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Tränen lügen doch

Warum wir heute von allzu vielen Zeitgenossen mehr erfahren, als wir je zu wissen wünschten.




• Vor einiger Zeit überraschte der NDR seine Zuschauer mit einer Sternstunde des Fernsehens, die so nicht geplant war. Katja Riemann, Schauspielerin, nahm auf dem roten Sofa der Vorabendsendung „Das!“ Platz. Es ging darum, einen Film zu promoten, an dem auch der Sender beteiligt war. Das übliche Spiel also. Doch die Riemann spielte nicht mit. Sie zeigte ihre Abneigung gegenüber dem Moderator Hinnerk Baumgarten, der sie umstandslos nach Privatem fragte und krampfhaft versuchte, eine Verbindung zwischen dem Film – den er, wie er selbst zugab, nicht gesehen hatte – und der Persönlichkeit Riemanns herzustellen (obwohl die Kunst des Schauspielers ja gerade darin besteht, in fremde Rollen zu schlüpfen). Sie verweigerte sich seinen einfältigen Fragen und machte überdeutlich, wie unangenehm ihr die Situation war. Baumgarten war zwar irritiert, hakte aber automatenartig weiter die Stichworte auf seinen Karteikarten ab.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier verglich die Wirkung des Interviews später mit „der verstörenden Faszination eines grausamen Autounfalls in Zeitlupe: Man will nicht hinsehen, aber Weggucken geht erstrecht nicht.“ Interessanterweise erntete Riemann und nicht Baumgarten hinterher einen Shitstorm (sie ließ ihre Facebook-Seite zeitweise abschalten), der unter anderem von der "Bild am Sonntag" angefacht wurde, die den Moderator fragte: „Wie war es, die übellaunigste Schauspielerin Deutschlands zu interviewen?“ 

Offenbar kommt es nicht gut an, wenn Prominente aus der ihnen zugewiesenen Rolle fallen. Nun wäre es übertrieben, Riemann als Heldin zu verklären. Sie weiß, wie das Geschäft läuft und dass populäre Schauspieler ihren Marktwert vor allem ihrer Präsenz auf roten Teppichen und Sofas verdanken – wo Riemann sich daher auch häufig aufhält und in der Vergangenheit durchaus auch Privates erzählte. Doch dafür, dass sie sich dem Terror der Intimität einmal widersetzte und auf diese Weise kenntlich machte, dürfen wir ihr dankbar sein.

Das von dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett bereits Mitte der Siebzigerjahre analysierte Phänomen hat ungeheure Ausmaße angenommen – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen.

Noch nie war das Medienangebot so groß, noch nie mussten so viele TV-Sendungen, Zeitungen, Illustrierte und Websites gefüllt werden. Die Redaktionen verwenden zu diesem Zweck gern Prominente, weil die für Auflagen und Quoten sorgen. Die Folge ist eine Celebrity-Inflation und die Dauerbeschallung der Öffentlichkeit mit allzu Privatem. Geliefert wird es einerseits von armen Lichtern, die nichts können und wollen, außer bekannt zu sein. Mangels Alternative tragen sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Haut zu Markte. Großes Vorbild dieses Promi-Prekariats ist Paris Hilton, die mit der Rolle des sexy Dummchens Millionen verdient hat. Hierzulande eifern ihr Daniela Katzenberger, Gina-Lisa Lohfink, Micaela Schäfer und andere Frauen nach, die wenig mehr zu bieten haben als aufgepumpte Brüste und Lippen und die Bereitschaft, alles zu tun, was Aufmerksamkeit erregen könnte. Sie sind zugleich Nutznießer und Opfer des Systems. Ihre Karrieren sind offenbar attraktiv, denn Abertausende Möchtegern-Promis träumen von solch einem Aufstieg und stellen sich für Castingshows, so der ehemalige Sat.1-Chef Roger Schawinski, als „lebendes, billiges, williges Sendematerial“ zur Verfügung. Noch viel mehr gewöhnliche Leute nutzen die sozialen Medien zur Selbstentblößung, in der Hoffnung, dass sich ein Publikum dafür findet.

