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Peter Androsch im Interview

Wer zur Ruhe kommen will, braucht nicht unbedingt Stille. Ideal ist das Wiener Kaffeehaus, sagt der Komponist Peter Androsch.


brand eins: Herr Androsch, wer zu sich selbst kommen will braucht Ruhe, heißt es. Stimmt das?

Peter Androsch: Nein. Wenn Sie in die Geschichtsbücher schauen, dann sehen Sie, dass die Menschen früher so gut wie nie ihre Ruhe hatten. Familien lebten auf engstem Raum mit ihren Kindern, die Wohnungen waren eng, und es herrschte selten Stille. Das ist für uns Menschen eigentlich kein Problem. Man kann durchaus zur Ruhe kommen, wenn es laut ist: Wenn Sie mit Ihren Kindern eins sind, dann empfinden Sie deren Rufen und Schreien beim Spielen nicht als störend.

Wann stören Geräusche?

Das hängt von vielen, zum Teil auch sehr subjektiven Faktoren ab. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir Geräusche als Lärm empfinden, wenn sie unerwünscht sind. Ab wann wir was als störend empfinden, das hat sich immer wieder verändert. Einen großen Umbruch gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. In der Hygiene-Ausstellung in Dresden wurde 1911 erstmals ein sogenannter Ruheraum präsentiert. Das hatte damals schon einen Hauch von Klassenkampf: Die ungebildete, lärmende Proletariermasse hinderte den gebildeten Bürger am Denken, an der Kontemplation.

Ruhe als Vorrecht der gebildeten Schichten?

Das ist bis heute ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Die Menschen mit hohem Einkommen leben in großen Häusern in ruhigen Stadtbezirken. Wenn Sie das Lärmkataster einer Stadt über den Stadtplan legen, erkennen Sie das ganz deutlich. Die klassischen Berufe des Bürgertums sind jedenfalls eher vom Nachdenken geprägt.

Und wer denkt, braucht Ruhe?

Dass man zum Denken Ruhe braucht, ist vollkommen unstrittig. Darüber gibt es bereits Texte in der Antike. Akustische Ablenkung behindert den Denkprozess ganz erheblich, weil sie die Konzentration stört.

Viele Menschen empfinden bereits leise Hintergrundmusik oder Umgebungsgeräusche als anstrengend.

In der Beurteilung von Lärm fordert etwa das Umweltbundesamt einen Paradigmenwechsel. Und zwar weg von der Lautstärke hin zu einer anderen Beurteilung von akustischen Reizen: der Stressbelastung, die im menschlichen Körper entsteht und beispielsweise an der Ausschüttung von Cortisol im Harn messbar ist. Da sieht man deutlich, dass die Lautstärke, gemessen in Dezibel, nicht der entscheidende Faktor für Stress ist. Es sind vielmehr bestimmte Frequenzen, die irritierend wirken. Das ist gut zu erklären: Schall hat für die Menschen seit jeher auch die Funktion der Warnung. Hohe Frequenzen lösen bei uns Stress aus, weil sie uns in der Vorzeit vor Feuersbrünsten gewarnt haben. Sehr tiefe Frequenzen empfinden wir als bedrohlich, weil sie einstmals das Herannahen einer wild gewordenen Tierherde anzeigten.

Gewöhnen sich Menschen an den Lärm in ihrer Umgebung? Wer neben einer U-Bahn wohnt, hört sie irgendwann nicht mehr und fühlt sich dann auch nicht gestört.

Er hört sie schon. Man hört immer. Aber der gesunde Mensch schiebt den immer wiederkehrenden Schall ins Unbewusste ab, er ordnet ihn als nicht bedrohlich ein. Dennoch kann eine solche Situation auf Dauer gesundheitlich belastend sein. 

Ist Stille also gesünder?

