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J.P. Morgan

Es gab eine Zeit, da mussten sich Banker für ihr Tun rechtfertigen. J.P. Morgan machte dabei eine sehr unglückliche Figur.




• Der 1. Juni 1933 sollte für J.P. Morgan junior ein aufregender Tag werden. Daher hatte er sich perfekt auf seinen Auftritt vor dem Banken-Ausschuss des US-Senats vorbereitet. In den Tagen davor hatten Mitarbeiter mit ihm geprobt. Sie bombardierten ihn mit Fragen, die ihn in Rage bringen sollten, diskutierten darüber, wie überzeugend seine Antworten waren. Am Ende blieb der Bankier und Besitzer eines der größten Firmenimperien der USA ruhig und sachlich. Er glaubte, auch in Washington niemanden fürchten zu müssen.

Wochen zuvor hatte der Präsident Franklin D. Roosevelt den Untersuchungsausschuss angeordnet. Der Staatschef wollte mehr erfahren über die Machenschaften der Wall Street und wissen, wie es zum Börsencrash 1929 und zur großen Depression hatte kommen können. 

Als Morgan an jenem Morgen im Juni den Saal der Anhörung betrat, war der bis auf den letzten Platz besetzt. Seine Aussage wurde mit Spannung erwartet. Reporter und Fotografen drängten sich. Morgan junior war einer der mächtigsten Männer der Wall Street. Er war 65 Jahre alt und vertrat die dritte Generation einer großen Bankiers-Familie. Er war reich, hatte Einfluss und beste Kontakte in die Politik.

Sein Gegner an jenem Morgen war Ferdinand Pecora. Der Staatsanwalt leitete die Untersuchungen. 1882 in Sizilien als eines von sieben Kindern geboren, kam er 1887 mit seiner Familie nach New York. Dort hausten sie zunächst in einem engen Apartment ohne Warmwasser. Wie viele Einwandererkinder musste Pecora arbeiten, er trug Milch und Zeitungen aus. Eigentlich wollte er Priester werden, musste das Studium jedoch wegen eines Arbeitsunfalls des Vaters abbrechen und sattelte später auf Jura um. Als Leiter des Banken-Untersuchungsausschusses verdiente er 250 Dollar im Monat, deutlich weniger als die Banker, die er verhörte, in nur einer Woche nach Hause brachten.

Als Morgan in den Zeugenstand trat, gab ihm Pecora die Gelegenheit ein Eingangs-Statement vorzutragen. Morgan schloss mit den Worten: „Ich sage es ohne zu zögern, dass ich der Ansicht bin, dass Privat-Bankiers eine Bereicherung für die Nation sind und keine Gefahr.“

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, fragte Pecora zurück: „Was ist Ihr Gewerbe oder Ihr Beruf?“ – „Privat-Bankier“, antwortete Morgan. Auf den Zuschauerrängen brach schallendes Gelächter aus.

Im Börsencrash 1929 hatten die Aktien an der New Yorker Börse 80 Prozent ihres Wertes verloren. Firmen waren pleitegegangen, Menschen hatten ihr gesamtes Vermögen verloren, die Arbeitslosigkeit war dramatisch. Nach dem Crash stürzte Amerika in die große Depression, die Weltwirtschaft geriet in eine schwere Krise. Und Franklin D. Roosevelt versuchte mit dem New Deal, der Konjunktur seines Landes wieder Leben einzuhauchen. Vorher wollte er aber noch die Wall Street zur Räson bringen.

Dafür hätte er kaum einen gründlicheren Mann als Pecora finden können. Der blieb vor wichtigen Verhören oft die halbe Nacht wach, um sich vorzubereiten. Es gelang ihm, eine Menge an Ungeheuerlichkeiten zutage zu fördern und an so manchem Mythos zu kratzen. Etwa am heldenhaften Verhalten von Albert Wiggin von der Chase National Bank und Charles Mitchell von der National City Bank, einem Vorgänger der heutigen Citi Group. Am Schwarzen Donnerstag 1929 hatten die USA den beiden mächtigen Bankern applaudiert, als die versuchten, sich dem Absturz des Marktes entgegenzustemmen.

