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Peter Thun: Porträt

Es kann ein Schicksal sein, wenn die Mutter eine der bekanntesten Bozener Keramikfiguren erfunden hat. Peter Thun (Foto) hat es angenommen und aus einer Südtiroler Werkstatt ein weltumspannendes Imperium gemacht. Porträt eines Unternehmers.





• Das Einkaufszentrum Galleria Verona Uno in San Giovanni Lupatoto, Region Venetien. Bunte Konsumschau, an jeder Ecke eine Palme. Peter Thun sucht seinen Laden. Aber zuvor muss er noch schnell bei Geox reinschauen. Im Geschäft kein einziger Kunde. Die Firma hat im ersten Halbjahr 2013 fast die Hälfte ihres Umsatzes eingebüßt. Gegenüber der Laden von Swarovski. Auch leer. Die liegen bei 20 Prozent minus. Während der Autofahrt hatte Thun über die Krise gesprochen: „Die Leute kaufen nicht mehr.“

Der 58-Jährige ist ein Mann, der auffällt, ein sportlicher Typ mit markantem Gesicht und silbergrauem Haar. Er federt vorbei an McDonald’s und Intimissi, Unterhosen für den modebewussten Italiener, und sammelt weitere Indizien für seine These: „Das Einzelhandelssterben wird in Italien noch dramatisch werden.“ Dann stoppt er. Späht durch die Glasscheibe. Kiko: Make-up zu niedrigen Preisen. An der Kasse eine Schlange. „Die haben“, sagt er, „einen durchschnittlichen Kassabeleg von unter zehn Euro, planen 80 Läden in China.“ Das Geschäftskonzept, so Thun, stamme übrigens von einem Mailänder Immobilienhändler.

Solche Leute imponieren ihm, solche Geschichten mag er. „Als Unternehmer bist du immer mit Herausforderungen konfrontiert. Zu meinen Aufgaben gehört nicht, stehen zu bleiben, wo ich bin.“ Womit wir bei der Thun S.p.a. wären, seiner Firma, die nicht stehen bleiben kann. Das hat primär mit dem Material zu tun, das ihr Image bestimmt: Keramik. Damit hat sie in Italien eine Markenbekanntheit von 78 Prozent erreicht. Jeder zweite Italiener besitzt eines, jeder dritte mehr als sechs Thun-Produkte. Der Unternehmer sagt: „Jeder kennt uns.“ Das ist gut. „Jeder verbindet uns mit Keramik.“ Nicht so gut. „Als meine Eltern damit anfingen, war das noch was, aber heute …?“

Mit dem Engel fing alles an

Keramik ist der Chic von vorgestern. Es wirkt klobiger und zerbricht leichter als Glas oder Porzellan und ist dafür vergleichsweise teuer, weil aufwendig zu produzieren. Hinzu kommt, dass die Branche, kurz GPK (Glas, Porzellan, Keramik), zu der es zählt, schon bessere Zeiten erlebt hat. Den Hochzeitstisch, einst Garant für solide Umsätze, gibt es kaum noch. Wer schafft sich noch ein 124-teiliges Service an? Gekauft werden heute eher Einzelstücke, Präsente zu besonderen Anlässen. 2012 ging der Umsatz der Thun S.p.a. in Italien um 18 Prozent zurück.

Deshalb sind wir in San Giovanni Lupatoto, sieben Kilometer südöstlich von Verona, und suchen seinen Laden. Dort will Thun zeigen, wie er der Herausforderung begegnet. Wie er mit neuen Produkten den „Markt aufrollen“ will. Nur: Wo ist der Laden? Thun blickt sich um: C&A, Media World, Pasta vom Fernsehkoch Giovanni Rana. Er fragt einen Sicherheitsmann. Der überlegt. „Thun? Ah, gli angeli!“ Der Laden mit den Engeln sei da vorne links.

Otmar Graf von Thun und Hohenstein und Helene Grabmayr von Angerheim begegnen sich 1949 im Büro eines Bozner Architekten. Er, promovierter Jurist, entstammt einem der einflussreichsten Adelsgeschlechter des Trentino und Tirols, das sich auch über Böhmen, Österreich und Süddeutschland ausgebreitet hat. Sie, jung, hübsch, ist die Enkelin eines Bozner Hoteliers, gilt als gescheit, beliebt und wird von allen Lene genannt.

