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Ilko-Sascha Kowalczuk

Die DDR-Staatssicherheit war nicht so allmächtig und allgegenwärtig, wie sie selbst glauben machte, hat der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk herausgefunden. Und damit den Zorn der "Stasi-Jäger" auf sich gezogen.




• Es war bei einer Fahrt mit dem Zug durch Bulgarien, von Sofia nach Varna am Schwarzen Meer, vielleicht auch von Plovdiv nach Varna, es kann 1987 gewesen sein oder 1988, so ganz genau weiß er das nicht mehr. Auf jeden Fall erinnert sich Ilko-Sascha Kowalczuk, dass er mit seinem Rucksack zwischen zwei Waggons auf dem Boden saß, dass es unerträglich heiß und stickig war und „dass sich auf einmal so eine schmierige Figur neben mich setzt und mich ansprich“. Wohin er unterwegs sei, will der Mitreisende von Kowalczuk wissen. Er sei ja auch aus der DDR, aber abgehauen in den Westen. Und er könne ihm, Kowalczuk helfen, ebenfalls rüberzumachen. „Ich will aber gar nicht in den Westen“, entgegnet Kowalczuk barsch. Der Fremde lässt nicht locker. Er habe gute Verbindungen, das sei eine ganz sichere Sache. Da sieht Kowalczuk den Mann an, steht auf und brüllt durch den Zug: „Hau ab, du Stasi-Schwein!“

„Der war vermutlich gar nicht von der Stasi“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk heute, ein Vierteljahrhundert später. „Das wäre ja auch totaler Blödsinn, wenn die Stasi ihre Leute mit dem Zug durch Bulgarien fahren lässt, nur damit sie versuchen, irgendwelche schrägen Typen zur Flucht zu animieren.“ Der Fremde meinte es wahrscheinlich wirklich gut mit ihm. „Aber mir kam in dem Moment nichts anderes in den Sinn, als dass der von der Stasi sein muss.“ In der Vorstellung des Historikers, heute Projektleiter in der Abteilung Wissenschaftliche Forschung und politische Bildung der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), war die Stasi damals allgegenwärtig. Auch im Zug nach Varna.

Kowalczuk hat die Beschäftigung mit der Geheimpolizei der DDR, mit der Denunziation in der Diktatur zu seiner Mission gemacht. Wer seine Biografie kennt, versteht das sofort. Schon als Kind geriet er in Konflikt mit dem Repressionsapparat jenes Staates, der in den Reden des greisen Einheitspartei-Generalsekretärs regelmäßig zur „Deutschen Kratschen Pliek“ schrumpfte. Kowalczuk, 1967 in Ost-Berlin geboren, hatte sich im Alter von zwölf Jahren verpflichtet, Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR zu werden. Sein Vater, einst streng katholisch erzogen und später zum strammen Kommunisten konvertiert, sah es mit Wohlgefallen.

Doch den Jungen beschlichen schon bald Zweifel. Ihm wurde klar, dass er nicht Soldat werden wollte. Fast zwei Jahre plagte er sich mit seinen Bedenken, konnte sich aber niemandem anvertrauen. Nicht einmal den Eltern. Erst als er 14 war, offenbarte er sich. Es dauerte weitere anderthalb Jahre, bis man seine Entscheidung akzeptierte. Fast wöchentlich musste er sich vor linientreuen Lehrern, Offizieren und Stasi-Leuten rechtfertigen. „Ich kenne Typen wie dich“, sagte einer. „Die landen über kurz oder lang alle in unseren Gefängnissen.“ „Was hast du uns nur angetan!“, haderte der Vater. „Sie schnüffeln schon in unserem Freundeskreis herum, wollen wissen, was ich falsch gemacht hab'.“ Der Sohn musste nicht fragen, wen der Vater meinte, wenn er „sie schnüffeln“ sagte. Die Stasi, wer sonst?

