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Jasmin Stanonik

Jasmin Stanonik gründete ein Unternehmen. Sie liebte es. Dann machte es sie krank.




- Der erste Warnschuss kam im vergangenen Sommer. Bei einer Grillparty wurde Jasmin Stanonik plötzlich bewusstlos. Sie schlug mit dem Kopf auf, holte sich eine Platzwunde. Ihr Gleichgewichtssinn war gestört, fünf Tage konnte sie kaum einen Schritt tun, ohne umzufallen. Andere hätten sich wohl Sorgen gemacht, wie es passieren konnte, von einem Moment auf den anderen umzukippen. Jasmin Stanonik machte sich nur Sorgen um die liegen gebliebene Produktion.

Wenige Tage nach ihrem Sturz fuhr sie zu einer Messe nach München, vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Das Geschäft musste weitergehen. Sie war die Gründerin von Sheela Housewife Revolution, die einzige Mitarbeiterin, das Gesicht der Marke. Für ihre Kunden war sie Sheela, die Frau im Firmenlogo, in Schürze und High Heels, den Staubwedel lässig in der Hand. Wenn es ihr gut ging, ging es dem Unternehmen gut.

Auf einer Messe in Hamburg einen Monat später hatte Jasmin Stanonik den Vorfall von der Grillparty vergessen. Sie stand bei Sekt und Fischhäppchen, als auf ihrem Körper plötzlich überall juckende rote Flecken auftauchten. Sie dachte an eine Allergie, die Ärztin diagnostizierte eine Form der Schuppenflechte und verordnete eine UV-Bestrahlung, dreimal in der Woche, fünf Monate lang. Und sie verordnete Ruhe. Ihre Vermutung: Zu viel Stress hatte die Flechte ausgelöst.

"Die ersten beiden Monate war ich unfähig, irgendetwas zu machen", sagt Jasmin Stanonik. "Das war eine heftige Zeit. Ich war so wütend, dass mich das, was ich voller Leidenschaft aufgebaut hatte, so krank gemacht hat." Erst jetzt, als ihr Körper nicht mehr mitmachte, begriff die 39-Jährige, dass es nicht mehr weitergehen konnte wie bisher. Sie konnte nicht mehr. Aus ihrem zweiten Vornamen und ihrem Mädchennamen erschuf sie eine Mitarbeiterin, die den Kunden am Telefon erklärte, dass Frau Stanonik aus gesundheitlichen Gründen nicht erreichbar sei. Sie war am Endpunkt ihres Ringens um das eigene Unternehmen angelangt, um ihre Vorstellung von einem Leben, in dem sie das macht, wofür sie brennt. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück darüber, was es braucht, damit man von diesem Feuer nicht verzehrt wird.

Lektion 1 - Ziele

Jasmin Stanonik nimmt Paprika und Möhren aus dem Kühlschrank, die Pfanne vom Regal und die Schürze vom Haken. Es sind automatische Handgriffe. Sie kocht nur in ihrer "Dolly". Das Modell ist ihre Lieblingsschürze: schwarz mit Cowgirl-Print und Schleifchen am Ausschnitt, geschnitten wie ein Kleid. 2008 begann sie mit der Sheela Housewife Revolution, um mit solchen sexy Schürzen das Hausfrauen-Image umzukrempeln. Die Idee entstand, nachdem sie ihre beiden Kinder bekommen hatte. "In den Gesprächen mit anderen Müttern ging es nur noch um Windeln und Zähne. Ich hatte das Gefühl, ich nutze mein Hirn nicht mehr", sagt sie, eine gut aussehende Frau mit langen braunen Haaren und großen Augen.

Bevor sie sich für Mann, Haus, Kinder entschied, hatte sie viel ausprobiert, eine Lehre zur Typografikerin gemacht und eine zur Bürokauffrau, sie war Kanzlei-Leiterin in Salzburg, Animateurin in Griechenland. Zuletzt arbeitete sie als Ski- und Snowboard-Designerin, entwarf Modelle für die Großen der Branche. Sie war viel unterwegs, immer mit kreativen Menschen zusammen, verdiente gut. Nun stand sie jeden Tag zu Hause, vollgesabbert und beschmiert. Die Mutterrolle genügte ihr nicht: "Ich wollte mich wieder als Frau spüren." Und sie wollte anderen dabei helfen.

