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Die Ruhestörung

Viele reden vom Schutz der Privatsphäre, wollen aber in Wahrheit mehr Aufmerksamkeit. Das Private wird immer noch unterschätzt – und es verdient mehr als Empörung.




1. DER SUPERWORTERKENNUNGSCOMPUTER

Irgendwann in den späten Siebzigerjahren tauchte das Gerücht auf, dass die westlichen Geheimdienste über ein modernes Telefonabhörsystem verfügten, eine Art Superworterkennungscomputer, der auf bestimmte Reizwörter reagierte, die in einem Telefonat vorkamen. Sagte jemand beispielsweise das Wort Bombe, ganz gleich, in welchem Zusammenhang, dann begänne das System automatisch, das Gespräch mitzuschneiden und die Gesprächspartner zu ermitteln – in vordigitalen Zeiten ein relativ aufwendiger Vorgang. Fast zwingend musste dann ein Ermittlungsverfahren folgen und der berüchtigte Zugriff einer Antiterror-Einheit. Mit allem Drum und Dran.

Dieses Gerücht verbreitete sich schnell und wirkte nachhaltig. Wanzen, Abhörmikrofone, all das kannte man damals bestenfalls aus Film und Fernsehen. Die eigenen vier Wände aber galten als Festung. Diese Privatsphäre hatte nun ein Loch.

Der Supercomputer verstörte und verunsicherte viele, zumal niemand genau wusste, wie er sich nun richtig verhalten sollte. Klickte es schon beim Geheimdienst, wenn Opa sich mit seinem Kegelbruder über die „Bombenstimmung“ beim letzten Vereinsabend unterhielt? Was geschah, wenn man es am Telefon „krachen ließ?“. War der „Terror“, den die Nachbarskinder machten, schon ein Grund, von einem Computer zum Staatsfeind erklärt zu werden?

Erschwerend kam hinzu, dass Geheimdienste im Geheimen agieren. Natürlich gab es keine offizielle oder inoffizielle Liste mit den zugriffsrelevanten Wörtern, die an jeden Telefonkunden versandt worden wäre. Die meisten Leute kümmerte all das sowieso nicht. Sie hatten keine Angst vor Geheimdiensten.

In Studentenstuben und Wohngemeinschaften war das anders. Dort verbreitete sich das Gerücht besonders schnell – und wandelte sich in eine Tatsache. Es wurde kaum darüber geredet, was die Geheimdienste hätten erfahren können; was zählte, war die Möglichkeit.

Viele in dieser Generation hatten seit 1968 den Satz akzeptiert, dass das Private auch politisch, also öffentlich, sei. Dass aber ausgerechnet ein Geheimdienst diesen 68er-Klassiker in die Praxis umsetzen würde, damit hatten sie nicht gerechnet. Die aufkommende Computerisierung tat ihr Übriges. Leute wie Steve Jobs verbreiteten damals das Gerücht, dass die großen Computerkonzerne mit ihren Großrechnern nur auf der Suche nach den privatesten Geheimnissen ihrer Kunden waren. Der private Rechner, den man später Personal Computer nannte, wurde damit nicht nur zu einem technischen, sondern auch politischen Konzept.

Das Legat jener Zeiten lässt sich einfach zusammenfassen: Jeder Mensch soll maximalen Zugang zu Computerressourcen bei maximaler Wahrung seiner Privatsphäre haben. Entweder man folgte den libertären Computerpionieren, oder man lieferte sich Leuten aus, deren Welt sich in George Orwells „1984“ offenbarte: Eine Welt der totalen Überwachung, die keine Privatsphäre mehr kannte und in der man sich die Zukunft als „einen Stiefel“ vorstellen musste, „der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich“.

