Partner von
Partner von

David Canter im Interview

Jeder Kriminelle erzählt mit seinem Verb rechen von sich selbst. Und liefert den Ermittlern damit eine erste Spur. Der Psychologe David Canter erklärt, wie sie zu lesen ist.




• In einem Brief an den Chef des Londoner Criminal Investigation Department beschrieb Thomas Bond den Täter wie folgt: „Der Mörder muss ein Mann sein von körperlicher Kraft, großer Kühnheit und großem Wagemut. Er muss, meiner Meinung nach, unter Attacken von Mordsucht leiden und von erotischer Besessenheit heimgesucht werden. Die Art der von ihm an seinen Opfern vorgenommenen Verstümmelungen lässt darauf schließen, dass er einen krankhaften Geschlechtstrieb hat. Der Mörder ist wahrscheinlich ein harmlos aussehender Mann, womöglich mittleren Alters, ordentlich und anständig gekleidet. Ich glaube, er trägt einen Umhang oder Übermantel, er könnte kaum unbemerkt auf der Straße entkommen sein, wenn das Blut an seinen Händen oder an seiner Kleidung zu sehen gewesen wäre. Angenommen, der Mörder ist ein Mann, wie ich ihn gerade beschrieben habe, dann ist er ein einsamer Mann und exzentrisch in seinen Gewohnheiten. Er ist auch ein Mann ohne eine reguläre Beschäftigung, jedoch mit einem kleinen Einkommen oder einer Rente.“

Der Mörder, dem Bond auf der Spur war, ist Jack the Ripper. Das Psychogramm wurde im November 1888 geschrieben. Es zählt zu den ersten schriftlichen Täterprofilen, die heute noch erhalten sind. Zu jener Zeit trieb sich Jack the Ripper im Londoner East End herum und ermordete Prostituierte auf bestialische Weise. Der Fall ist bis heute ungelöst, der Täter unbekannt.

brand eins: Herr Canter, werden in dieser Beschreibung die richtigen Schlüsse gezogen?

David Canter: Ich würde sagen: Sie ist schlüssig und präzise.

Aber Bond wusste doch kaum etwas über Jack the Ripper. Ist es da nicht gewagt, zu behaupten, dass er keiner Arbeit nachging und eine Rente bezog?

Wir wissen, dass er bösartig war und nachts durch die Straßen zog, um Frauen zu überfallen. Das verrät uns eine Menge über ihn. Zunächst: Er hat ein Problem mit Frauen. Dann: Er ist nach Mitternacht noch auf der Straße, also genießt er einige Freiheiten und wird um diese Zeit nicht vermisst. Er muss sich auch nicht von seinem Job am Tag erholen, weil er womöglich nicht arbeitet. Aber trotzdem kleidet er sich ordentlich. Woher hat er dann das Geld für seine Klamotten? Das sind einige Schlüsse, die sich aus den Taten ziehen lassen.

Er hat also nicht nur Spuren wie Fingerabdrücke oder Messerstiche hinterlassen. Auch sein Verhalten lässt sich deuten.

Es geht darum, aus den Entscheidungen, die er getroffen hat, Rückschlüsse auf ihn zu ziehen. Wir kennen den Mann nicht. Aber er verrät uns viel über sich: Die Morde wurden im Londoner Bezirk Whitechapel im East End begangen. Wenn man die Tatorte auf der Karte markiert, erkennt man, dass es ein Zentrum gibt, von dem aus der Mann operiert haben könnte. Dieses Zentrum ist nur ein paar Schritte entfernt von der Middlesex Street, wo der Kaufmann James Maybrick angeblich ein Apartment gemietet haben soll. Maybrick ist einer der Verdächtigen, da später ein Tagebuch gefunden wurde, das ihm gehört haben soll, und darin steht diese Adresse. Wenn das Tagebuch eine Fälschung ist, so war die angegebene Adresse sehr gut gewählt. Ist das Tagebuch echt, würde das bedeuten, dass James Maybricks Verhalten – falls er tatsächlich der Täter ist – dem vieler Serienmörder ähnelt: Sie sind oft in einem bestimmten Radius aktiv, meist nah von zu Hause oder einer Operationsbasis.

David Canter, 69, versteht etwas von Serienmördern. Er war Professor für Psychologie an der Universität Liverpool und hat den Begriff Investigative Psychologie geprägt. Sie versucht, die Ermittlungsarbeit der Polizei auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Angefangen hat alles im Jahr 1985. Damals wurde Canter von zwei Detectives von Scotland Yard zum Mittagessen eingeladen. Die beiden wollten wissen, ob das Studium des Verhaltens von Menschen ihnen dabei helfen könnte, Verbrechen aufzuklären. Die Möglichkeit, mithilfe von Details, wie jemand eine Tat begangen hat, auf seine Persönlichkeit zu schließen, faszinierte Canter.

