Partner von
Partner von

Die Lebenswandler

Die Welt ist zu aufregend, um an einem Ort zu verharren. Das ist jedenfalls die Überzeugung moderner Nomaden, die hier ihre Geschichten erzählen.




Das Duo mit Flügeln

Ein Büro in Hamburg. In den Regalen liegen Bildbände, am Schaufenster lehnen Skateboards. Das Ledersofa wird von einer amerikanischen Flagge bedeckt. Der letzte Sonnenstrahl des Tages fällt auf die Schreibtische. Sven Hoffmann, 42, ist Designer und Fotograf. In Monaco arbeitete er für Rainer Engels „High Society“, in Karlsruhe gründete er die Agentur Büro am Meer, in Hamburg war er Dozent der Miama Ad School, am Chiemsee arbeitete er für Martin Imdahl, in Fuschl als Kreativdirektor der Red Bull Inhouse Agentur. Und auch heute, zurück in Hamburg, könnte er sich einen Ortswechsel vorstellen, obwohl sich sein Büro gerade als Restaurantgestalter einen guten Namen macht. Los Angeles lockt.

„Das klingt etwas platt, wenn man das zusammendampft. Aber die meisten Menschen brauchen einen festen Job, Freunde, die ständig greifbar sind, und eine Stadt, in der sie sich auskennen. Vor großen Reisen bekommen sie Schweißausbrüche, weil ihnen all die Dinge einfallen, die unterwegs nicht funktionieren könnten. Dass man die Kündigung einreicht oder sogar frei arbeitet, ist in ihrem Lebensentwurf nicht vorgesehen.

Ich kann das nachvollziehen. Aber so bin ich nicht. Ich will nicht irgendwann alt sein und denken, zu wenig von dem versucht zu haben, was für mich möglich gewesen wäre. Und ich brauche ständig Impulse.

Natürlich habe auch ich Bedürfnisse, die sich manchmal im Weg stehen: eines nach Freiheit und neuen Begegnungen und eines nach einer glücklichen Beziehung, einem Nest. Letzteres ist über die Jahre sogar stärker geworden. Ich würde heute nicht noch einmal so an eine funktionierende Fernbeziehung glauben wie früher. Da habe ich aus beruflicher Neugier im Privaten alles mitgemacht, was man sich vorstellen kann – auch diese endlosen nächtlichen Telefonate.

Andererseits bin ich wirklich von dieser ungezwungenen amerikanischen Art fasziniert, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie ist mir oft begegnet, seit ich als Teenager in Palo Alto und New York war. Mein älterer Bruder ging am Tag nach dem Abschluss ins Silicon Valley, um für Firmen wie Sun Microsystems und Google zu arbeiten. In Amerika gehen sie offen mit ihren Biografien um, selbst mit dem Scheitern. Wenn man jung und ungebunden ist, fallen einem die Wechsel natürlich leicht.

Als ich an der Modeschule studierte und einen Aushang von Rainer Engel sah, der in Monaco Mode für die Neureichen entwarf, dachte ich: Man muss mindestens einmal am Meer gelebt haben. Also bin ich dorthin, und das Leben war großartig, wenn man die richtigen Türsteher kannte – bis mich der deutsche Staat zum Zivildienst bei den Naturfreunden in Karlsruhe-Durlach zwang. Das war schlimm. Diese Fremdbestimmung muss ich nicht noch einmal haben.

Kurz nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, traf ich dann eine Frau. Sie war mir wichtig. Also zog ich ihr hinterher, wenn sich ihre beruflichen Stationen änderten. Für die Arbeit, das Gestalten eines Brillenkatalogs zum Beispiel, brauche ich schließlich kaum mehr als einen Computer oder die Kamera. Irgendwann landete sie aber in einer Stadt, in der ich es nicht aushielt. Ich dachte: Mensch, wir arbeiten beide so viel, da wird auch die Fernbeziehung klappen. Und zog wieder los. Wobei ich nicht naiv bin. Ich trenne mich nicht von einem Tag auf den nächsten von einem Ort oder Job. Bei dieser Entscheidung geht es jedes Mal um ein kleines Leben.

Das mit der Fernbeziehung klappte nicht. Das war hart. Meine damaligen Erfahrungen kamen allenfalls Christiane zugute, meiner heutigen Frau. Die ging für „Red Bull Air Race“ gerade nach Amerika, als ich mich in sie verliebte. In diese Liebe steckte ich alles, was ich an Energie und Geld hatte. Ich ging mit Christiane sogar nach Fuschl in die österreichische Provinz, wo das Red-Bull-Hauptquartier steht – ohne dass klar gewesen wäre, dass ich bald darauf ebenfalls für Red Bull arbeiten würde. Und als das erste Kind kam, schob ich meinen Traum auf, mit ihr gemeinsam nach Amerika zu gehen, um mich dort als Fotograf auszuprobieren.

