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Douglas R. Holmes im Interview

Zentralbanken bewegen die Märkte und entscheiden über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften. Daher sind Wechsel an ihrer Spitze heikel. Wie sie eingefädelt werden, hat der Anthropologe Douglas R. Holmes untersucht.





brand eins: Herr Holmes, Zentralbanker bestimmen über das Wohl von Millionen Menschen. Wie gefährlich ist es, sie während einer Krise auszutauschen, wie es 2011 die Europäische Zentralbank (EZB) getan hat und dieses Jahr die Bank of England und die Federal Reserve?

Douglas R. Holmes: Das ist in der Tat heikel. Aber sowohl bei der EZB 2011, als Mario Draghi Jean-Claude Trichet ersetzt hat, als auch bei der Bank of England, wo Sir Mervyn King abtrat und Mark Carney kam, ist die Sache sehr gut ausgegangen. Das liegt auch daran, dass Zentralbanken sehr starke Institutionen sind. Die Verantwortlichen dort wollen bei einem Wechsel an der Spitze Überraschungen vermeiden. Wenn es um ihr Geld geht, wollen die Bürger, die Unternehmer, die Akteure an den Finanzmärkten wissen, dass sie vertrauen können. Denn sie müssen vorausplanen und wollen Verlässlichkeit. Deshalb wurde in den USA auch Janet Yellen neue Fed-Chefin und nicht Lawrence Summers. Intellektuell ist Summers Yellen sicherlich ebenbürtig. Aber sie steht für das Vertraute. Sie ist Vizepräsidentin der Fed, arbeitet mit dem ausscheidenden Chef Ben Bernanke zusammen, sitzt im geldpolitischen Komitee, hat Entscheidungen mitgetroffen. Daher ist es vorhersehbar, wie sie als Chefin handeln wird. Auch bei Summers hätte man ziemlich sicher voraussagen können, was er als Fed-Chef tun würde. Aber es gibt eine klitzekleine Unsicherheit. Und das reicht, um nicht Chef zu werden.

Wie wichtig ist der Chef überhaupt? Glauben die Menschen an die Institution? Oder an die Person?

In erster Linie glauben die Menschen an die Institution. Erst dann kommt der Chef einer Zentralbank. Es gibt eine starke institutionelle Kultur, die einen bestimmten Typ Mensch formt. Nehmen Sie Ben Bernanke von der Federal Reserve: Er hat einen außergewöhnlich großen Wissensschatz, er ist hellwach und wusste, wie er der Krise in den USA begegnen musste. Aber das hat auch die Institution aus ihm gemacht. Paul Volcker, der Vorgänger von Alan Greenspan auf diesem Posten, ist das Gegenbeispiel. Er war eine besondere Führungsfigur. Es ist ihm damals gelungen, mit der Hochzinspolitik die Inflation in den Griff zu kriegen. Das war auch eine Führungsfrage.

Also ist es doch nicht ganz egal, wen man zum Chef der Notenbank macht?

Ich würde sagen, dass die institutionelle Kultur sehr stark ist. Aber ich würde auch sagen, dass man es sich gut überlegen muss, wen man auf einen solchen Posten setzt. Es kommt darauf an, was für eine Führungspersönlichkeit man sucht.

War Mario Draghi der richtige Mann, um Jean-Claude Trichet an der Spitze der EZB abzulösen?

Ganz gewiss. Er ist eine besondere Figur. Er kann Dinge tun, die seine Vorgänger nicht so leicht hätten tun können. Das liegt an seiner Geschichte …

… weil er beide Seiten kennt: die Welt der Privatbanken bei Goldman Sachs, wo er unter anderem Vizepräsident war, und den öffentlichen Dienst als Gouverneur der Italienischen Notenbank?