In diesen Zeiten versammelten sich eines Samstagabends einige junge Menschen zu einem mutigen Selbstversuch, der zur selben Zeit in zwei Wohngemeinschaften in verschiedenen Städten gemacht wurde. Zu einer verabredeten Uhrzeit, um Mitternacht, wählte man in der einen Wohngemeinschaft die Nummer der anderen und begann, nachdem die Freunde den Hörer abgenommen hatten, ein merkwürdiges Gespräch, dessen Inhalt keinen Sinn ergab – nur sollten möglichst viele der vermuteten Reizwörter ausgesprochen werden, um den Superworterkennungscomputer zum Zugriff zu animieren. „Gesinnungsschnüffelei“, „Terror“, „Bomben“, „Sprengstoff“, „Kanonen“ und dann noch mal von vorn und gemischt und noch einmal, immer wieder. Jeder der Anwesenden kam zum Telefon, damit die Zahl der „Mittäter“ möglichst groß war. Es gehörte zum guten Ton in dieser Zeit, Straftaten, auch eingebildete, im Kollektiv zu begehen. Alleingänge galten als unschicklich. 

Spätestens gegen zwei, so kalkulierten die jungen Menschen in ihren Wohngemeinschaften, hätte man etwas merken müssen. Zwei Stunden Reaktionszeit billigte man damals fast allen zu, auch Sondereinsatzkommandos. Überdies erwartete man den Lärm der Rotorblätter von Hubschraubern. Das war ja wohl das Mindeste, was man als Staatsfeind erwarten durfte.

Doch um zwei geschah nichts, obwohl alle munter weiter Reizwörter durchs Telefon brüllten, und auch um drei, halb vier war nichts zu hören. Ein Stoßtrupp wurde auf die Straße geschickt, auch, um Zigarettennachschub zu besorgen. Nach einer weiteren halben Stunde kehrte die Vorhut mit Glimmstengeln zurück, lauernde Scharfschützen waren ihnen auf dem Weg zum Automaten allerdings nicht aufgefallen. „Da draußen ist niemand.“ Wie, niemand? „Na ja, niemand eben. Nix. Keiner.“

Vielleicht war der Computer ausgerechnet in dieser Nacht kaputt? Immer wieder versuchten in den nächsten Wochen kleine Anrufkommandos ihr Glück – aber das Einzige, was dabei herauskam, waren extrem hohe Telefonrechnungen, die wiederum zu Streit in den Wohngemeinschaften führten. Vom Geheimdienst? Keine Spur.

Wie konnte das sein? Gehörte man etwa nicht zu jenen, vor denen sich der übergriffige Staat hüten musste? Da stimmte doch was nicht! Wahrscheinlich gab es längst ein dickes Abhörprotokoll über jeden Einzelnen, das dann bei Bedarf aus der Tasche gezogen werden konnte – so musste das sein! „Die wollen uns doch bloß provozieren.“ Das glauben einige von damals bis heute. 

Die Einsicht, dass so etwas wie ein Superworterkennungscomputer nicht existierte, war schlimm genug. Aber dass sich das System partout nicht für das interessierte, was man für subversiv hielt, also sich selbst: Das war eine persönliche Beleidigung. Man war offenbar nicht wichtig genug, die Aufmerksamkeit des Gegners auf sich zu ziehen – das war schlimmer als der mögliche Verlust der Privatsphäre durch Abhören.

2. AUFMERKSAMKEITSKAPITALISTEN

1998 veröffentlichte der Kulturtheoretiker Georg Franck sein Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Wikipedia zitiert daraus: „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“ Viele meinen heute verstanden zu haben, was das bedeutet, besonders, wenn sie irgendetwas mit Medien, Politik, Werbung und Marketing machen. In einer materiell wohlständigen Welt wird die Aufmerksamkeit immer wichtiger, während Produkte, Dienstleistungen, Geld und Konsum allmählich eine nachgeordnete Rolle spielen.

