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Fliegender Wechsel

Wer ständig neue Nachbarn finden will, ist in Amerika in guter Gesellschaft. Tapetenwechsel gilt als Erfolgsnachweis.





• Drew Patterson ist 37 und seit seiner Geburt zwölfmal umgezogen – sechs Städte, sechs Bundesstaaten, ein Dutzend Wohnungen. Seine Frau Nancy King bringt es mit 38 auf ebenso viele unterschiedliche Adressen, nur die letzten zwei teilte sie mit ihrem Mann. Seit Anfang des Jahres hat das Ehepaar ein Haus in San Francisco gemietet, vorübergehend. „Wir wollen etwas kaufen. Wahrscheinlich in einem anderen Stadtteil“, sagt der Internet-Unternehmer. Also wieder einmal einpacken und umziehen.

Große Abschiedsszenen gab es im Leben der beiden weit gereisten Eheleute nicht. Man wohnt ein paar Jahre in einem Gebäude und spricht eigentlich nur mit dem Doorman, jenem freundlichen, livrierten, aber unnahbaren Türsteher, der zu jeder guten Adresse in einer Großstadt gehört und die Anonymität teurer Wohnsilos kaschiert. „Hier in San Francisco haben wir zum ersten Mal die Nachbarn getroffen. Der eine hat uns mit einem gebratenen Huhn willkommen geheißen, die andere Nachbarin hat uns ihre Schlüssel gegeben, als sie in Urlaub fuhr“, sagt Patterson, verwundert über die unerwartete Kontaktaufnahme.

Mit ihrer unsteten Biografie liegen Patterson und King (noch) im statistischen Mittel. Der US-Bürger zieht in seinem Leben 11,7-mal um, wurde bei der jüngsten Volkszählung 2010 ermittelt. Demnach machen sich jährlich 37,5 Millionen Menschen oder jeder neunte Einwohner auf den Weg. Die drei wichtigsten Gründe sind der Wunsch nach einer besseren oder anderen Bleibe, der Arbeitsplatz und die Familie.

Je höher der Schulabschluss, desto lieber zieht der Amerikaner um. Er lässt sein Elternhaus meist Tausende von Kilometern hinter sich, um aufs College zu gehen, und springt anschließend wie eine Flipperkugel von Stadt zu Stadt, von Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft, Mietwohnung zu Mietwohnung, Eigenheim zu Eigenheim. So hat fast die Hälfte aller Hochschulabsolventen bis zum 30. Geburtstag ihren Heimat-Bundesstaat verlassen. Und auch Eigentum verpflichtet nicht zur Sesshaftigkeit. Auch wer eine Immobilie kauft, ist immer auf der Pirsch nach etwas Größerem, Besserem. Oder will einfach Kasse machen, wenn die Preise steigen. Jeder vierte Eigentümer trennt sich in den ersten fünf Jahren von seiner Immobilie. Persönliche Beziehungen zu den Menschen nebenan baut man nur selten auf und kann sie noch seltener am Leben erhalten, wenn die nächste Adresse ein paar Auto- oder Flugstunden weiter liegt.

In Schmelztiegeln wie New York ist der stete Wechsel zum perfekt durchorganisierten Geschäft geworden. Dass ein aufstrebender Manager und angehender Unternehmer wie Patterson in 13 Jahren siebenmal in derselben Stadt umzieht, ist keine Ausnahme. Wohnungen sind darauf ausgelegt, wie Hemden gewechselt zu werden: Der vorübergehende Mieter muss keine persönliche Note einbringen, die ihm den Abschied schwer macht – vom Wandschrank, den hellgrauen Lamellenvorhängen und fest eingebauten Deckenlampen bis zur komplett eingerichteten Küche ist alles da. „Ich habe mir nie groß Gedanken darüber gemacht, eine Wohnung nach meinem Geschmack herzurichten. Man weiß ja nie, wann es weitergeht“, sagt Patterson.

Die Entscheidung für eine neue Wohnung fällt meist innerhalb von 14 Tagen. Dann springt die gut geölte Umzugsmaschine an: Kartons gibt es an jeder Ecke, willige Packer mit Minivan heften ihre Zettel an Strom- und Telefonmasten, und was nicht in die neue Bleibe passt, wird bei einem Storage-Anbieter mit Vorhängeschloss weggesperrt. Eine Putzkolonne der Verwaltungsgesellschaft hat die Wohnung in ein, zwei Tagen wiederhergerichtet, sprich: einmal getüncht. Und als Nachmieter stehen junge Nomaden mit Papieren, Kreditauskunft und Blankoscheck bereits Schlange.

Doch Ökonomen und Demografen beobachten auch einen gegenläufigen Trend: So hoch die Mobilität in den höheren Schichten auch ist, insgesamt geht sie beständig zurück. So zog noch 1985 jeder fünfte US-Bürger einmal im Jahr um, etwa doppelt so viele Menschen wie heute.

Früher führten Landnahme, externe Schocks wie eine Depression und die Suche nach dem Glück im mythischen Westen zu massiven Bevölkerungsverschiebungen; das 20. Jahrhundert aber, sagt Lisa Prior, die sich für ein Buch über die Geschichte der Industriestadt Naugatuck in Connecticut mit dem Mythos des rastlosen Kontinents beschäftigte, sei „die Ära, in der die meisten Amerikaner sesshaft wurden“. Dennoch hielten vor allem Akademiker an der Mär von der immer mobileren Bevölkerung fest: „Entwurzelt zu sein passt einfach zu gut zu unserem Bild der modernen gegenüber der traditionellen Gesellschaft.“

Dem neuen Trend zur Sesshaftigkeit konnte auch die jüngste Rezession nichts anhaben. Steigende Arbeitslosigkeit nach dem Finanzkrach 2008 war kein entscheidender Trennungsgrund. Zudem nötigten die gesunkenen Immobilienpreise die amerikanischen Eigenheimbesitzer, ein paar Jahre länger als gewohnt in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben.

Der moderne Sozialstaat, steigender Lebensstandard und individuelle Fortbewegungsmittel erlauben es immer mehr Menschen zu bleiben, sodass vor allem die springen, die wegen ihres Talents gefragt sind. Sie ziehen weiter weg als je zuvor und fragen nicht, ob das Angebot aus einer Metropole im In- oder Ausland kommt. Überflieger wie Patterson und King verzerren das Bild, wenn sie zwischen New York und Kalifornien pendeln.

Würde man die Biografien von Wissensarbeitern zwischen 20 und 40 aufzeichnen, ergäbe sich ein Geflecht, das dem Routennetz einer Fluggesellschaft ähnelt. Im Falle Nancy Kings heißt das: Kindheit in Iowa, Internat in Connecticut, Uni in Washington, Jobs in Colorado, San Francisco, Südamerika, New York und vorerst wieder San Francisco. „New York ist eine spannende Stadt, in der man einfach einmal gewohnt und gearbeitet haben muss. Aber zu Hause habe ich mich dort nicht gefühlt. Es war eine Station mit vielen Zwischenstopps in unterschiedlichen Stadtteilen.“ Ihr Mann hat ebenso wenig ein Problem damit, nirgendwo Wurzeln schlagen zu können. „Mobil und flexibel zu sein ist Ausdruck einer dynamischen Kultur“, erklärt er. „Das gehört zu Amerika und seiner Wirtschaft.“ ---