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Das Private? Ist in Arbeit

Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps - das war einmal. Eine Geschichte von unübersichtlichen Verhältnissen.




• Henning Figge meinte, die Sache ansprechen zu müssen. Als der verantwortungsbewusste Vorgesetzte, für den er sich hielt, nahm er seinen Mitarbeiter zur Seite und riet ihm, sich am Wochenende doch lieber um seine Familie zu kümmern, anstatt samstags - das war ihm nämlich aufgefallen - immer wieder dienstliche Mails zu beantworten. "Niemand verlangt das von Ihnen", sagte Figge väterlich. Die Reaktion des Mitarbeiters sei kurz und unmissverständlich gewesen. "Das lassen Sie mal meine Sorge sein", antwortete der. Figge war mit seiner Fürsorge aufgelaufen.

Der Europa-Chef des US-amerikanischen Büromöbelherstellers Haworth erzählt diese Anekdote, um seine Skepsis gegenüber Work-Life-Balance-Projekten zu illustrieren. Die heruntergefahrenen E-Mail-Server nach Feierabend, die automatische Umleitung von Nachrichten im Urlaub - was in vielen Firmen zum Schutz der Privatsphäre zählt, nennt Figge Bevormundung.

Was nicht heißen soll, dass Privatsphäre für ihn kein Thema wäre. Sie spielt bei Haworth - wie in jedem Unternehmen, das sich auf die Veränderungen der Arbeitswelt einstellt - sogar eine entscheidende Rolle. "Privatsphäre ist aber - je nach Individuum, Unternehmenskultur, Rechtslage und Nation - immer etwas anderes", sagt Figge. Deshalb könne man nicht so tun, als ob es für alle die gleiche Lösung gäbe.

So sei in chinesischen Büros die Privatsphäre das, was zwischen Hintern und Stuhllehne passe. In dieser Lücke verstauten die Beschäftigten, was ihnen persönlich gehört, denn für andere Ablageflächen fehle schlicht der Platz.

In Europa dagegen ähnelten viele Arbeitsplätze inzwischen häufiger einem Wohnzimmer. Haworth vermarkte dort Sofas mit eingebauten Steckdosen für den Laptop und neuerdings auch raumkapselartige Rückzugsräume, in denen Angestellte Siesta halten können. In den USA wiederum gestatte das Unternehmen seinen Mitarbeitern während der Arbeit selbstverständlich die private Nutzung der sozialen Netzwerke. In Deutschland müsse man genau das aufgrund von Datenschutzbestimmungen eigentlich verbieten.

Und der Mitarbeiter, der samstags so gern seine Mails abarbeitet? Der empfände heruntergefahrene Server zum Schutz seiner Privatsphäre als Eingriff in seine Freiheit. Er wolle seine Arbeit erledigen, wann es ihm passe.

Das Ende des Privaten

Das Ausbalancieren von Privatleben und Arbeit scheint kompliziert geworden zu sein. Wie soll es auch gelingen, wenn beides kaum noch voneinander zu trennen ist, Nickerchen im Büro gehalten, aber dienstliche E-Mails am Wochenende vom heimischen Küchentisch aus versendet werden? Nicht nur für den Einzelnen, auch für Organisationen gerät da manches durcheinander.

Firmen kümmern sich nicht mehr nur um die Arbeit ihrer Mitarbeiter, sondern um deren ganze Persönlichkeit. Nicht nur, weil jeder Angestellte mit dem Smartphone jeden Tag sein halbes Privatleben mit in die Firma schleppt, die Freunde, die Netzwerke - mit diesen privaten Geräten dann noch dienstliche Aufgaben erledigt und nach Feierabend beträchtliche Datenmengen aus dem Büro nach Hause trägt, um sie dort oder gar im Urlaub weiter zu bearbeiten. Bei Datenschützern und Vorgesetzten sorgt so etwas für Herzrasen. Und bei Mitarbeitern, so befürchtet man, ob der fehlenden Pausen irgendwann auch.

