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Steuerparadies Miami

Kaum ist eine Steueroase ausgetrocknet, blüht auch schon die nächste auf - an den erstaunlichsten Orten.


• Ein Schweizer Bankkonto, das ist etwas von gestern, als die Welt der Steueroptimierer noch in Ordnung war. Als Flüchtlinge vor dem Fiskus Obhut und Verständnis fanden. So wie es der Zürcher Bankier Hans-Dieter Vontobel 1999 formuliert hat: „Für mich ist es in höchstem Maße moralisch vertretbar, Vermögenswerte von fiskalisch Verfolgten vor dem Zugriff ihrer Behörden zu schützen. Wer mehr als 50 Prozent seiner rechtmäßig erworbenen Einkünfte für Steuern und Abgaben bezahlen muss, ist faktisch ein Staatssklave. Er bedarf besonderer Anteilnahme und Hilfe.“

Knapp 15 Jahre später wollen Schweizer Banken mit ausländischen Staatssklaven nichts mehr zu tun haben. Nachdem sie schon alle Kunden aus Deutschland und den USA mit unversteuerten Geldern entweder zu einer Selbstanzeige gedrängt oder ihnen die Tür gewiesen haben, gilt das seit Neuestem auch für die Franzosen.

Doch nicht alle Reichen mit einem Schwarzgeldkonto im Ausland mögen sich dem Finanzamt offenbaren. Sei es, weil sie hohe Nachzahlungen fürchten. Vielleicht haben sie aber auch ganz einfach nur keine Lust dazu.

Eine Zeit lang ließen sich schwarze Vermögen noch problemlos in andere Steueroasen verschieben. Als die Schweizer Banken das Versteckspiel noch mitmachten, war vor allem Singapur beliebt. „Zur Kontoeröffnung brauchte man nicht einmal selbst hinzugehen. Das erledigte der Bankberater an der Zürcher Bahnhofstraße mit ein paar Klicks am PC“, sagt Hans-Lothar Merten, ein deutscher Steuerexperte. Inzwischen haben die Schweizer das Schlupfloch gestopft, und auch die Behörden in Singapur achten auf ihren Ruf. An schnell verdientem Fluchtgeld aus Europa sind sie nicht mehr interessiert. So hat sich die Welt der Trickser binnen Kurzem fundamental verändert. Mit dem jüngsten Bankenskandal in Zypern trocknete eine weitere Oase aus – nun richtet sich der Argwohn gegen Andorra und Malta.

Dennoch hat der Geldadel die Suche nach neuen Schlupflöchern nicht aufgegeben. Was vielen Kunden einst die Zürcher Bahnhofstraße oder der Paradeplatz war, heißt heute Brickell: Der Name steht für Großstadt-Ambiente plus Ferienstimmung, aber auch für Sachkenntnis in Geldangelegenheiten, Diskretion und ein mildes Steuerklima. Brickell, so heißt das Herzstück von Miamis florierendem Finanzplatz mit mehr als 300 einschlägigen Instituten. Tatsächlich treibt es längst nicht mehr nur Rentner und Sonnenanbeter nach Florida. Der Fachmann Merten weiß: „In Miami ist viel Know-how in Sachen Vermögensverwaltung vorhanden.“

Dass ausgerechnet der Sonnenstaat Wohlhabende anzieht, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Denn kein anderes Land auf der Welt übt seit Jahren mehr Druck auf fremde Steuerparadiese aus als die USA. Was für die anderen gelten soll, kümmert die Amerikaner selbst freilich wenig. „Bis heute müssen sich Banker in Miami nicht für die Herkunft der ihnen zufließenden Vermögen interessieren“, sagt Merten. Zwar gibt es eine entsprechende Regelung, doch kaum eine Bank hält sich daran. Amtshilfeanfragen anderer Staaten wegen vermuteten Schwarzgelds laufen in Miami ins Leere.

„Steuerhinterziehung ist vermutlich einer der netteren Hintergründe für die Versteckspiele, die der dortige Finanzplatz bietet“, sagt die Schweizer Anwältin Monika Roth. Kenner der Materie sind überzeugt: Eine Weißgeldstrategie, wie die Schweiz sie nun umsetzt, könnten sich die USA schon wegen ihrer horrenden Staatsverschuldung gar nicht leisten. Vielmehr ist das Land auf die Erträge aus ihrem Hinterziehungssystem angewiesen. Also können die Banker ihren Kunden guten Gewissens immer komplexere Rechtskonstruktionen anbieten, mit Treuhändern und Offshore-Firmen in der Karibik oder Fernost, wo die Gesetze noch laxer sind, während das Geld im sicheren Miami liegt.

