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Ralf Liebe

Ist nackte Haut privat? Oder dienstlich? Kommt darauf an, wie der Verleger Ralf Liebe zeigt.


• Nacktheit ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Selbst die Feministinnen von Femen schockieren bei ihren Aktionen mit entblößter Haut kaum noch jemanden. Bilder unbekleideter Körper bringen höchstens radikale Islamisten, strenge Katholiken oder pubertierende Jungen in Wallung. Mal liegen die Nackten gemütlich am FKK-Strand der Ostsee, mal treten sie penetrant geltungsbedürftig auf wie zuletzt in dem Dokumentarfilm „Fuck for Forest“. Er zeigt Berliner Neo-Hippies, die genau das tun, was der Filmtitel nahelegt. Nun ja. Um damit allerdings in die Filmgeschichte einzugehen, sind sie etwa fünf Jahrzehnte zu spät dran. Öffentliche Nacktheit ist heute entweder plump und aufdringlich oder einfach egal.

Ralf Liebe hat sich aus Liebe zur Literatur entkleidet, sich in männlichen Posen an der Druckerpresse fotografieren lassen und mit den Schwarz-Weiß-Fotos einen Kalender geschmückt. Er ist Kleinverleger und froh, wenn er es mit seinen Büchern ab und zu in die Medien schafft. Das ist nicht leicht. Laut Deutscher Nationalbibliografie haben die deutschen Verlage im vergangenen Jahr nicht weniger als 79860 neue Titel auf den Markt gebracht. Nur ein Bruchteil davon fand mediale Aufmerksamkeit.

Auch Liebes Bücher tauchen selten im Feuilleton auf. Klassische Werbung kann er sich nicht leisten, also trägt er seine Haut zu Markte. In der Hoffnung, dass Sex immer noch verkauft, hat er 100 Nacktfoto-Kalender gedruckt und sie an Literaturkritikerinnen und Redakteurinnen geschickt. Der einzige Mann, der bedacht wurde, war der aus Funk und Fernsehen bekannte Literaturpapst Denis Scheck.

Liebe verlegt seine Werke seit 20 Jahren in Weilerswist bei Köln: Lyrik, Prosa, Bücher zur Regionalgeschichte und was ihm sonst noch so gefällt – zum Beispiel ein Buch zur Geschichte des Frauenfußballs oder einen Fotoband zum Kölner Christopher Street Day. Der frühere DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow oder Dieter Wellershoff – sonst mit den meisten Büchern bei Kiepenheuer & Witsch – sind die bekanntesten Autoren.

„Ich habe nie groß nachgerechnet, ob der Verlag defizitär ist“, sagt der Verleger. Seine erfolgreichsten Titel sind der Lyrikband „Handschrift aus Sarajevo“ des bosnischen Dichters Stevan Tontic (3500 verkaufte Exemplare) und ein Ausstellungskatalog zur „Geschichte des Fußballsports“ (5000 Exemplare). Bestseller aus zwei Jahrzehnten. Kein Grund zur Bitterkeit. Liebe ist stolz auf die insgesamt 295 Werke, die er inzwischen herausgebracht hat. Darunter sind schöne Ausgrabungen wie der von Hermann Broch gerühmte Roman „Die Geschichte eines Mordes“ des Musil-Forschers Ernst David Kaiser. Es sind Bücher für Literatur enthusiasten, liebevoll gedruckt, in der Regel aufwendig mit Fadenheftung gebunden und oft mit Leinen-Umschlag versehen.

„Ich bin froh, wenn ich von einem Lyriktitel 250 Exemplare und bei Prosabänden 600, 700 verkaufe“, sagt der 48-Jährige. Verantwortliche in einem Konzernverlag müssten bei solchen Zahlen mit sofortiger Kündigung rechnen. Andere Kleinverleger hätten zumindest die drohende Insolvenz vor Augen. Liebe kann gut schlafen - er lebt von seiner Druckerei. Sein Jahresumsatz: um die 150000 Euro, davon etwa zwei Drittel aus dem Druck-Geschäft. "Ich verbrenne im Verlag das Geld, das ich mit der Druckerei verdiene", sagt er über seine Mischkalkulation.