Aufmerksamkeit, schrieb der amerikanische Psychologie-Pionier William James schon zu Ende des 19. Jahrhunderts, „ist die Besitzergreifung des Geistes (...) von Objekten oder Gedankengängen“. Das ist die Beschreibung einer mehr oder weniger freundlichen Übernahme des Bewusstseins anderer Leute. Die Gedanken sind frei – das mag ja sein, aber privat sind sie deshalb noch lange nicht. Wem es gelingt, in das Bewusstsein andererLeute einzudringen, der kapert diese Menschen gewissermaßen.

Genau das versuchten die Wohngemeinschaftler in den Achtzigerjahren mit dem Verfassungsschutz – sie wollten, dass man ihnen, nicht anderen, möglichst viel Aufmerksamkeit schenkt. Das ist eine Aufmerksamkeitsökonomie, derer sich auch Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen oder Occupy-Demonstranten bedienen. Sie alle handeln, wie Franck es sagen würde, als „mentale Kapitalisten“, denn im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit gelten letztlich dieselben Regeln, die auch im materiellen Kapitalismus gelten. Natürlich machen sich das viele in den Organisationen nicht bewusst, aber ebenso natürlich unterliegen sie den Regeln der Konkurrenz, und ihre Leistungen haben einen Preis, der in der Aufmerksamkeit Dritter besteht. Dieser „Kampf um Anerkennung“, wie ihn der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth nennt, gehört zum menschlichen Wesen.

Anerkennung und Aufmerksamkeit sind uns, aufrichtig betrachtet, wichtiger als unsere Privatsphäre. Dass das Private heute politisch ist, braucht man Leuten, die in Social Networks leben, nicht zu erklären. Auf Facebook und Twitter wiederholt sich täglich millionenfach, was in den Achtzigerjahren in Wohngemeinschaften mit Telefonanschluss geschah. Wer viele Follower und Likes hat, ist Aufmerksamkeitskapitalist.

In der scheinbar egalitären Welt gibt es eine klare Hierarchie. Wer zehntausend Follower hat, hält jemanden mit einigen Hundert für schlicht nicht satisfaktionsfähig. Wer viel Aufmerksamkeit genießt, ist reich im neuen Sinn. Daraus folgt aber auch, dass all jene, denen niemand „folgt“, die nicht über viele „Freunde“ auf Facebook verfügen, so arm sind wie jene, die von Geheimdiensten, Abhörsystemen oder einfach nur Datenhändlern links liegen gelassen werden. Die neue Armut besteht darin, dass sich niemand für einen interessiert. Dass keiner meine Daten haben will.

3. DIE NEUEN ENTWICKLUNGSLÄNDER

Das ist eine neue, eine andere Sichtweise von digitaler Spaltung: Es geht nicht mehr um den Zugang zu Computer- und Netzwerktechnik, sondern darum, wer im Netz in der Lage ist, die Aufmerksamkeit Dritter auf sich zu ziehen. Was für Personen gilt, lässt sich übrigens auch für Staaten sagen.

Die im „Prism“-Skandal besonders engagierte britische Tageszeitung „Guardian“ hat eine Karte veröffentlicht, aus der hervorgeht, in welchen Ländern der Welt sich die National Security Agency (NSA) besonders ausgiebig bedient hat. Das sind, naturgemäß, zunächst einmal Krisenstaaten wie Ägypten, Pakistan, Iran, aber auch Indien. Sie alle sind rot in der Karte eingezeichnet, die zeigt, wie viele Daten mit derAnalyse-Software „Boundless Informant“ ausgewertet wurden.

Interessanter sind andere Länder für die NSA, etwa China oder Deutschland. Die Bundesrepublik ist in Europa der einzige Staat, der von den amerikanischen Schnüfflern ernst genommen wird. Wohin man sonst auch schaut, die Schweiz, Österreich, die skandinavischen Länder, das stolze Frankreich oder sogar das im Kalten Krieg als Objekt der amerikanischen Spionagebegierde so wichtige Russland – sie alle sind in Grüntönen gehalten. In der Abhörlogik ist das gleichbedeutend mit: Entwicklungsland.