Sie war noch nie der Typ, der Sachen einfach hinnahm. Wenn sie früher unzufrieden wurde, wechselte sie die Stadt oder gleich das Land. Diesmal gründete sie ein Unternehmen. Den Namen Sheela wählte sie, weil Australier coole Mädels so nennen - und weil man ihn auf der ganzen Welt aussprechen kann. "Sheela sollte zum Synonym für Schürzen werden, so wie Tesa für Klebestreifen", sagt sie. Ein hohes Ziel hatte sie sich gesteckt, zu hoch vielleicht für jemanden, der allein vom Küchentisch aus begann.

Lektion 2 - Strukturen

In Jeans und Ringelsöckchen führt Stanonik durch die ehemalige Firmenzentrale von Sheela - ihrem holzverkleideten Einfamilienhaus am Rand von Saalfelden. Die Housewife Revolution begann an einem Ort, an dem Navis versagen und man nur auf der Terrasse Telefon-Empfang hat. Von einem Städtchen in den österreichischen Alpen, mit vielen Kühen, Schafen und Touristen. Und wenig Infrastruktur für Gründer.

Allein um die staatliche Jungunternehmer-Förderung zu beantragen, musste Stanonik viele Male in das eine Stunde entfernte Salzburg fahren. Sie investierte viel Zeit für die 3000 Euro, die sie am Ende bekam. Außerdem machte die Bank vor Ort Probleme. "Die standen ständig auf der Bremse. Wenn ich den Kreditrahmen um 20 Euro überzogen hatte, sollte ich gleich hinkommen und das einzahlen. Dabei überschnitten sich die Zahlungen oft nur um ein, zwei Tage. Wie sollte ich so arbeiten? Hier in der Provinz gibt es wenig Leute, die größer denken."

Sie wollte trotzdem bleiben. Zu Hause konnte sie sich die Zeit einteilen, nebenbei putzen, kochen und auf die Kinder aufpassen. Ihr Büro hatte sie im Flur vor deren Zimmern aufgebaut. Auf einem Foto stehen die Kleinen neben einer Wäscheleine voller Papiertüten, auf die sie das Sheela-Logo gestempelt haben, auf einem anderen hocken sie zwischen Kisten mit Schürzen und helfen beim Verpacken. Stanonik zeigt die Bilder auf dem großen Computer im Wohnzimmer neben dem Kamin. Dann führt sie in einen kleinen Kellerraum, das Lager. Auf der Treppe nach unten hebt sie eine umgefallene Tüte von den Stufen auf. "Ich wollte nicht, dass Leute über Kartoffeln stolpern, wenn sie hierherkommen." Deshalb scheute sie sich, als sie mit der Firma anfing, fremde Leute ins Haus zu holen. Dabei hätte sie Mitarbeiter gebraucht, jemanden, der die Schürzen verpackt, Lieferscheine schreibt, Rechnungen verschickt.

In ihrem Keller lagerten oft um die 800 Stück auf einmal, in Bananenschachteln vom Supermarkt. Die Gründerin versuchte, sich ein System zu überlegen, aber am Ende verkaufte sie, was da war, egal, ob es auf dem Händler- oder Online-Kundenstapel lag. Es fehlte an Struktur und Organisation in ihrem Unternehmen. Das zu ändern schien kaum möglich: Als sie irgendwann merkte, dass es allein einfach nicht mehr zu schaffen war, fand sie niemanden, der in der Provinz arbeiten wollte. Ein paar Studenten als Aushilfen hätten sie schon entlastet. Aber Studenten gibt es in Saalfelden nicht.

