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Gregor MacGregor

Mit der richtigen Story verkaufen sich sogar Anleihen von Staaten, die es nicht gibt. Wie im Herbst 1823, als General Sir Gregor MacGregor gierige Anleger hinters Licht führte.





• Wer würde da nicht an das Paradies denken? Ein Land größer als Wales, das Klima mild, die Böden fruchtbar, die Wälder voll wertvoller Hölzer. In der Hauptstadt Saint Joseph gebe es breite Boulevards, überdachte Kolonnaden und eine große Kathedrale. „Ein freies und unabhängiges Land, gelegen an den Bergen der Bucht von Honduras, drei Tage mit dem Schiff von Jamaika entfernt, 30 Stunden von der britischen Ansiedlung Belize und acht Tage von New Orleans“, hieß es in einer Broschüre, die das Wappen der Regierung zierte. Allein der Name war den wenigsten Menschen bis dahin bekannt: Poyais.

General Sir Gregor MacGregor, der Prinz von Poyais, war nach London gekommen, weil er große Pläne hatte. König George Frederic Augustus I. vom Stamm der Mosquito Shore and Nation habe ihm Poyais übertragen, nun brauche er Kredit und Helfer, um es zu entwickeln.

Es war das Jahr 1823, und die Welt veränderte sich. Napoleon war geschlagen, die Wirtschaft Großbritanniens expandierte, die Löhne der Arbeiter waren hoch und die Zinsen für britische Staatsanleihen niedrig. Für die Bankiers der Londoner City war Letzteres keine gute Nachricht.

Zwischen 1800 und 1825 war die Zinsrate für Schuldtitel der Regierung auf drei Prozent gefallen. Solch geringe Renditen machten die Bankiers leichtsinnig, der Aufschwung machte sie übermütig. Also investierten sie in Papiere von Russland, Preußen und Dänemark, Länder, die als verlässliche Schuldner galten und eine Rendite von fünf Prozent versprachen.

Doch gab es noch lukrativere Gelegenheiten: Lateinamerika. Eine Kolonie nach der anderen erklärte ihre Unabhängigkeit von Spanien, es entstanden neue Staaten, und die brauchten Kredit, um eine Verwaltung aufzubauen und Rohstoffe zu gewinnen. Die auf den Schuldscheinen versprochenen Zinsen waren deutlich höher als bei anderen Anlagen. Auf mexikanische Staatspapiere wurde eine Rendite von sechs Prozent bezahlt – doppelt so viel wie für britische Schatzbriefe. Schnell waren die Investoren am Royal Exchange vom Fieber erfasst, die Regierungen Südamerikas sammelten dort zwischen 1822 und 1825 insgesamt mehr als 20 Millionen Pfund ein (siehe Kasten).

Für General Sir Gregor MacGregor war das die Chance. Er konnte viel von der neuen Welt erzählen. MacGregor war am 24. Dezember 1786 in Schottland geboren worden. Sein Vater war Kapitän der East India Company, und auch der Sohn war ein Abenteurer. Im Alter von 16 Jahren trat er der britischen Armee bei, schon ein Jahr später wurde er zum Leutnant befördert.

Als er 1811 von den Unabhängigkeitskämpfen in Lateinamerika erfuhr, verkaufte er sein Gut in Schottland und schiffte sich nach Venezuela ein. Dort schloss er sich den Truppen Simón Bolívars an, verteidigte die belagerte Festung Cartagena und eroberte die vor Florida gelegene Insel Amelia von den Spaniern.

Die Abenteuer bescherten ihm Ruhm und Ansehen, was ihm bei der Suche nach Investoren für Poyais gelegen kam. Selbst der frühere Londoner Bürgermeister Sir John Perring setzte sich für MacGregor ein und half Geldgeber zu finden.

Im Oktober 1822 war es so weit. General Sir Gregor MacGregor, der Prinz von Poyais, bot den Bankiers von London eine Staatsanleihe über 160 000 Pfund an. Das Papier war aufwendig gestaltet. Die versprochenen Zinsen betrugen sechs Pro­zent, so viel zahlten auch Peru, Chile oder Kolumbien. Doch die konnten Steuereinnahmen nachweisen und die Anleihe damit besichern. MacGregor hingegen hatte nur seine Erzählungen. Poyais sei so reich an natürlichen Schätzen, dass die Exportsteuern problemlos die Zinszahlungen decken würden, versicherte er.