Dort herrscht digitale Armut. Für die NSA war dort nichts zu holen. Übersehen zu werden oder als uninteressant zu gelten hat immer zwei Seiten. Die angenehme, dass einem niemand etwas klaut, die weniger schöne, dass man das Gefühl nicht los wird, auch nichts zu besitzen, was andere brauchen könnten. In jedem Raub steckt auch das kleine Kompliment, dass das Opfer die Mühe wert ist, überfallen zu werden. Aus der Sicht der Aufmerksamkeitsökonomie wäre „Prism“ auch eine Form von Entwicklungs-Ranking.

4. DIE VERMARKTUNG DER PRIVATSPHÄRE

Jeff Jarvis würde das jedenfalls so sehen. Der Journalist und Medienlehrer aus New York propagiert das Ende der Privatsphäre. Im amerikanischen Original heißt das Buch „Public Parts“, also öffentliche Anteile. In der deutschen Übersetzung ist daraus „Mehr Transparenz wagen“ geworden – irgendwie eine Referenz an die Leute, die früher in ihren Wohngemeinschaften merkwürdige Telefonkonferenzen abhielten. Die These, die Jarvis aufstellt, lautet: Die Leute sollen sich mit ihrer Privatsphäre nicht so haben. Eine Gesellschaft sei nur so gut wie der Austausch der Informationen in ihr. Die alte Geheimniskrämerei, bei der man die Öffentlichkeit nicht ins Private, ja, ins Intime vorlasse, habe ausgedient.

Transparenz bedeutet für Jarvis: Hosen runter. Alle, eben nicht nur Unternehmen, sollten vom Verzicht auf ihre Privat sphäre so viel profitieren wie möglich. Es geht nicht nur um geteiltes Wissen, sondern um die maximale Offenlegung aller Lebensbereiche. Privatheit, das hieß auch mal Ruhe, die Klappe halten. Facebook und Twitter reduzieren das Bedürfnis nach Privatem auf ein Mindestmaß.

In Deutschland hat das Buch zum Teil heftige Reaktionen erzeugt, was durchaus an den doch recht deutlichen Kulturunterschieden liegen mag. Die Deutschen, das hat Jarvis an anderer Stelle dazu gesagt, hätten zwar nichts dagegen, „nackt in die gemischte Sauna zu gehen“, würden ihr Wissen aber „ungern teilen“. Diese Ansicht von Jarvis teilen viele – leider.

Denn ist es tatsächlich richtig, dass dank der zunehmenden Transparenz im Web immer bessere Produkte und Services entstehen? Ist es so, dass die Flut privater Daten aus unseren Facebook-Profilen tatsächlich dem allgemeinen Fortschritt dient – oder setzt sie nicht doch letztlich nur eine weitere überflüssige und banale indus trielle Dienstleistung in Gang, bei der uns jemand mit einem Mailing belästigt? Jeff Jarvis hat den Zeitgeist hinter sich und die Tat sache, dass die Privatsphäre heute ebenso wenig Konjunktur hat wie das Private, das, nicht nur im Zusammenhang mit den Eigentumsverhältnissen, verrufen ist. Das Private ist nichts wert, weil so viele noch nicht verstanden haben, was es letztlich bedeutet.

5. MEIN ZIMMER MIT AUSSICHT

Das lateinische „privatus“ bedeutet abgesondert, „privatum“ das Eigene. Privat ist von jeher eine Vorstellung von etwas gewesen, das nur für uns selbst da ist. Das ist kein Gegensatz zum Öffentlichen, sondern die notwendige Voraussetzung dafür. Das Öffentliche, das Gemeinsame, ist das, was wir schaffen, weil uns das Private die Ruhe, die Konzentration, die Kraft und die Gelegenheit dafür gibt. Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich kollektiven Ansprüchen zu entziehen – am klarsten haben das die amerikanischen Rechtsgelehrten in ihrer Definition von Privacy am Ende des 19. Jahrhunderts gesagt. Privatsphäre, so definieren sie, sei „das Recht, in Ruhe gelassen zu werden“.  