Lektion 3 - Ressourcen

Eine Modenschau in Wien. Dünne Frauen laufen über den Catwalk und flirten mit dem Publikum. Sie tragen High Heels und Unterwäsche. Und darüber Sheela-Schürzen. Jasmin Stanonik schaut das Video lächelnd an. Die MQ Vienna Fashion Week 2009 war der Urknall für ihr Unternehmen. Sie hatte sich erfolgreich um einen Stand inklusive Show beworben. Die Leute rissen ihr danach die Entwürfe aus der Hand, obwohl sie mit Preisen zwischen 50 und 60 Euro das Zwei- bis Dreifache von herkömmlichen Schürzen kosteten. 2010 fuhr sie fast jedes zweite Wochenende zu einer Messe, ihre Modelle konnte man bald in mehr als 40 Läden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien kaufen. Die Produktion stieg von 200 auf knapp 4000 Stück - aber Sheela war immer noch ein Einmannbetrieb.

Stanonik wusste, dass es nicht so bleiben konnte. Ein Unternehmensberater sollte ihr helfen, einen Geschäftspartner zu finden. "Er sagte immer, es gebe so viele Leute mit viel Geld, die nur gute Ideen suchen. Es ist kein einziger Termin zustande gekommen." Stattdessen half er ihr, Zielgruppen zu definieren, Preise festzulegen, mit Lieferanten zu verhandeln und Exceltabellen für die Banken zu erstellen. Das, was sie beherrschte und ihr Spaß machte, wurde zu einem immer kleineren Teil ihrer Arbeit. Es ging immer mehr um Zahlen und Bilanzen. Obwohl ihre Schürzen gefragt waren, blieb Geld immer ein Problem. Zwar war sie schon im zweiten Jahr in den schwarzen Zahlen. Aber Stoffe und Produktion mussten ständig vorfinanziert werden. Der Umsatz war nicht hoch genug, um das nötige Wachstum zu finanzieren.

Ihr Eigenkapital hatte Stanonik durch einen blöden Fehler am Anfang verloren, als sie auf der Suche nach Herstellern für ihre Entwürfe war: Ein italienischer Produzent hatte ihr angeboten, die erste Kollektion herzustellen; von 200 Stück je Modell war die Rede, für 25000 Euro Vorkasse. Sie kratzte ihre Ersparnisse zusammen, lieh sich den Rest von ihrem Mann und der Schwiegermutter. Am Ende bekam sie sieben Prototypen, alles andere sollte noch mal so viel kosten. Im Vertrag war nur von einer ersten Kollektionsproduktion die Rede, nicht von konkreten Stückzahlen. "Ich war total blauäugig, das vorher nicht zu kontrollieren", sagt sie.

Das Fiasko hing ihr finanziell immer nach. Wenn sie geschäftlich unterwegs war, nutzte sie Couchsurfing, um Geld zu sparen, ihr Messestand bestand aus drei weiß lackierten Spielzeugkisten und dem Seitenteil vom Gitterbett ihrer Kinder. Zwar lieh sie sich auch 30000 Euro von der Bank. Um ihr Unternehmen auf solide Füße zu stellen, hätte sie aber eher einen Kredit über 100000 Euro aufnehmen müssen, sagt sie. Das wiederum traute sie sich nicht. Als Jugendliche hatte sie erlebt, wie ihr Vater seine Druckerei aufgeben und jahrelang Geld an die Banken zurückzahlen musste. "So wollte ich nicht enden", sagt sie. "Ohne Kinder hätte ich es vielleicht gemacht, aber ich bin nicht nur für mich verantwortlich." Das finanzielle Risiko war ihr zu hoch. Zumal ihr Mann auch mit einer kleinen Werbeagentur selbstständig und ohne konstant hohes Einkommen war.

Ohne die finanziellen und personellen Mittel stieß Jasmin Stanonik schnell an Grenzen. 2011 fragte die Buchhandelskette Thalia Österreich an. Sie wollten sämtliche Filialen im Land mit Sheela-Schürzen bestücken. Die Hälfte konnte sie am Ende beliefern, mehr schaffte sie nicht. Als Zalando ihre Schürzen ins Sortiment nehmen wollte, musste sie ablehnen. Die Nachfrage war da, aber sie konnte sie nicht befriedigen. Das Ziel von der Schürzen-Revolution schien erreichbar. Nur nicht mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hatte.

