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Schwedische Volkswirtschaft

Schweden gilt als leuchtendes Beispiel für die Sanierung einer Volkswirtschaft. Allerdings ist das Modell nur schwer übertragbar – weil es sehr nordisch ist.




• Man muss kein Geograf sein, um zu erkennen, dass diese Stadt nicht in Südeuropa liegt: Die Gesichter sind fröhlich, die Schaufenster gut gefüllt mit Wohlstands-Accessoires. Keine Unruhe auf Stockholms Plätzen. Keine Demonstrationen vor dem Parlament. Schweden funktioniert.

Das englische Magazin, mit dem ein Zeitschriftenhändler die Auslage tapeziert hat, macht im Norden dann auch das "next supermodel" aus. Geht doch, lautet die Botschaft. Während der öffentliche Schuldenstand in anderen Ländern Europas rund 100 (Belgien), 130 (Italien), ja mehr als 150 Prozent (Griechenland) des Bruttoinlandsprodukts beträgt, bewegt er sich in Schweden bei unter 40 Prozent, und in den anderen Staaten des Nordens schaut es auch gut aus. Wäre es nicht eine gute Idee, wenn andere Nationen dieses Modell kopierten?

Allerdings sollte man zweimal hinschauen, bevor man die Erwartungen hochfährt. Denn es stimmt zwar: Die Schweden sanierten ihren Staat, nachdem sie auf die Nase gefallen waren. Doch kam ihre Krise zur rechten Zeit. Und auch aus anderen Gründen ist es fraglich, ob sich die schwedische Erfolgsgeschichte andernorts wiederholen ließe. Es gibt viel Kleingedrucktes in den Lobeshymnen, das man gern überliest.

Auch hier gab es eine Bankenkrise

"Schweden hat sehr viel richtig gemacht", sagt Hubert Fromlet im Café von Stockholms Stadsmission. Er stammt aus Stuttgart, war jahrelang Chefvolkswirt der Swedbank und ist als Wirtschaftsprofessor der richtige Mann für ein Gespräch über die Sanierung der Volkswirtschaft. "Aber Schweden kann froh sein", fährt er fort, "dass es vor 20 Jahren von einer Krise gepackt wurde und nicht jetzt. Die Kapitalmärkte etwa waren noch nicht so verflochten und ungeduldig. Es gehört eben auch Glück dazu."

Die Wurzeln der schwedischen Krise reichen bis in die Achtzigerjahre zurück. Der stolze Wohlfahrtsstaat, ein Markenzeichen der Sozialdemokratie, war kaum noch finanzierbar, das Haushaltsdefizit wuchs, der Schuldenberg auch. Es gab ein abstruses System hoher Steuern und Regulierungen, eine beachtliche Inflation, und die Wirtschaft lahmte.

Die Politik leitete Reformen ein, beschloss damals, die Wirtschaft zu liberalisieren, entfesselte den Finanz- und Immobilienmarkt. Das sei gut gemeint gewesen, sagt Fromlet, und habe in die richtige Richtung gezielt. "Aber das Tempo war zu hoch. Vor allem war die Reihenfolge der Maßnahmen problematisch. Die freie Kreditvergabe, die man sehr früh beschloss, hätte eher gegen Ende kommen müssen." Das Ergebnis war eine Verschuldungswelle, die sowohl Unternehmen als auch Privathaushalte erfasste. Alle unterschätzten die von Spekulanten weiter befeuerte Dynamik. Die Preise auf dem Immobilienmarkt stiegen wie verrückt. Es entstand eine Blase, und als diese in den Jahren 1990 bis 1992 platzte, strauchelten die schwedischen Banken, bis sie vom Staat gerettet wurden.

Eine riskante Operation. Der Staat übernahm Garantien, stieg vorübergehend selbst in das Geschäft ein und gründete Bad Banks, um faule Kredite zu entsorgen. Zugleich drängten ihn die hohen Zinsen, die er auf dem Kapitalmarkt zu zahlen hatte, zur Sanierung des mittlerweile zu fast 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldeten Haushalts. Es folgten drastische Einschnitte bei den Sozialausgaben: ein Karenztag bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und eine Rentenreform, die sich an der gestiegenen Lebenserwartung orientierte und die Bürger zur privaten Vorsorge anhielt.