Nein. Räume, in denen der Schall vollkommen absorbiert wird, sind Folterkammern. Es gibt keinen natürlichen Zustand, der nicht mit Schallwellen verbunden ist. In schalltoten Räumen hören wir nur noch, was in unserem eigenen Körper passiert, und das macht unsere Psyche kaputt. Und: Wir können uns in einem schalltoten Raum nicht mehr orientieren. Die Ohren informieren uns über unsere Position im dreidimensionalen Raum. Wir sammeln ununterbrochen Informationen über den Ort, an dem wir uns befinden. So erfahren wir, wie groß der Raum ist, aus welchem Material er besteht oder mit welcher Geschwindigkeit sich andere bewegen. Diese Informationen sind für uns lebensnotwendig. Wenn wir sie nicht bekommen, reagieren wir mit Stress. 

In welcher akustischen Umgebung fühlt sich ein Mensch wohl und kommt zur Ruhe?

In der Situation der akustischen Selbstbestimmtheit. Die scheint es immer seltener zu geben. Nicht mal mehr in den eigenen vier Wänden finden die Menschen Rückzugsorte. Neben Straßenlärm sind es in Großstädten vor allem die Nachbarn, die den Frieden stören. Tatsächlich aber ist es in vielen europäischen Städten heutzutage erheblich leiser als noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Im 1. Wiener Bezirk, also in der Innenstadt, ging es damals erheblich lauter zu. Denken Sie an die Droschken auf dem Kopfsteinpflaster. Und die Fenster schlossen längst nicht so gut wie heute.

Sind wir also empfindlicher geworden?

Es scheint so zu sein, dass unser Lärmempfinden in Krisensituationen steigt. Etwa nach dem weltweiten Crash der Finanzmärkte oder anderen Stresssituationen steigt das Bedürfnis nach einem auch akustisch geschützten Rückzugsort. 

Diskotheken mit lauter Musik sind aber trotzdem gut besucht. 

Die psychische Verfasstheit der Besucher spielt eine große Rolle. 90 Dezibel bedeuten nicht gleich einen Ohrenschaden. Es gibt in der Arbeitsmedizin eine interessante Diskussion: Manche Fachleute sind inzwischen der Meinung, dass das Tragen von Hörschutz überhaupt nichts bringt. Wie gut jemand mit einer lauten Umgebung klarkommt, hängt vor allem von der Psyche des Einzelnen ab. Und wenn jemand in die Diskothek geht, wo es laut ist, er sich aber amüsiert, dann ist das kein Stress, sondern Entspannung.

Kein modernes Gebäude kommt heute ohne Schalldämmung aus. Besteht also Hoffnung für den Ruhe suchenden Menschen?

Es kommt darauf an. Viele Büros werden heute mit Beton und Metall gebaut. Harte Materialien verstärken aber die Lautstärke, weil sie Schallwellen stark reflektieren. Und dann werden akustische Decken eingezogen, damit es leiser wird. Aber diese Konstruktionen zerstören die Schallwellen, sie verhindern, dass sie von der Decke reflektiert werden. So wird unsere Orientierung gestört, und das irritiert uns. Viele klagen dann beispielsweise über Kopfschmerzen.

Wo fühlen sich Menschen akustisch so richtig wohl?

Nehmen Sie das Wiener Kaffeehaus. Da fühlt man sich zu Hause, ohne daheim zu sein. Das liegt ganz wesentlich an den akustischen Gegebenheiten. Die Ohren können alle wichtigen Informationen auffangen, und wir können uns gut orientieren. Es gibt eine Mischung unterschiedlicher Materialien: Stühle und Tische aus Holz, vielleicht auch Sofas, die mit Stoff bespannt sind, nicht zu viel Glas, das heute so hart ist, dass es den Schall stark reflektiert. Keine großen, glatten Oberflächen, sondern viele unterschiedliche Gegenstände, die den Schall schön im Raum verteilen. So fühlen wir uns am wohlsten. Übrigens auch zu Hause. ---