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Hinter dem Regenbogen

Die Apartheid hat Südafrika geprägt – und prägt das Land bis heute.
Das spürt besonders, wer wie unser Autor als Weißer schwarze Kinder hat.




• Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich mit meinem Sohn und meiner Tochter nicht einmal auf einer Parkbank sitzen können. Die hatten kleine Schildchen, auf denen „Sleg vir Blankes“ oder „Europeans only“ stand: Hinweise, die eigentlich gar nicht nötig gewesen wären, weil es sich von selbst verstand, dass Nichtweiße auf einer Parkbank nichts zu suchen hatten.

Man ahnt es schon: Meine Kinder und mich unterscheidet etwas, das nicht nur einst und nicht nur in Südafrika als eines der gravierendsten Trennungsmerkmale der Menschheit betrachtet wird: die unterschiedliche Pigmentierung der Haut. Schwarz und Weiß sind nicht nur in der Farbenlehre Pole – Licht und Finsternis, Zivilisation und Wildnis, Vertrautheit und Exotik, wir und die. In Südafrika wurde diese Trennung zur Staatsdoktrin erhoben, denn nur so vermochten die Bleichgesichter die Mehrheit der Bevölkerung in Schach zu halten. Trenne und herrsche.

Wer unsere Familie im Ganzen sieht, dem fällt zudem auf, dass unsere Kinder adoptiert sind. Meine Tochter ist dunkelbraun, mein Sohn hellbraun, meine Frau schweinchenrosa wie ich. Der Unterschied zu unseren Kindern ist offensichtlich. Jeder reagiert mehr oder weniger ostentativ darauf, in der Regel freundlich. Da es selbst in der sogenannten Regenbogennation äußerst wenige solcher merkwürdigen Familien gibt, dominiert zunächst die Neugier: Kellner prüfen nach, wie unsere Verbindung beschaffen sein mag, indem sie unsere Kinder auf Zulu ansprechen. Die reagieren darauf, indem sie so laut wie möglich deutsch mit mir reden.

Sprache war eines der Kriterien, mit deren Hilfe die Bürokraten des Apartheidstaates die Bevölkerung sortierten. Schwarze wurden je nach Sprache in Reservate gezwängt, selbst Südafrikanern indischer Abstammung wurden separate Wohnquartiere zugewiesen. Für alles Uneindeutige dachte man sich die Kategorie „Mischling“ aus, wobei die größte Herausforderung war, diese von den Weißen abzugrenzen. Dafür wurde der Bleistifttest eingeführt: Man steckte dem Prüfling einen Stift ins Haar – blieb er stecken, handelte es sich um einen Mischling, fiel er zu Boden, durfte er sich weiß bezeichnen.

Unsere Kinder hätten die Rassen-Gutachter vor erhebliche Probleme gestellt. Im Haar unserer Tochter bliebe der Bleistift stecken, auch wenn sie weder Zulu noch eine andere afrikanische Sprache spricht – unsere Kinder weigerten sich vehement, für den Erwerb einer weiteren Sprache länger die Schulbank zu drücken. In unserer Familie spricht ohnehin niemand Zulu, und auch im weiteren Bekanntenkreis kommt man mühelos mit Englisch aus.

Tatsächlich ist das Land immer noch parzelliert: In den Townships leben nach wie vor nur Schwarze, während in den trendigen Kaffeehaus-Meilen wie der Fourth Avenue im Johannesburger Stadtteil Parkhurst kaum eine dunkle Nase auszumachen ist. Weiße wählen die Demokratische Allianz, Schwarze den ANC. Nelson Mandelas Kinder spielen Fußball, Jan van Riebeecks Urenkel raufen um den ovalen Rugbyball. Und wenn in unserem – durchaus liberalen – Bekanntenkreis ein Geburtstag gefeiert wird, sind unter den Besuchern nicht viele, die die biologischen Eltern unserer Kinder sein könnten.

Vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit. Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, und wir Deutschen wissen, dass selbst was zusammengehört, nicht so schnell wieder zusammenkommt, wenn es erst ordentlich auseinanderdividiert wurde. In Südafrika gehörte noch nie etwas zusammen – und längst ist nicht ausgemacht, ob das für die Zukunft wirklich gewünscht wird. Der derzeitige Präsident gewann den internen Machtkampf im ANC mithilfe von Leuten, die auf ihren T-Shirts die Aufschrift „100 Prozent Zuluboy“ trugen. Dunkelhäutige Geschäftsleute oder Juristen schließen sich im Black Business Council oder der Black Lawyers Association zusammen. Und die Regierungspartei hält schon deshalb an der Trennung zwischen Schwarz und Weiß fest, um ihre Wähler vom „Programm der wirtschaftlichen Ermächtigung von Schwarzen“ profitieren lassen zu können.

Ins Gesicht gesagt hat uns das noch niemand. Doch aus den Debatten in den Medien wissen wir, dass die Adoption dunkelhäutiger Kinder durch bleiche Eltern keineswegs auf allgemeine Zustimmung stößt. Die wehrlosen Kreaturen würden ihrer Wurzeln entrissen und ihrer Identität beraubt, wenden vor allem schwarze Intellektuelle ein: Bei der interkulturellen Adoption handele es sich in Wahrheit um ins Mäntelchen der Wohltätigkeit gehüllte neokoloniale Akte. Was eine dunkle Haut hat, gehört zu uns. Was bleich ist, zu den anderen. Wenn ihr ein Kind adoptieren wollt, schaut euch gefälligst im eigenen Lager um.

Und weil man schließlich am Kap der Guten Trennung lebt, hat man auch schon eine Kategorie für die Produkte des neokolonialen Aktes gefunden. Unsere Kinder werden im hiesigen Sprachgebrauch Kokosnüsse genannt: außen braun und innen weiß. Sie verfügten zwar über die auf dem Kontinent vorteilhaften Hautpigmente, doch ihrem Wesen, ihrem Denken und ihrer Kultur nach seien sie Weiße. Das Bild setzt allerdings voraus, dass es den weißen Kern ebenso klar definiert, wie es die braune Hülle gibt. Neben der aus Europa stammenden Sprache soll dazu etwa die Arroganz gehören, die Pünktlichkeit, der Agnostizismus, dass man Kartoffel- statt Maisbrei mag – und seine Eltern irgendwann ins Altersheim abschiebt. Umgekehrt weiß hierzulande noch immer (fast) jedes weiße Kind, dass Schwarze gewalttätig, undiszipliniert und abergläubisch sind und sich von ihren Trieben beherrschen lassen – deshalb können sie auch so gut tanzen.

Unsere Kinder können tanzen, und wie! Sie sind arrogant, unpünktlich, mögen Maisbrei und werden uns gewiss eher früher als später ins Altersheim abschieben. Statt sich auf ein über Generationen vermitteltes kollektives Selbstverständnis stützen zu können, müssen sie sich das ihre selbst zusammensetzen: Nicht Trennen, sondern Verbinden ist in ihrem Fall gefragt. Ganz gewiss kein leichtes Unterfangen, aber wenn es gelingt, sind sie im wahrsten Wortsinn selbstbestimmt – und gehören zum erlauchten Kreis der auserwählten hundertprozentigen Regenbogenkinder.

Ganz allein sind sie dabei nicht, auch wenn der südafrikanische Mainstream noch immer auf Trennung ausgerichtet ist. Unsere Kinder gehen in eine Schule, die sich schon zu Apartheidzeiten dagegen wehrte, ihre Zöglinge nach der Hautschattierung aufzuteilen. In den Klassenzimmern tummeln sich Schwarze, Inder, Chinesen, Mischlinge und Weiße – und mittendrin so manche Kokosnuss. Nicht nur im Ethikunterricht versuchen die Lehrer, ihren Schülern Werte wie Individualität, Respekt vor dem anderen und Verantwortung beizubringen: Zum Heritage-Tag, der die kulturelle Vielfalt feiert, sollten die Kinder in traditionellen Gewändern ihrer Eltern erscheinen. Einen Tag lang glich die Schule einem Spielplatz der Vereinten Nationen. Und zwischendrin zwei schokoladenbraune Kids mit Lederhose. ---