Alles dreht sich um die Frage, wie weit man die Arbeit begrenzen muss, um dem Privaten Platz zu lassen. Und umgekehrt. Mitarbeiterführung mutet da vor lauter Ehrgeiz schnell wie ein Therapieprogramm für zwischen Arbeitskraft und Privatperson gespaltene Persönlichkeiten an. Statt über Arbeit spricht man über Work-Life-Balance. 

Die Sorge um das Privatleben ihrer Mitarbeiter treibt mitunter seltsame Blüten, zum Beispiel weil Vorgesetzte darin herumschnüffeln oder ganz offiziell den "Erfolg", etwa in der Ehe oder der Kinderfrühförderung, in die Mitarbeiterbeurteilung und Gratifikation mit einfließen lassen wollen. Letzteres dokumentierte sehr unterhaltsam der Filmemacher Harun Farocki in einem Dokumentarfilm über die Berater-Szene (siehe brandeins 08/2012, b1-link.de/farocki). Wohl dem, der seinen Kram da noch sicher hinter dem eigenen Hintern weiß.

Und obwohl nie zuvor so viel über den Schutz der Privatsphäre diskutiert wurde - Daimler etwa bietet seinen Mitar beitern nach eigenen Angaben mehr als 300 Arbeitszeit modelle -, steigt die Zahl der sogenannten Burnouts in den Unternehmen unvermindert weiter an. Hört man nur Klagen? Wie passt das zusammen?

Nach Ansicht von Ernst Hoff ist die Diskussion über Work-Life-Balance derzeit vor allem deshalb so populär, eben weil sie kaum mehr zu realisieren sei. Das Privatleben, das gebe es oft nicht mehr. Als emeritierter Psychologieprofessor hat Hoff auch gut reden, könnte man sagen.

brand eins: Wo ist das Private bei jenen, die arbeiten, denn hin, Herr Hoff?

Ernst Hoff: Es wird verschluckt. Von der Arbeit.

Dann stimmt also das Gefühl, das heute einen Großteil der arbeitenden Menschen beschleicht?

Natürlich, das ist kein Klischee. In Organisationen und Institutionen sehen sich viele Erwerbstätige heute mit der Forderung konfrontiert, auch alle persönlichen Ressourcen, Kompetenzen und Bestrebungen in den Dienst einer autonom und selbstverantwortlich zu verrichtenden Arbeit zu stellen. Sie können kaum noch zwischen ihren Rollen als Berufs- und Privatperson trennen, sondern müssen sich als ganze Person in die Arbeit einbringen - und wollen das häufig auch.

Ernst Hoff hat im Rahmen seiner Forschungen an der Freien Universität Berlin arbeitende Menschen vom Aufstehen bis zum Zubettgehen beobachtet. Er hat in ihren Büros und Wohnzimmern gesessen. Nicht selten war das eine wie das andere derselbe Raum. Was Hoff heute als "arbeitszentriertes Leben" bezeichnet, könnte man als eine Art neutralen Befund werten.

Aber macht dieses Leben auch krank? Wie lautet dann der dazu passende Therapieplan in den Firmen? Und wer braucht so etwas eigentlich am dringendsten: die Firma oder die Mitarbeiter?

Warum nicht Selbstheilung?

Wurde das Private von der Arbeit verschluckt, so weiß man zumindest, wo man zu suchen hat. Christa Stienen steckt ihre Privatsphäre einfach ein, damit sie infolge der Arbeit nicht verschwindet. Sie besitzt zwei Telefone: ein privates und ein dienstliches. Letzteres bleibt am Wochenende ausgeschaltet. Work-Life-Balance kann mitunter trivial sein.

Stienen beantwortete lange Zeit auch nachts oder am Sonntag beflissen die E-Mails der Mitarbeiter. So lange, bis sie keinen Sinn mehr darin erkennen konnte, weil "allzu vieles weder dringend noch wichtig war". Also kaufte sie sich ein zweites Telefon. Sie trennte Arbeit und Feierabend wie die Woche vom Wochenende. "Man muss sich Grenzen setzen", sagt sie. Das, so glaubt sie, können auch die Mitarbeiter. "Und das heißt ja nicht, dass ich nicht sofort da bin, wenn es im Unternehmen wirklich brennt."