All das liegt 30 Jahre und mehr zurück. Aber wenn Kowalczuk erzählt, wie man versucht hat, ihn zu brechen, wühlt ihn das immer noch auf. "Ich habe vier Kinder", sagt er, „der Zweitälteste ist 14. Wenn ich mir überlege, was man in dem Alter mit mir gemacht hat, dann wird mir heute schlechter als damals.“ Er habe in jener Zeit viel über das System gelernt, das so verächtlich mit Menschen umging. Damals wuchs in ihm „die Wut auf diese alten Säcke, die da oben an der Macht sind und ihre Bürger einsperren hinter Mauern und Stacheldraht“.

Diese Wut und der Versuch, sie produktiv zu verarbeiten, haben Kowalczuks Lebens- und Berufsweg nach dem Ende des real existierenden Sozialismus geprägt. Er stellte sich in den Dienst der Aufarbeitung der DDR-Geschichte - als Student, als sachverständiges Mitglied der Bundestags-Enquête-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur“, als Wissenschaftler, Buchautor und seit 2001 als Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Mythos der Allgegenwärtigkeit

Kürzlich hat Kowalczuk ein Buch veröffentlicht, „Stasi konkret“ (b1-link.de/stasi_konkret), mit dem er einen Historikerstreit um die Deutungshoheit über die Stasi-Geschichte entfacht hat. Auf 428 Seiten führt der Wissenschaftler einen Angriff gegen das von seinem eigenen Arbeitgeber, dem Heiligen Gral der Stasi-Akten-Exegese, nach 1990 maßgeblich geprägte Bild der Staatssicherheit. Vor allem die durch spektakuläre Enthüllungen prominenter Einzelfälle genährte Konzentration der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) führe zu einer „verzerrten Perspektive“ auf die DDR-Vergangenheit. „Nur mit Blick auf IM kommt man weder dem Wesen der SED-Diktatur noch dem Phänomen der Denunzierung und des Verrats auf die Spur.“ Zwar gebe es „praktisch bis heute keine historische IM-Forschung, die tatsächlich danach fragt, was jemand konkret getan hat, und nicht, wie er bezeichnet wurde“. Trotzdem wurde der IM unwidersprochen „zum Sinnbild des Bösen, des Verräters, des gemeinen Hundes“ – während der Blick auf die allmächtige SED zusehends vernebelt wurde. So durften sich schon bald nach dem Ende der DDR „jene SED-Parteikader entlastet fühlen, die nicht das IM-Label trugen. Sie, die eigentlichen Auftraggeber, gerieten aus dem Blick.“

24 Jahre nach dem Sturz der SED-Herrschaft regt sich kein Widerspruch, wenn sich der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück - vermutlich mit Blick auf Wählerstimmen im deutschen Osten - zu der anbiedernden Behauptung versteigt, ein Beitritt zur SED sei "oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit" geschehen, „und zwar derselben, mit der man in Bayern in die CSU eintrat oder im Ruhrgebiet in die SPD“.

"Stasi konkret" schärft den Blick für die tatsächliche Rolle von Erich Mielkes Geheimpolizei im SED-Staat und offenbart, wie Kowalczuk es nennt, die „Selbst-Mythisierung der Stasi vor 1989 und ihre Dämonisierung nach 1989“. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe sich selbst zur Legende verklärt, weil es ihm gelungen sei, "dass sich die Mehrheit in der DDR so verhielt, als sei die Stasi omnipräsent". Die Dämonisierung wiederum „setzte nach der Revolution ein, als wir alle, mich eingeschlossen, diese Allmachtsbilder reproduzierten und der Stasi ungeheuerliche Ausmaße der Überwachungspraxis zuschoben“.