Das klingt in Zeiten, in denen aus Angst und Unsicherheit die Gemeinschaft wieder beschworen wird, ohne zu wissen, wozu und warum, natürlich merkwürdig. Aber das Recht, in Ruhe gelassen zu werden, ist eben nicht „asozial“, sondern ein Menschenrecht. Denn erst hier, in der Privatsphäre, hat der Einzelne eine Chance, sich selbst zu entwickeln. Fairness und persönliche Entwicklung sind ohne diese Privatsphäre nicht möglich. Privatsphäre ist Unabhängigkeit, das Recht, für sich zu sein.

Niemand hat das besser beschrieben als die britische Schriftstellerin Virginia Woolf: „A Room of One's Own“ („Ein eigenes Zimmer“) heißt ihr Essay aus dem Jahr 1929. Sie tritt damit vordergründig dem damals noch verbreiteten Vorurteil entgegen, Frauen könnten keine „große Literatur“ schaffen – eine Chiffre, mit der nicht nur Schöngeistiges, Romane und Dichtungen, gemeint ist, sondern jede Form ernst zu nehmender Geistesarbeit. Virginia Woolf kontert, um eben die zu schaffen, müssen man 500 Pfund im Jahr haben und „ein eigenes Zimmer“, in dem man sich ungestört seiner Arbeit widmen könne.

Beides war für Frauen zu ihrer Zeit nicht selbstverständlich. Selbst die Damen der besseren Gesellschaft verfügten in den geräumigen Villen über kein eigenes Zimmer, geschweige denn ein Arbeitszimmer, wie es ihre Männer ganz selbstverständlich hatten. Forderten Frauen es ein, antwortete man ihnen, dass doch das gesamte Haus „ihr Reich“ sei. Wozu ein eigenes Zimmer? Und eigenes Geld? Fehlt es dir an etwas? Brauchst du etwas?

Virginia Woolf hat auf diese Fragen eine neue Antwort gefunden: Ein eigenes Zimmer, das ist private Autonomie. Ein eigenes Zimmer ist das Recht, selbst entscheiden und machen zu können – und Verantwortung fürs eigene Leben zu tragen. Woolf fordert nicht einfach 500 Pfund, sondern die eigenen 500 Pfund, die im eigenen Zimmer verdient werden. Die „große Literatur“, die dort entsteht, ist das Recht, sein eigenes Leben zu leben. Das ist Privatsphäre.

Das ist ziemlich neu für alle, die sich vordergründig um die Privatsphäre sorgen, im Herzen aber nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit für sich selber haben möchten – und denen ihr Privates nicht viel wert ist, weil sie ohnehin lieber anderen nachlaufen und nachplappern.

Jeff Jarvis' neue Transparente, die im Web das Private politisch machen, um daraus den höchsten Gewinn zu schlagen, sind bewusstseinsmäßig schon eins weiter – aber ihr Spiel ist riskant. Können sie das, was sie über sich veröffentlichen, wirklich selbst bestimmen? Haben sie das unter Kontrolle? Und neigen Jarvis' Transparente nicht dazu, eine Privatsphäre vorzutäuschen, wo gar keine existiert, geht es in Wirklichkeit nicht um Inszenierung? Jarvis' öffentliche Privatsphäre hat einen Preis, aber sie ist noch lange kein Wert an sich.

Echte Werte eröffnen nämlich eine Perspektive, einen Ausblick. Das ist etwas für die, die ihre Virginia Woolf gelesen haben – und für die das Private kein Luxus ist und keine Attitüde, sondern die Voraussetzung für ein mündiges und selbstständiges Leben. Diese Privatsphäre muss sich die Zivilgesellschaft immer wieder erstreiten. Doch für ein eigenes Zimmer mit guter Aussicht lohnt sich das. ---