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Lasset uns schweigen

Öffentliches Telefonieren war gestern. Der Bahnreisende von heute isoliert sich mittels sozialer Netzwerke von seiner Umwelt. Und erlaubt ihr trotzdem intimste Einblicke.




• Just in jenem Moment, als ich vom Gegenteil berichten will, kommt die berühmte Ausnahme der Regel ins Abteil – dick, polternd, schwäbisch –, fläzt sich auf den Ledersessel des ICE nach Basel und beginnt zu telefonieren. Erstes Gespräch mit Herrn Franzens vom Vertrieb. Was denn bei der Montagssitzung alles zu tun sei, die ja auf sein Bestemm hin so früh angesetzt wurde.

Zweites Gespräch mit Schatz. „Ja, Schatz, ich bin schon im Zug.“ – „Ja, Schatz, es ist ein ICE.“ – „Ja, Schatz, ich sitze gut.“ – „Nein, Schatz, ich komme heute nicht zu spät.“ – "Ja, ich weiß, du magst das nicht, Schatz.“ – „Ja, Schatz. Kuss.“ – „Ja.“ – „Kuss.“

Drittes Gespräch mit ... Mir reicht es, ich verweise auf die Ruhezone, in der wir uns befinden. Ich habe absichtlich in dieser Ruhezone reserviert, denn es ist sieben Uhr früh, eine Tageszeit, in der ich weder Essen noch Sprechdurchfälle aufnehmen kann. Selbst der Wellensittich namens Italiener hält da in seinem Frecciarossa (der italienische ICE) noch die Fresse. Nicht jedoch mein dicker Schwabe. Der zieht die Oberlippe zusammen, sieht mich mit schmalen, hassenden Augen an und verlässt mit seinem Blackberry das Ruheabteil. Übrigens: Die Quassler haben immer einen Blackberry oder so ein altes Nokia-Telefon, von dem sie sich vor 15 Jahren 15 Stück auf Vorrat gekauft haben, damit sie bis zu ihrem Tode in einen Knochen bellen, dessen Technik sie verstehen.  

Ich fahre wöchentlich mehrmals mit der Bahn. Auch lange Strecken. Seitdem es den ICE gibt, kann man von Berlin aus ganz Deutschland mit dem Frühzug erreichen. Mit dem Abendzug geht es wieder zurück. Da soll die FDP die Mehrwertsteuer für Hotels von mir aus auf null senken: Ich schlafe im eigenen Bett.

Abgesehen davon, dass ich ein Buch über Verspätungen, ihre Folgen und die Ausreden der Bahn schreiben werde (die Schuld trägt selbstverständlich Mehdorn), kann ich gut beobachten, wie sich die Bräuche, Methoden und Gerätschaften der Kommunikation verändern. Als ich begann, Bahn zu fahren, gab es keine Großraumwagen. Man saß sich im Abteil gegenüber, hatte ein Buch aufgeschlagen oder begann ein Gespräch.

Damals lernte ich beim Bahnfahren ein paar großartige Leute kennen. Einige kenne ich heute noch. Nicht mehr wiedergesehen jedoch habe ich jenen Münchner Anwalt, der mir in einem IC namens Karwendel sein gesamtes Sexualleben ausbreitete. Ich hatte nicht danach gefragt, doch es war spannend zuzuhören. Warum gerade ich das hören musste? Vielleicht hielt er mich für einen Pfarrer, weil ich die Verkleidung der Kreativberufe (schwarzer Anzug, schwarzes Hemd) trug.

Seither stelle ich mir oft die Frage, ob dieser Anwalt seine Erlebnisse ohne Punkt und Komma auch einem Dritten ins Telefon gebeichtet hätte. In meiner Anwesenheit. Ich denke nein. So richtig schamlos geht es nur Auge in Auge.

Das Mobiltelefon, so glauben wir, lässt alle Intimitätsgrenzen fallen. Doch das ist ein Irrtum. Als vor bald 15 Jahren jeder so ein kleines Motorola mit sich führte, begann jeder im Zug nach Abfahrt zu telefonieren. Erstens sollte die Umgebung wissen, dass man einen teuren Handyvertrag hat – sonst hätte man auch kein solch schickes Telefon. Zweitens musste das teure Telefon einen Sinn ergeben. Deswegen rief man bei Verwandten an, um ihnen mitzuteilen, dass man gut im Zug saß. Keine großen Neuigkeiten also. Drittens musste man schnell telefonieren, denn jenseits von Spandau gab es kein Netz mehr.