Anders als einige seiner aus dem Westen stammenden Forscherkollegen in der Unterlagenbehörde versteht sich Kowalczuk nicht als „Stasi-Jäger“. In der fiebrigen Wendezeit, als er sein Geschichtsstudium begann, war das noch anders. Damals attackierte er an der Hochschule - wie er heute einräumt - nicht frei von Ungerechtigkeit und Vorurteil tatsächliche und vermeintliche Günstlinge des untergegangenen Systems. „Ich war ja sauber, aber so was von sauber“, erzählt er. „Und ich war der festen Überzeugung, dass die Moral der Weltgeschichte auf meiner Seite stand. Da konnte ich natürlich selbstgefällig die große Fresse riskieren.“ Vor tausend Leuten forderte er, sämtliche Studenten zu exmatrikulieren und zu untersuchen, durch wessen Patronage sie an die Hochschule gekommen waren.

Heute lässt sich Kowalczuk nicht mehr vom Gefühl der Rache leiten. Wer alles IM war, interessiert ihn nicht sonderlich. Der Historiker, der rein optisch locker als Bassist einer in die Jahre gekommenen Punkband durchgehen könnte, klammert sich nicht aktengläubig an die Stasi-Dossiers – er will herausfinden, wie es tatsächlich zuging in dem Land, in dem auch er lebte. Vor allem eine Frage zieht sich durch sein Buch: War die DDR tatsächlich, wie das Geschichtsbild seit 1990 suggeriert, ein Stasi-Staat, in dem die Geheimpolizei tief ins Privatleben des DDR-Jedermanns eindrang, in Familie und Freundeskreise? Dann wäre die Stasi so etwas wie die realsozialistische Variante von Orwells Ministerium für Liebe gewesen, mit dem Auftrag, die Gesellschaft bis ins Innerste zu überwachen und vergiften.

Die herrschende Meinung dazu formuliert der Historiker Klaus-Dietmar Henke, in den Neunzigerjahren Leiter der Abteilung Bildung und Forschung beim BStU – jener Abteilung, in der heute Kowalczuk arbeitet: „Historisch neuartig und charakteristisch am Staatssicherheitsdienst der DDR war dessen umfassende Steuerungs- und Manipulationsfunktion bis in Primärgruppen und persönliche Beziehungen hinein – zweifellos ein neues, verfeinertes Element totaler Herrschaftsausübung.“

Hätte Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, Henkes Urteil noch gelesen, er hätte sich vermutlich über das nachträgliche Kompliment gefreut. Er träumte zweifellos von einer allgegenwärtigen Gedankenpolizei. „Wir müssen alles erfahren!“, lautet eine seiner meistzitierten Parolen. „An uns darf nichts vorbeigehen!“ Von diesem Anspruch auf totale Überwachung der Bevölkerung zeugen heute noch die unter Mielkes Ägide aufgetürmten Aktenberge. 111 Kilometer hoch wäre der Turm, würde man sämtliche MfS-Akten übereinanderstapeln. Im BStU-Archiv lagern rund 30000 Tondokumente, fast 3000 Filme, 1,7 Millionen Fotos und 15000 Säcke mit zerschreddertem Aktenmaterial.

Die schiere Masse des Überwachungs-Nachlasses erschreckt und beeindruckt, aber sie allein gibt noch keine Antwort auf die entscheidende Frage, die übrigens nicht nur Kowalczuk stellt, sondern beispielsweise auch sein Kollege Jens Gieseke, Leiter der Abteilung „Kommunismus und Gesellschaft“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam: „Wie war das MfS strukturell auf einen umfassenden Überwachungsauftrag tatsächlich vorbereitet, wie weit und wie tief in die Gesellschaft reichte der Durchgriff?“

