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Privatsphären

Vier persönliche Geschichten über das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit.


Frank Timrott, 47, geboren in Hannover, arbeitet seit 2009 als Krankenpfleger auf Hallig Hooge, wo er mit seiner Frau Jennifer lebt

• „Man sagt, ein Halligbewohner betritt jedes Mal, wenn er das Haus verlässt, eine Bühne. Die Welt hier ist klein. Jeder kennt jeden. Jeder sieht jeden. Auf Hooge weiß jeder, was du einkaufst, wann du frühstückst und wann du ins Bett gehst. Das ist keine böse Absicht. Man läuft sich einfach ständig über den Weg. Und wenn jemand mit dem Fernglas Ringelgänse oder Seeschwalben beobachtet, sieht er zwangsläufig, wer auf dem Deich spazieren geht. Und vor allem mit wem. Das Leben hier ist zu erheblichen Teilen eine beständige, ungewollte Selbstinszenierung. Privatheit im klassischen Sinne ist da praktisch nicht möglich. 

Das bleibt nicht ohne Folgen. Man muss mangels räumlicher Distanz mit sozialer Distanz reagieren. Es ist zwar auf der Hallig immer jemand da, wenn Hilfe gebraucht wird. Wenn man etwa einen älteren Menschen einige Tage nicht sieht, schauen die Nachbarn nach dem Rechten. Wenn du vergisst, deinen Brief zu frankieren, legt der Postbote das Porto aus. Doch die Kommunikation untereinander ist sehr eigen. Man sagt nicht öffentlich: „Ich denke dies und das ...“ Man sagt: „Die Leute sagen dies und das ...“ Hier wird viel ausgesessen, verdrängt, weggedrückt. Man könnte es auch mit reduzierter Konfliktfähigkeit umschreiben. Man könnte ja auch einmal auf jemanden angewiesen sein, den man nicht mag. Gesellschaft heißt nicht automatisch Gemeinschaft. Wenn man ein Problem hat, muss man das mit jemandem von außen besprechen. Ich mache das jedenfalls so. Ich weiß nicht, wie das bei den alteingesessenen Hoogern ist, aber ich bezweifle, dass die sich untereinander ihre Sorgen erzählen.

Ich komme ursprünglich aus Hannover, habe aber schon früh einen Nordsee-Tick entwickelt. Als Kind machte ich häufig mit meinen Eltern Urlaub auf Amrum. Später haben meine Frau und ich die Faszination der Halligen entdeckt. Weil wir dieser Welt näher sein wollten, sind wir nach Friedrichstadt an der Eider gezogen. Als die Stelle des Krankenpflegers auf Hooge frei wurde, dachten wir, wir könnten einen Traum verwirklichen. Wir lieben die Natur, die Abgeschiedenheit, die Vogelwelt. Für mich hat Privatheit nicht nur mit sozialen Aspekten zu tun. In einer Großstadt dringt ja auch Lärm, Licht in deine Privatsphäre, da fährt gefühlt die Straßenbahn durchs Schlafzimmer. Das Konzept Stille ist im urbanen Kontext nicht möglich. Meine Frau hat einmal in Hannover für ein Multimediaprojekt Tonaufnahmen von Fröschen gemacht. Das Geräusch Frosch pur gab es nicht, es war immer irgendwo ein Flugzeug, ein Zug, ein Nebengeräusch. 

Wenn der Wind schweigt, ist es auf Hooge so still, dass du den Traktor auf Pellworm hören kannst. Nachts ist es so dunkel, dass selbst der schwache Lichtschein des Amrumer Leuchtturms auffällt. Die soziale Interaktion ist trotz nur etwa 100 Menschen, die dauerhaft hier leben, deutlich ausgeprägter als in der Stadt. Was in meinem Fall auch berufsbedingt ist. Ich bin als Krankenpfleger praktisch 24 Stunden im Dienst, oft sieben Tage die Woche. Ich werde an Wochenenden angerufen, ich muss immer reagieren, andernfalls wüssten die Leute, an welche Türe sie hämmern müssen. Das bedeutet, dass ich in einem Stadium der Dauerkommunikation gefangen bin. Ich rede mit den Patienten über das, was anliegt, mit Ärzten über die Patienten, ich werde von jedem zur Krankenpflege auf der Hallig allgemein befragt. Wie im Übrigen auch von Journalisten, für die einer wie ich nur deshalb interessant ist, weil er diesen Beruf auf einem idyllischen Fleckchen Marschland ausübt.

Von Ostern bis Oktober kommt der Tourismus dazu. Hooge hat jährlich fast 100.000 Tagesgäste, die die Halligen häufig wie ein Museumsdorf betrachten, das von knorrigen Friesen bewohnt wird. Sie laufen durch den Garten, durch den Stall, scheuchen die Hühner auf und warten darauf, auf einen Kaffee in die Küche gebeten zu werden. Andererseits bereichern die Gäste auch meinen Alltag. Du triffst mal jemand anderen, führst andere Gespräche. Doch es nervt bisweilen, wenn man die Besucher ständig fragen muss, ob sie sich woanders auch in fremder Leute Hollywoodschaukel setzen. 

