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Wer im Glashaus sitzt

... muss sich nicht wundern, wenn andere an seinem Leben teilhaben. Was daraus entstehen kann? Eine Fotoserie. Und eine Menge Ärger.




• Es war keine besonders originelle Idee, die den New Yorker Fotografen Arne Svenson dazu bewog, heimlich Bilder seiner Nachbarn zu schießen. Ein verstorbener Freund hatte ihm ein Teleobjektiv vererbt. Svenson, der für Stillleben und Arbeiten mit sozialkritischem Bezug bekannt ist, schraubte das Objektiv auf seine Kamera und stellte fest: Er konnte damit ganz wunderbar verfolgen, was in den Wohnungen des benachbarten Zinc Buildings in Tribeca vorging.

Voyeurismus in der Fotografie ist fast so alt wie die Erfindung des Fotoapparates. Brassaï wandte dieses Konzept vor 80 Jahren an, als er die stilbildende Serie „Paris bei Nacht“ produzierte; Garry Winogrand fotografierte wahllos Menschen auf der Straße; Alfred Hitchcock drehte 1954 das Meisterwerk „Das Fenster zum Hof“ über einen Fotografen, der mit Teleobjektiv seine Nachbarn ausspäht und dabei zufällig Zeuge eines Mordes wird.

Foto: Arne Svenson/The Neighbors/Julie Saul Gallery, New York 2012

In Svensons Aufnahmen fehlen Sex und Gewalt, sie zeigen seine Nachbarn in Momenten des Alltags: Eine Frau kniet, mit dem Hinterteil zum Fenster; ein Mann hält Mittagsschlaf; ein Hund starrt auf die Straße; die Füße eines Paares berühren sich beim Frühstück; ein Kind spielt mit einem Plüschtier. Fensterrahmen und verregnete Glasscheiben nutzt Svenson als kompositorische Stilmittel, die die banalen Szenen zu eleganten Stillleben häuslicher Normalität veredeln. Die Gesichter seiner Figuren verbirgt der Fotograf, sodass Betrachter die Identität der Personen nicht entschlüsseln können.

Foto: Arne Svenson/The Neighbors/Julie Saul Gallery, New York 2012

Und doch löste die Ausstellung von „The Neighbors“ in der Julie Saul Gallery im Mai dieses Jahres eine Welle der Entrüstung aus - bei den Bewohnern des Hauses 475 Greenwich Street, die sich auf den Bildern erkannten. Erst mit ihren Klagen sorgten sie dafür, dass die Medien „The Neighbors“ Aufmerksamkeit schenkten. Sie machten Svensons Werk ungewollt zum vielleicht spannendsten künstlerischen Beitrag in der Debatte um die Grenzen von Privatsphäre. Svenson sagt: „Für die Personen auf den Fotos stellt sich die Frage der Privatsphäre nicht; sie stellen sich hinter ihren Fenstern dar, und diese Bühne haben sie sich geschaffen, indem sie die Vorhänge zur Seite zogen.“ Wer in ein Gebäude wie das Zinc Building zieht, dessen Fassade fast ausschließlich aus Glas besteht, dürfe sich nicht wundern, wenn die Allgemeinheit am Privatleben teilnehme. Genauso wenig wie sich ein Facebook-Nutzer beschweren sollte, falls intime Informationen in falsche Hände gerieten. Wer kann Svensons Argument widersprechen, wenn sogar Google Street View einen Blick in einige Fenster von 475 Greenwich Street ermöglicht – wie übrigens auch in Hunderte andere New Yorker Apartmenthäuser mit Glasfassaden.

Foto: Arne Svenson/The Neighbors/Julie Saul Gallery, New York 2012

In Kunst- und Fotografie-Blogs gehörte „The Neighbors“ zu den meistdiskutierten Ausstellungen des Frühjahrs, und die überwältigende Mehrheit der Beiträge kam zu identischen Schlussfolgerungen: Svensons Fotos sind ästhetisch gelungen und werfen interessante Fragen auf – doch wenn meine Tochter hier abgebildet wäre, würde ich Svenson sofort verklagen.

Juristisch scheint der Fotograf auf der sicheren Seite zu sein. Der auf Bürgerrechte spezialisierte Anwalt Norman Siegel sagt: „Für die Klagenden läuft es auf die Frage hinaus: Kann ich beweisen, dass meine Privatsphäre verletzt wurde, obwohl ich nicht zu identifizieren bin? Das ist ein zentrales juristisches Problem unserer Zeit: Wie bewertet man den Schutz der Privatsphäre im Verhältnis zu anderen Rechten wie dem auf künstlerische Freiheit?“

Foto: Arne Svenson/The Neighbors/Julie Saul Gallery, New York 2012
Weil Arne Svenson seine Nachbarn so fotografierte, dass sie von Fremden nicht erkannt werden können, und er sie bei belanglosen Aktivitäten zeigt, wird er wohl keine ernsthaften juristischen Konsequenzen zu erwarten haben. Dieses Stilmittel steigert zugleich die Kraft seiner Bilder. Wegen ihrer Anonymität und Beiläufigkeit vermitteln sie eine universelle Botschaft: Wir alle können beobachtet werden - jederzeit. Selten hat ein Künstler so deutlich dokumentiert, wie verletzbar unsere Intimsphäre ist. ---
Foto: Arne Svenson/The Neighbors/Julie Saul Gallery, New York 2012
Nachtrag vom 13.8.2013

Eine Richterin des Supreme Court of the State of New York hat die Klage eines Ehepaares gegen die Fotos von Arne Svenson in erster Instanz abgewiesen. Das Ehepaar hatte seine vierjährige Tochter im Badeanzug und seinen zweijährigen Sohn in einer Windel auf den Fotos erkannt.

Die Richterin urteilte:

Durch die Entscheidung, eine vollverglaste Wohnung zu beziehen, hätte das Ehepaar auf den Schutz der Privatsphäre verzichtet.

Ebenso verwies sie auf die Freiheit der Kunst, die als Teil der Redefreiheit gesehen wird und im ersten Zusatz der Bundesverfassung als höchstes Gut verankert ist.

Die Fotoserie „The Neighbors“ war in der Julie Saul Gallery in Chelsea zu sehen. Bisher wurden 15 Abzüge der Bilder zu Preisen von bis zu 7500 Dollar verkauft.