bei den Vorbereitungen teilweise noch ihre eigenen Getränke und Kuchen mit!“

Uwe Meßner hat den Zeitungsausschnitt aufgehoben. Er ist ihm eine dringende Mahnung, dass die Rezepte der Vergangenheit nicht für die Zukunft geeignet sind: „Wenn man die Region entwickeln will, dann durch Qualität.“ Gerade weil der Tourismus eine wichtige Geldquelle sei, müsse man Betriebe aufbauen, die mit denen in den neu renovierten und pittoresken Ostseebädern in Mecklenburg-Vorpommern konkurrieren können: „Sicherlich, es sind einige, die auf der Strecke bleiben, weil sie die Neuerungen nicht wollen oder können – aber die Region wird davon profitieren. Ich glaube nur, dass die Bevölkerung hier das nicht akzeptiert.“

„Es ist eigentlich gar nicht so sehr ums Geld gegangen“, sagt Ulli Lage, Regisseur der Theatergruppe Lampenfewer. „Das Geld hätten wir vielleicht zusammenbekommen.“ Er empfängt abends in seiner maritim eingerichteten Wohnung in Kiel, im Bücherregal steht ein Kochbuch von Tim Mälzer. Nachdem sich die Gruppe den Ärger vom Leib gespielt hatte, hat der Regisseur während seines Urlaubs nachgedacht. Er wollte erneut das Gespräch mit Meßner suchen, erzählt er. Nach 35 Jahren sei es vielleicht wirklich Zeit für Neuerungen. Auch andere Veranstaltungsräume in der Gegend, so hat die Gruppe herausgefunden, berechnen inzwischen Saalmiete – so schön wie der Saal im Aarngard sind sie nicht.

Aber da ist es bereits zu spät. Lage hat in der Zeitung gelesen, dass plötzlich Schluss ist mit dem Aarngard. Zum 1. August dieses Jahres machten die »Kieler Nachrichten« mit der Schlagzeile auf: „Sternekoch dreht Herd ab.“

Einige Wochen später steht Uwe Meßner im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses in Schönberg. Draußen prasselt Regen auf die Terrasse, drinnen trocknen auf einem Wäscheständer Mädchensachen. Umzugskisten stehen im Flur. Zehn Monate nach dem Umzug nach Schönberg packt die Familie erneut ihren gesamten Hausstand zusammen. Die Restaurantmöbel sind bereits eingelagert.

Am 24. Juli hatte Meßner den Termin für die Anschlussfinanzierung bei der Bank, gemeinsam mit dem Steuerberater und dem Eigentümer. Die Zahlen waren den Umständen entsprechend gut, hätten die Experten laut Meßner bestätigt. „Die Entwicklung war richtig, es wäre jetzt losgegangen“, sagt er. Doch am Abend kündigte ihm der Eigentümer fristlos, wirksam zum 31. Juli. „Wirtschaftlich sinnvoll war das nicht“, sagt Meßner.

Der Eigentümer ist als Vertreter der ältesten Unternehmerfamilie Schönbergs Mitglied in vielen Vereinen und Verbänden. Und hat vielleicht ein paar Mal zu oft gehört: „Mensch, was hast du da für einen Idioten geholt?“ Er will den Betrieb unter altem Namen wieder aufnehmen, die Preise senken, einen Mittagstisch anbieten, alle Schönberger ansprechen. Meßner schüttelt den Kopf: „Das hat doch vorher auch nicht geklappt. Ich bin gespannt, wie das weitergeht.“

Eine SMS piepst auf seinem Mobiltelefon. Er greift nach dem Apparat, schaut auf das Display. „Seit Schluss ist, bekomme ich täglich Nachrichten von Menschen aus der Gegend, die mir ihre Sympathie aussprechen. Es sind Hunderte. Man könnte meinen, wir sind richtig beliebt hier“, sagt Meßner.

Es bestärkt ihn darin, das Aarngard an einem anderen Ort weiterzuführen. Er sucht eine neue Immobilie, näher am Ballungsraum. Uwe Meßner geht Richtung Tür, zögert, bleibt wieder stehen: „Eins noch.“ Ihm sei von den Schönbergern oft empfohlen worden, sich mehr wie der ehemalige Wirt des Hotels Stadt Kiel zu verhalten. „Das war ein richtig toller Gastwirt, sagen die Leute. Sehr beliebt! Hoch angesehen!“ Meßner pausiert und setzt fort: „Dass der mit 900 000 Euro in die Privatinsolvenz gegangen und arm gestorben ist, das weiß kaum einer. Wenn das in Schönberg Erfolg ist, bin ich froh, ihn nicht zu haben.“ ---