Sie verantwortet für ein internationales Pharmaunternehmen das Personalmanagement in Europa. Die Firma profitiert in gewisser Hinsicht von der allerorts verschluckten Privatsphäre, weswegen schließlich viele Menschen deren Blutdrucksenker zum morgendlichen Kaffee einnehmen.

Stienens Arbeitgeber hat ein Work-Life-Balance-Programm eingeführt. "Die Mitarbeiter wollen das. Schon bei Einstellungsgesprächen wird gezielt danach gefragt", sagt sie und zählt Aktivitäten wie Yoga, Spinning oder Laufen auf. "Und Massage haben wir auch." Hat man aber auch ein Problem?

Nach Meinung von Stienen eigentlich nicht. Work-Life-Balance ist in ihren Augen ein Führungsthema und das einer gewissen Selbstkontrolle. Die Welt sei nun mal bunter geworden, da müsse man eben neue Strategien der Abgrenzung erlernen.

Wie aber macht man das? "Unsere Mitarbeiter wissen, dass, auch wenn der Vorgesetzte seine E-Mails gern am Wochenende abarbeitet, sie die erst am Montag zu beantworten brauchen." Überdies helfe die moderne Technik. So könne sie am Wochenende E-Mails verschicken, die ihre Mitarbeiter erst am Montag erreichen. Worauf sie bestehe, sei die Einhaltung des Jahresurlaubs, auch wenn sie Angestellte, "die sich für unabkömmlich halten", mitunter zur Auszeit drängen muss. Arbeiten und leben lassen - das habe man intern im Griff. Die Therapie: Unterstützung und Anregung der Selbstheilungskräfte der Mitarbeiter.

Stienen setzt sich als Mitglied im Präsidium des Bundesverbandes der Personalmanager daher auch gegen weitere gesetzliche Auflagen für die Unternehmen ein, die derzeit wegen der hohen Burnout-Raten diskutiert werden. Schließlich gebe es doch schon alles: Gleitzeit, Betriebsvereinbarungen, Arbeitszeitkonten, Datenschutz.

Kritiker sehen in Work-Life-Balance allerdings allzu oft nur eine Form des Ablasshandels in der modernen Arbeitswelt. Um den gleichwohl eine ganze Industrie entstanden ist, die Reisen ins "innere Team" eines jeden Mitarbeiters anbietet und vom Yogakurs in der Volkshochschule bis zur Nackenmassage am Schreibtisch reicht.

In einer Studie des Beratungsunternehmens Kienbaum berichteten im Jahr 2007 knapp 70 Prozent der befragten Personalverantwortlichen von solchen Angeboten. Für die Umfrage waren 1200 Personalmanager angeschrieben worden, 263 antworteten. Von denen bejahten 75 Prozent grundsätzlich eine strategische Relevanz von Work-Life-Balance für Unternehmen. Befragt nach der Bedeutung für den eigenen Arbeitgeber, sank der Anteil auf nur noch gut 20 Prozent. Zu den Klassikern im Angebot zählten Teilzeit (81,5 Prozent) und Fitness (65,3 Prozent). Ein Großteil der Programme aber verfehlt offenkundig den Bedarf der Angestellten, für die bessere Kinderbetreuungsangebote wichtiger seien.

Zwangstherapie

Also doch Zwang anwenden? Mitarbeiter gar nicht erst in Versuchung bringen und der Arbeit zum festgelegten Glockenschlag einen Riegel vorschieben? Achtung - ab jetzt: Freizeit!

Aktivitäten, mit denen per Dekret die wuchernde Arbeit aus der Privatsphäre vertrieben werden soll, erzeugen zunächst eines: öffentliche Aufmerksamkeit.

Etwa Pressemeldungen wie jene, wonach Volkswagen 2011 kundgetan habe, seine E-Mail-Server nach Feierabend einfach abzuschalten. Markus Schlesag, Sprecher für Personalfragen im Unter nehmen, bestätigt ein immenses Medieninteresse an dieser Mitteilung - obwohl es die genau genommen nie gegeben hat.