Was das junge Paar verbindet, ist der Wunsch, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges etwas aufzubauen. Er hat Keramikschulen in Umbrien und Perugia besucht. Sie hat schon als Kind gern gebastelt, gemalt und liebt Keramik. 1950 gründen die beiden eine Werkstatt im Keller von Schloss Klebenstein, wo Lene Thun fortan Tier- und Krippenfiguren, Teller, Tassen und Vasen kreiert, verziert mit Ornamenten wie Herzen, Blumen, Granatäpfeln, Sonnenrädern, Bienen, Marienkäfern.

Eines Abends sitzt sie im Keller und formt einen Engel. Er hat ein pausbäckiges Gesicht, die Augen geschlossen, die Lippen gespitzt, den Kopf leicht in den Nacken gelegt. Er sieht aus, als würde er träumen. Das erdige Material. Die rustikale Gestalt. Die warmen Farben seiner Bemalung. Schwer zu sagen, was seinen Reiz ausmacht. Vielleicht ist es die Melange aus Kitsch und Kunsthandwerk, die heile Welt suggeriert. Jedenfalls wird der Engel zum Verkaufsschlager, schon bald bekannt als Angelo di Bolzano. Bis heute ist der Bozner Engel für Thun, was der Stern für Mercedes ist.

Peter Thun hat seinen Laden gefunden, zwischen Calvin Klein und Wind Infostrada. Er studiert die Auslage, geht rein, überprüft Regale und Tische. Welche Produkte liegen wo? Wie werden sie präsentiert? Und vor allem: Ist das neue Konzept zu erkennen?

Thun hat in den vergangenen Jahren seine Produktpalette vergrößert und neu sortiert. Unter Casa finden sich weiter die klassischen, überwiegend dekorativen Keramikartikel vom Kochlöffelbehälter über die Wanduhr bis zur Stehlampe. Unter Donna neuerdings Damenmode, Schmuck und Accessoires, darunter Handtaschen, Brieftaschen, Schlüsselanhänger. Unter Bimbo Kleidung für Kinder bis 24 Monate, Plüschtiere, Spielsachen. Und unter Momenti werden Artikel zusammengefasst, die sich als Geschenke eignen, natürlich die Engel, aber auch Fotorahmen, Hochzeitsalben, Glückwunschkarten. Die Bomboniera, das Präsent, die kleine Aufmerksamkeit, ist beliebt in Italien.

Wer Thun kauft oder schenkt, ist meist weiblich, Mitte 30, verheiratet, Mutter, Mittelstand. „Die Mamma“, sagt Paolo Denti, Geschäftsführer in der Unternehmenszentrale in Bozen, „ist immer der Chef, sie gestaltet die Wohnung, sie kauft für die Kinder, sie kauft für sich, sie kauft für ihre Eltern, Schwiegereltern und Freundinnen.“ Mit den neuen Produktfamilien, so Denti, „haben wir mehr Möglichkeiten, die Kundin zu erreichen“.

Kein Vorteil ohne Nachteil. „Das Problem ist, unsere Identität, unsere Sprache von Keramik auf Materialien wie Leder, Stoff, Gold, Silber zu übertragen“, sagt Peter Thun. „Wie bewahre ich die Anmutung von Keramik, obwohl ich nicht mehr damit oder nur mit Keramikteilen arbeite? Diese Skills haben wir noch nicht.“ Was sie aber wissen: „Wir dürfen dabei auf keinen Fall unsere DNS verlieren.“

Dieses Erbgut stammt von Lene Thun, die bis 1995 die Produktentwicklung leitete. Ihre Handschrift findet sich fast überall, neben dem Bozner Engel bevölkern immer noch ihre Hündchen, Kätzchen und Häschen in unzähligen Varianten, Größen und Ausdrucksformen die Kataloge. Der Aufschwung der Firma ist das Werk ihres Sohnes Peter. Dank ihm wurde aus einer Keramikwerkstatt mit 35 Mitarbeitern ein Unternehmen mit 172 Millionen Euro Umsatz, mehr als 2000 Mitarbeitern und 1700 Verkaufsstellen in Europa und Asien. 1100 Läden beliefert Thun allein in Italien. Es gibt jährlich zwei Kollektionen mit jeweils 2300 Artikeln, wobei jeweils 800 neu entworfen werden, darunter zahlreiche Sondereditionen für den Thun Club mit 100 000 Mitgliedern.