Hinter jedem Baum ein Weltmarktführer

Der Sozialdemokrat Göran Persson, von 1994 bis 2006 Ministerpräsident und Finanzminister, prägte damals das Motto: "Wer verschuldet ist, ist nicht frei." Seine Regierung erhöhte unter anderem die Einkommen- und Kapitalsteuer sowie die Krankenkassen- und Rentenbeiträge. Sie senkte das Kinder- und Elterngeld. Das klingt, als hätten die Regierungen nach 1992 nur an der Steuer- und Ausgabenschraube gedreht. Der Weg zu einem stabilen Haushalt aber, das betont der heutige Finanzminister Anders Borg, wäre ohne strukturelle Reformen nicht möglich gewesen. Sie machten den Staat effizienter, den Arbeitsmarkt flexibler und bescherten dem öffentlichen Sektor mehr Wettbewerb. Oder wie Borg es ausdrückt: "Wir wurden wachstumsorientierter." Die Unternehmenssteuer, die bereits kurz vor dem schwedischen Finanzcrash der Neunzigerjahre gesenkt worden war, reduzierte er zu Beginn seiner Amtszeit 2006 weiter.
Die Staatsverschuldung sank, die Wirtschaft wuchs, und der Haushalt verzeichnete Überschüsse.

Von dieser Entwicklung ist Hubert Fromlet angetan. Die Schweden, sagt er, hätten verstanden, dass ihr Staat nicht so weiterwirtschaften konnte wie in den Jahren vor der Krise. Trotzdem betont er, dass der Erfolg der schwedischen Politik auch positiven Umständen geschuldet ist. "In den Neunzigern gab es ein günstiges konjunkturelles Umfeld und einen starken Export, der Schweden aus dem Schlamm ziehen konnte."

Der Ostseeraum hatte Nachholbedarf, der Kalte Krieg war vorbei. Die USA und Asien boomten. Schweden wurde Mitglied der Europäischen Union mit ihrem Binnenmarkt. Und zu Schwedens wichtigsten Handelspartnern zählten stabile Länder - wie das reiche Norwegen und vor allem Deutschland, in dem es heute 1300 schwedische Tochterunternehmen gibt.

"Nehmen Sie den Schweden den deutschen Markt weg, schrumpfen sie ganz schön dahin", sagt Ralph-Georg Tischer, der Geschäftsführer der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, die sich das Modell einer Hansekogge ins Foyer gestellt hat. Bei einer Jubiläumsfeier der Kammer erhob sich neulich ein Gast und sagte: "Machen wir uns nichts vor. Wir danken Deutschland für unsere Entwicklung." Das hat Tischer imponiert. Er sagt: "Deutschland und Schweden bewegen sich, wenn Sie auf die Wachstumsentwicklung schauen, recht parallel." Er beschreibt die schwedische Wirtschaft als "Deutschland im Kleinen", erzählt von Regionen, in denen es "auch hier hinter jedem Baum einen Weltmarktführer gibt". Schließlich geht er die Marken durch, die einem spontan zum Zehn-Millionen-Einwohner-Land Schweden einfallen. Möbel, Mode, Militärflugzeuge, Energieunternehmen. "Bei anderen Ländern dieser Größe ist das schwieriger. Oder was kennen Sie an österreichischen Marken?"
Ein ungewöhnlich breit aufgestelltes Land, sagt er. Und anpassungsfähig.

Anstrengend, aber verlässlich: die Konsenskultur

Die Anpassungsfähigkeit der Schweden und ihr Vertrauen in das Gemeinwesen sind wichtige Faktoren. Außerdem herrscht eine politische Kultur, die sich in ihrer Ruhe und Harmoniesucht deutlich von den Gewohnheiten des deutschen Nachbarn unterscheidet. Wie groß muss dann erst der Abstand zwischen Schweden und Ländern wie Portugal, Frankreich oder Griechenland sein? "Die kulturellen Unterschiede in Europa sind oft größer, als man denkt", sagt Ninni Löwgren, die einen schwedisch-deutschen Businessführer geschrieben hat. Daher könne man "politische Maßnahmen, die in Schweden funktionieren, nicht einfach eins zu eins übersetzen".

Wer ihr Buch liest, erkennt, was die Schweden ausmacht: "Selbst wenn Sie innerlich vor Zorn beben: Halten Sie Ihre Gefühle im Zaum. Mit freundlicher Sachlichkeit kommen Sie weiter", rät sie ausländischen Geschäftspartnern: "Vermeiden Sie direkte Kritik und Konfrontationen." "Entschuldigen Sie sich niemals mit dem Versagen Ihrer Mitarbeiter. Sie sind ein Team." "Haben Sie Verständnis, wenn eine an sich getroffene Entscheidung wiederholt infrage gestellt wird." "Nehmen Sie an jeder Ihnen angebotenen Kaffeepause teil."