Während der Neunzigerjahre war er Direktor im Finanzministerium in Italien und in dieser Funktion Vorsitzender der Kommission, die das italienische Steuer- und Unternehmensrecht reformiert hat. Ohne diese Arbeit würde Italien heute noch schlechter dastehen. Er wusste, welche Risiken Italien drohten. Ich glaube, er hatte keine Illusionen darüber, wie die Banken in Europa dastehen. Daher war er in der Lage, die Krise zu verstehen, und wusste, was zu tun war. Er hatte erkannt, dass man bei der EZB einige Dinge neu justieren musste. Im Vertrag von Maastricht über die Europäische Union wurde die EZB nach dem Vorbild der Bundesbank modelliert. Das hat viele Jahre lang gut funktioniert. Aber in der Krise kamen Probleme auf – etwa die Staatsschuldenkrise, die Schwierigkeiten auf dem Interbankenmarkt, die Depression in einigen Ländern – mit denen die Bundesbank kaum Erfahrungen hatte. So bot ein neuer Mann auf dem Posten auch die Möglichkeit, einige Dinge zu verändern. Und das hat er getan.

Douglas R. Holmes ist Professor für Anthropologie an der State University of New York. Er beschäftigt sich mit dem Landleben in Italien und den Zentralbanken.
Dieser Tage erscheint sein Buch: Economy of Words – Communicative Imperatives in Central Banks (University of Chicago Press)

Lawrence Summers kündigte vor wenigen Wochen in einem Brief an, dass er nicht mehr für den Vorsitz der Fed kandidieren werde, und machte so den Weg frei für Janet Yellen. Axel Weber trat 2011 als Chef der Bundesbank zurück, und Mario Draghi konnte Präsident der EZB werden. Warum geht es bei Trennungen und Neubesetzungen von Zentralbankposten meist zivilisiert zu?

Vielleicht weil es ein Job ist, bei dem man sich immer fragt: Warum habe ich mir das angetan? Die Verantwortung ist enorm. Aber es sind eben sehr zivilisierte Institutionen. Für meine Forschungen habe ich bei der Bundesbank mit Jens Ulbrich, dem Leiter des Zentralbereichs Volkswirtschaft, gesprochen, ich habe gesprochen mit Vertretern der EZB, der Bank of England, der Federal Reserve. Überall bin ich auf Leute gestoßen, die ihre Aufgabe sehr ernst genommen und sich als Staatsdiener im Wortsinne verstanden haben. Was mich während der Finanzkrise momentan sehr beeindruckt, ist, mit welcher Sicherheit die Notenbanken agieren. Nur den Konflikt zwischen der Bundesbank und der EZB wird man vielleicht erst in einigen Jahren richtig verstehen können.

Anders als früher stehen Zentralbanker heute stark unter Beobachtung. Im deutschen Bundestagswahlkampf mischten sich Parteien in die Geldpolitik ein, die ja laut Lehrbuch Sache der unabhängigen Zentralbank sein sollte. Muss jemand, der heute eine solche Institution leitet, andere Fähigkeiten mitbringen als früher?

Eine Kollegin, auch eine Anthropologin, berichtete kürzlich von einer Forschungsreise nach Irland. Sie erzählte, dass sie irgendwo auf dem Land in einen Pub ging und den Gästen zuhören wollte. Und worüber wurde diskutiert? Über die Maßnahmen der EZB. Früher kannte man oft noch nicht mal den Namen des Präsidenten einer solchen Bank, geschweige denn hat man ihre Entscheidungen verfolgt. Heute hingegen werden Debatten über Mario Draghi oder Ben Bernanke geführt. Und in der Tat sind wir in einer Zeit, in der Zentralbanken mehr Aufgaben auf sich laden müssen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten vor der Finanzkrise haben sie versucht, sich als extrem unabhängig zu präsentieren. Aber heute reicht es eben nicht mehr, nur auf die Inflationsrate zu achten. Und so kommt es, dass die Entscheidungen in der Presse kommentiert und manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht kritisiert werden.

Was muss ein guter Zentralbankchef mitbringen?

Er muss ein guter Geschichtenerzähler sein.

Wie bitte?

Im Ernst: Er muss ein guter Geschichtenerzähler sein. Mario Draghi zum Beispiel versucht, den Euro zu retten, indem er sich an die europäische Öffentlichkeit richtet. Er sendet Signale aus, die eine von ihm beabsichtigte Stimmung erzeugen. Es ist eine sehr disziplinierte Art des Geschichtenerzählens. Zur Grundlage hat sie die Analysen zur Lage der Volkswirtschaften des Euroraums, des Finanzsystems, des Arbeitsmarktes, der Energiepreise …

Aber gerade wenn man Leuten wie Draghi zuhört, versteht man doch kaum ein Wort.

