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Renzo Piano

Wie viel Platz braucht der Mensch? Erstaunlich wenig, findet der Architekt Renzo Piano. Und baute ein winziges Haus.




• Vielleicht kann man es mit einer Soße erklären. Für eine wirklich gute fängt ein Koch schon am Morgen damit an, Fleisch, Knochen und Gemüse anzubraten, um dann alles stundenlang einzuköcheln, bis am Abend aus einer ungeheuren Menge an Zutaten ein dunkelbrauner Klecks übrig geblieben ist. Eine Messerspitze davon erzeugt ein fantastisches Geschmackserlebnis. Es ist das Konzentrat aus allen seinen Bestandteilen. Man nennt es in der französischen Küche auch: la réduction. 

Wer einmal bei einem Umzug alle überflüssigen Gegenstände auf den Sperrmüll warf, könnte einen Anflug jenes Gefühls verspürt haben, das Renzo Piano übermannt haben muss, als er vor einigen Jahren in einer ehemaligen Fabrikhalle in Genua mit den Plänen für ein Haus begann, das auf den ersten Blick wie ein Gegenentwurf zu seinen bisherigen Entwürfen gelten musste. In London hatte Piano mit The Shard eines der höchsten Wohn- und Bürogebäude Westeuropas hingestellt; in Paris hatte sein Centre Pompidou Weltmaßstäbe gesetzt; und in Osaka stand sein vielfach preisgekrönter Flughafen-Terminal. Renzo Piano, der weltberühmte Architekt aus Genua, konnte hoch und konnte groß. Aber konnte er auch klein und bescheiden? Und wie der Saucier, so fing Piano damit an, alles einzukochen, was er bis dahin großzügig verschwendet hatte.

Inzwischen ist es fertig. Seit ein paar Wochen steht das Haus mit dem schönen Namen Diogene auf dem Gelände des Möbelherstellers Vitra in Weil am Rhein, und wer nicht wirklich Augen dafür hat, wird das winzige Gebäude, das gleich neben einem alten Birnbaum auf der Wiese neben all den großen anderen Gebäuden steht, vielleicht für ein Pförtnerhäuschen halten oder für eine zu groß geratene Hundehütte. Neugierige dagegen umkreisen es erst andächtig, bevor sie sich nähern, durch die Fenster spähen und die Tür öffnen: Hier wohnt er tatsächlich, Diogenes von Sinope, der Philosoph der Bedürfnislosigkeit.

Es klingt vielleicht ein wenig merkwürdig: Aber dieses Ding, diese Hütte steht nicht nur einfach da, sie stellt Fragen. Man hört sie förmlich sprechen: „Was brauchst du?“ – „Wer bist du?“ – „Was träumst du?“ Man ist noch nicht einmal eingetreten durch die wie das ganze Gebäude mit Aluminium verkleidete Eingangstür, da muss man sich schon mit Sinnfragen beschäftigen. Ist nicht alles darüber hinaus Verschwendung, überflüssig? Zeigt sich nicht im Verzicht die wahre Größe?

Weniger Platz als in einer Gefängniszelle

Drinnen sitzt Rolf Fehlbaum, Verwaltungsratsmitglied von Vitra, auf dem Bett, das tagsüber zu einem Sofa hochgeklappt werden kann, und schaut durch das große Panoramafenster zum Birnbaum hinüber. Legt den Kopf in den Nacken und blickt in den badischen Sommerhimmel. Und schweigt. Und schaut wieder zum Birnbaum. Der Wohnraum – ja, es gibt drei Räume auf insgesamt 7,5 Quadratmetern – verfügt über einen Tisch und ein Sofa. Dahinter gibt es eine winzige Küche und eine Dusche mit Toilette. Es ist alles da, was der Mensch unbedingt zum Leben braucht. Weniger geht nicht und mehr wäre zu viel.

Als Fehlbaum durch einen Zufall auf Pianos Pläne stieß, war ihm, als wäre in ihm ein alter Traum erwacht. Dieser Traum hat etwas mit Freiheit zu tun, mit Unabhängigkeit und mit dem Glück des freiwilligen Verzichts. Dieser ewige Menschheitstraum vom inneren Frieden. „Ich wollte keine Event-Geschichte, das hier ist kein Gag.“ Fehlbaum sagt: „Es ist das Haus in seiner konzentriertesten Form.“ Vor drei Tagen hat Fehlbaum zum ersten Mal im Diogene übernachtet. Er hat den Sonnenuntergang beobachtet und sich über die ersten Strahlen am Morgen gefreut. Er hat den Raum erfühlt und festgestellt: „Er funktioniert.“ Nicht im Sinne: Die Dusche tut's und das elektrische Rollo schließt. Fehlbaum nahm sich das Recht der ersten Nacht, und er fragte sich, ob sich Beklemmung einstellen würde, wenn er die Türen schließt. Aber weder weckte Diogene in ihm Assoziationen an eine Gefängniszelle noch an eine Mönchsklause. Er schlief sehr gut und wachte mit einem Lächeln auf.

Die Quadratmeterzahl von Diogene entspricht nicht einmal den Maßen, die der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte noch gerade als „menschenwürdig“ für Gefängniszellen gelten lässt. Und doch hat dieser Prototyp einer menschlichen Behausung viel mehr mit Freiheit als mit Gefangenschaft zu tun. 10000 Dinge besitzt ein Mensch in Deutschland im Schnitt, oder anders: Sie besitzen ihn. Der Philosoph aus der Tonne hatte nur einen Wunsch, als Alexander der Große vor ihm stand: „Geh mir nur ein wenig aus der Sonne.“
Réduction auf das Wesentliche.

Die Idee, vier Wände und ein Dach auf ihre Grundfunktionen zu komprimieren, hatte schon Le Corbusier. Der baute 1952 an der Côte d'Azur auf immerhin 3,6 x 3,6 Metern sein Ferienhaus. Architektonisch auch heute noch ein interessanter Wurf, aber Lichtjahre entfernt von dem, was Renzo Piano 50 Jahre später an technischem Know-how zur Verfügung stand. Diogene ist vollgepfropft mit Versorgungs- und Entsorgungstechnik, mit Solarmodulen auf dem Dach, einem Tank zur Wasseraufbereitung. Von einem Lastwagen irgendwo in der Pampa abgesetzt, ist sein Bewohner nach wenigen Handgriffen autark. Insofern unterscheidet sich Diogene auch fundamental von allem, was als Gartenlaube oder Pavillon auf den Parkplätzen der Baumärkte angeboten wird. Auch im Preis. Das Vitra-Häusle wird, wenn es denn einmal in Serie geht, zwischen 20.000 und 50.000 Euro kosten, je nach Ausstattung.

Wer wird das nutzen? Eine Frage, deren Antwort Rolf Fehlbaum in jener ersten Nacht ein wenig klarer wurde. „Menschen, die sich einen Traum verwirklichen möchten.“ Aber auch als Gäste-Hütte im Garten, als Concept-Hotel im Ensemble oder auch nur für wenige Tage am Ufer eines einsamen Sees – Diogene wird seine Freunde finden. Apropos finden: Verloren geht hier nichts. „Du kannst darin nicht einmal deine Gedanken verlieren, so klein ist der Raum“, sagte Renzo Piano bei der Vorstellung vor wenigen Wochen. Diogenes hätte es nicht schöner sagen können. ---