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Europäische Zentralbank

Die Europäische Zentralbank kämpft mit allen Mitteln gegen die Krise - doch die Nachrichten aus der Euro-Zone werden nicht besser. Wie gelingt es der Bank, ihre Mitarbeiter trotzdem bei Laune zu halten?




• Frankfurt am Main ist nicht Wien. „Wenn ich aus meinem Fenster schaue, dann denke ich schon mal: Ach, wenn da jetzt der Stephansdom stünde, dann würde mir das Herz aufgehen“, sagt Barbara Eggl. Sie blickt auf den meist leeren Frankfurter Willy-Brandt-Platz mit der in der Stadt wenig geliebten blauen Euro-Skulptur – man muss sich mit Frankfurt arrangieren, erst recht, wenn man aus Wien stammt. Und doch: „Die Sache ist es wert. Ich habe einen Traumjob.“

Barbara Eggl, 53, Juristin und Volkswirtin aus Österreich, arbeitet seit elf Jahren bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und seit fünf Jahren an der Lösung der Krise Europas. Es geht um Milliarden Euro, und es geht um die Schicksale der Bürger in 27 Ländern. „Früher drehte sich die Notenbankwelt um Leitzins und Inflation. Heute sind die Währungshüter im Hauptberuf Retter der Welt“, hieß es jüngst in der "Süddeutschen Zeitung". Auf sie warten täglich böse Nachrichten. 27 Prozent Arbeitslosenquote in Spanien. Zehn Prozent beträgt der Anteil der Neuverschuldung Griechenlands, gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes. Um 1,4 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt Italiens 2013 zurückgehen.

Im Frankfurter Eurotower wird das genau analysiert. Die Notenbanker sind bereit, „alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten“, wie der Präsident Mario Draghi im Juli vergangenen Jahres sagte. 1609 Mitarbeiter arbeiten an der gemeinsamen Währung, sie stammen aus allen 27 Ländern der EU und sprechen 22 verschiedene Sprachen. Während in der Frankfurter Zentrale eine weltoffene Atmosphäre herrscht, knirscht es im Miteinander auf dem Kontinent.

„Ja, die Situation ist manchmal frustrierend“, sagt Eggl. „Aber gerade deshalb komme ich gern zur Arbeit, weil hier viel zur Lösung beigetragen wird.“ Die EZB geht neue Wege, um ihrem Mandat auch in der Krise gerecht zu werden: Sie regelt weiterhin den Zahlungsverkehr und muss die Preisstabilität in der Euro-Zone gewährleisten. Sie stellt Geld für die Banken bereit, greift wenn nötig in die Märkte für Staatsanleihen ein, senkt den Leitzins. Die Tätigkeit ist nicht immer einfach, wenn die Regierungen in ihrer Wirtschaftspolitik nicht am selben Strang ziehen. Für die EZB-Mitarbeiter sind es harte Zeiten.

Es geht um das Wohl der Bürger

Eggl gehört zur ersten Generation der Bank. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft fing sie bei der Österreichischen Nationalbank (OeNB) an. Ihr Vater hatte ihr geraten, etwas Anständiges zu machen: Eine Bank, noch dazu im öffentlichen Sektor, da könne man nichts falsch machen – gutes Geld, sicherer Job, satte Pension. Zunächst beschäftigte sie sich mit Zahlungsverkehr. Genau an der Schnittstelle zwischen Volkswirtschaft und den Bürgern. „Wenn kein Geld auf die Konten kommt, dann kommt auch kein Geld aus den Automaten, und dann wird auch keins ausgegeben – und die Wirtschaft steht still“, sagt sie. Als ihr das klar wurde, wurde sie sich ihrer Verantwortung bewusst, der Job bei der OeNB war kein Job mehr, sondern eine Aufgabe.

Zentralbankgeld, Einlagefazilität, Kreditplafondierung, Spitzenrefinanzierungsfazilität - das System Notenbank hatte Eggl gepackt. „Es geht um das Wohlbefinden der Bürger“, fand sie damals, bildete sich fort und studierte für fünf Jahre an der London School of Economics Volkswirtschaft. Zurück bei der OeNB, arbeitete sie an der Euro-Einführung mit. Die Frage, ob eine gemeinsame europäische Währung überhaupt möglich sei, stellte sich für sie da schon nicht mehr. Wichtiger waren Fragen wie: Auf welches Papier sollen die Noten gedruckt werden? Welches Design sollen sie haben? Welche Sicherheitsmerkmale? „Erst am Ende, als das Geld aus den Automaten kam, habe ich realisiert, was für ein riesiges Unterfangen das war. Und dann war man schon stolz, dass man dabei war.“