Peter Thun ist ein wildes Kind. Mit zwölf bestreitet er sein erstes Motorradrennen, mit 16 sein erstes Autorennen. Zusammen mit seinem älteren Bruder Matteo gehört er zu Europas ersten Drachenfliegern. Thun studiert Wirtschaft. Drei Prüfungen vor seinem Diplom hört er auf. Keine Lust mehr. „Ich wusste, ich würde dieses Wissen nie benutzen, und nicht angewandtes Wissen macht unglücklich.“ Mit 19 gründet er seine erste Firma. Sie heißt It’s Time to Fly und vermietet Drachenflieger, die mit Werbebotschaften bei Events eingesetzt werden. Seine Bekanntheit als italienischer Meister verschafft ihm die nötige PR. Er ist 21, als er von einem neuen amerikanischen Freizeitsport erfährt und Thun’s Racer gründet, das Skateboards und die dazugehörige Schutzkleidung produziert.

1978 übernimmt Thun den elterlichen Betrieb. Er ist 23. „Mein Bruder und ich haben uns immer geschworen, etwas Eigenes zu machen.“ In einem Familienbetrieb, sagt Thun, „kriegst du als Kind alles mit, die finanziellen Probleme, wie schwer man kämpfen muss, über alles wird ständig gesprochen. Ich habe immer bewundert, wie meine Mami nach einem harten Arbeitstag nachts im Atelier sitzen und modellieren konnte.“ Warum er es dennoch gemacht hat, kann er nicht schlüssig beantworten. Matteo Thun ist inzwischen Doktor der Architektur und auf dem Weg, einer der renommiertesten Designer seiner Generation zu werden. Einer musste es machen? Nein, sagt Thun, seine Eltern hätten ihn nicht beeinflusst: „Meine Eltern haben mir immer alle Freiheiten gelassen.“

„So sind die Leute hier“, sagt Josef Negri, Direktor des Südtiroler Unternehmerverbandes. „Man fühlt sich dem Familienerbe verpflichtet, und dann geht man aber auch offen und innovativ damit um.“ Peter Thun stehe „stellvertretend für den Unternehmergeist der Region“. Trotz nur einer halben Million Einwohner stellt Südtirol eine Reihe international erfolgreicher Firmen wie Leitner (Seilbahnen), Dr. Schär (glutenfreie Lebensmittel) oder Technoalpin (Schneekanonen). Die Produktivität der Region ist laut Negri höher als die Deutschlands. Er erklärt es unter anderem mit der Mentalität des Südtirolers, der sei „leistungsorientiert, hartnäckig und scheut sich nicht davor, Grenzen zu überschreiten“.

Auch die Chinesen mögen Kitsch

Nachdem er die Geschäfte übernommen hat, erkennt Thun schnell das Potenzial der Firma. „Ich hatte den Markt, was mir fehlte, waren die Kapazitäten.“ Südtirol ist klein. Hohe Berge, tiefe Täler. Nur ein Sechstel der Fläche kann erschlossen werden. Also verlagert der neue Chef die Produktion in die Poebene und baut Logistikzentren in der Nähe von Mantua auf. Die Umsätze wachsen rasant. Immer häufiger kommen Briefe von Kunden („Ihre Engel helfen mir in Zeiten der Not“), Einladungen zu Hochzeiten, Fotos von Babys mit Thun-Figuren in der Wiege. Ein Häftling schickt Lene Thun Geld und bittet, sie möge seiner Mutter doch einen Engel zu Weihnachten senden. 1998 gründen Mutter und Sohn den Thun Club, für den neben den Sondereditionen ein Magazin namens »Mondo Thun« herausgegeben wird und regelmäßig Feste veranstaltet werden.