Dieses mit dem Betriebsrat ausgehandelte Projekt rutschte gewissermaßen vom Tisch, geriet ohne offizielle Pressemitteilung in die Öffentlichkeit, und dann hieß es überall: keine Mails mehr nach Feierabend bei Volkswagen! Also musste man umgehend darauf hinweisen, dass dies nur für knapp 1200 Mitarbeiter galt, jene nämlich, die ein betriebliches Smartphone besitzen, nach Tarif beschäftigt sind und nicht zur Riege der Führungskräfte gehören. Angesichts von 16000 Managerposten weltweit zweifelsfrei ein überschaubares Grüppchen. Schlesag übersetzt es in einen für seine Branche bildhaften Vergleich: "Es ist eher der Außenspiegel, nicht das ganze Auto."

Ungefähr so, als würde man kostenlose Fahrradhelme an jene Velofahrer verteilen, die nur mittags ihr Rad aus dem Keller holen, aber es dann auch nur schieben. Schlesag bezeichnet das Programm als "Signal", dass man Ruhephasen einhalten solle. Geprüft wurde die Wirkung des E-Mail-Abschaltens noch nicht, fortgesetzt wird es trotzdem. Privat angerufen werden können die Kollegen natürlich weiter jederzeit.

Auch der Konkurrent Daimler experimentiert mit "E-Mail-Abwesenheitsspielregeln", die es Mitarbeitern immerhin freistellen, eingehende E-Mails im Urlaub automatisch löschen zu lassen.

Christa Stienen steht solchen Strategien des Entzugs skeptisch gegenüber. Irgendwann und von irgendwem müssten diese E-Mails schließlich doch beantwortet werden. In einer international ausgerichteten Firma wie ihrem Arbeitgeber würde es anders gar nicht funktionieren. Wenn Kollegen in Japan oder den USA säßen, müsse bei einer Besprechung immer jemand früher aufstehen und jemand anderes länger bleiben. Verbote brächten die Kollegen da nur in Verlegenheit.

Die wirkliche Problematik sieht Stienen woanders, etwa in Banken, wo die Angestellten für den Weg ins Privatleben nicht einmal mehr das Firmengelände verlassen müssen. Wo das Essen praktischerweise ins Büro geliefert wird, für die Fitness gesorgt wird und Apartments bereitstehen. "Oder denken Sie an die Berater-Branche. Da leben die Mitarbeiter die ganze Woche im Hotel und haben nur noch internen Umgang mit Kunden und Kollegen." Diese Menschen seien im System gefangen, von der Welt draußen abgeschottet. In der Wissenschaft spricht man von Verdichtung und Fragmentierung.

Und manchmal wird man Ohrenzeuge von Gesprächen, wie neulich im Zug, als zwei ältere Frauen über roten Fleece sprachen. Genauer: Sie schimpften.

Es ging um den Schwiegersohn der einen. Der rede nur noch von der Firma. Beim Abendessen. Am Wochenende. Noch in der Freizeit treffe er sich mit den Kollegen. "Und dabei trägt er dauernd diese blöde Fleecejacke, in Rot und mit Audi drauf. Zu Hause." Das müsse doch nicht sein.

brand eins: Früher gab es den Blaumann für die Fabrik, heute gibt es das fesche Freizeit-Outfit für zu Hause. Ist das, was da so flauschig daherkommt, die komplette Vereinnahmung, Herr Hoff?

Ernst Hoff: Nein, wo denken Sie hin! Der Mitarbeiter wird Ihnen antworten, er mache seine Arbeit gern, das mache ihm Spaß! So haben wir es immer wieder gehört. Viele der von uns Befragten wollten ihre Beschäftigung gar nicht Arbeit nennen. Wir sprechen vom Prozess der Subjektivierung von Arbeit. Ich bringe meine ganze Person ein, als Arbeitskraft und als Privatperson.

Und dann trägt man in der Freizeit Arbeitsfleece, worüber sich die Schwiegermutter ärgert?

