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Katja Knahn

Wer als Angesteller an Grenzen stößt, kann sich mit ihnen arrangieren. Oder sich von ihnen befreien - so wie Katja Knahn (38).




- Als ich im vergangenen Jahr gekündigt habe, war es das erste Mal, dass ich nicht genau wusste, was als Nächstes auf mich zukommt. Dass es mir seitdem trotzdem viel besser geht - darüber staune ich immer noch. Denn eigentlich ist Ungewissheit ein Zustand, den ich nicht sonderlich mag. Bis ich die Werbeagentur verließ, hatte ich in meinem Berufsleben jeden Schritt vorher so penibel geplant, dass es schon fast streberhaft war.

Das ging in der Schule in Marktheidenfeld los: Weil ich mich früh für alles Gedruckte begeisterte, wusste ich schon mit 15, dass ich Schriftsetzerin werden wollte. Als ich nach der Lehre merkte, dass es mir nicht reicht, nur das auszuführen, was andere sich ausdenken, holte ich mein Abitur nach. Und weil es nur in Leipzig den Studiengang gab, der mich interessierte - Verlagsherstellung - musste es eben Leipzig sein. War übrigens genau richtig dort, die Verbindung von Kreativität, Technik und Betriebswirtschaftlichem. Wenn ich also etwas mache, dann richtig, dann knie ich mich rein. Nur, so seltsam es klingt - genau das wurde am Ende in der Agentur zu meinem Problem. Dabei hatte ich dort meinen Traumjob gefunden, inhaltlich jedenfalls.

Ich hatte mich 2002 auf die Stelle als Produktionerin in dieser angesehenen Werbeagentur beworben. Sie ist seit über 30 Jahren erfolgreich und gewinnt eigentlich jedes Jahr mehrere Preise für die von ihr entworfenen Designs und Corporate Identities. Ein Produktioner ist da so etwas wie ein Herstellungsleiter in Verlagen, nämlich die Schnittstelle zwischen Konzeptionern und Grafikern, zwischen den Auftraggebern, Lieferanten und Druckereien. Mir lag die Auffassung von Arbeit dort: nicht nur technisch ausführen, was sich Kreative ausdenken, sondern Teil des Prozesses sein. Bei uns - sorry, ich sage nach so langer Zeit immer noch "bei uns" - war es so: Wenn der Designer laut dachte, "ich stelle mir da raschelndes Papier vor", konnte ich sagen: Ich hab' da was. Kreation und Technik gingen Hand in Hand. Das war nicht so ein Haufen glatter BWLer, wie man sie anderswo in der Branche manchmal trifft. Genau deshalb wollte ich ja auch dahin.

Warum ich mich nach zehn Jahren dennoch lösen musste, um wieder gerne zu arbeiten, kann ich nicht an einem konkreten Vorfall festmachen. Es war eher die Summe aus vielen Kleinigkeiten, die sich über die Jahre hinweg angestaut hatten.

Ich habe gelernt, dass gerade kreative Chefs sich selbst anders wahrnehmen, als es ihr Team tut. Bei uns waren sie zum Beispiel der Überzeugung, dass stets alle Probleme offen angesprochen und im Team gelöst würden. Es war der große Traum vom "Wir", den ich ja an sich gut finde. Nur blieb es beim Traum. Bei mir verfestigte sich die Erkenntnis, dass man mit dem vielen Reden eher eindeutige Absprachen vermied und das Abmoderieren von Problemen mit Führungsqualität verwechselte. Reden suggeriert zwar Nähe, erzeugt sie aber nicht wirklich, wenn das Gesagte nicht zu nachvollziehbaren Entscheidungen führt. Bei uns verlief vieles im Sande. Wenn man Vorschläge macht, wie es besser und effektiver gehen kann, aber nie etwas daraus wird, macht das mürbe. Dann hängt man wie in einer Endlosschleife fest.

Sicher hat meine Entscheidung zu gehen auch damit zu tun, dass ich zwar viel Verantwortung trug, aber letztlich wenig Mitsprache hatte. Ich konnte Projekte zwar autark durchziehen. Aber bei den harten Entscheidungen am Ende solcher Prozesse war ich nicht mehr einbezogen. In Personalfragen etwa.