Ich bin eigentlich ständig gezwungen, mich abzugrenzen. Von den Patienten, weil man meinen Job nicht ohne Distanz machen kann, sonst geht man kaputt. Von den Halligbewohnern bei Nachfragen zu meinen Patienten, weil hier jeder identifizierbar ist und ich deren Privatsphäre schützen muss. Und vom Halligleben, weil ich mir in meiner Position keine öffentlichen Fehltritte erlauben darf. In die Restaurants auf Hooge gehe ich nur ganz selten, weil ich ungern in Sichtweite meiner Wohnung essen möchte, was aber schon in Hannover so war. Ich bin nicht im Segelclub oder der Marinekameradschaft. Ich mag das Meer, bin aber kein Seemann. Ich bin nicht im Kirchenchor. Ich kann nicht singen. Aktiv bin ich in der Freiwilligen Feuerwehr, weil deren Mitglieder bei Notfällen im Einsatz sind und es mir wichtig ist, meine Wertschätzung für ihre Arbeit zu demonstrieren.  

Privat bin ich quasi nur, wenn ich frei habe, und am meisten dann, wenn ich die Hallig verlasse. Urlaub kannst du zu Hause nicht machen, es sei denn, du ziehst die Gardinen zu und verrammelst die Wohnung. Ich schaue mir, wenn ich frei habe, gerne auch andere Ecken von Nordfriesland an. Ich mag die Gegend. Und wenn man erzählt, man komme von der Hallig, gibt es fast immer ein gemeinsames Gesprächsthema. Eigentlich ist ganz Nordfriesland ein Dorf. Selbst in Husum reden die Leute darüber, dass auf Süderoog der Verwalter wechselt.

Für mich ist es so, wie ich auf Hooge lebe, bis zur Rente nicht machbar. Ohne das Internet, ohne soziale Netzwerke wäre ich gar nicht erst hierhergezogen. Ich bin auf Facebook, betreibe eine eigene Website über Halligen. Da bekomme ich gelegentlich Anfragen, welche Warft auf einem Gemälde von 1850 zu sehen ist. Ein Archeobotaniker aus Amsterdam wollte mal wissen, was hier alles so wächst. Primär kommuniziere ich übers Internet mit Freunden und Bekannten auf dem Festland. Kontakt zu halten ist schwierig, weil ich immer eine Vertretung organisieren muss, wenn ich mal weg will, abgesehen davon, dass mein Gehalt häufige Reisen aufs Festland nicht erlaubt. 

Was die virtuelle Welt angeht, ist die Hallig Teil davon. Ebay, Spiegel Online, E-Mail, ein bisschen Facebook, das ist – wie bei den meisten Bundesbürgern – der Schnitt der Nutzung. Viele haben Internetseiten, weil fast jeder Hooger Fremdenzimmer vermietet. Ich gehe davon aus, dass die datensammelwütigen Geheimdienste den Leuten hier ebenso viel oder wenig egal sind wie dem Rest der Republik. Ich selbst mache mir weniger Gedanken darüber, dass meine Geheimnisse ausspioniert werden, sondern über die ungeheure Vermessenheit zu glauben, mit Algorithmen die reale, chaotische Welt analysieren zu können. 

Ich kann aber auch nicht sagen, dass mich das ständig beschäftigt. Ich bin froh, wenn ich abends ungestört fernsehen oder ein Buch lesen kann. Noch besser wäre es manchmal, vor die Türe zu gehen, sich ins Auto zu setzen und nach Flensburg fahren zu können, wenn ich darauf Lust habe.“

Lutz Krieger, 77, Rentner, geboren in Schwiebus/Pommern, hat
43 Jahre in Genf gelebt und dort zunächst als Diplom-Ingenieur, danach drei
Jahrzehnte als selbstständiger Übersetzer gearbeitet; er lebt seit 2007 in
Berlin-Schöneberg

„Ich habe keine Blumenkästen auf dem Balkon, keinen Hund, ich schaue nur selten fern. Ich verweigere mich jeder Form der sinnlosen Beschäftigung. Dazu gehören auch etwaige Selbstdarstellungen im Web. Daran nehme ich nicht teil, weil ich nichts mitzuteilen habe. Was meine Existenz angeht, halte ich mich kurz. Wen interessiert denn das? Das wäre, als würde ich mich auf einen Marktplatz stellen und jedem Dahergelaufenen meinen Mist erzählen. Wer soziale Netzwerke braucht, um seine Privatheit mitzuteilen, tut mir leid. Privatheit geht doch niemanden was an. Wie ich wohne, wer ich bin und was für Unterhosen ich trage, ist doch nur für mich relevant.

Nichts gegen das Internet. Die Technik ist wunderbar. Sie zu benutzen hat praktischen Wert, aber als Kommunikationsmittel ist mir das zu steril. Ich habe vielleicht zehn Kontakte, mit denen ich über E-Mail verkehre. Meistens knapp. „Wie geht's?“ „Wäre schön, dich zu treffen.“ Wenn ich die Adresse des Absenders nicht kenne, klicke ich E-Mail-Eingänge weg.