Das ist durchaus ein interessanter Trend. Sie können heute in vielen Berufen äußerlich nicht mehr trennen, ob jemand gerade arbeitet oder privat ist. Das Firmen-Outfit für die Freizeit ist die eine, der Kapuzenpulli am Schreibtisch die andere Seite.

Dann hat die Arbeit das Private verschluckt, aber es ist trotzdem nicht verschwunden?

Richtig, es gibt Strategien und Wunschvorstellungen, bei denen die Privatsphäre auch wieder getrennt von der Arbeit ihren Platz findet. Wir sehen darin oft ein kompensatorisches Gegengewicht.

Und wie sähe so eine kompensatorische Strategie aus?

"Living apart together" heißt eines dieser Modelle. Junge Paare, beide mitten in der angestrebten Karriere, die in der Woche getrennt voneinander nur arbeiten, dann am Wochenende Handy und Laptop ausschalten und privat zusammen sind. Im späteren Lebensalter kann ein privates Gegengewicht dann die Familie oder vielleicht das Ehrenamt im Fußballverein der Kinder sein.

Klingt nett.

Zweifelsohne. Vor allem aber zeigt es, dass neben der Entgrenzung oder dem Versuch der strikten Trennung von Privatleben und Arbeit auch noch ein dritter Weg existiert: die Möglichkeit der Integration und Koordination beider Bereiche. Dahinter steckt dann aber eine immense Leistung, vor allem seitens der Frauen. Soll in das Modell auch noch eine Familie passen, sind sie wieder bei den Herausforderungen, die der Konflikt zwischen Arbeitswelt und Privatsphäre immer auslöst: Integration, Koordination und Segmentation.

Toggling. Einfach abtauchen

Man kann also Gewichte stemmen, die privaten und beruflichen. Irgendwann wird das anstrengend. Oder man akzeptiert die Situation. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Und wenn man etwas nicht ändern kann, ist es nicht die schlechteste Strategie, sich damit zu arrangieren.

So pragmatisch sieht es zumindest Frank Merlotti, der Vorstandsvorsitzende von Coalesse. Statt um die Trennung von Privatsphäre und Arbeit zu kämpfen, hilft sein Unternehmen, beides zu verbinden: Der Büromöbelhersteller baue deshalb auch keine Büromöbel mehr, sondern, wie es Merlotti in bester Marketing-Manier aufsagt: "Wir entwerfen heute Möbel für Menschen, nicht mehr für Büros."

Coalesse folgt dem Trend, dass wir immer und überall arbeiten können, aber dort zugleich auch leben wollen, weshalb das Wohnzimmer zum Büro wird und umgekehrt. "Dieses Leben haben wir begonnen zu designen", sagt Merlotti. Er spricht von Hybridmöbeln mit emotionalem Komfort.

Wenn sein Vater die sieht, fragt er meist: "Was zum Teufel ist das?" Schon der Senior hat in der Büromöbelbranche gearbeitet, wie jetzt sein Sohn. Dessen Produkte sind nunmehr Sessel, die mit einem Handgriff zum Arbeitsplatz und wieder zum Wohnelement werden. Oder Gestelle, die sich im Café oder Flughafen zum mobilen Laptop-Halter ausklappen lassen.

Ursprung dieser Ideen war eine eigene Studie unter Kreativarbeitern in Nordamerika und Europa. In New York, München und Paris schaute man den Leuten beim Wohnen und Arbeiten zu. Dabei kam he raus, was sie insgeheim erwartet hatten: Ort oder Zeit spielen für die Arbeit und das Privatleben keine Rolle mehr. Gearbeitet wird im Café, beim Kochen in der Küche - der Wechsel zwischen Privatsphäre und Arbeitswelt vollzieht sich nur noch in den Gedanken. Am Küchentisch oder im Café taucht man in die Arbeit ab oder wieder ins Privatleben ein. Die Designer haben sich für diese mentale Übung das Wort Toggling ausgedacht. "Toggle" ist das englische Wort für Kippschalter.