Als es aber auch dort ein Netz gab, hielt die Leute nichts mehr. In jeder Reihe eine Quasselstrippe. Das waren die Tage, als ich ein Gerät namens iPod entdeckte (steckt heute in jedem iPhone drin), mir die Kopfhörer in die Ohrmuschel betonierte und von berühmten Schauspielern Handke-Bücher vorlesen ließ, deren Schönheit der Sprache ich nicht mehr gewahr war. 

Waren die Kopfhörer ab, erfuhr man auch weiterhin nichts Sensationelles. Bahnreisende der ersten Klasse schienen in den immergleichen todernsten Berufen zu arbeiten, die wohl alle mit Maschinenbau zu tun hatten. Oder es waren – ebenfalls spaßfrei – Wirtschaftsanwälte, die Zahlen jonglierten. Da hat sich nicht viel geändert, denke ich, nur kann ich es nicht mehr verifizieren, denn die gleichen Leute erklären heute weder ihr Geschäfts- noch ihr Privatleben. Daran haben drei Geräte schuld, die jeder zu besitzen scheint: Notebook, Tablet und Smartphone. Mit ihnen hat die orale Geschwätzigkeit ein Ende.

Wer gute Augen hat, sieht mit. Ich habe gute Augen. Ich bin ein Kommunikations-Spanner. Vor wenigen Jahren gab es nicht viel zu beobachten, denn man sah auf jedem zweiten aufgeklappten IBM-Lenovo-Hitachi-Toshiba-Hewlett-Notebook bloß ein Pokerspiel laufen – Tetris für Manager. Seitdem es aber überall Netz gibt, sind die Leute immer online und kommunizieren. Viele auf Facebook, einige auf Xing oder Linkedin, beides belanglose Karrierenetzwerke. Andere beschleunigen das Ende aller Druckwerke und lesen Qualitätsmedien, die sich freiwillig gratis darbieten. Auch dort gibt es Foren.

Am Nachbarplatz mitgelesen 

Die neue Art Kommunikation ist ein Segen, denn sie verwandelt die Menschen in Autisten, die sich mündlich nicht weiter äußern. Es ist das Ende der im öffentlichen Raum vorgetragenen Belanglosigkeiten. Aber auch das Ende der vorgetragenen Entblößung. Diese findet nun im Netz statt. Schriftlich. 
Und das viel obszöner, als je für möglich gehalten.

Ich wundere mich, wie sehr Reisende ihren Raum als uneinsehbar wahrnehmen. Als würde das Ende des Redens auch das Ende der unmittelbaren Öffentlichkeit bedeuten. Ich sitze neben Menschen, die mir ohne große Blockade ihren Mail-Verkehr einsehbar machen. Und ich lese mit, wenn sie ihre Geschäftspartner übervorteilen und sich dafür von Konzernspitzen den Segen holen. Derartig fahrlässig würden diese höheren Angestellten am Telefon sicher nie sein.

Oder ich erfahre von Affären. Oder von der Buchung einer Begleitdienstprostituierten. Ich weiß, dass meine Sitznachbarin plant, ein Haus in Südafrika zu kaufen, aber Angst vor den Schwarzen hat. Und diese Angst nicht in ihrem politisch korrekten Berliner Umfeld kommunizieren kann.

Ich weiß von einem SPD-Bundestagsabgeordneten, dass er Steinbrück und Gabriel für totale Flaschen hält. Und dass man in vier Jahren auf die Kraft setzen muss. Er hat es einem anderen Abgeordneten geschrieben. Der Mann ist bekannt aus Funk und Fernsehen. Man stelle sich vor, er wäre neben mir im Zug aufgestanden und hätte das ins Telefon gebrüllt.

Soll heißen: Es ist zwar ruhiger geworden in den Zügen, doch das fehlende Dauertelefonieren bedeutet nicht, dass die Intimität wiederhergestellt wurde. Ganz im Gegenteil: Weil sich die Menschen in der schriftlichen Kommunikation sicher wähnen, breiten sie noch mehr Details aus. Manchmal sogar mit deutlicher Lust.

Da freut man sich, mit Hans-Hermann Tiedje Bahn zu fahren. Das kann zwischen Hamburg und Berlin vorkommen. Der ehemalige Chefredakteur der "Bild" und heutige Politberater brüllt nach wie vor ungeniert Respektlosigkeiten in sein Telefon. Über Menschen, die man darüber in Kenntnis setzen sollte. Das Tablet ist nicht Tiedjes Ding. Und hätte er eines, dann würde er auch da reinbrüllen. Ein freier Radikaler. ---