Anspruch und Wirklichkeit

Wer sich das Organisationsschema des MfS aus den Achtzigerjahren anschaut, kommt fast zwangsläufig zu dem Resultat, dass in der DDR kein geografischer Ort, keine Sphäre der Gesellschaft existierte, die sich dem Zugriff der Staatssicherheit entziehen konnten. Seit seiner Gründung im Jahr 1950 hatte das Ministerium seinen Personalbestand immer weiter aufgebläht und ein dichtes Netz von Dienststellen über sämtliche Bezirke, Kreise und Städte des Landes gelegt. 1989 beschäftigte das MfS 91000 hauptamtliche „Tschekisten“. Auf einen Stasi-Mitarbeiter kamen 180 DDR-Bürger, in den anderen Ostblockstaaten waren es fünf- bis zehnmal so viele. Gemessen an der Bevölkerungsrelation, folgert Jens Gieseke, unterhielt die DDR den „wohl größten geheimpolizeilichen Apparat der Weltgeschichte“. Ein Apparat, der sich nicht nur in Bewegung setzte, wenn er Agenten oder Dissidenten am Werk vermutete, sondern oft auch bei „ganz normalen“ Mordfällen, einer Havarie in einem Chemiewerk oder Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung mit Damenbinden. Auch den „Stimmungslagen in der Bevölkerung“ waren Mielkes Leute unablässig auf der Spur. Bei ihren Nachforschungen hatten sie nahezu unbeschränkten Zugriff auf sämtliche Akten und Unterlagen, die es über DDR-Bürger gab – bei Polizei, Post, staatlicher Versicherung, Banken und Sparkassen, Schulen und Hochschulen, Krankenhäusern, Bibliotheken, Behörden und Betrieben. Ganz ohne Zweifel, urteilt Kowalczuk, hatte der Stasi-Krake „den Anspruch, die ganze Gesellschaft, das ganze Land ins Visier zu nehmen“.

Doch war das MfS tatsächlich in der Lage, diesen selbst formulierten Anspruch einzulösen?

Irgendwann in den Achtzigerjahren: Der Bürgerrechtler Ralf Hirsch, Mitbegründer der Initiative Frieden und Menschenrechte, wird früh um sechs vom Klingeln an der Tür geweckt. Zwei Männer vom Telefon-Entstörungsdienst stehen da. "Ich hab' Sie doch gar nicht bestellt", sagt Hirsch, der einen Irrtum vermutet. „Doch“, sagt einer der Monteure, „Ihr Telefon ist defekt.“ Hirsch hebt den Hörer ab – kein Signal. Die Stasi, die den Anschluss rund um die Uhr abhört, hat den Defekt sofort bemerkt und den Entstörungsdienst geschickt – um ja keine staatsfeindliche Konversation zu verpassen.

Bekennende Oppositionelle wie Hirsch hatten keine Privatsphäre. „Die bekannten Regimekritiker, unangepasste Kirchenleute, Umweltaktivisten und kritische Liedermacher standen im Fokus der Aufmerksamkeit der Staatssicherheit“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk. „Sie wurden rund um die Uhr beobachtet und umfangreich zersetzt.“ Die „Zersetzung“ politisch unliebsamer Bürger war die ins Perverse gesteigerte aktive Form der Überwachung. Zu den „Maßnahmen der Zersetzung“, aufgeführt in der Richtlinie zur „Entwicklung und Bearbeitung operativer Vorgänge“ vom Januar 1976, zählten die „systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufs, auch mittels unwahrer Angaben“, die "Verbreitung von Gerüchten" sowie das „Erzeugen von Misstrauen“. Subtil, anonym und für den Betroffenen undurchschaubar.

In Wohnungen wurden beispielsweise Vasen, Geschirrtücher oder Gewürzdosen während der Abwesenheit des Ausgespähten demonstrativ umgestellt oder vertauscht. Kann man seinen Gesinnungsfreunden erklären, dass die Stasi in die Wohnung eindringt, nur um Pfeffer- und Paprikadosen zu vertauschen? Über Wochen und Monate schaltete die Stasi im Namen des Bürgerrechtlers Wolfgang Templin Verkaufskleinanzeigen und bestellte Waren. Allein im Februar 1986, listet Jens Gieseke aus den MfS-Akten auf, wurden ihm 50 Kilo Sittichfutter, 30 Kilo Zeisigfutter und 50 Kilo Hundekuchen der Marke Bello angeliefert. Ständig standen Lieferanten an Templins Tür, mit Hühnern und Zierfischen, Katzen, Hunden und Zehntausenden Kondomen. Kaufinteressenten für Templins Auto, die Hunderte Kilometer angereist waren, drohten mit Prügel, wenn sie abgewiesen wurden.