Ich mache E-Banking, bestelle hier und da mal ein Buch. Aber ich bin nirgends eingeschrieben, kein Mensch weiß, dass ich Senior bin, und selbst wenn man mich im Internet auskundschaften könnte - was wollte derjenige mit der Information schon anfangen? Das nutzt doch niemandem. Ich brauche Menschen um mich herum, Begegnungen in Cafés und Kneipen, ich brauche ein lebendiges soziales Umfeld, mit dem ich Kontakt aufnehmen kann, wann und wie ich das will.“

Roman Hofstetter, 23, geboren in Bad Tölz/Oberbayern und aufgewachsen auf einem Bauernhof in einem Nachbardorf, studiert seit 2011 Politik, Wirtschaft, Schwerpunkt Ostasien, wozu auch Japanisch gehört; er lebt in Bochum-Werne 

„Den engsten Kontakt habe ich mit meinen beiden Freunden aus dem Tölzer  Gymnasium. Dem einen, der mit mir nach Bochum gegangen ist, und einem weiteren, der auch wegen uns nachgekommen ist, um hier zu studieren. Wir sind eine enge Truppe. Die Kumpels zu haben hilft schon sehr. Wir liegen auf einer Wellenlänge. Wir machen viel gemeinsam, gehen öfter mal ein Bier trinken, fotografieren hobbymäßig alte Industrieanlagen oder andere interessante Motive. Ich bin zwar auf Facebook, aber nur inkognito, ohne Foto, und bin nur vernetzt mit meinen engeren Freunden und ein paar Kommilitonen, von denen ich keine Telefonnummer oder Mail-Adresse habe. Das sind zusammen 30 Leute. Gemacht habe ich das nur wegen einer Referatsgruppe, die meinte, sonst würde die Zusammenarbeit nicht funktionieren. Das war natürlich ein Schmarrn, aber was sollte ich tun?

Was ich auch etwas befremdlich finde, ist, dass nicht nur über Facebook im Internet Daten weitergegeben werden, ohne dass man am Ende genau weiß, wer sie einsieht. Es käme für mich nicht infrage, auf Facebook zu erzählen, was ich denke oder gerade mache. Ich will mich nicht täglich zur Schau stellen, bloß um gesehen zu werden. Für mein Selbstbild brauche ich keine Rückmeldungen aus dem Web. Und wie mich andere sehen, kann ich sowieso nicht beeinflussen. Mein Freundeskreis hält das genauso. Ich denke nicht, dass alle jungen Leute die ganze Zeit in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Das heißt nicht, dass ich mir nicht gelegentlich die lustigen Fotos meiner Facebook-Kontakte anschaue.“

Andrea Behn, 54, geboren in Dortmund, lebt und arbeitet als Künstlerin in Herdecke, wo sie mit ihrem Mann das Erdgeschoss eines
Zweifamilienhauses mit Garten bewohnt

„Ich will nicht zeigen, was niemanden etwas angeht oder im Zweifel gar nicht interessiert. Auch wenn sich in meiner Kunst logischerweise der Mensch Andrea Behn widerspiegelt, hat dies nichts mit einer bloßen Seelenschau zu tun. Das mag in meiner Anfangszeit als Künstlerin ein Impuls gewesen sein, heute leitet mich eher das Sichtbare.

Mit meinem Wirken in der Öffentlichkeit schaffe ich Gelegenheiten, sich das anzusehen. Ich freue mich, dass mancher einen Zugang findet und den Dialog mit der Arbeit aufnimmt. So hat mir der Hausmeister einer Einrichtung, in der ich kürzlich ausgestellt habe, erzählt, dass er sich oft am Abend vor eine meiner großen Arbeiten setzt, weil sie ihm Energie gibt. Das hat mich berührt. 

Vor einigen Jahren habe ich eine Website eingerichtet. Das Internet ist auf jeden Fall ein hilfreiches Instrument. Wenn ich mir über jemanden einen ersten Eindruck verschaffen will, gehe ich auch zunächst an den Computer. Wichtig ist mir dabei, dass ich die Grenzen selbst festlege, was andere von mir erfahren sollen. In sozialen Netzwerken wie Facebook, Linkedin oder Xing bin ich nicht. Das interessiert mich nicht. Per E-Mail gebe ich selten Persönliches weiter, das tue ich lieber im Direktkontakt, am Telefon, auch in Briefen. Ich finde es wunderbar, Menschen im persönlichen Gespräch über ihr Äußeres, ihre Aura, ihre Stimme zu erfahren. Das Internet transportiert das alles nicht. Den Interneteinkauf habe ich wieder abgeschafft, weil ich es sinnvoll finde, lokale Händler zu unterstützen. Ich schätze die Begegnung, ich genieße die Inspiration, die mir ein Buchhändler gibt, wenn er mir seine persönlichen Entdeckungen vorstellt. Das gibt mir etwas ganz anderes als eine Massenbehandlung." ---

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