Lektion 4 - Kontrolle

Weil es ihr nicht anders möglich war, ließ Stanonik immer nur die Schürzen produzieren, für die sie sich den Stoff leisten konnte. Das reichte selten. Wenn sie 800 Schürzen im Lager hatte, waren die nach zwei Wochen weg. So hastete sie weiter von Messe zu Messe, ohne den nächsten Schritt mit Sheela zu planen. Sie hätte gern Kollektionen gemacht für Sommer und Winter und die Produktionen ein Jahr im Voraus geplant. Stattdessen verkaufte sie das, was sie hatte, immer sofort.

Für die Vorproduktion einer ganzen Kollektion fehlten ihr Geld und Zeit. Sie wurde zu einer Getriebenen. "Ich war immer einen Schritt hinterher, die Bestellungen überholten mich. Irgendwann fühlte ich mich wie im Hamsterrad", sagt Stanonik. Sie hatte nicht mehr das Gefühl, wirklich die Kontrolle zu haben, wie es mit ihr und ihrem Unternehmen weitergeht. Stattdessen geriet sie in einen Zustand permanenter Überforderung. Bis ihr Körper aufgab.

Lektion 5 - Entlohnung

Sie schiebt die Ärmel ihres Pullovers hoch, auf ihren Armen sind lauter kleine dunkle Flecken zu sehen. Sie werden ihr bleiben als Erinnerung an ihre Krankheit. Inzwischen ist Jasmin Stanonik gesund, sie könnte weitermachen mit ihrer Firma. Jede Woche bekommt sie Anfragen: ein Münchner Geschäft, das Sheela ins Sortiment nehmen will, eine Schweizerin, die schreibt, sie habe sich in die Schürzen verliebt. Im Keller lagern noch die Reste der Housewife Revolution: ein paar Stoffbahnen, ein paar Dutzend Schürzen, Kisten mit Etiketten. Jeden Tag, wenn sie in die Zimmer ihrer Kinder geht, kommt sie an dem Schreibtisch und den weißen Ordnern mit den Firmenunterlagen vorbei.

"Es arbeitet in mir", sagt sie. "Wenn ich jemanden finden würde, der sich um den wirtschaftlichen Bereich kümmert, würde ich sofort weitermachen. Aber allein auf keinen Fall. Ich will nicht mehr diesen Druck und den finanziellen Wahnsinn." Sie hatte sich auch deshalb selbstständig gemacht, um irgendwann von ihrem Geschäft leben zu können, um sich keine Sorgen mehr um die staatliche Rente machen zu müssen, um unabhängig zu sein. Das war ihr nicht gelungen. Und sie weiß, dass sie das ohne grundlegende Veränderungen auch nicht schaffen wird. Es haben sich inzwischen zwar Interessenten für ihr Unternehmen gemeldet. Der eine aber wollte die Produktion von Linz nach China verlagern. Die anderen wollten, dass sie Insolvenz anmeldet, um die Marke günstig kaufen zu können. Doch dafür hatte sie sich nicht fast fünf Jahre aufgerieben. Zum 31. Dezember 2012 meldete sie ihr Gewerbe ab.

Seit Mai arbeitet Jasmin Stanonik als Grafikerin in einer Softwarefirma. Sie braucht das Geld, um ihren Kredit zurückzuzahlen. Ob sie es in ihrem neuen Job aushält, weiß sie noch nicht. Es ist eine Umstellung, jeden Tag ins Büro zu gehen und die Arbeit für andere zu machen. Ein Hintertürchen hat sie sich aufgelassen: Der Designbereich von Sheela ist nur ruhend gemeldet, sie kann ihn jederzeit wieder aktivieren. Wenn jemand kommt und ihr hilft, das Feuer wieder zu entfachen. -