Aus der Keramikwerkstatt ist ein mittelständisches Unternehmen geworden. Eine neue Geschäftszentrale muss her. Allerdings nicht irgendeine. 2002 wird das von Bruder Matteo konzipierte Thuniversum eröffnet: Bürogebäude, Flagship Store, Restaurant, Café. Im Mittelpunkt des Komplexes ein kreisrunder Saal, an dessen Wand ein Südtiroler Bergpanorama projiziert wird. Steinerne Monstranz. Langsam gleitet die Kamera über den Fels nach oben in den blauen Himmel. In dem schließlich ein Engel erscheint. Inzwischen kommen 300 000 Besucher jährlich, an Weihnachten sind es bis zu 70 Omnibusse täglich. Junge Männer knien im Thuniversum vor ihren Begleiterinnen und machen Heiratsanträge zum Barcley-James-Harvest-Song „Hymn“: Valley’s deep and the mountains so high …

Gleich daneben sind Schaukästen in die Wand eingelassen. Auf Knopfdruck laufen Videos an, in denen Lene Thun die vielen Arbeitsschritte bei der Entstehung eines Keramikengels erklärt. Vom Modell aus Ton über die Herstellung der Gussform, das Füllen der Gussform, das Glätten, Nachbearbeiten, Retouchieren des Gusses, das Bemalen, Brennen, Lackieren des Endproduktes. Das meiste ist Handarbeit.

Der wachsende Erfolg schafft die nächste Herausforderung: ausufernde Kosten. Zunächst sucht Thun in Osteuropa nach billigeren Produktionsmöglichkeiten. Doch die Bürokratie, apathische Arbeiter und träge Fabrikleiter, die absurde Kostenrechnungen vorlegen, schrecken ihn ab. Daraufhin orientiert er sich in Richtung China. 1993 gründet er dort eine rein ausländische Kapitalgesellschaft und ist damit einer der Ersten. In der Provinz Fujian lässt er eine Fabrik bauen, die neun Monate nach der Zuweisung des Grundstücks die Produktion aufnimmt. Die Lohnkosten liegen im Vergleich zu Europa bei 1 zu 20.

„In Südtirol geboren, in Italien aufgewachsen, durch die Globalisierung groß geworden“, sagt Thun heute über sein Unternehmen. Paolo Denti wusste nicht viel darüber, als er 2008 als Geschäftsführer dort anfing. „Ich kannte den Namen, den Engel, einige andere Produkte, aber was für eine Firma das genau war – keine Ahnung.“ Denti kam von Benetton, wo er für die Sportmarken Prince und Nordica in den USA zuständig war. „Am meisten“, so Denti, „hat mich die Dimension überrascht.“ Der Generaldirektor der Südtiroler Volksbank, Johannes Schneebacher, sagt dazu: „Man fragt sich tatsächlich, wie man mit einem Batzen Dreck – was anderes ist Keramik ja nicht – so viel Geld verdienen kann.“

Denti soll dafür sorgen, dass das so weitergeht. In den vergangenen Jahren wurde viel Geld investiert in den Aufbau eigener Ladengeschäfte und die Ausbildung des Verkaufspersonals inklusive E-Learning, hausintern Thuniversity genannt. Ob es allerdings ausreicht, künftig eine breitere Produktpalette anzubieten als die Konkurrenz? Vor allem in Europa, wo die Vitrinen längst voll sind. „Europa“, sagt Denti, „ist nicht unser vorrangiges Ziel. Wenn ich mir einen Markt erschließe, dann einen, der generell wächst. Unser neues Firmenkonzept passt beispielsweise eher zu Märkten wie Brasilien oder die Türkei.“ Und zu Asien. 15 Läden in China gibt es bereits, 30 weitere sind in Planung, auch in Japan und Korea ist man schon präsent.

Auch Alessio Longhini wusste wenig über die Firma, bevor er 2009 vom Reifenhersteller Pirelli kam. Heute leitet er das neue Logistikzentrum bei Mantua. 144 000 Quadratmeter, 36 000 davon überdacht. 60 000 bis 70 000 Artikel werden täglich von hier aus verschickt. Weil die Anlage eine weit höhere Kapazität hat, arbeitet man auch für Coca-Cola, Weinkellereien, die italienische Post. Der Betrieb ist an einen 500 Meter entfernten Binnenhafen angeschlossen. Die Ware kommt über den Canale Bianco, der parallel zum Po verläuft, beim Wassertransport entstehen 50 Prozent weniger Emissionen als auf der Straße. Mit einer Reederei in Triest bietet Thun über Mantua neuerdings weltweite Warenlieferungen an, die Kooperation firmiert unter Door2Green.