Immerhin bringt der Verlag Renommee und hilft bei der Akquise von Aufträgen für die Druckerei. Die betreibt er so eigensinnig und mit altmodischer Liebe zum Handwerk wie den Verlag. „1970 waren diese Maschinen modern“, sagt er und zeigt auf seine Heidelberger Buch- und Offset-Druckmaschinen. Anderes ist noch wesentlich älter – zum Beispiel die Bleisatz-Typen, die sich in Setzkästchen stapeln. „Ich habe die Druckerei mit billig gekauften, alten Maschinen aufgebaut“, sagt der Unternehmer. Die 30 Tonnen schwere Bleisatzausrüstung kaufte er von einer alten Buchdruckerei: „Ich fand dieses Zeug so sinnlich!“ Stolz führt er durch seine Werkstatt und erklärt, dass er auf seinen alten Maschinen den gesamten Prozess der Buchherstellung beherrscht: Satz, Druck, Fadenheftung, Bindung.

Ein cleverer Bursche, der gern zeigt, was er hat

Liebe hat bereits Erfahrung mit ungewöhnlichen PR-Aktionen. Vor zehn Jahren schaffte er es in die »Tagesthemen« und auf CNN. Seine Idee: Unterstützt von der Stiftung Lesen und dem Literaturhaus Köln, verlegte er das „schnellste Buch der Welt“. An einem einzigen Tag, dem 23. April 2003, produzierte er mit vielen Kollegen, Schriftstellern und Freunden ein komplettes Buch – von den Texten der gut 40 Autoren, darunter so prominente Namen wie Günter Kunert und F. W. Bernstein, die morgens anfingen zu schreiben, über den Satz bis zu Druck und Bindung – alles in zwölf Stunden, alles aus Liebes kleiner Druckerei.

Dass er auch zu seiner Eitelkeit steht, hätte er nicht betonen müssen. Man merkt es auch so, wenn er begeistert von sich selbst die Kalenderblätter betrachtet, auf denen er von der Fotografin René de Brunn sehr körperbetont in Szene gesetzt wurde: „Hier sehe ich aus wie Sylvester Stallone, haben mir schon Leute gesagt.“ Die Frage, ob es ihm schwerfiel, sich vor der Kamera zu entblößen, erübrigt sich: „Ich zeige mich gerne.“

Liebe hat auch eine Gruselgeschichte über Buchdruck und menschliche Haut parat: „Es war im Mittelalter nicht selten, dass Leute ihre Haut zu Lebzeiten verkauften – daher stammt der Ausdruck, die Haut zu Markte tragen. Nach ihrem Ableben wurden aus der Menschenhaut Buchumschläge hergestellt. Menschliche Haut ist dafür ausgesprochen geeignet. Diese Bücher findet man heute noch in Mittelalter-Bibliotheken und Archiven.“

Und was brachte ihm sein Pin-up-Kalender? Liebe weiß, dass der in einigen Redaktionsbüros hängt – „und wenn er den Redakteuren nicht gefällt, gefällt er vielleicht der Sekretärin“. Jetzt hofft der Verleger, dass sich die Redaktionen auch noch für sein Verlagsprogramm interessieren. Die schönste Reaktion kam von einer prominenten Literaturkritikerin. Ihr Brief, schwungvoll handgeschrieben in lila Tinte, hängt über dem Verleger-Schreibtisch: „Ihr Kalender, lieber Ralf Liebe, zeigt beeindruckend sowohl Ihren Körperbau als auch die Kunst des Buchdruckens. Haben Sie Dank! Herzlich Elke Heidenreich.“ Liebe plant schon den nächsten Kalender. ---

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