Der Rhythmus ist es

Nun verschluckt das Arbeitsleben nicht mehr die Privatsphäre. Vielmehr klappt man es nach Bedarf einfach zusammen und stellt es beiseite. In Zukunft vielleicht auch gern mal etwas länger. Privatsphäre ist nämlich etwas, das man sich im übertragenen Wortsinn herausnehmen muss. Henning Figge sieht die Aufgabe der Firmen künftig vor allem darin, die Arbeitswelt nicht abzugrenzen, sondern immer offenzuhalten, auch wenn sich Mitarbeiter einmal länger zurückziehen. "Die Idee, das Leben pro Woche in 35 Stunden Arbeit und den Rest Freizeit zu trennen, ist Vergangenheit."

Er hält stattdessen wechselnde Phasen von Arbeit und Privatem für zeitgemäß. Mitarbeiter, die vielleicht ein Jahr lang ein Projekt bearbeiten, sich dann für ein Jahr zurückziehen, sich weiterbilden, um die Familie kümmern und schließlich zum nächsten Job zurückkehren. "Als Unternehmen müssen wir dann aber auch einen Platz für sie freihalten." Verordnen könne man die Balance zwischen Arbeit und Privatleben aber nicht. Sein Therapieplan ziele jedenfalls darauf ab, immer beides zu ermöglichen. Auf Zwang und Bevormundung sollte man sich nicht verlassen.

Obwohl, zugegeben: Manchmal kann das durchaus willkommen sein. Henning Figge erlebt es mitunter ausgerechnet an seinem Lieblingsarbeitsplatz. Er nennt ihn den "vierten Ort". "Zugfahrten und Flugreisen sind für mich perfekt zum Arbeiten", sagt er. Solange ihm ein fehlendes oder nicht funktionierendes Internet nicht die Arbeitsfreude verleidet. Statt zu murren, nimmt er dies dann als Zeichen, der Privatperson den Vortritt zu lassen. "Mal schlafen oder lesen ist ja auch ganz schön." Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: "Eigentlich wäre das ein tolles Geschäftsfeld - Transitarbeitsplätze." ---
Jahr, in dem die Flexibilisierung der Arbeitszeiten durchgesetzt wurde1984
Anteil der nach flexiblen Arbeitszeiten beschäftigten Arbeitnehmer im Jahr 2010, in Prozent36,3
Anteil der auch am Samstag arbeitenden Beschäftigten im Jahr 1992, in Prozent20
Anteil der auch am Samstag arbeitenden Beschäftigten im Jahr 2011, in Prozent27
Durchschnittliche Wochenarbeitsstundenzahl der Beschäftigten in Deutschland im Jahr 199138,4
Durchschnittliche Wochenarbeitsstundenzahl der Beschäftigten in Deutschland im Jahr 201135,5
Anteil der Teilzeitbeschäftigten im Jahr 1991, in Prozent14
Anteil der Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2011, in Prozent27
Geschätzte Zahl der 2012 täglich versendeten geschäftlichen E-Mails89 Mrd.
Geschätzte Zahl der 2016 täglich versendeten geschäftlichen E-Mails144 Mrd.
Zahl der Arbeitnehmer, die jederzeit telefonisch oder per E-Mail erreichbar sind, in Prozent29
Anteil der deutschen Beschäftigten, die ihre Privatnummern beim Arbeitgeber hinterlegt haben, in Prozent87,3
Anteil der Beschäftigten, die noch nie von ihrem Arbeitgeber außerhalb der Arbeitszeiten angerufen wurden, in Prozent51,7
Anteil der Beschäftigten, die außerhalb der Arbeitszeit dienstliche E-Mails lesen, in Prozent11,7
Anteil der Beschäftigten, die sich dadurch nicht belastet fühlen, in Prozent66
Anteil der Beschäftigten in Österreich, Deutschland und Schweiz 2011, die im Urlaub dienstliche E-Mails lesen, in Prozent61
Anteil der Beschäftigten in Österreich, Deutschland und Schweiz 2012, die im Urlaub dienstliche E-Mails lesen, in Prozent52

Quellen: Bitkom, DAK, Statista, Statistisches Bundesamt, Tripadvisor