Ausgerechnet jene, die in puncto Steuerehrlichkeit die Moralkeule schwingen, gehen selbst nicht mit gutem Beispiel voran. Doch die Amerikaner sind nicht die Einzigen. Wie unlängst ein Test der Schweizer »Handelszeitung« nachwies, kümmert es auch deutsche Geldhäuser wenig, ob das Geld, das ihnen von Nicht-EU-Bürgern zufließt, versteuert ist oder nicht.

Der als Schweizer Unternehmer getarnte Autor dieses Textes machte die Probe und eröffnete bei mehreren deutschen Banken problemlos ein Konto, um Schwarzgeld einzuzahlen. Jedes Institut versicherte, es werde den Schweizer Behörden keinerlei Information liefern, und man sei auch nicht verpflichtet, die Steuerehrlichkeit der Kunden zu überprüfen. Manche Bank bot dem Schweizer sogar an, jegliche Post an ihn gegen eine Gebühr von 250 Euro pro Jahr zurückzuhalten, damit wirklich keine Spuren in sein Heimatland gelangten. Offiziell bestreiten alle Geldhäuser, mit undeklariertem Vermögen etwas zu tun zu haben. Die Realität sieht anders aus.

Wieso Steuernomaden kurze Wege schätzen

Außerdem sind die Geldströme schon frühzeitig zugunsten der Anleger umgeleitet worden. So galt lange Zeit etwa Kroatien als beliebte Anlaufstelle für Steuerbetrüger. Die fast 1800 Kilometer lange Küste und Hunderte von Inseln machen das Land nicht nur zu einem begehrten Ferienziel, sondern auch zu einem Unterschlupf für Yachtbesitzer. Das Geschäft mit den Luxusbooten reicher Ausländer entwickelte sich allmählich zu einem Pfeiler der kroatischen Wirtschaft – inoffiziell. Denn viele Yachten sind in den Heimatländern ihrer Eigner nicht gemeldet, versteuert und verzollt. Da liegt der Gedanke nah, dass auf kroatischen Konten noch ganz andere Vermögenswerte am Fiskus vorbeisegeln.

Nun soll das Steuerschlupfloch gestopft werden, denn seit Juli gehört Kroatien zur EU. Yachteigner werden ihre Boote künftig registrieren müssen, zunächst nur zu einem „Discount-Tarif“. Währenddessen zieht die Karawane der Steuernomaden schon weiter Richtung Montenegro. Und auch in der Türkei zeigt sich, dass Steuerhinterziehung als Volkssport verbreitet ist. Vor einigen Jahren mussten zahlreiche in Deutschland wohnhafte Türken happige Beträge nachzahlen, weil sie in ihrer Heimat erwirtschaftete Zinserträge nie deklariert hatten. Umgekehrt will kaum eine Bank in der Türkei wissen, wieso ein Ausländer ein Konto bei ihr eröffnen möchte.

Wozu also bringt jemand sein Geld über die Grenze? Um es vor dem Finanzamt zu verbergen, behaupten die Aktivisten von Offshore-Leaks, während der Genfer Bankier Eric Syz, stellvertretend für seine Zunft, lieber von einem sicheren „Topf Geld“ spricht. Viele Menschen hätten das Vertrauen in die Rechtssicherheit ihres Landes verloren. Sie fürchteten Zwangsanleihen und Enteignungen. „Darum verlagern sie einen Teil ihres Vermögens beispielsweise in die Schweiz.“ Dank politischer Stabilität und des Rechtssystems hätten sie trotzdem jederzeit Zugriff auf ihr Depot. So bleibe die finanzielle Privatsphäre gewahrt.

Doch je weiter das Geld vom Besitzer entfernt geparkt ist, desto schwieriger wird es, darüber vernünftig zu disponieren. Der direkte Kontakt zum Bankangestellten vor Ort fehlt. „Das war ja das große Plus der Schweizer Banken für Steuersünder aus Europa“, sagt Steuerexperte Merten. Kurze Wege, gleiche Sprache. Wurde es brenzlig, konnte man schnell nach dem Rechten sehen. Doch das war gestern. ---