Mit der Euro-Einführung wechselte Eggl nach Frankfurt zur EZB und arbeitete in der Abteilung, in der die Sitzungen der Entscheidungsgremien vorbereitet werden. Im Direktorium geht es um Zehntelprozente. Und es geht um Milliarden Euro, die nach einem Zinsschritt an den Märkten verschoben werden. Jedes Dokument zum Arbeitsmarkt, zur Handelsbilanz, zu den Konsumentenpreisen hat Bedeutung. Es sind vertrauliche, hochsensible Informationen. Es darf kein Fehler unterlaufen. Gerade momentan, da es nicht zuletzt am EZB-Direktorium hängt, ob ein Staat wie Zypern gerettet wird oder nicht.

Seit Kurzem leitet Eggl einen Bereich innerhalb des Sprachendienstes der Bank. Diese Abteilung ist unter anderem dafür verantwortlich, dass Präsident Mario Draghi in 22 Sprachen korrekt und zeitgleich übersetzt wird. Das ist von großer Bedeutung, denn: Der Unterschied zwischen „wir beobachten das genau“ und „wir beobachten das sehr genau“ in seinen Reden ist gigantisch. Es sind codierte Botschaften an große Anleger, die von ihnen entsprechend interpretiert werden. Eggl sorgt dafür, dass sie in allen europäischen Ländern gleich klingen. „Unsere Arbeit hat Folgen für jeden Haushalt in Europa, das spornt mich an. Wir müssen so präzise wie möglich formulieren“, sagt sie. Gelegentlich muss dann auch noch der englische Originaltext geändert werden, weil das Englische viel flexibler ist als andere Sprachen. So kommen dann Formulierungen zustande wie „Notfall-Liquiditätshilfe“, wie Draghi sie bei der Zypern-Rettung gebrauchte.

Fragt man Eggl, wie sehr sie die Euro-Krise frustriere, dann sagt sie: „Ich sehe, dass der Weg durch die Krise nach vorn geht und dass jede Rückkehr zum Nationalen einen Verlust der europäischen Idee bedeuten würde. Wir sind nun mal zusammen auf diesem Kontinent. Und dass das so bleibt, daran arbeite ich.“ Eggl ist überzeugte Europäerin. Sie glaubt an die Idee und kann sich für das Notenbankwesen begeistern.

Dafür zu sorgen, dass auch alle anderen engagiert arbeiten können, das ist die Aufgabe von Manfred Koch. Er arbeitete bei der Bundesbank, dem Internationalen Währungsfonds und ist seit 1998 bei der EZB. Zuerst hat er als Ökonom in verschiedenen Bereichen der Abteilung Volkswirtschaft gearbeitet, heute ist er Abteilungsleiter Personalpolitik.

Am Anfang brannten sie alle für eine Idee. Viele kamen montags nach Frankfurt, arbeiteten Dienstag, Mittwoch, Donnerstag fast ohne Unterbrechung und flogen am Freitagnachmittag wieder nach Hause. Die erste Generation bei der EZB war hoch motiviert, es ging darum, eine Notenbank aufzubauen. Wann hat man dazu schon mal Gelegenheit? Aber heute sei Motivation kein Selbstläufer mehr. Die Ursache dafür ist nicht die Lage Europas, sondern dass die Bank inzwischen erwachsen ist.

Die Mitarbeiter pendeln nicht mehr, sondern leben in Frankfurt. Viele haben Familien, es ist für Kinderbetreuung und Schulplätze zu sorgen. Die Chefs müssen akzeptieren, dass „es für ihre Angestellten da draußen auch noch andere interessante Dinge gibt“, sagt Koch. Von der „Kultur langer Arbeitszeiten“ halte er wenig. Denn: „Motivation ist keine Einbahnstraße. Es reicht nicht, wenn jemand, der hier arbeitet, für seinen Job brennt. Wir müssen ihm auch die Möglichkeit geben, dass er weiterhin motiviert bleibt.“

Koch kennt natürlich auch die Erkenntnisse des Meinungsforschungsinstituts Gallup zur Arbeitnehmerzufriedenheit (brandeins 02/2001). Die Forscher haben festgestellt, dass der Respekt, den ein Angestellter erfährt, sich stärker auf seine Motivation auswirkt als Gehalt oder Status. Wichtig ist, dass man sagen kann: „Ich habe bei der Arbeit jeden Tag die Gelegenheit, das zu tun, was ich am besten kann.“

Ein engagierter Mitarbeiter ist für Koch einer, der sich mit seinem Arbeitgeber und seinen Aufgaben identifiziert; im Gegenzug geben ihm seine Vorgesetzten Einflussmöglichkeiten und Aufgaben, die ihn interessieren. In der Research-Abteilung der EZB etwa haben die Wissenschaftler die Möglichkeit, auch eigene Forschungen zu betreiben, sie können die Erkenntnisse von mehreren Jahren Arbeit darin einfließen lassen. All das folgt einer einfachen Erkenntnis: Wer sich für seine Arbeit interessiert, macht sie gut und gern.