Der Bürgerrechtler Jürgen Fuchs, 1977 zur Ausreise aus der DDR nach West-Berlin gezwungen, spricht angesichts der Zersetzungspraxis der Stasi treffend von einem „Angriff auf die Seele des Menschen“. Gezielt wurden Gerüchte gestreut – über Ehebruch, pornografische Interessen, Alkoholismus, die Verführung Minderjähriger, den Verrat politischer Freunde und die Vernachlässigung der eigenen Kinder. In einigen Fällen versuchte die Stasi einen Keil zwischen Kinder und ihre Eltern zu treiben – indem sie beispielsweise den Kindern suggerierte, ihnen drohe die Einweisung in ein Heim, weil die Mutter Trinkerin sei und ständig andere Männer habe.

Mit perfiden Methoden wurden Familien, Freundschaften und Beziehungen systematisch zerstört. Es gab Fälle, in denen Kinder ihre Eltern bespitzelten, Väter ihre Söhne anschwärzten und Ehemänner ihre Frauen. Nachdem das MfS die Beziehungskonflikte zwischen den Oppositionellen Ulrike und Gerd Poppe in der verwanzten Wohnung mitprotokolliert hatte, versuchte es die Eheleute weiter zu entzweien, indem es einen IM als potenziellen Liebhaber auf Ulrike Poppe ansetzte.

Klima der Angst

Wie viele Menschen die Stasi auf solche Weise ihrer Privatsphäre beraubte, wie viele private Beziehungen sie zerstörte, kann bis heute nur geschätzt werden. Die Psychotherapeutin Sonja Süß, auch sie in den Neunzigerjahren Mitarbeiterin der BStU-Forschungsabteilung, geht davon aus, dass mehrere Hundert DDR-Bürger, „mit besonders hoher Intensität der Zersetzung ausgesetzt“ waren. Und es gab Tausende, über die das MfS, so Kowalczuk, „bedrückend viel wusste, auch über Privates“.

Allwöchentliche IM-Enthüllungen, aber auch Spielfilme der Nach-Wendezeit mit Stasi-Sujet wie „Das Leben der Anderen“ haben vor allem im Westen der Republik ein DDR-Bild erzeugt, in dem die Überwachung und Zersetzung der Normalfall ist. Da gibt es kein Vertrauen mehr und keine Sicherheit, jeder Nachbar ist ein potenzieller Spitzel. Der Historiker Stefan Wolle prägte mit Blick auf die Rolle der Staatssicherheit den Begriff vom „moralischen Auschwitz“ – eine Formulierung im Geiste von Hannah Arendts düsterer Prognose einer völligen Atomisierung der Gesellschaft unter der totalitären Herrschaft.

Kowalczuk führt mit dem Wissen aus der kritischen Lektüre Tausender Stasi-Akten und dem gesunden Menschenverstand den Nachweis, dass ein solches DDR-Bild mit der Wirklichkeit nicht allzu viel gemein hat. Für eine weitgehende Durchleuchtung des Privatlebens der DDR-Bürger hätte die Stasi auf jeden Einwohner einen Spitzel ansetzen müssen. Und selbst wenn Mielkes Tschekisten erfahren hätten, was allenthalben geredet wurde am Kneipen- oder Abendbrottisch – wer hätte all die Mitschriften und Mitschnitte auswerten, wer hätte entsprechende Maßnahmen einleiten sollen? Allein dafür hätte das MfS seinen Personalbestand mindestens verzehnfachen müssen.