Wir einigten uns auf Hamburg. Wir kauften eine Eigentumswohnung, die wir jederzeit vermieten können. Von hier kann Christiane für Red Bull arbeiten, es gibt eine Kita und einen Zug zu Christianes Eltern. Und ich habe beruflich schon wieder erfahren, dass sich die Dinge ergeben, wenn man dafür offen ist. Wobei ich nicht nach Ruhm und Ehre strebe. Ich kann der Versuchung widerstehen, mein Büro weiter auszubauen und wilde Aufträge anzunehmen, wenn das für meine Kinder und die Familie mehr Zeit bedeutet. Denn die kommt nicht zurück. Ich weiß, was ich an ihnen habe.

Das heißt nicht, dass wir in Deutschland bleiben werden. Wir haben gerade ein Haus in Venice gemietet, um es einige Monate in Los Angeles zu versuchen. Aber länger? Das diskutieren wir oft. Christiane hat nicht weniger Fernweh als ich. Aber sie will „erst mal was aufbauen“, eine Station, zu der wir immer wieder zurückkehren können. Mit Kindern ist die Herausforderung, das Maximale aus der uns möglichen Freiheit herauszuholen, ein bisschen größer als bisher. Aber das wird uns nicht davon abhalten, immer wieder aufzubrechen.“

Der Mann mit dem Kick

Ein Café in Köln. Die Domglocken dröhnen. Tino Bahr, 36, schaut auf die Uhr. Es ist der einzige Wochentag, an dem er nicht in der Firma des aktuellen Kunden sein muss. So ist es als freier Projektleiter und Berater. Innerhalb weniger Jahre arbeitete er in Hamburg für eine Terminalfirma, trieb Rationalisierung bei einer Opel-Tochter in Rüsselsheim voran, verlagerte die Reste nach Indien, ging für die Deutsche Bahn in die Wüste nach Katar, für Bombardier nach Siegen und für die Post nach Bad Godesberg. Und auch der aktuelle Job läuft bald aus. Dann kommt der nächste.

„Ich arbeite gern auf Projektbasis. Und die Firmen schätzen Personal, das sie zügig auf- und wieder abbauen können. Wenn es freie Mitarbeiter als Puffer gibt, stabilisiert das die eigentliche Belegschaft. Außerdem haben die Externen noch nicht diesen Tunnelblick, den jeder langjährige Mitarbeiter irgendwann bekommt. Oder sie können etwas, das es im Unternehmen derzeit nicht gibt. Das bringt uns zusammen.

Ob den Firmen bewusst ist, was das emotional bedeutet, weiß ich nicht. Man wird nicht wirklich integriert. Wir haben weniger Rechte als die festen Mitarbeiter, das fühlt man ständig, und die Netzwerke im Betrieb, die einem unter die Arme greifen können, kann man in der Regel auch nicht aufbauen. Wir werden nicht mal gefragt, ob wir mit in die Kantine gehen möchten.

Aber mir ist das bewusst, wenn ich mich auf diesen Lebensstil einlasse. Für mich ist das okay. Denn mit den Jobs ist es wie mit einer Mathe-Aufgabe: Die Spannung schwindet, sobald der Lösungsweg klar ist – dann kann man die Aufgabe nur noch mit anderen Zahlen wiederholen. Ich finde die Suche nach dem Lösungsweg spannend. Ich darf immer wieder neue Probleme kennenlernen, arbeite mich ein, und wenn alles läuft, ziehe ich weiter. Und was die Netzwerke betrifft: Die knüpft man natürlich auch, nur eben anders, wobei das Internet gute Dienste leistet.

Von außen sieht es manchmal aus, als würden Leute wie ich nur so leben, weil sie keine feste Stelle finden. Ich hatte mal eine bei einer Bank in der Schweiz. Dort hätte ich irgendwie die nächsten 40 Jahre abreißen können. Aber dann stand ich rauchend vor dem Foyer und grübelte über den überschaubar spannenden Arbeitsalltag und die Schweiz nach.

Mir fehlte der Kick. Ich mag die Routine nicht. Also kündigte ich, um fortan nur noch das zu machen, worauf ich Bock hatte. Was nicht heißt, dass jeder Job hielt, was ich mir von ihm erwartete. Einige Erfahrungen waren durchaus negativ. Aber es waren Erfahrungen.