Klar, ich kann meinen damaligen Chef auch verstehen. Er muss immer das Große und Ganze im Blick behalten, die Kunden, die Konkurrenz, die Trends auf dem Markt. Jeder kommt mit seinem Zeug zu ihm, ob mit Problemchen oder Ideen. Das ist so bei 60 Mitarbeitern und einer gewollt flachen Hierarchie. Da war er froh um jeden Bereich wie meinen, in dem nichts anbrannte, sondern in der Regel alles funktionierte. Das sollte am liebsten einfach so bleiben. Ansprüche, Diskussionen, wie man etwas optimieren könnte, Reformen, wozu? Es lief ja. Gleichzeitig ist er als Chef das charismatische Aushängeschild der Agentur und damit erfolgreich. Das führt vielleicht unweigerlich dazu, dass einer denkt, die positive Außenwahrnehmung überträgt sich wie von allein auf seine Wirkung nach innen, auf die Mannschaft.

Nun bin ich eine ziemliche Perfektionistin, ich will alles immer so gut wie möglich machen. Unterläuft mir ein Fehler, was bei den unzähligen Abstimmungen in der Herstellung natürlich vorkommt, stehe ich dazu und wetze die Scharte aus. Ich nehme das nicht persönlich, mir geht es um die Sache. So bin ich einfach gestrickt. Nur: Nicht jeder tickt so.

Und weil ich mir immer gar nicht vorstellen kann, dass andere sich vor ihrer Verantwortung drücken, tappe ich in Fallen. Es gab da zum Beispiel Fehler im Produktionsablauf, die immer wieder passierten. Jeder verließ sich darauf, dass mein Team sie schon bemerken und korrigieren würde. Taten wir auch, so gut wir konnten. Denn sonst kann es in unserer Branche schnell teuer werden. Als ich das aber thematisierte und auf eine Lösung dringen wollte, hieß es bloß, ich sei eine Problemmacherin.

Die Elternzeit brachte Abstand

Trotzdem habe ich gezögert zu gehen. Ich war schließlich stolz auf das, was ich in der Agentur mit aufgebaut und mir erarbeitet hatte: mein Team, das Netzwerk an Partnern draußen, unsere Produkte. Aber ich merkte, dass mir der Job immer mehr Energie raubte. Ich schlief schlecht. Ich wurde dünnhäutig. Das bekam die Familie zu spüren. Manche Kollegen sagten, ich hätte die Entscheidung zu gehen getroffen, weil ich nun Kinder habe und meine Prioritäten anders setzte. So ein Quatsch! Da wird man plötzlich auf dieses Mutterding reduziert. Wahr ist daran nur, dass das eine Jahr Elternzeit für meine Zwillinge vor drei Jahren einen Abstand zwischen mich und die Firma brachte, durch den ich meinen Blick auf die Dinge schärfen konnte.

Kurz vor meinem Ausstieg hatte ich den Auftrag, den Online-Bereich neu zu strukturieren. Ein Re-Engineering für 30 Leute, das fand ich spannend. Ich habe mich voll reingehängt. Nur wurde dabei klar, dass neue Strukturen allein nicht die Probleme der Abteilung lösen würden, weil dahinter wieder dieselben Mitarbeiter standen. Doch solche Erkenntnisse schienen zu unbequem zu sein. Ich suchte das Feedback im Management, ohne Erfolg. Als schließlich doch eine Feedback-Runde stattfand, aber nur auf Führungsebene und ohne mich, war die Zeit reif, etwas in meinem Leben zu ändern. Und zwar zum ersten Mal ohne zu wissen, wohin mich der nächste Schritt führt.

Zwei Coachings - eines davon hatte mir die Agentur als Bonus gesponsert - halfen mir herauszufinden, was ich will. Und was nicht mehr. Doch solche Beratungen bringen nur dann etwas, wenn man bereit ist, wirklich in sich selbst hineinzuschauen. Mein Mann ermutigte mich, er hatte auch der Kinder wegen seine Arbeitszeit reduziert.

Ich habe meinem Chef erklärt, warum ich gehe. Manche machen so etwas anonym auf Internetportalen, aber das ist für mich kein Weg. Es gab keinen Grund, im Streit zu scheiden. Wir sind weiter freundschaftlich verbunden. Denn neben allem Frust: Ich habe in der Agentur einen Haufen toller, verrückter Kollegen kennengelernt und viele Kontakte geknüpft, von denen ich jetzt als Selbstständige profitiere. Mit ein paar Kollegen werde ich bald ein Büro in München beziehen. Ich berate als freie Produktionerin Agenturen, Verlage und Gestalter. Mein eigenes Label habe ich schon: Paperkate.de. Kate ist mein Spitzname seit meiner aktiven Zeit als Volleyballerin in der 1. Liga. Außerdem muss nicht immer alles so ernst klingen, finde ich. Wo ich doch gerade etwas von meiner Leichtigkeit zurückgewinne. -