„Die Staatssicherheit war theoretisch flächendeckend aktiv, aber natürlich nicht in jedem Winkel präsent“, sagt Kowalczuk. „Man kann nicht eine Gesellschaft bis in den letzten Winkel ausleuchten und schon gar nicht so, dass man immer auch versteht, was da passiert.“ Dieses Dilemma hat die Stasi selbst erkannt. Sie erfand das „Schwerpunktprinzip“, über das es im „Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit“ Anfang der Achtzigerjahre hieß, es diene der „Konzentration der operativen Kräfte und Mittel auf die entscheidenden politisch-operativen Aufgabenstellungen beziehungsweise auf die vorbeugend zu sichernden entscheidenden Objekte, Bereiche, Territorien, Personenkreise und Personen“.

Kowalczuk sieht das Ziel von SED und Staatssicherheit nicht in einer kompletten Überwachung der Bevölkerung bis ins Privateste hinein, sondern in einer umfassenden Entindividualisierung. Den Machthabern sei es vorrangig darum gegangen, die Menschen in der DDR „zum unsichtbaren Teil eines großen Ganzen“ werden zu lassen. Dazu dienten Massenaufmärsche, Brigademitgliedschaft, Selbstverpflichtungen, Fahnenappelle und Propagandalosungen. „Die Menschen wurden permanent dazu aufgefordert, Bekenntnisse abzugeben, ohne dass jedoch von Interesse war, was der Einzelne wirklich dachte.“ In diesem System der Transformation vom Ich zum Wir, so Kowalczuk, war die Stasi „oft genug, wohl überwiegend, gar nicht anwesend“.

Allerdings kennt auch Kowalczuk natürlich die „gelernten“ Verhaltensweisen vieler DDR-Bürger, die darauf schließen lassen, dass viele Menschen glaubten, die Stasi dringe weit tiefer in ihre Privatsphäre ein, als es tatsächlich der Fall war. Diese angenommene Omnipräsenz der Stasi sei „alltagsprägend“ gewesen. Die einschlägigen DDR-Internetforen sind voll von solchen antizipatorischen Verhaltensanpassungen. Über bestimmte Dinge redete man nicht am Telefon. In der Kneipe senkte man die Stimme oder wechselte das Thema, wenn jemand, den man nicht kannte, hereinkam oder sich an den Nachbartisch setzte. Viele Studenten gingen davon aus, dass in jeder Seminargruppe mindestens zwei Spitzel säßen. Wehrdienstleistende fragten sich, wer denn nun der IM auf ihrer Stube sei. Wenn im Betrieb ein Kollege sagte: „Die waren gestern bei mir“, fragte niemand nach, wer gemeint war.

„Wie ein kratzendes Unterhemd spüre ich die Sicherheit“, schreibt der Bürgerrechtler Jens Reich, der 1984 eine Kooperation mit der Stasi ablehnte, „ein stets vorhandenes Unbehagen, von dem man aber für kurze Zeit abgelenkt werden kann. Im Gedächtnis wird es als abstrakte Wesenheit gespeichert, als Wissen, nicht als lebendige Missempfindung.“

In der Praxis geriet der vermeintlich allgegenwärtige Stasi-Apparat wohl häufiger an die Grenzen seiner Fähigkeiten als bislang angenommen. So galt bis dato als unwidersprochen, dass die Post-Auswerter der Stasi pro Tag ungefähr 90000 Briefe lasen. Ein Auswerter hätte täglich 800 Briefe lesen müssen - ein ungeheures Pensum. „Zwischen den Zeilen musste der Auswerter den Feind, die Spionageabsicht, die geplante Flucht erkennen“, fährt Kowalczuk fort. „Er musste also 800 fremde Briefe langsam und mehrfach lesen, um die Kontexte zu entschlüsseln, und zugleich entscheiden, ob ein meist handgeschriebener Brief zu einer von mehr als 30 vorgeschriebenen Kategorien gehörte und welcher zuständigen Diensteinheit, sollte ihm etwas Verdächtiges aufgefallen sein, er den Brief übergeben müsse.“ Kowalczuk hält das für „sehr unwahrscheinlich“.