Ich merkte erst spät, dass mir möglicherweise eine private Basis fehlt, um diese Projektarbeit weiter stemmen zu können. Zwar finde ich immer wieder Kumpel, mit denen ich Spaß haben und bei denen ich jederzeit anrufen kann. Mittlerweile weiß ich aber, wie es sich anfühlt, eine Verlobung zu lösen oder verliebt zu sein. Je länger ich in Köln lebe, umso mehr wachsen mir meine hiesigen Freunde ans Herz. Das ist kaum möglich, wenn man nur auf Zeit vor Ort ist, und noch schwerer ist es, wenn man wie ich mit einem angeborenen Schutzpanzer herumläuft.

Dass ich in Köln bin, hat einen Grund. Denn so machen es die Freien, die ich für zufrieden halte: Sie haben eine Basis, zu der sie immer wieder zurückkehren. Sie führen ihr Privatleben an den Wochenenden, um während der Woche zu den Firmen zu fahren. Manche Ehen funktionieren mit dieser räumlichen Trennung sogar besser als ohne, habe ich mir sagen lassen.

Wobei dieser Lebensstil trotzdem nur dann funktioniert, solange man die Initiative ergreifen und Jobs auswählen kann, die einem der Aufgabe oder Bezahlung wegen interessant erscheinen. So ist das bei mir. Wenn man zur Projektarbeit verdammt ist, ohne dass einem das liegt, dürfte es die Hölle sein. Die Projektstellen in der IT-Branche sind gut bezahlt. Aber als Gegenleistung wird rund um die Uhr unter Hochdruck gearbeitet und signalisiert, dass wir austauschbar sind. Das gehört zum Deal.

Ich glaube, dass es in meiner Generation, also unter den 30- bis 50-Jährigen, viele gibt, denen das Wechseln liegt. Ich bin ein Wendekind. Ich will die nach dem Zusammenbruch der DDR gewonnenen Freiheiten nutzen. Vielleicht spielt auch mit rein, dass viele Freie ohnehin nicht an einen verlässlichen Arbeitsplatz oder ein funktionierendes Sozialsystem glauben. Das klingt abgefuckt, sorry. Aber so ist das.

Ich habe mich lange wie ein moderner Abenteurer gefühlt, der nur mit einer kleinen Kiste unterwegs ist, in die er Erinnerungen steckt. Ich habe lange bis zum Umfallen nur für die Arbeit gelebt.

So verwurzelt wie jetzt in Köln war ich noch nie. Ich fange sogar an, meine Wohnung einzurichten. Aber ich werde auch diese Basis verlassen. Das wird mir schwerfallen. Doch ich habe eine Idee im Kopf, die ich ausprobieren will. In der Freizeit mache ich eine Ausbildung zum Berufspiloten. Wenn das klappt, bin ich vielleicht zufrieden genug, um mich wirklich auf private Bindungen einlassen zu können. Ich kann gut loslassen, wie gesagt. Aber irgendwann brauche ich ein Zuhause.“

Die Familie mit Hummeln im Hintern

Ein Häuschen in der Nähe von Frankfurt. Auf der Terrasse entspannen sich drei Hunde. Im Wohnzimmer sitzt ein Teenager vor dem Laptop. Auf dem Kissen, das auf der Couch liegt, sind die Koordinaten von Åkersberga zu lesen, einem Ort bei Stockholm. Bianca Moberg, 48, bringt Kaffee und Kekse. Sie war früher Flugbegleiterin, und als ihr Mann einen Job im Ausland bekam, ging sie mit – um später mit ihm eine Bäckerei aufzumachen. Aber auch das ist Geschichte, er arbeitet derzeit in einer Bank, sie fängt in einem Möbelhaus an. Wir sollen uns aufschreiben, lässt er mitteilen, dass sein Leben aus vielen Veränderungen besteht. Ist notiert.

„Als wir Kinder bekamen, hängte ich meinen Beruf als Flugbegleiterin der Lufthansa an den Nagel. Das fiel mir nicht schwer, ich war eine Glucke. Wir bauten ein Haus in Zellhausen, und die Leute nickten, als sei nun alles klar. Aber wie kann ein Ort ein Lebensmittelpunkt sein? Die Familie ist der Lebensmittelpunkt, den man braucht, und nicht irgendein Haus. Das haben wir oft gesagt, und viele in unserem Umfeld haben es nicht verstanden. Wenn wir ihnen erzählten, irgendwann noch einmal ins Ausland gehen zu wollen, sobald die Gelegenheit da ist, winkten sie ab. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man das eigene Haus wieder verkauft. Sie reden, als könnte man Freundschaften nicht auch über Entfernungen pflegen, wenn man sie ernst nimmt.