Einige Monate später, im Januar 1986, saß er im Pendlerzug von London nach Guildford und las den »Evening Standard«. Darin fand er einen Artikel über eine Serie von 24 Vergewaltigungen. Die ersten Opfer ließ der Täter leben, seine späteren Opfer ermordete er. In dem Artikel gab es genaue Angaben zu Datum und Uhrzeit der Verbrechen. Canter zog einen Kugelschreiber aus der Tasche und versuchte, ein Muster herauszuarbeiten. Etwas war da schon aufgefallen: Alle Taten wurden in der Nähe von Eisenbahnstationen begangen.

Er erstellte einen Kalender und trug die einzelnen Verbrechen darin ein. Den schickte er den Ermittlern. Daraufhin wurde Canter wieder von ihnen eingeladen. Er fand sich in einem Raum voller Kriminalbeamter wieder, die Wände waren voll mit Notizen, Bildern, Karten. Und wieder versuchte Canter ein Muster herauszuarbeiten. Seine Hypothesen: Der Täter war Ende 20, hatte helle Haare, war Rechtshänder. Er hatte einen festen Job und musste auch regelmäßig am Wochenende arbeiten. Durch seinen Beruf hatte er nicht viel Kontakt mit anderen Menschen. Er kannte das Eisenbahnnetz in- und auswendig. Er wurde schon einmal verhaftet, aber nicht wegen sexueller Übergriffe.

brand eins: Sie entwarfen also ein komplettes Täterprofil?

David Canter: Der Begriff Profil gefällt mir nicht. Mein Ansatz ist wesentlich breiter als das, was gemeinhin – meist in Fernsehserien – als Profiling dargestellt wird: die Vorstellung von einem genialen Ermittler, der hochintelligent ist, sich in den Täter hineinversetzen kann und dann sagt, was für ein Typ das ist. Diese Idee stammt aus den Sherlock-Holmes-Romanen von Conan Doyle, die ich als Kind verschlungen habe. Fiktionale Erzählungen brauchen eine solche Figur. Aber ein FBI-Agent, den ich einmal kennengelernt habe, sagte dazu: "Willst du ein Profil, oder willst du, dass ich dir helfe, den Fall zu lösen?" Ich versuche, eine wissenschaftliche Methodik anzuwenden. Wir versuchen, die Entscheidungsprozesse der Polizei zu vereinfachen, indem wir systematisch arbeiten. Dabei gehen wir davon aus, dass alle Menschen Routinen und Gewohnheiten haben, die ihr Verhalten bestimmen. Bei Gewaltverbrechern ist das nicht anders.

Ist das nicht ganz normale Ermittlungsarbeit?

Leider nein. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn es eine Serie von Vergewaltigungen gibt, bei denen ein Täter in die Wohnungen der Opfer eingebrochen ist, durchforsten die Beamten zunächst ihre Datenbank nach Sexualstraftätern. So geschehen bei einem Fall in den Midlands. Aber wir haben dazu sehr intensiv geforscht und können sagen, dass viele Vergewaltiger keine Vorstrafen wegen sexueller Übergriffe haben. In diesem Fall ist es sinnvoller, nach Vorstrafen wegen Einbruchs zu suchen. Woher hat jemand die Fertigkeit, unbemerkt in Häuser einzudringen?

Was sagt Ihnen das Verhalten eines Kriminellen?

Es gibt Handlungen, die eine Person charakterisieren. Wie tritt jemand seinem Opfer gegenüber? Welche Opfer wählt er? Zu welcher Tageszeit ist er aktiv? Wie macht er sein Opfer gefügig?

Aber wir verhalten uns doch nicht immer gleich. Es hängt doch stark von der Situation ab.

Ich würde sagen: vom Kontext. Den muss man mit einbeziehen, und dann werden die Ermittlungen komplizierter. Wir sitzen uns hier in einem Hotel gegenüber und führen ein Interview. In diesem Kontext spreche die meiste Zeit ich. Aber wenn ich zu Hause beim Abendessen bin, sage ich oft kein Wort. Da reden nur meine Kinder. Das ist ein anderer Kontext. Hinzu kommt: Wir verändern und entwickeln uns, wir lernen. Ein Beispiel: Ein Verbrecher überfällt eine Frau, und sie schreit. Nach dieser Erfahrung wird er seinem nächsten Opfer den Mund zuhalten oder sie anders zur Ruhe bringen. Er lernt aus seiner Tätigkeit als Krimineller. Oder ein Einbrecher: Hat er Erfahrung, wird er die Schubladen einer Kommode von unten nach oben öffnen und nicht von oben nach unten. Er muss sie dann nicht mehr schließen und ist schneller. Oder im Gefängnis: Ein Krimineller kommt rein und kennt niemanden. Hat er seine Strafe abgesessen, hat er ein ganzes Adressbuch von Komplizen, kennt neue Tricks ...