Auch die totale Telefonüberwachung gab es wohl nur auf dem Papier. Zwar konnte die Stasi 1989 allein in Ost-Berlin gleichzeitig 20000 Telefonate abhören. Doch was passierte mit den Mitschnitten? „Die mussten verschriftlicht, verdichtet, gelesen, interpretiert werden“, sagt Kowalczuk. Der Akten-Nachlass deutet darauf hin, dass dies in der Regel nicht passiert ist. Allerdings bleibt in Kowalczuks Analyse offen, ob eine Überwachung wirklich total sein, ob jedes Telefonat tatsächlich mitgehört oder mitgeschnitten werden muss, um das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Reicht nicht schon der Gedanke, ein Gespräch könnte abgehört werden, das abstrakte Wissen, dass die Stasi Telefonate mitschneidet?

Vorauseilender Gehorsam

Für relativ unwahrscheinlich hält Kowalczuk es, dass die Stasi in großem Maße Wohnungen mit Abhörtechnik „verwanzte“. „Eine Kreisdienststelle der Stasi hatte nicht mehr als drei oder fünf Wanzen“, rechnet er vor. „Die mussten sich sehr genau überlegen, wo sie die installieren.“ Ein Lauschangriff musste zudem oft monatelang vorbereitet werden. „Das durfte ja keiner mitkriegen, sämtliche Nachbarn mussten in Schach gehalten, umfangreiche Legenden aufgebaut werden.“

Selbst die Spitzelberichte der IM tangieren größtenteils nicht die Privatsphäre der Opfer, sondern verbleiben im sogenannten Sekundärbereich, also in Beruf, Schule, Universität, Nachbarschaft, Partei oder Massenorganisationen. Meist geht es dabei um „Sicherheitsüberprüfungen“ von Bürgern, die zur Beförderung anstehen oder privat in den Westen reisen wollen. „Das Erzeugen von Omnipräsenz war Teil der Arbeitsmethode“, sagt Kowalczuk. „Die Stasi suggerierte, was sie nie realisieren konnte – immer und überall da zu sein. Und genau dieser Mythos hat sich durch die Gesellschaft transportiert und verfestigt.“

Immer und überall – auch bis ins Private hinein? Und wie weit? Die Frage wird kontrovers diskutiert. Jens Gieseke bezieht die hoffnungsvolle Position. „Die engsten familiären Verbindungen“, schreibt er in seinem Buch „Die Stasi 1945-1990“, „erwiesen sich als eine insgesamt gegen externe Eindringversuche ausgesprochen resistente soziale Institution.“ Vieles deute darauf hin, dass „die Familie als Schutzraum und Elementargemeinschaft eher gestärkt aus dem Systemdruck hervorging“.

„Nein, das sehe ich so nicht“, entgegnet der um einen Kommentar gebetene Ilko-Sascha Kowalczuk per E-Mail, „es stimmt weder allgemein noch bezogen auf die Stasi-Problematik.“ Noch ein Dissens mehr. Seine im Alleingang durchgezogene Revision des herrschenden Stasi-Bildes hat dem Historiker bereits genug Anfeindungen eingebracht, nicht zuletzt von Kollegen aus der eigenen Behörde, unter anderem den Vorwurf der Verharmlosung des Stasi-Unrechts und der Nestbeschmutzung.