Der Chef ist schnell. Und hartnäckig

54 Millionen Euro wurden in das Logistikzentrum investiert, an das ein zweiter Flagship Store angeschlossen ist und das schon von Weitem an einer 700 Meter langen rostrotbraunen Mauer aus Ton zu erkennen ist. Thun sagt: „Wir wollten diese massive Investition auch kommunikationstechnisch nutzen.“ Die Idee kam vom Architekten, also vom Bruder.

Raus aus Südtirol. Rein nach China. Der Aufbau eigener Ladengeschäfte. Das Logistikzentrum. Jetzt die neuen Produktfamilien, die verstärkt beworben werden. Außer dem Engel ist nicht mehr viel, wie es war. Petra Bertagnoll, Thuns Assistentin, sagt: „Bei uns ist permanenter Wandel.“ Francesca Russo, Produktmanagerin, sagt: „Zu den 800 neuen Artikeln pro Kollektion entwickeln wir ein Drittel mehr Ideen, die das Licht nicht sehen.“ Was dazu führe, dass sie stets „on the run“ sei. Und was sagt der Chef dazu? Thun sagt: „Als durchschnittlicher Unternehmer kommt man heute nicht mehr weit, nicht in unserem aggressiven Markt, nicht in unserer schnelllebigen Zeit.“

Bei der Weltmeisterschaft der Drachenflieger lag Thun zwischenzeitlich weit in Führung. Am Ende wurde er Fünfter. Aus Verärgerung nahm er danach nie wieder an einem Wettkampf teil. Obwohl seine Fabrik in Fujian Brandstiftung zum Opfer fällt, gibt er den Standort nicht auf. Auch nicht, als ein Zulieferer sagt, entweder seine Firma verschwinde oder er. Thun verbringt mehrere Monate im Jahr in China, arbeitet bis zu 16 Stunden täglich. Thun: „China aufzubauen war reiner Wille.“ Und Grenzen überschreiten hat bei einem wie Thun nicht nur eine Bedeutung. Seine Frau sagte einmal: „Die Thuns machen alles in einem irrsinnigen Tempo, daran musste ich mich erst gewöhnen.“

Noch betreibt Thun zwei Fabriken in China, beide in der Region um Peking. Dass eine dritte hinzukommt, ist unwahrscheinlich. Ihn störe der rücksichtslose Umgang mit Mensch und Umwelt. Die zunehmende Unsicherheit in der Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden und Geschäftspartnern. Die nebulöse Rechtsprechung. Die bürokratische Willkür, die ausländischen Investoren ohne Vorwarnung Sonderausgaben auferlege.

„Ich traue den Chinesen nicht mehr“, sagt Thun, „sie haben keinen Bedarf mehr an Know-how oder Kapital, sie wollen totale Kontrolle. Ich rate inzwischen von China ab, ich würde dort nie ein Joint Venture mit einem einheimischen Partner eingehen, das macht es am Anfang leichter, aber am Ende zahlt man alles mit Zins und Zinseszins zurück.“

Ein Großteil der Produktion wurde bereits nach Vietnam verlagert. Dort begegne man westlichen Ausländern offener. Fabrik und Personal least Thun von einer taiwanesischen Firma. 1000 vietnamesische Arbeiter kosten jährlich drei Millionen Euro weniger als 1000 Chinesen. Produziert wird aber auch in Slowenien, Bulgarien und Rumänien. In Rumänien betreibt Thun zudem Europas größte Anguszucht mit 2300 Mutterkühen. In Ungarn Ackerbau. Und er ist an einem Wasserkraftwerk bei Brixen beteiligt; dort wurden 26 Millionen Euro in modernste Turbinen investiert. Wer hinter all dem die Strategie vermisst, dem sagt er: „Man muss auch aus Intuition entscheiden, wenn man alles rational machen könnte, bräuchte man keine Unternehmer.“

Noch mal Bozen, Thuniversum, der Flagship Store. Gleich hinter Regalen mit Thun-Engeln, die Emily, Melanie oder Raphaela heißen – das Modell Valerie ist einen halben Meter hoch, eignet sich als Kerzenständer und kostet 415 Euro – hat Petra Pichler ihr Büro. Denti hatte gesagt, bei ihm zu Hause stehe kein Produkt seines Arbeitgebers. Longhini hatte gequält gelächelt. Pichler, groß, schlank, schulterlanges Haar, echauffiert sich hingegen, als sei die Frage unanständig: „Wir hatten schon immer Thun im Haus, wir sind sechs Schwestern, für jede gab es zur Geburt einen Engel, und meine Mutter hat noch etliches mehr.“ Und sie versichert glaubhaft, dass sie die Handtaschen aus der neuen Donna-Kollektion toll finde und mehrere Schmuckstücke besitze und benutze. Die Halskette mit dem Herz aus Keramik habe sie schon mehrmals an Freundinnen verschenkt.

