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Bis es wehtut

Wir können alles archivieren. Das hat uns die Digitalisierung versprochen. Aber in Wahrheit erzieht sie uns zum Abschiednehmen.





• Zwei Balken, ein eckiger Ball auf dem Fernseher. Ping, pong, ping, pong. Grundig nannte es Tennis. Damit ging ein regnerischer Samstagnachmittag genauso schnell vorbei wie ein sonniger auf dem Fußballplatz.

<p>Er tat weh. Der erste Abschied von einer digitalen Gerätschaft. Es muss 1982 oder 1983 gewesen sein. Ich war elf oder zwölf. Meine Eltern kauften einen Philips-Fernseher, weil der alte von Grundig seinen Geist aufgegeben hatte. Der neue hatte keines jener seltsamen Schubfächer, in dem man die Fernbedienung, Tele-Pilot genannt, verstauen konnte. Das Fach für den Tele-Piloten war zugleich die Docking-Station für das „Telespiel 1“ gewesen. Also für jene erste deutsche Spielkonsole, mit der Grundig den Computerspiel-Urtyp für Kinder und Jugendliche ins Wohnzimmer geholt hatte.

Und dann stand da also plötzlich jener neue Fernseher mit besserer Bildqualität – aber ohne Schubfach und inkompatibel mit dem Lieblingsspielzeug. Das Telespiel 1 war Elektronikschrott. Allein die vage Aussicht auf einen Commodore 64 linderte den Schmerz.

Der Trennungsschmerz ist sicher nicht vergleichbar. Aber es gibt Freunde mit iPhones, die sagen heute: „Wir vermissen unser iOS 6.“ Das sei kein guter Tag gewesen, als sie aufwachten, das Telefon hochfuhren und mit iOS 7 plötzlich alles ganz anders aussah. Die Freunde sagen auch: „Es ist eigentlich eine Unverschämtheit, dass uns Apple den Weg zurück versperrt.“

Die Digitalisierung versprach, dass wir im digitalen Raum alles für immer aufheben können. Weil wir für unser Hab und Gut keinen größeren Keller brauchen, sondern nur mehr Speicherplatz. Und der wird immer billiger. Fotos, Texte, Musik, digitalisierte Erinnerungen, so das Versprechen, werden für immer bei uns bleiben. Theoretisch ist das möglich. Doch in der Praxis gilt: Die Digitalisierung erzieht uns zur permanenten Trennung.

Der Abschied vom Telespiel 1 war nur der Anfang. Selbstverständlich war es sinnvoll, die Datasette des Commodore 64 durch ein Floppy-Laufwerk zu ersetzen. Aber leider gingen dabei wichtige Spiele verloren. Auf dem ersten PC im Studium lief WordPerfect. Ein Textverarbeitungsprogramm, das in Design und Menüführung eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, die dem Schreibenden half, sich auf den Text zu konzentrieren. Word verdrängte das perfekte Programm. Die Ruhe und Gelassenheit kehrten bis heute nicht zurück.

Den Umstieg von der 5-Zoll-Diskette auf die kleinen 3,5-Zoller verband ich 1993 mit dem Umzug in die Apple-Welt. Ich behielt den alten PC, um immer wieder auf die alten Dateien zurückgreifen zu können. Ich habe ihn nie wieder hochgefahren. Die Migration war de facto ein Steuerbefehl: Lösche digitale Vergangenheit! Den Platten folgten die Kassetten, den Kassetten die CDs, den CDs die MP3s. Ich kann mich an keinen Träger-Wechsel ohne erheblichen Verlust an Repertoire erinnern.

Früher dachten nur Familienunternehmen über Generationswechsel nach, seit es digitale Endgeräte gibt, tun wir es alle. Mein erstes Handy behielt ich vier Jahre. In den vergangenen drei Jahren hatte ich vier. Das ist immerhin eine eigene Entscheidung. Niemand drängt dazu.

Beim Tablet ist das anders: „Das Startvolumen ist fast voll“, sagt es immer wieder. Das klingt wie ein Vorwurf. Das Tablet scheint nicht zu wissen, dass Speicherplatz immer billiger wird. Natürlich könnte man alles auch auf einer externen Festplatte sichern. Das Terabyte kostet nur noch 50 Euro. Aber wozu? Wir wissen ja, dass die Terabyte-Platte schneller voll sein wird, als eine Zahl mit zwölf Nullen vermuten lässt. Und dass dann weitere Festplatten im Regal herumstehen und so voll sind, dass wir auf ihnen ohnehin nichts mehr wiederfinden.

„Das Startvolumen ist voll“, und schon schmeißen wir Apps weg, die wir selten nutzen. Obwohl wir für sie bezahlt haben. Wir ziehen Ordner mit Bildern in den Papierkorb, die wir nicht einmal gesichtet haben. Eben-so Musikalben, von denen wir nicht wissen, ob sie uns irgendwann vielleicht doch wieder gefallen werden. Dann könnten wir uns zu den Songs natürlich wieder über einen Streaming-Dienst wie Spotify Zugang verschaffen. Aber dass es so kommt, ist unwahrscheinlich. Wir haben bis dahin vergessen, welche Band wir damals gelöscht haben. Selbst speichern bedeutet im Zeitalter der Massendaten trennen.

Und dann wäre da natürlich noch die brachiale Form der digitalen Trennung. Wenn es richtig kracht zwischen Mensch und Maschine. Eine Kollegin und ein Kollege wurden kürzlich, unabhängig voneinander, von ihren Festplatten verlassen. Beide haben länger darüber nachgedacht, wie viel Geld sie in die Datenrettung investieren wollten. Die Kollegin brachte mehr als 2000 Euro auf, der Kollege knapp 1000. Beide wissen nicht, ob und wenn ja welche Informationen die Datenretter wiederfinden. Sie können nichts versprechen, aber ihr Honorar wird auf jeden Fall fällig. So ist das üblich, offenkundig ein gutes Geschäftsmodell und im Grunde ein Treppenwitz der Digitalisierung. Sie verspricht, dass wir alles behalten können. Dann versagt sie. Und wir müssen teuer bezahlen. Ohne Garantie. Au. ---