Am meisten verübelt man Kowalczuk, dass er die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter, ein Resultat von mehr als 20 Jahren Forschung seiner Behörde, heruntergerechnet hat – von den bislang als gesichert geltenden 189000 auf lediglich 109000. Insbesondere die „Gesellschaftlichen Mitarbeiter für Sicherheit“ sowie die „Inoffiziellen Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens“ können nach den Resultaten seiner Forschungen nicht als klassische IM gelten. Roland Jahn, der Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, versuchte die Wogen des Streits zu glätten, der darin gipfelte, dass die bislang gültige IM-Zahl in der »Welt« für ähnlich sakrosankt erklärt wurde wie die sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden. „Zahlen, so wichtig sie sind, sind kein Dogma“, sagte Jahn– ließ aber kurz darauf an alle Mitarbeiter eine schriftliche Mitteilung ausgeben, am bisherigen Forschungsstand festzuhalten.

Der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) setzte der Debatte regierungsamtlich ein Ende: „Die Zahl von 189000 Inoffiziellen Mitarbeitern entspricht dem bisherigen Forschungsstand.“ Vor allem frühere Bürgerrechtler und Opfer der Stasi-Überwachung halten Kowalczuks Revision des Stasi-Bildes dagegen für überfällig. "Das macht die Stasi nicht weniger schlimm", schreibt Vera Lengsfeld, die zu DDR-Zeiten über Jahre von ihrem Ehemann bespitzelt wurde, in einer Rezension, „nur wird sie ihrer angeblichen Unfehlbarkeit, Perfektion und Allwissenheit entkleidet“. Kowalczuk selbst wehrt sich nicht öffentlich gegen die Vorwürfe und lässt sich auf keine Schlammschlacht mit seinen Kollegen ein.

Er ist überzeugt, dass die Stasi es durch ihren selbst geschaffenen Mythos der Omnipräsenz geschafft hat, „ein gesellschaftliches Klima zu erzeugen, in dem abweichendes Verhalten gemeldet wurde“. In den Archiven finden sich ungezählte Berichte über unaufgefordert übergebene Flugblätter oder Briefe sowie eifrige Meldungen politischer Meinungsäußerungen von Kollegen, nicht genehmigter Westkontakte oder über den auch nur leisesten Verdacht einer Fluchtabsicht. Kowalczuk wünscht sich, dass die Denunziation im Diktaturalltag, an denen die Staatssicherheit überhaupt nicht beteiligt war, endlich erforscht wird.

Ihm fällt da spontan eine Begebenheit aus einem Urlaub auf einem Zeltplatz in Ungarn ein. Er hatte eine Familie aus Westdeutschland kennengelernt. Bis in die Nacht saß man beisammen, irgendwann fing man an zu singen. Hannes Wader, Herman van Veen, auch Wolf Biermann. "Ich ging aufs Klo", erinnert sich Kowalczuk, „da baute sich so ein kleiner Sachse vor mir auf. „Das wird Folgen haben!“, schrie er mich an. „Seien Sie sicher, dass das gemeldet wird!“ „Na, dann melden Sie mal“, antwortete Kowalczuk, lachte den Mann aus und ließ ihn stehen. „Viele aus unserer Generation haben sie mit dieser Angstmache nicht mehr gekriegt“, sagt er. "Was die von uns wollen, hat uns nicht mehr interessiert." Ihn nicht. Andere schon.

Auch ein Satz aus dem Munde eines Schulkameraden, der zur Armee einberufen wurde, fällt ihm ein. „Mein Vater hat mir die richtige Lebenseinstellung mit auf den Weg gegeben“, sagte der. „Immer in der Mitte bleiben, dann fällst du nicht auf.“ „Ich war so entsetzt“, erinnert sich Kowalczuk. „Aber diese Einstellung hatten viele.“ Nicht zuletzt, so der Historiker, und seine Stimme wird plötzlich kühl, schneidend und frei vom leutseligen Berliner Tonfall, „lebte es sich mit Legenden wie der von der Omnipräsenz der Stasi ja auch ganz angenehm.“ Kurze Pause. "Weil man damit sein eigenes Schweigen, seine Feigheit, sein zustimmendes Kopfnicken vor sich selbst und vor anderen gut begründen konnte." ---