Wer schwindelt, kriegt mehr

Wenige sahen die Dinge so klar, wie der Oberst Michael Rafter, der mit MacGregor in Venezuela gekämpft hatte. Er schrieb, der frühere Kamerad sei „süchtig nach dem Vergnügen am Spieltisch“. Und tatsächlich liebte MacGregor Partys und Zigarren. Doch seine Geschichten verliehen ihm eine Aura, der viele Investoren erlagen.

Ohne mit der Wimper zu zucken, zeichneten sie die Anleihe eines Staates, den es nicht gab, verkauft von einem selbst ernannten Sir mit einem erfundenen Prinzentitel. Es gelang ihm sogar, weitere 40 000 Pfund einzusammeln, und er brachte es auf insgesamt 200 000 Pfund, mehr als die 163 000 Pfund, welche die real existierende Konföderation zentralamerikanischer Staaten damals auftreiben konnte.

MacGregor beließ es nicht bei dem Geldschwindel. In Schottland und London rekrutierte er 250 Auswanderer, die für ein Grundstück in Poyais ihr Hab und Gut verkauften. Sie stachen 1822 auf zwei Schiffen in See.

An Bord waren Arbeiter, Farmer, ein Bankangestellter, dem der Posten des Präsidenten der Zentralbank versprochen wurde, ein Theaterregisseur, der es kaum erwarten konnte, das Opernhaus von Saint Joseph zu sehen, und zwei Ärzte.

Es war für die Auswanderer ein gewaltiger Schock, als sie an der Mündung des Río Negro an Land gingen und feststellen mussten, dass es Poyais überhaupt nicht gab. Es existierten auch keine Hauptstadt, keine Boulevards, keine Kathedrale und erst recht kein Opernhaus. Sie waren betrogen worden und auf sich allein gestellt. Mit den wenigen Mitteln, die sie hatten, bauten sie ein Camp. Aber Gelbfieber, Malaria und Unterernährung setzten ihnen zu. Im Mai 1823 kam ein Schiff, um die Siedler nach Belize zu retten, zwei Drittel von ihnen überlebten das Abenteuer nicht.

Als die Investoren in London davon erfuhren, zog MacGregor, der immer in Großbritannien geblieben war, nach Frankreich – wo er noch einmal von vorn anfing. Auch dort suchte er Investoren und Siedler für Poyais und fand 60 Franzosen, die ihr Land verlassen wollten. Aber als sie in Paris Reisepässe beantragten, prüften die Behörden, was das Ziel sein sollte, und stellten fest: Es gibt Poyais nicht. MacGregor landete im Gefängnis.

Es blieb ein kurzer und sein einziger Aufenthalt hinter Gittern. Bemerkenswerterweise hatte ihn die Polizei von Belize in einer Untersuchung bereits von jeglicher Schuld für das Einwanderer-Drama freigesprochen. Er wurde auch nie wegen seiner Anleihen-Gaunerei in London angeklagt.

Als er wieder freikam, war er hoch verschuldet und versuchte noch einmal, Anleihen eines fiktiven Staates zu verkaufen. 800 000 Pfund wollte er 1826 kassieren. Doch in der Londoner City hatte man genug von Investments in Lateinamerika. Zudem war MacGregors Ruf ruiniert.

Schließlich zog er nach Venezuela, wo ihm sein letzter Streich gelang: Er überzeugte die dortige Regierung davon, ihm die einem General zustehende Rente zu bezahlen, für seine „heldenhafte Teilnahme“ am Kampf für die Unabhängigkeit des Landes. ---
Anleihen, die von jungen lateinamerikanischen Staaten in London zwischen 1822 und 1825 begeben wurden, in Pfund

Argentinien (Buenos Aires): 3.200.000
Brasilien: 1.000.000
Zentralamerika: 163.000
Groß-Kolumbien (Kolumbien, Ecuador, Venezuela): 6.750.000
Mexiko: 6.400.000
Peru: 1.816.000
Poyais: 200.000

Quelle: Marichal (1989); Rogoff/Reinhart (2009)