Sie wissen dann, dass jemand Erfahrung hat. Aber wie finden Sie ihn?

Moment! So weit sind wir noch nicht. All das sind Aspekte, mit denen man Verdächtige ausschließen kann. Nach und nach entsteht so das Bild einer Person. Hat jemand beispielsweise eine Waffe, dann ist es wichtig, wie er sie hält. Hält er sie nah am Körper, hat er vermutlich keine Erfahrung im Umgang mit Pistolen, sonst wüsste er, dass er den Arm ausstrecken muss. Tut er das, stellt sich die Frage: Wo hat er das gelernt? Und wie kam er überhaupt an die Waffe? Das ist in Großbritannien nicht einfach. Damit lässt sich der Täterkreis gut eingrenzen. Ein wichtiger Faktor, den man aus einer Tat ablesen kann, ist Intelligenz. Gerade bei Betrugsfällen spielt das eine wichtige Rolle. Betrug ist nur möglich, wenn einer versteht, wie ein System funktioniert, und erkennt, wo es verwundbar ist. Das wird keiner machen, den die Lehrer in der Schule für unbegabt gehalten haben.

Aber dann tappen Sie noch immer im Dunkeln.

Dann wissen wir schon eine ganze Menge über ihn. Und jetzt kommt ein entscheidendes Element: Wo kennt er sich aus? Wo ist er mit der Gegend vertraut? Verbrechen werden sehr häufig dort verübt, wo der Täter seine alltäglichen Aktivitäten verrichtet, also wo er wohnt, arbeitet oder sich regelmäßig aufhält. Wir sprachen vorhin über Jack the Ripper: Kriminelle wollen das Risiko, entdeckt zu werden, minimieren. Deshalb operieren sie an Orten, die sie gut kennen. Würden Sie weit fahren, um eine Straftat zu begehen? Sie würden sich auf unsicheres Terrain begeben: Sie kennen dann nicht die engen Seitenstraßen, Sie würden wohl als Fremder auffallen und wären verwundbar.

Wir waren einmal hinter einem jungen Mann her, der vergewaltigte ältere Frauen in den Sozialsiedlungen in Birmingham. Er passte sie an der Tür ab, schleppte sie zum Aufzug und zerrte sie über die Feuertreppe aufs Dach. Dadurch hat er viel über sich verraten: Die spezielle Architektur der englischen Sozialbauten war ihm vertraut. Er wusste, dass es einen Aufzug gab, dass man auf dem Dach nahezu ungestört ist und dass dort niemand die Schreie des Opfers hört. Doch obwohl er nicht maskiert war, wurde er nie erkannt. Wir schlossen daraus, er müsse in einer benachbarten Siedlung leben. Aus den unterschiedlichen Tatorten konnten wir die Siedlung finden, in der nie etwas passiert war. Und tatsächlich hat er dort gewohnt.

Auch der Mann, den die Zeitungen bald den „Railway Rapist“ nannten – Canters erster Fall –, lebte in der Nähe der Tatorte. Von 2000 Verdächtigen, die die Polizei im Auge hatte, war er zunächst auf Platz 1505 der wahrscheinlichen Täter. Aber er war der Einzige, der in dem Londoner Viertel Kilburn lebte, wo die ersten Taten begangen wurden. Später zog er weitere Kreise. Alle Verbrechen beging er an Orten, die er kannte, von Besuchen bei Freunden oder Verwandten. Im Laufe der Zeit veränderte er sich. Ursprünglich nur ein Einbrecher, wurde er zu einem brutalen Frauenmörder. Canter glaubte, dass er bereits vor seiner Vergewaltigungsserie kriminell gewesen war, denn der Täter verstand es gut, die Polizei zu narren. Er hatte Erfahrung. Verhaftet wurde er, nachdem er über längere Zeit observiert wurde.

brand eins: Bevor ich ein Verbrechen begehe, müsste ich mir doch bewusst sein, dass mich auch mein Verhalten verrät. Da kann ich mich doch verstellen.