Doch auch aus dem Privatleben wirklich Prominenter erfahren wir heute mehr als je zuvor. Denn während es diesen Leuten früher reichte, alle paar Wochen in Presse, Funk und Fernsehen erwähnt zu werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten, ist in Zeiten des Entertainment-Overkill Dauerpräsenz gefragt. Es herrscht die Meinung vor, dass, wer nicht ständig durch die Medien geistert, nicht existiert. Und da es unmöglich ist, jeden Tag aufs Neue mit einer Leistung zu glänzen, muss das Privatleben herhalten: Angebliches Liebesglück und -leid, Eifersüchteleien und üble Nachreden, Sex in Wort und Bild, Krankheiten, Neurosen und Obsessionen, religiöse Neigungen, Kinder, Haustiere, Affären – all das bietet Stoff für saftige Storys und wird öffentlich ausgebreitet. Wie gut oder schlecht die Protagonisten dabei aussehen, hängt von ihrer Stellung in der Celebrity-Hierarchie ab: Von der Kategorie C und darunter fordert der Boulevard bedingungslose Unterwerfung, bei A-Promis ist es umgekehrt: Sie bestimmten über ihr öffentliches Bild im Wesentlichen selbst.

Selbstenthüllung ist zum Volkssport geworden

So berichtete Angelina Jolie jüngst aus freien Stücken und zu ihren Bedingungen, dass sie sich einer Brustoperation unterzogen hat, um das Risiko einer Krebserkrankung zu senken – und löste damit weltweit ein gewaltiges Echo aus. Es gab kaum ein Medium, das diese Breaking News nicht brachte und ausführlich kommentierte. Die einen lobten das Bekenntnis des Superstars als mutig. Die anderen kritisierten den missionarischen Eifer der Jolie. Der Eingriff wurde detailliert beschrieben und von Frauenärzten und Onkologen erläutert; plastische Chirurgen nutzten die gute Gelegenheit zur Eigenwerbung.

Interessant ist, dass sie für ihre Enthüllung keines der Boulevardmedien nutzte, in denen sie omnipräsent ist, sondern die seriöse „New York Times“. Womöglich ein kleiner Triumph für die Schauspielerin – denn das Blatt gehört zu den wenigen, die ihre Art, sich und ihre Familie öffentlich zu inszenieren, einmal kritisch unter die Lupe genommen haben.

Vor einigen Jahren machte die Zeitung Verhandlungen zwischen Angelina Jolie, ihrem Partner Brad Pitt und der Klatschpresse öffentlich. Der Deal war: Einblicke ins Privatleben gegen Wohlverhalten. Es ging um Fotos der damals neugeborenen Zwillinge Knox Léon und Vivienne Marcheline sowie ein Interview. Insider plauderten aus, dass das Paar dafür 14 Millionen Dollar und eine positive Berichterstattung forderte. Nicht nur im konkreten Fall, sondern auch für die Zukunft. Die Zeitschrift „People“ machte das Rennen. Die Ausgabe, in der das Glück der Familie auf 19 Seiten ausgebreitet wurde, war die bestverkaufte seit Jahren. Im Interview hatte das Paar ausführlich Gelegenheit, seine Charity-Projekte darzustellen; der Begriff Brangelina, den beide verabscheuen, kommt nicht vor.

Das Private ist nicht nur in der Eitelkeitsindustrie zum Golden Kalb geworden, auch in anderen Branchen verehrt man es kultisch. In der modernen Gesellschaft – so eine These von Richard Sennett – ist die Selbstenthüllung zum Maßstab für Glaubwürdigkeit geworden. Die Menschen interessieren sich brennend für das Privatleben ihrer Zeitgenossen, sie geben sich nicht mit den offiziellen Rollen zufrieden – wiewohl es, schreibt Sennett, aus guten Gründen „zum Wesen von Zivilisiertheit gehört, eine Maske zu tragen“. Weil es anstrengend und unproduktiv ist, wenn jeder jederzeit seine Befindlichkeit zum Maßstab macht. Weil die Suche nach den eigentlichen, verborgenen Motiven der Mitmenschen uferlos ist und in aller Regel zu nichts führt. Und weil die „Ideologie der Intimität alle politischen Kategorien in psychologische verwandelt“ (Sennett).

