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Entrepreneurial Year

Nach dem Studium gleich eine Stelle? Andreas Stockburger und Marc Schlegel wollten lieber Erfahrungen als Unternehmer sammeln. Sie gründeten einen Onlineshop für Sexspielzeug – und gaben sich ein Jahr, ihn groß zu machen.





• Auf dem Esstisch stehen Laptops, Notizzettel liegen herum, an der Terrassentür klebt ein Post-it-Mosaik. „Zielgruppe“ steht auf einem der Sticker. „Facebook“ auf einem anderen. Gleich wird zum Mittagessen gerufen, aber bis dahin dreht sich alles um Vibratoren und Penisringe, Handschellen und Gleitgels. Die Wohnküche von Andreas Stockburgers Elternhaus in Gailingen am Hochrhein, nahe der Schweizer Grenze, dient an diesem Vormittag als Firmenzentrale von Vibraa, Deutschlands jüngstem Onlineshop für Liebesspielzeug.

Es ist der ungewöhnlichste obendrein. Nicht nur, weil er Teil des Familienlebens der Stockburgers geworden ist. Nicht nur, weil er sich optisch angenehm vom Rotlicht-Ambiente der Konkurrenz abhebt. Sondern vor allem, weil die Gründer mehr wollen, als nur möglichst viele Produkte absetzen. Vibraa ist ein Experiment.

Die Gründer, Andreas Stockburger, 26, und Marc Schlegel, 27, wollen ihren Laden innerhalb eines Jahres so weit bringen, dass sie davon leben können. „Entrepreneurial Year“ haben die Absolventen der Universität St. Gallen ihr Projekt getauft. Im Grunde ist es ein Planspiel, nur dass alles real ist.

„Es geht uns nicht darum, zu beweisen, dass wir das können“, sagt Schlegel. „Wir wollen erfahren, was wir alles noch nicht können.“ Ob Web-Programmierung, die Formulierung von Gebrauchsanweisungen oder Gewerbeanmeldung – die Autodidakten machten alles selbst. „Die größte Herausforderung ist die Unsicherheit“, so Stockburger. „Es gibt niemanden, der sagt, mach das so und so.“

Dass dabei nicht immer alles klappt, gehört dazu. Etwa die Promotion-Aktion „Morgen-Latte“, bei der die beiden Kaffee und Flyer an Frühaufsteher in Friedrichshafen verteilten. „Die Leute reagierten ­abweisend“, sagt Stockburger. Die Erfahrung: Am Nachmittag läuft’s besser.

Oder die Suche nach Zulieferern. Nachdem kein deutscher Versandhändler mit ihnen zusammenarbeiten wollte, fanden sie einen spanischen Vertrieb, der ihnen gefiel: Der hat anspruchsvolle Design-Ware und keine Grabbeltisch-Dildos im Programm. Wer heute eines der 251 Produkte aus dem Shop bestellt, erhält Post aus Spanien. Die höheren Versandkosten trägt Vibraa.

Fehler machen und aus ihnen lernen: Stockburger und Schlegel haben mit dem Entrepreneurial Year einen Rahmen geschaffen, in dem sie ausprobieren können, wie Ideen zu Entscheidungen werden. In dem Blog, das das Projekt begleitet, findet sich das Bild von einem Stehaufmännchen. Hinfallen und wieder aufstehen. Darum geht’s.

Warum eigentlich Sexspielzeug? Stockburger und Schlegel haben eine lange und eine kurze Antwort auf diese Frage. Die kurze lautet: „eine Bier-Idee“. In der langen wird der feuchtfröhliche Einfall um eine nüchterne Marktanalyse ergänzt: „In der Maslowschen Pyramide kommen die physiologischen Bedürfnisse an erster Stelle. Wer sich in diesem Bereich bewegt, hat gute Chancen“, sagt Stockburger. Die Idee setzte sich jedenfalls in ihren Köpfen fest.

Also klickten sie sich durch Shops und Foren, befragten Freunde und Bekannte. „Wir hatten den Eindruck, dass es da viele offene Fragen gibt“, sagt Schlegel. „Das Problem ist, dass man sich nicht über Liebesspielzeug informieren konnte, ohne in einem Dildo-Urwald zu landen“, so Stockburger. Einen schicken Shop, gekoppelt mit einem seriösen Ratgeber, gab es nicht. Die beiden witterten eine Marktlücke und tüftelten weiter an ihrer Idee: einer Art Apple-Store fürs Liebesleben.

Mit dem Ende des Studiums wurde ihnen klar, dass sie sich entscheiden mussten: jetzt oder nie. Und während ihre Kommilitonen Bewerbungen für Trainee-Stellen verschickten, wurden sie einfach Chefs einer Firma, die sie erst noch gründen mussten. „Ich will nicht eines Tages sagen müssen: Ich war jung, hatte die Zeit und die Chance – und habe es nicht versucht“, sagt Schlegel.

Ein halbes Jahr nach der Firmengründung stehen Shop und Ratgeber, die Reaktionen sind positiv, die Verkäufe mager. Doch der Glaube der Gründer an ihr Projekt ist ungebrochen. Die Post-its auf der Terrassentür weisen den Weg zu einer neuen Werbestrategie. Ein halbes Jahr haben sie ja noch.

Sollte ihnen der Durchbruch nicht gelingen, wäre das kein Drama. Um zu sparen, sind sie für die Dauer des Experiments wieder zu ihren Eltern gezogen. Etwas Geld für alltägliche Ausgaben hatten sie gespart. Ob sie sich einen Investor suchen wollen, wissen sie noch nicht. Bisher haben sie vor allem Zeit in das Projekt gesteckt. „Im schlimmsten Fall hatten wir ein tolles Jahr, haben viele tolle Leute kennengelernt und enorm viel gelernt“, sagt Stockburger. „Wir können also gar nicht verlieren.“ ---

Kontakt: Vibraa

www.vibraa.de

Blog zum Entrepreneurial Year:

www.entrepreneurial-year.de