David Canter: Sie müssten ein Professor für Psychologie sein, um durch Ihr Verhalten und Ihre Gewohnheiten keine Spuren zu hinterlassen. Sie können Handschuhe tragen, eine Maske, was auch immer. Aber Sie bleiben dieselbe Person. Es ist sehr schwer, absichtlich wahllos zu handeln. Aber manchen gelingt es: Ein Mann, der Supermärkte erpresst und winzige Glassplitter in Babynahrung versteckt hatte, kannte sich bestens aus. Er hat die Scherben von vielen verschiedenen Flaschen verwendet, sodass die Polizei nicht herausfinden konnte, woher die Flaschen stammten. Das offenbarte ein sehr gutes Verständnis der Arbeit der Ermittler. Tatsächlich war der Mann selbst Polizist gewesen. Er hatte in einer Einheit gearbeitet, die sich mit Erpressungen beschäftigt hat. Auch er wurde gefasst, bei der Geldübergabe.

Es gibt sie also noch, die klassischen Fahndungserfolge.

Natürlich, denken Sie nur an den Yorkshire Ripper: Der Mann wurde gefasst, als sein Wagen auf einem Parkplatz stand, der bekannt dafür war, dass Prostituierte dort mit ihren Kunden hinfahren. Bei einer Routinekontrolle entdeckte ein Streifenpolizist, dass das Kennzeichen an einem Rover tatsächlich zu einem Skoda gehörte. Als er den Fahrer auf der Wache verhörte, stritt der alles ab. Da erinnerte sich der Beamte, dass der Verdächtige, kurz bevor sie zur Wache gefahren waren, darum gebeten hatte, im Gebüsch pinkeln zu gehen. Der Beamte fuhr zurück und fand genau an jener Stelle ein Messer und einen Hammer – die Tatwaffen. Manchmal braucht es einfach nur aufmerksame Polizisten.

Durchstöbern die inzwischen das Internet statt der Büsche? Man findet im Netz doch heutzutage eine ganze Menge an Informationen über Menschen.

Das hat die Ermittlungsarbeit stark vereinfacht. Die Polizei nutzt diese Informationen systematisch. Während der Krawalle in England im Jahr 2011 durchsuchten die Beamten Facebook-Profile und identifizierten auf diese Weise einige Täter. Es gibt viele solcher Fälle. Viele Menschen nutzen diese Technik, verstehen sie aber nicht. Selbst meine Studenten wollten für unsere Forschungsarbeit eine Facebook-Gruppe aufmachen – wir behandeln Kriminalfälle! Die Studenten dürfen über diese vertraulichen Dinge mit niemandem sprechen – aber sie wollten darüber auf Facebook diskutieren! Ich bin auf Facebook, weil ich wissen will, was dort passiert. Aber ich verrate dort nie etwas Persönliches. Ich sage nie, wann ich in Urlaub fahre. Ich gebe nichts preis.

Sie haben darauf bestanden, dass wir uns in einem Hotel treffen, nicht bei Ihnen zu Hause. Sind Sie übervorsichtig?

Nicht unbedingt. Aber ich sehe mich vor. Und zwar nicht, weil ich fürchte, es könnte sich jemand an mir rächen. Doch ich habe so viele Verbrechen gesehen, und daher bin ich eben etwas vorsichtiger. Ich war sehr wütend, als ich mein Haus bei Google Street View entdeckt habe. Jeder, der meine Adresse herausfindet, und das ist heutzutage nicht sehr schwer, kann mein Haus finden und es sich genau ansehen.

Sie beschäftigen sich seit rund 30 Jahren mit Gewaltverbrechen. Sind Sie davon besessen?

Um die Wahrheit zu sagen: Ich interessiere mich nicht für Verbrechen. Viele Verbrechen sind banal. Auch die psychologische Seite daran ist langweilig. Ich habe an mehreren Hundert Fällen gearbeitet, und man wiederholt immerzu die gleichen Dinge. Was mich aber fasziniert, sind die Muster menschlichen Verhaltens. Das ist in der Tat etwas, das mich nicht loslässt.

Sie haben den Begriff Investigative Psychologie geprägt. Inzwischen gibt es dazu ein Kapitel in jedem Einführungsbuch über Forensische Psychologie, es gibt ein Journal ...

... ja, der Begriff wird inzwischen richtig populär. Hätte ich ihn damals schützen können, bekäme ich heute vielleicht Lizenzgebühren und wäre reich. Doch kürzlich ist etwas Kurioses passiert: Die niederländische Polizei rief mich an und bat in einem Fall um Hilfe. Sie fragten mich, wie viel Geld ich dafür nehmen würde. Stellen Sie sich das einmal vor! Diese Frage hat mir die britische Polizei in all den Jahren nie gestellt. ---