Tatsächlich aber, das fand Pecora heraus, verdiente Wiggin am Fall der Chase-Aktien viel Geld. Mitchell und andere Topmanager bei National City verhielten sich nicht besser: Pecora wies ihnen nach, dass sie sich 2,4 Millionen Dollar aus der Kasse ihrer eigenen Bank geliehen hatten, um nach dem Crash weicher zu landen.

Außerdem hatte National City, so die Kommission, faule Kredite an lateinamerikanische Regierungen in Wertpapiere verwandelt und sie an ahnungslose Investoren verkauft – wie es 70 Jahre später mit amerikanischen Immobilienkrediten erneut geschah.

Als Pecora mit den Bankern fertig war, verglich Senator Burton Wheeler aus Montana sie mit Al Capone, und in der Öffentlichkeit setzte sich der Begriff „Banksters“ durch.

Solche Schmähungen wollte die ehrenwerte Gesellschaft der Wall Street nicht auf sich sitzen lassen. Die Banker warfen Pecora vor, er spiele mit dem Feuer und zerstöre das Vertrauen in die Banken. Da sprang ihm Präsident Roosevelt höchstpersönlich zur Seite. Er mahnte, die Finanzjongleure „hätten daran denken sollen, als sie diese Dinge taten, von denen wir heute erfahren“.

Dabei hätte der Staatsanwalt solcher Hilfe nicht bedurft. Mit Leichtigkeit gelang es ihm, aus Morgan-Managern herauszupressen, dass sie 1931 und 1932 keine Steuern bezahlt hatten, weil sie Verluste aus dem Börsencrash geltend gemacht hatten. Doch zu einer Zeit, in der die Regierung horrende Summen ausgab, um die Wirtschaft zu stärken und die Arbeitslosigkeit zu senken, hatte für den Steuertrick kaum einer im Land Verständnis.

Ans Licht kam auch eine Liste aus dem Hause Morgan, auf der die Namen einflussreicher Persönlichkeiten standen, die mit verbilligten Aktienoptionen bei Laune gehalten wurden. Dazu zählten der frühere Präsident der USA, Calvin Coolidge, und Owen J. Roberts, ein Richter am Obersten Gerichtshof.

Die Empörung darüber war groß. Senator Carter Glass aus Virginia entfuhr es: „Das ist ein Zirkus. Es fehlen nur noch die Erdnüsse und die Limonade.“ Dieser Satz gefiel den Managern des Ringling Brothers Circus so gut, dass sie zur nächsten Vernehmung von J. P. Morgan junior eine kleinwüchsige Frau aus ihrer Compagnie, Lya Graf, im Satanskostüm schickten, die sich dem Banker auf den Schoß setzte.

Die Bitte, die Zeitungen sollten dieses Foto nicht drucken, führte geradewegs dazu, dass es das Bild auf alle Titelseiten im Land schaffte. Ein verbitterter J. P. Morgan junior sagte, Pecora habe „das Benehmen eines Staatsanwalts, der versucht, einen Pferdedieb zu verurteilen“.

Die Pecora-Kommission, wie sie bald hieß, veränderte die Bankenbranche der USA. Als die Anhörungen im Mai 1934 zu Ende waren, lagen 12.000 Seiten mit Aussagen vor. Und Senator Carter Glass sah sich in seiner Forderung nach einem Trennbankensystem bestätigt. Schon ein Jahr zuvor hatte er zusammen mit seinem Kollegen Henry Steagal den Glass-Steagall Act durch den Kongress bekommen, der das Geschäft der Investmentbanken von den Geschäftsbanken trennte. Er bewahrte die USA vor einer weiteren finanziellen Kernschmelze.

Dieses Gesetz wurde von Präsident Bill Clinton im Jahr 1999 abgeschafft. ---
Im Januar 2010 lud der US-Kongress wegen der Finanzkrise erneut die Banker vor. Wieder ging es darum, wie es zur Krise gekommen war und wie eine künftige verhindert werden könne. Gegen zu viel Regulierung wandte Lloyd Blankfein von Goldman Sachs ein, eine Reform dürfe nicht ausschließlich dazu dienen, uns vor einem Sturm zu bewahren, der nur alle hundert Jahre eintritt.