Die Halskette ist eine Sonderedition für die gemeinnützige Stiftung Gräfin Lene Thun Onlus, die Pichler leitet. Es war der ausdrückliche Wunsch des Chefs, den Termin wahrzunehmen. Na ja, denkt man, die übliche Nummer. Soziale Verantwortung. Wir denken nicht nur an Profite, wir tun Gutes. Machen alle. Wer Pichler das so erzählt, kann was erleben. Schon referiert sie. 90 Projekte vergangenes Jahr. 1500 Teilnehmer. Junge Mädchen und Frauen in Burkina Faso, die durch einen Keramik-Workshop nun in der Lage seien, Geld zu verdienen. Jugendliche in Bolivien, die über die Stiftung eine eigene Keramikschule aufbauen konnten. Pichler spricht über die therapeutischen, heilpädagogischen Aspekte der Arbeit mit Ton bei Krebskranken, Behinderten, Senioren oder Strafgefangenen. Sogar in Kunstausstellungen hätten es die Objekte der Stiftung schon geschafft. Ihr Büro ist voll davon. Schöne Sachen, wirklich.

In der Heimat machte er sich nicht nur Freunde

Wer Pichler besucht, geht nicht ohne ein Buch über die 2004 verstorbene „Gräfin der Engel“, an deren Leben und Wirken die Stiftung erinnern soll. Das Buch besteht aus sehr privaten Fotografien, ein wenig PR-Material und Erzählungen von Familienmitgliedern, Schulkameraden, Mitarbeitern. Tenor: eine bescheidene, fleißige, fröhliche Frau, die die Natur liebte, gern auf Berge kraxelte und Ski fuhr. Die gotische Fresken mochte, sich dem Südtiroler Handwerk verbunden fühlte mit seinen Holzschnitzereien und Bauernaltären samt pausbäckigen Barockengeln. „Ich wünsche mir“, hat sie einmal gesagt, „dass meine Figuren, in denen meine ganze Liebe steckt, den Weg in viele Herzen finden.“

Die häufigsten Antworten auf die Frage, warum jemand Thun kauft? Erstens: „Es gibt mir ein gutes Gefühl“; zweitens: „Es bringt mich zurück in meine Kindheit.“

Wer heile Welt verkauft, muss nicht notwendigerweise in einer leben. Der Unternehmer hat sich mit der Auslagerung der Produktion aus Südtirol nicht überall beliebt gemacht. 2009 monierte der Sozialtisch Südtirol, ein Netzwerk aus Vertretern der Sozialpolitik und Gewerkschaften, Thun habe zwar das Ansehen der Region weltweit gefördert, über die Jahre dafür aber mehr als 100 Arbeiter und Angestellte entlassen. Wenig später versagte ihm die lokale Politik die Unterstützung für sein Projekt Thun City. Auf dem Virgl, einem kleinen Berg südlich von Bozen, der nur durch eine Seilbahn zu erreichen ist, plante er – wieder in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Matteo – einen neuen Firmensitz mit Thuniversum, öffentlichen Einrichtungen für Freizeit, Sport und Kultur, dazu ein archäologisches Museum, Hotel, Tagungszentrum, Büros und ein Denkmal für den sagenumwobenen Dolomitenkönig Laurin. Laut Thun hätten sich die Gemeindevertreter nicht gegen die „grüne Opposition“ durchsetzen können.

Erst kürzlich geriet er erneut in die Schlagzeilen, nachdem wegen der jüngsten Umsatzeinbußen 22 der in Bozen verbliebenen 181 Mitarbeiter entlassen werden sollten. „Es ist richtig“, sagt Thun, „dass wir in Europa Stellen abgebaut und nach China verlagert haben, dasselbe findet heute statt, da wir China größtenteils verlassen und nach Vietnam gehen. Fest steht: Wenn wir nicht schnell genug handeln, überrollt uns die Globalisierung, ob wir wollen oder nicht.“

Was bedeutet es ihm, dass er Italiens Unternehmer des Jahres war?