Wir haben nie in diesen Kategorien gedacht. Mein Mann und ich zählen zu den Leuten, die schon beim Spaziergang niemals den Weg zurückzugehen versuchen, auf dem sie einen Ort erreicht haben. Wir finden es schade, wenn man nicht aus dem Pudding kommt. Veränderungen machen ein Leben reich. Das ist wichtiger als das Bauchgrummeln, das mit dem Abschied von einem lieb gewonnenen Ort, gewohnten Routinen oder Freunden verbunden ist. Wenn man Träume hat, sollte man zumindest herausfinden, was an ihnen dran ist. Sonst kommt der Frust.

Wir träumten davon, eine andere Kultur kennenzulernen. Mein Mann arbeitete damals für den Finanzdienstleister Fidelity in Frankfurt. Als sich die Möglichkeit zum Wechsel nach England bot, von jetzt auf gleich, war er neugierig auf das Arbeitsklima in der Londoner City. Und ich mochte den Gedanken, ein neues Kapitel aufschlagen zu dürfen. So fiel die Entscheidung am Telefon. Er rief an, ich sagte „super, Vollgas“ – und los. Dass wir drei schulpflichtige Kinder hatten, empfand ich nicht als Problem. Ganz im Gegenteil: Das alles ist doch gut für ihren Charakter.

Das heißt nicht, dass uns die Trennung von Zellhausen leichtgefallen wäre. Im Auto nach Calais heulten wir wie die Schlosshunde. Aber traurig ist so eine Situation in erster Linie für diejenigen, die zurückbleiben. Zu den Kindern sagten wir: ,Bald werdet ihr nicht nur einen Freundeskreis haben, sondern zwei.‘ Und so kam es auch, schon weil es in London eine deutsche Schule und Community gibt.

Dass es uns Erwachsenen nicht ganz so gefiel, lag zum Teil allerdings auch an der deutschen Community: Das Leben unterschied sich nicht sonderlich von dem in Deutschland. Also begannen wir nach einem knappen Jahr, unseren Traum von einigen Jahren im Ausland mit einem anderen Traum zu verknüpfen: Wir wollten ein Unternehmen aufbauen, das wir gemeinsam führen konnten. Wir hatten beide bis dahin nur Angestelltenverhältnisse erlebt. Wir zogen nach Schweden weiter, in ein kleines Haus außerhalb von Stockholm. Dort kündigte Jörg seinen Job – und wir eröffneten eine Bäckerei, die Dutzende Läden in Stockholm mit deutschem Sauerteigbrot versorgte. Für die Kinder, die in England gerade Wurzeln geschlagen hatten, war das hart. Aber auch das klappte. Wir waren mutig, weil es schon einmal funktioniert hatte. In Schweden sagt man ,Det ordnar sig‘, das regelt sich schon.

So hätte es noch eine Weile bleiben können. Uns gefiel es so gut, dass meine Eltern ihr Haus in Deutschland verkauften und nach Schweden zogen. Aber allen war klar, dass wir bald zurückgehen würden – schon allein der schlechteren medizinischen Versorgung wegen. Als Erster ging mein Mann, weil er näher bei seiner Mutter sein wollte. Das Jahr, in dem er in Deutschland lebte und ich mit den Kindern in Schweden, weil sie nicht schon wieder wechseln mochten, war schwer. Umso leichter fiel es uns, die Bäckerei loszulassen. Wir verkauften sie. Ich arbeitete noch eine Weile angestellt weiter.

Jetzt sind wir mit Ausnahme unseres ältesten Sohnes in Deutschland zurück. Wir leben natürlich in einem anderen Haus als früher; das alte fehlt uns nicht, es gehörte zu einem anderen Lebensabschnitt. Schweden fehlt mir ein bisschen, aber es ist auch schön, wieder bei den alten Freunden zu sein. Jörg wechselt gerade von der Bank zurück zu Fidelity. Ich habe mich bei einem Möbelhaus beworben, auch das will ich mal ausprobieren. Und den Rest wird man sehen. Die Kinder sagten neulich, sie könnten sich nicht vorstellen, ihr Leben an einem Ort zu verbringen. Sie kennen bereits drei Gesellschaften: die deutsche, die englische und die skandinavische. Sie haben schon jetzt so viele Erinnerungen. Das finde ich toll. Jörg und ich werden auch wieder aufbrechen, wenn sich die Chance ergibt.“ ---
Tino Bahr, Foto: Thekla Ehling
Bianca Moberg, Foto: Michael Hudler