Schweden ist ein Albtraum für alle Manager, die als zackige Master of Business Administration ins Land kommen und nicht merken, wo das Knäckebrot hängt. Hier gilt: Alle müssen mit.

Diese Konsenskultur prägt auch den politischen Ton. So respektierten die politisch Verantwortlichen in den Zeiten der Krise und der harten Einschnitte in den Neunzigern das Gesprächsbedürfnis der Menschen: "Die Regierung räumte während der gesamten Zeit des Krisenmanagements der Kommunikation mit der Öffentlichkeit und der Transparenz der Maßnahmen höchste Priorität ein", heißt es in Studien, die die politischen Maßnahmen nach dem Bankencrash untersuchen. Die Schweden gehen selten aus Protest auf die Straße. Sie haben – mit einer immer noch üppigen Sozialversorgung und ohne Dikatur in der Vergangenheit - mit ihrem Staat vergleichsweise gute Erfahrungen gemacht. Sie vertrauen ihm.

Nach der Krise ist vor der Krise

Fromlet zeigt durch das Fenster auf den Stortorget-Platz, über den gerade ein ehemaliger Ministerpräsident spaziert. Neben der Konsenskultur und dem Wertkonservatismus, der aus jedem Foto von Jul und Midsommar herauslugt, gehören die kurzen Wege und die eng vernetzte Politik zur Erklärung des Sanierungserfolgs.

Aber wie wäre die Reaktion der sanften Schweden unter anderen konjunkturellen Vorzeichen gewesen? Oder bei einer ungleich höheren Verschuldung, wie sie etwa Griechenland gerade drückt? Die Schweden hatten in ihrer Krise in den Neunzigern in etwa den Schuldenstand, den Deutschland heute hat – und hielten das für dramatisch.

Fromlet sagt: "Es ist immer möglich, einen Haushalt zu sanieren. Das zeigt Schweden, und es zeigt insbesondere, wie sehr strukturelle Reformen einen Staat effektiver machen können." Nur dürfe man deshalb nicht gleich Vokabeln wie "Vorbild" oder "Modell" in den Mund nehmen. Schon prinzipiell nicht.

Fromlet zieht einen zusammengefalteten Ausdruck aus der Tasche. "Auch Schweden hat Hausaufgaben zu erledigen. Diese hier zum Beispiel." Auf dem Zettel ist die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit seit den Neunzigern abgebildet: Die Kurve bleibt auf einem hohen Niveau, seit sie zwischen 1991 und 1994 nach oben schoss. Mehr noch: Im Wirbel nach der Lehman-Pleite sprang sie für einen schreckhaften Moment gar auf die 30-Prozent-Marke zu. Es gibt Länder in Europa, in denen 25 Prozent Jugendarbeitslosigkeit als "Zeitbombe" gelten.

Fromlet will das nicht dramatisieren. Schweden schlage sich in der aktuellen Krise "bislang ja recht wacker", sagt er, und so ganz sei diese Jugendarbeitslosigkeit nicht mit jener in Südeuropa zu vergleichen: "Der Staat kann sich um die jungen Leute kümmern, während er über eine Ausbildungsreform nachdenkt."

Nur sollte eben auch Schweden nicht vergessen, dass "nach der Krise immer vor der Krise" ist. Baustellen gebe es allerhand, neben der Arbeitslosigkeit den Wohnungsmarkt, die Privatverschuldung und die Infrastruktur.

Fromlet bestellt sich einen dieser lauwarmen Filterkaffees, die in Südeuropa niemand trinken würde. Aber es sei gut, sagt er, dass das Fundament für die Arbeiten an diesen Baustellen dank der Staatssanierung gelegt sei.

Das ist es, was Schweden anderen Ländern voraushat. ---


Hubert Fromlet ging in den Siebzigerjahren nach Schweden, um für seine Doktorarbeit über "Das schwedische Bankensystem" (1975) zu recherchieren. Nach einigen Jahren beim Lkw-Hersteller Scania war er von 1983 bis 2008 Chefvolkswirt der Swedbank, einer der größten Banken Nordeuropas. Seit 2008 ist Fromlet Professor für internationale Wirtschaft in Jönköping. Er ist begeisterter Fußball- und Musikfan und lebt in Stockholm.