„Einer meiner Vorgänger sitzt inzwischen im Gefängnis, das beantwortet die Frage.“

Im Mai hat er eine Einladung von Präsident Napoletano, der jedes Jahr einen Ehrenpreis an 26 verdienstvolle Bürger verleiht, abgesagt.

„Von so einer korrupten Mannschaft wie der römischen Politik will ich nicht geehrt werden. Wichtig ist für mich, dass ich über 40 Jahre konsequent meinen Weg gegangen bin und dabei menschlich in Ordnung und finanziell unabhängig geblieben bin.“

Dazu passt, dass die Gesellschaft Eisackwerk, das Wasserkraftwerk bei Brixen, an dem Thun beteiligt ist, der Südtiroler Landesregierung gedroht hat, Klage einzureichen. Seit geraumer Zeit kursieren Gerüchte um Korruption und persönliche Bereicherung durch Politiker bei der Privatisierung öffentlicher Wasserkraftwerke.

Von San Giovanni Lupatoto nach Verona. Thun schlägt vor, eine Pause zu machen und auf der Piazza delle Erbe, dem Kräutermarkt, etwas zu trinken. Weil es dort schön ist. Weil er gern Leute beobachtet. Im Straßencafé erzählt er, dass er seinen Kindern gesagt habe, sie bekämen drei Jahre Universität bezahlt, und dann müssten sie selbst klarkommen: „Wer etwas erreichen will, muss hinaus in die Welt, da muss Hunger sein.“ Die Tochter, 26, arbeitet inzwischen bei Kraft Foods in Mailand, der Sohn, 24, betreibt E-Commerce in Hongkong. Er, sagt Thun, freue sich, dass die Kinder Interesse am Unternehmen zeigten. Aber er würde sie zunächst lediglich als Mitarbeiter einstellen, mit Denti als Vorgesetztem. Durch eine Stiftung, in die er das Unternehmen eingebracht hat, hätten sie „bis zu einem bestimmten Punkt auch keinen Zugriff auf das Vermögen des Unternehmens“.

Er hat viele Ideen. Und Sinn für Details

Vom Kräutermarkt sind es nur ein paar Schritte. Am Corso Porta Borsari, Hausnummer 57, hat Peter Thun einen Laden. Den will er sich noch schnell anschauen. Das Geschäft befindet sich in einem sehr alten Haus. Die Fassade verrußt, das Mauerwerk brüchig. Thun geht hinein. Plaudert freundlich mit der Leiterin des Ladens. Drapiert hier ein Sofakissen neu, dort eine Handtasche, um sie ansprechender zu platzieren.

Als er wieder draußen ist, moniert er, dass die drei Produktfamilien nicht getrennt präsentiert würden, obwohl der Laden doch über drei Räume verfüge. Und dass ein Radio lief, in dem die Nachrichten übertragen wurden. „Vivaldi würde passen, aber doch keine Nachrichten.“ Thun macht sich Notizen und sinniert laut über seine Idee für die Sparte Momenti. „Ein ‚Herz der Woche‘, ein Zuckerl für den Konsumenten, das ihn kontinuierlicher an uns bindet.“

Auf dem Weg zum Parkplatz, wo der Fahrer wartet, entdeckt er das Schaufenster von Petit Bateau. Kindersachen aus Frankreich, 400 Shops in 60 Ländern. Gefällt ihm sehr. Thun macht Fotos mit seinem Mobiltelefon. Das macht er auch von der Auslage bei Fabriano. „Die haben als Papierfabrik begonnen“, erzählt Thun, „machen immer noch das Papier für den Euro, aber an Fabriano kann man sehen, dass man funktionale Ideen braucht, gerade in der Krise.“ Kunterbunte Auslage. Schmuckkuverts, Buntstifte, hochwertige Notizbücher. „Vielleicht“, sagt er, „können wir das thunisch umsetzen.“

Im Wagen schickt er seine Aufzeichnungen des Tages und die Fotos per Mail an die Produktentwicklung. Unterschrieben mit Grüßen von Peter. Sonst nichts. Wieso hat er keinen Titel? Thun blickt ein wenig ratlos. Das Gesicht des ersten Bozner Engels hat seine Mutter nach dem ihres schlafenden Sohnes Peter modelliert. Thun sagt: „Ich brauche keinen Titel.“ ---