In den westlichen Demokratien haben Menschen vor allem dann gute Chancen, in öffentliche Ämter aufzusteigen, wenn sie als authentische Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Welche Interessen sie vertreten, was sie tatsächlich tun oder verändern können, ist erst einmal nebensächlich. Einer, der diese Erkenntnis für sich nutzte, war Richard Nixon, auch Tricky Dick genannt. Im Jahr 1952, er war damals Senator in Kalifornien, kam heraus, dass er sich von reichen Geschäftsleuten Geld für einen politischen „Reptilienfonds“ hatte zustecken lassen. Das war damals nicht unüblich, aber die Sache war peinlich für Nixon, weil er sich stets als Lawand-Order-Mann und Gegner des „Establishments“ dargestellt hatte. Er verteidigte sich mit einem Fernsehauftritt vor Millionen Zuschauern, bei dem er wenig zur Sache sagte, dafür aber in Tränen ausbrach und über seine Frau sowie seinen Hund Checkers sprach – nach dem Motto: Ein guter Familienmensch kann kein schlechter Politiker sein.

Den gleichen Trick nutzte Bill Clinton fast ein halbes Jahrhundert später, um einen Skandal abzuwehren, der bezeichnenderweise nicht politischer, sondern rein privater Natur war: seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Medien, Opposition und Strafverfolger setzten dem Präsidenten heftig zu und zwangen ihn zu einer hochnotpeinlichen Fernsehbeichte. In der Folge zeigte er sich aus PR-Gründen und mit Erfolg häufig mit seinem Labrador-Mix Buddy – nach dem Motto: Wer seinen Hund liebt, ist im Grunde doch ein anständiger Kerl, von Fehltritten mal abgesehen.

Deutsche Spitzenpolitiker versuchen seit den rot-grünen Regierungsjahren verstärkt, mit Einblicken in ihre vermeintlich authentische Persönlichkeit zu punkten. Der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer ließ sich vom Sponti-Slogan „Das Private ist politisch“ leiten und schrieb ein Buch über seinen nur vorübergehend erfolgreichen Kampf gegen das Übergewicht. Gerhard Schröder trat als Kanzler bei „Wetten, dass ...?“ auf.

Und der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping ließ sich auf Mallorca beim Pool-Plantschen mit seiner Gräfin Pilati für die „Bunte“ ablichten. Konservative Kollegen folgten ihrem Beispiel. So sprach Wolfgang Bosbach mit dem „Stern“ über seine Krebserkrankung. Christian von Boetticher, damals schleswigholsteinischer CDU-Parteichef, gestand der Presse stotternd und unter Tränen: „Es war schlichtweg Liebe“ – nachdem offensichtlich Parteifreunde seine Affäre mit einer 16-Jährigen an die Presse lanciert hatten. Und über die Essgewohnheiten, das Single-Dasein und die Wohnungseinrichtung des Bundesumweltministers Peter Altmaier wissen wir mittlerweile mehr als über den Stand der Energiewende, die er voranbringen soll.

Selbst Angela Merkel, die sich mit Informationen aus ihrem Privatleben sehr zurückhält – auch weil ihr Mann darauf besteht –, gibt sich zu Wahlkampfzeiten etwas lockerer. So teilte sie uns beim Talk mit der Frauenzeitschrift „Brigitte“ mit, was sie bei Männern angeblich attraktiv findet: „Schöne Augen.“ Wie ihre politischen Vorstellungen aussehen, darüber erfährt man dagegen wenig. Ähnliches gilt für ihren Herausforderer Peer Steinbrück, der jüngst, wie Nixon, mit Tränen Schlagzeilen machte. Sie stiegen dem Sozialdemokraten in die Augen, als ihn seine Frau bei einem öffentlichen Parteikonvent gegen hämische Kritik in Schutz nahm. Da wurde das Private tatsächlich politisch. Aber es ändert nichts an Sennetts Befund: „Die Besessenheit von der Intimität ist das Kennzeichen einer unzivilisierten Gesellschaft.“ ---