Nicht alles, was glänzt, ist Gold

Diesem Motto hat sich die EZB in ihrer Organisationsstruktur angepasst. Der Aufstieg ist, anders als in vielen Konzernen, nicht das Allentscheidende. „Es ist eigentlich normal, dass die Leute sich horizontal verändern und verschiedene Bereiche der Bank kennenlernen“, sagt Koch. Für den vertikalen Aufstieg hat man in der EZB die Laufbahnen geteilt: in Berater und Manager. So verhindert man, dass Experten Manager werden müssen, weil es der einzige Weg nach oben ist. Der Berater bleibt ein Experte und verdient genauso viel wie ein Manager. Ein Unterschied ist höchstens noch das Prestige. „Richtig zufrieden sind wir erst, wenn beide das gleiche Ansehen haben“, sagt Koch.

Ein weiterer Anreiz ist Verantwortung: dass jemand Entscheidungen allein treffen kann und nicht immer beim Vorgesetzten nachfragen muss. So beschließt Barbara Eggl, wie ein englischer Originaltext von Mario Draghi zu verstehen ist. Etwa wenn der portugiesische Übersetzer nachfragt, was der Präsident gemeint haben könnte, als er sagte, durch Vermögenswerte gedeckte Wertpapiere, sogenannte Asset backed Securities (ABS), „have a very bad name“.

Aber auch im Frankfurter Eurotower sind nicht alle Dinge so, wie sie sein könnten. Beispielsweise wird angeregt, den Experten häufiger die Chance zu geben, ihre Analysen direkt mit den Entscheidungsträgern zu diskutieren. Der direkte Kontakt mit den Vorgesetzten wird von den Mitarbeitern gesucht, er signalisiert ihnen, dass ihre Arbeit geschätzt wird. Aber so weit ist man noch nicht. „Solche Dinge sind wichtig, nicht nur die schnelle Karriereleiter nach oben“, sagt Koch.

Doch auch er weiß, dass man nach innen noch so viel richtig machen kann – die schlechten Nachrichten über den Zustand Europas können trotzdem auch bei überzeugten Europäern Zweifel säen. Nicht jeder denkt wie Barbara Eggl, die meint: „Jetzt erst recht!“ Manfred Koch sagt: „Wir wurden in erster Linie gegründet, um Preisstabilität zu garantieren. Und da ist unser Ergebnis makellos. Das verhindert aber leider nicht, dass die Arbeitslosenzahl zum Beispiel in Spanien frustrierend hoch ist.“ Ein gewisser Realismus für das, was eine Notenbank ist, hilft jedoch. „Wir können die wirtschaftlichen Probleme in Spanien und anderswo nicht mit der Geldpolitik lösen. Aber unsere Botschaft ist doch: Auf unseren Beitrag zur Krisenlösung ist Verlass. Für die lohnt es sich zu arbeiten.“ --- 

Die Europäische Zentralbank

Die Europäische Zentralbank ist die Notenbank für den Euro. Sie wurde 1998 gegründet. Laut ihrem Mandat ist es ihre Hauptaufgabe, die Preisstabilität im Euro-Raum zu gewährleisten. Der Euro wurde 1999 eingeführt und hat die nationalen Währungen wie die D-Mark ersetzt. In 17 europäischen Ländern wird inzwischen mit Euro bezahlt: in Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und auf Malta und Zypern.

Kritik an der EZB gab es, weil sie sich stärker in die Euro-Krise einmischte, als einige Fachleute das gern sahen. 2010 und 2011 kaufte sie am Sekundärmarkt Staatsanleihen auf, darunter auch Papiere hoch verschuldeter Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal. Der deutsche Chefvolkswirt Jürgen Stark trat daraufhin 2011 zurück, weil er dies nicht durch das Statut gedeckt sieht. Die Notenbank, so seine Ansicht, dürfe nicht verdeckt Staaten finanzieren.