Das würde ich nicht sagen. Nehmen Sie Draghis berühmten Satz: „Innerhalb unseres Mandates ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird reichen.“ Das ist ein sehr starkes Statement, das jeder verstehen kann. Dadurch leitet man Erwartungen – die der Akteure an den Finanzmärkten, der Unternehmen und der Bürger. Die Glaubwürdigkeit der Bank basiert darauf, überzeugende Geschichten erzählen zu können.

Überzeugende Geschichten? 2011 sagte Draghi in einer Rede: „Die Erfolge in vielen Ländern der Eurozone waren ganz außergewöhnlich.“ Ehrlicherweise muss man doch sagen, dass der Kontinent gegenwärtig nicht gerade eine Region ist, in der Milch und Honig fließen.

Richtig. Aber in allen Krisenländern, sei es Spanien, Portugal oder Griechenland, werden Reformen angegangen. Und es verändern sich die Dinge zum Positiven. Das wird oft übersehen. Daher ist es wichtig, eine Wachstumsgeschichte zu erzählen: Haben wir Informationen darüber, dass es besser wird? Dann müssen wir sie verbreiten. 2012 hat Draghi das zum ersten Mal gemacht. So werden wir alle zu Akteuren der Zentralbankpolitik. Wenn wir generell das Gefühl haben, dass sich die Dinge verbessern, geben wir auch mehr Geld aus und stabilisieren die Wirtschaft. Unser Optimismus wird die emotionale Basis künftiger wirtschaftlicher Aktivität. Die Wachstumsgeschichte der Bank liegt dann unserem Handeln zugrunde.

Vor wenigen Wochen hat Mark Carney an der Spitze der Bank of England Mervyn King ersetzt. Ist er ein guter Geschichtenerzähler?

Auf jeden Fall. Bei der Bank of England hat das Tradition. Sie leitet dadurch die Erwartungen von Bürgern, Unternehmern und Investoren. Tatsächlich wächst Großbritannien jetzt wieder. Und Carney ist für diesen Aufschwung ein guter Mann. Es war sehr clever, Sir Mervyn King durch ihn zu ersetzen. Man dachte wohl, dass man die Trennung dazu nutzen könne, jemanden mit neuen Ideen und anderen Erfahrungen zu bringen. Und diesen Jemand fand man in Carney. Er hat sehr erfolgreich die Notenbank von Kanada geleitet und wurde dort quasi abgeworben.

Wäre es vor zehn Jahren denkbar gewesen, dass ein Kanadier Chef der Bank of England werden würde? In London herrscht nicht gerade ein Mangel an Finanzexperten.

Das wäre in der Tat undenkbar gewesen. Stellen Sie sich einmal vor, die Bundesbank würde einen Kanadier zu ihrem Präsidenten machen! Aber die Bank of England ist sehr offen. Im geldpolitischen Komitee, wo die Entscheidungen getroffen werden, gibt es auch externe Mitglieder. Einer davon ist Donald Kohn, der früher Chefökonom der amerikanischen Federal Reserve war. Die Bank of England wollte sich die Perspektive von anderen Zentralbanken ins Haus holen.

Sie sind Professor für Anthropologie. Wie kamen Sie überhaupt auf das Thema Zentralbanken?

Das sind Institutionen, die unser Leben mitbestimmen. Sie wirken nicht nur auf dem Feld der Ökonomie, sondern auch auf jenem der Alltagskultur. Es lassen sich viele Dinge untersuchen: die Sprache, der Umgang mit Erwartungen, die Probleme der Datenerfassung, die Frage, wo man verlässliche Informationen herkriegt. Das sind wichtige Themen, und trotzdem weiß man in meinem Fach mehr über Erdnussanbau im Amazonas als über Zentralbanken. Und daher habe ich 2001 angefangen, darüber zu forschen. ---