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Ein Volk, zwei Länder

Demokratie in China? Kulturell unmöglich, behauptet Pekings Kommunistische Partei. Doch das abtrünnige Taiwan beweist das Gegenteil – und beflügelt Chinas Freigeister.





• Er wollte nur mal gucken. Aber so fängt es ja immer an. Drei Jahre ist es her, da stellte Zhou Shuguang in seiner zentralchinesischen Heimatprovinz Hunan einen Reiseantrag für Taiwan. Die spezielle Genehmigung müssen Chinesen beantragen, weil Pekings Regierung Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet. Wer sie besuchen will, braucht einen triftigen Grund. Der 29-Jährige hatte einen: Er war seit Kurzem mit einer Taiwanerin verheiratet und wollte ihre Heimat kennenlernen. Allerdings hatten Hunans Beamte einen nicht minder triftigen Grund, seinen Antrag abzulehnen: Zhou Shuguang ist in China ein populärer Blogger, der unter dem Pseudonym Zola über Korruption und Zensur schreibt und Zehntausende Leser hat. Nicht auszumalen, was er über seine Beobachtungen im demokratischen Taiwan berichten würde!

„Die Ablehnung hat meine Frau und mich furchtbar geärgert“, erzählt Zhou mit einer Mischung aus heiligem Zorn und bubenhaftem Vergnügen. „Aber wie so häufig bewirkten die Repressalien das Gegenteil.“ Einige Monate später stellte er einen erneuten Antrag, und da die Beamten offenbar glaubten, der Blogger habe ihre Warnung verstanden, ließen sie ihn diesmal reisen. Doch inzwischen wollte Zhou nicht mehr nur gucken: Mittlerweile lebt und bloggt er seit zwei Jahren im anderen, demokratischen China – einem China, von dem viele seiner Leser nur das Zerrbild kennen, das die Propaganda der Kommunistischen Partei entwirft. Denn für Peking passen westliche Demokratie und chinesische Kultur nicht zusammen. „Das ist natürlich Unsinn“, sagt Zola.

Zwei Generationen ist es her, dass Taiwan und das chinesische Festland sich entzweiten. Die Trennung fand auf dem Schlachtfeld statt: Als Mao Zedong 1949 nach langem Bürgerkrieg die Volksrepublik ausrief, verschanzte sich der unterlegene General Chiang Kai-shek mit seinen Getreuen auf der Insel. Dass er die Kommunisten damit um den vollständigen Sieg brachte, beschäftigt Chinas Militär bis heute. Auch politisch war die de facto unabhängige „Republik China“ ein Stachel, der noch immer sticht. Der Westen sah in Taiwan das bessere China, das bis 1971 sogar den chinesischen Sitz im Uno-Sicherheitsrat innehatte. Mittlerweile wird die Insel zwar nur noch von wenigen Ländern als Staat anerkannt, darunter dem Vatikan, doch für den Fall eines chinesischen Angriffs haben sich die USA vertraglich verpflichtet, Taiwan zu verteidigen. Heute ist Taiwan vor allem aber auch eine gesellschaftliche Provokation. Denn in den vergangenen 20 Jahren hat sich auf der Insel eine lebhafte Demokratie entwickelt, die in der Volksrepublik die Fantasie politischer freier Geister beflügelt.

„Früher dachte ich wie alle Chinesen, dass sich die Taiwaner nichts sehnlicher wünschen als eine Wiedervereinigung mit dem Festland“, erzählt Zhou amüsiert. Was soll man auch anderes glauben, wenn man in der chinesischen Provinz aufwächst und der Vater ein lokaler Funktionär ist? Trotzdem merkte Zhou früh, dass sich seine Lebenswirklichkeit in Chinas Staatsmedien nicht wiederfand. Mit Mitte 20 begann er, als Ein-Mann-Investigativmedium durchs Land zu reisen und über Amtsmissbrauch oder Vetternwirtschaft zu schreiben. Seine Unerschrockenheit und flotte Schreibe machten ihn bekannt und begründeten eine treue Leserschaft, die ihm bis heute folgt, obwohl sie dafür den chinesischen Zensurwall, die „Great Firewall“, austricksen muss.

Wer Zhous Blog verfolgt, kann lesen, dass laut Umfragen vier von fünf Taiwanern für eine formelle Unabhängigkeitserklärung wären, wenn dies in Peking nicht automatisch als Kriegserklärung verstanden würde. Er erfährt, wie taiwanesische Bürgerrechtsorganisationen gegen Atomkraft mobil machen oder gegen umstrittene Bauprojekte demonstrieren. „Natürlich gibt es auch in Taiwan Probleme, aber weil es Transparenz und Bürgerbeteiligung gibt, gehen die Menschen damit entspannter um“, so Zola. „Demokratie ist eben kein Endzustand, sondern ein Prozess.“

In der Volksrepublik will man davon nichts wissen. Dort ist Taiwan den Staatsmedien nur dann eine Meldung wert, wenn es im Parlament wieder einmal zu Prügeleien kommt. Demokratie führt zu Chaos, so die Botschaft. Immerhin: Dass Zhou überhaupt in Taiwan leben kann, ist ein Fortschritt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war Festland-Chinesen die Reise auf die Insel verwehrt, obwohl schon seit den Achtzigern Hunderttausende Taiwaner als Geschäftsleute in die Volksrepublik kamen. Doch seit 2008 herrscht politisches Tauwetter. Seitdem gibt es Direktflüge, Tourismus und chinesische Austauschstudenten. Den Besuchern wird zwar vor der Abreise oft eingebläut, dass sie sich in Taiwan von politischen Veranstaltungen fernhalten, Journalisten meiden und Avancen der Falun-Gong-Sekte ignorieren sollen. Doch man müsse kein politischer Rebell sein, um dem Charme Taiwans zu erliegen, sagt Zhou.

Die Trennung habe dazu geführt, dass sich dort viele chinesische Traditionen erhalten hätten, die in der Volksrepublik dem Revolutionsfuror der Kommunisten zum Opfer fielen. Klassische Bildung, familiäre Traditionen und alte Kultur werden deshalb viel stärker gepflegt. Für Zhou ist die Insel deshalb zur neuen Heimat geworden: „In vieler Hinsicht ist Taiwan heute viel chinesischer als die Volksrepublik.“ ---