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Dirk Meyhöfer - Architekturkritiker

Wer Architektur studiert, will Kathedralen errichten, Städte prägen, Menschen zum Staunen bringen. Wer Architekt ist, kann froh sein, wenn er einfache Häuser bauen darf. Beobachtungen des Architekturkritikers Dirk Meyhöfer.




- Fangen wir mit der guten Nachricht an: Wirklich bedroht ist die Profession nicht. Im Vergleich zu anderen kreativen Berufen klagen Architekten auf hohem Niveau. Ihr Stand ist gut geschützt: Niemand darf sich Architekt nennen, der nicht in die sogenannte Architektenrolle bei der Kammer eingetragen ist. Es gibt ein funktionierendes Versorgungsrecht, die Kammern bemühen sich um Weiterbildung ihrer Mitglieder. Und sie verfügen über ein Instrument, das ihnen wirtschaftliche Sicherheit bringt: die HOAI, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure.

Dort werden Aufgaben benannt und bewertet. Fein säuberlich ist der Prozess in Arbeits- und Leistungsphasen aufgeteilt, vom Vorentwurf bis zur Abrechnung - nur leider wird die HOAI schon lange nicht mehr im Interesse des Architekten umgesetzt. Erstens gibt es immer mehr Anbieter (darunter auch Architekten), die die HOAI unterbieten. Zweitens übernehmen andere Berufsgruppen immer häufiger, was früher einmal Architektenarbeit war - vor allem die späten Leistungsphasen ab der Werkplanung und auf der Baustelle.

Es sind Allrounder wie Joachim Bähr, die den Architekten das Wasser abgraben. Nach der Lehre studierte er Verfahrenstechnik und wurde Lehrbeauftragter für TGA (Technische Gebäudeausstattung). Heute führt er zusammen mit dem Ingenieur Harald Kees ein Büro in Köln mit 35 Angestellten. Aus seinem Besprechungsraum schaut er nicht nur auf den Rhein und die Deutzer Messe, sondern zurzeit auch auf den Rohbau der Neuen Direktion Köln - eines seiner Projekte - direkt am Rheinufer.

Es steht exemplarisch für den Wandel am Bau. Nur die denkmalgeschützte neoklassizistische Sandsteinfassade eines ehemaligen Bahngebäudes bleibt stehen. Dahinter entsteht ein kompletter Büroneubau, der technisch auf dem neuesten Stand sein wird, also energieoptimiert. Anders als der Architekt denkt der technische Gebäudeausstatter in Querschnitten und stellt sich Fragen wie: Wo stört die Architektur nicht? Wie wird die Technik möglichst gut getarnt?

Und er durchschaut die immer stärker wuchernde Energieeinsparverordnung (EnEV), die 2013 schon wieder novelliert werden soll. Weil daran selbst Ingenieure scheitern, hat Bähr auf der Suche nach Nachwuchs vor Kurzem eine Architektin eingestellt, die er selbst weiter ausbilden will.

Die TGA und ihre ausführenden Ingenieure sind keine natürlichen Feinde des Architekten, aber sie können etwas, was dem Architekten schwerfällt: messen und vergleichen, mit exakten Excel-Tabellen. Und deshalb bespielen Joachim Bähr und seine Leute inzwischen das gesamte Spektrum der HOAI, von der Leistungsphase 1 bis 9, während die Architekten immer öfter nach der Leistungsphase 4 (der Baueingabe) verabschiedet werden. Die Detailplanung übernehmen dann spezielle Bauleitungsbüros und andere Fachleute.

"Der Architekt", sagt Joachim Bähr, "ist zwar rein vertraglich zur Koordination verpflichtet - aber im Schwerpunkt ist er Entwerfer und Erfinder." Er trägt das Neue in die Welt. Und weil er dafür brennt, verbringt er Tage und Nächte mit Entwürfen für Architekturwettbewerbe. Die allerdings funktionieren als Karriereturbo und Auswahlverfahren für den besten Entwurf schon lange nicht mehr. Zum einen, weil die Konkurrenz größer geworden ist: Heute dürfen sich fast immer Architekten aus der gesamten EU bewerben. Zum anderen, weil vor allem jüngere Büros an den zunehmend formalisierten Verfahren scheitern.

Dazu kommt der Ruf, den manche Künstler dem Berufsbild eingetragen haben. Architekten gelten so manchem Projektentwickler und Investor als zu teuer, wenig einsichtig und wirtschaftlichem Denken abhold. Sie wollen Großes hinterlassen - doch in heißen Immobilienmärkten wie etwa München bringt alles Höchstpreise, was die EnEV einhält, ein dichtes Dach hat und einen Aufzug. Kreativität ist ein Luxus, den man sich schenken kann.

Der Hamburger Investor Peter Jorzick baut seit 30 Jahren. "Damals habe ich als Bauherr ein Stück Haus bestellt." Der Architekt lieferte im Budget und Zeitplan, mit seiner Handschrift und entsprechender Qualität. Klingt bestechend, ist aber Schnee von gestern. Heute ist Bauen in einem merkwürdigen Off verschwunden, in dem Sachzwänge, Juristen und manchmal sogar Hausmeister bestimmen, wie gebaut wird. "Jetzt geht es nur noch um den kleinsten gemeinsamen Nenner", sagt Jorzick. Und so sehen die Häuser dann eben auch aus - einheitlich, sicher, ökonomisch.

Bitte nicht aufhören zu träumen!

Warum das so gekommen ist? "Architekten", sagt Jorzick, "haben nicht mehr die Autorität, die Leute am Bau zu führen." Auf der anderen Seite treffen sie auch nicht mehr "auf einen guten, selbstverantwortlichen Bauherrn". Zudem werde nur noch selten mit eigenem Geld gebaut, sondern dem der Bank. Und die unterwirft den Bau wie jedes andere Produkt einem scharfen Controlling.

Doch Jorzick hat keine Lust auf quadratisch-praktische Häuser. Für ein Wohnungsbauprojekt am Berliner Hauptbahnhof hat er sich Partner gesucht: "Bauherr 2.0 trifft auf Baumeister 2.0". Gefunden hat er Carsten Venus, der für jene Architekten stehen kann, die sich erfolgreich durchgebissen haben. Zusammen mit seinen Partnern Rüdiger Ebel und Volker Halbach managt der 46-Jährige Blauraum, ein erfolgreiches Hamburger Architekturbüro mit zwölf Mitarbeitern. Vor etwa vor zehn Jahren hat das Büro von sich reden gemacht, als es junge Architekturbüros aus Europa zur Performance auf ihre Kammerbühne am Hamburger Großneumarkt einlud. Mit ihrem damaligen Postulat: "Nothing is what it seems!" spielen sie bis heute eine Rolle im Diskurs über die Leistung und Gestaltungskraft moderner Architektur.

Halbach ist heute Vorsitzender des Hamburger BDA (Bund Deutscher Architekten), Venus ist in der Architektenkammer aktiv. Aber sie sind weit davon entfernt, Berufsfunktionäre zu sein. Sie wollen nur teilen und mitteilen, was sie seit damals gelernt haben. So kommunizieren und verkaufen sie ihre Projekte inzwischen über Blogs und soziale Netzwerke und nicht mehr über Fachzeitschriften, wo man nur den Kollegen erreicht.

Und sie arbeiten mit an einem neuen Berufsbild, beispielsweise mit ihrem Thesenpapier: "Was Architektur heute leisten muss - interkulturell, international, interdisziplinär". Darin steht, der Architekt müsse sich neuen Aufgaben gegenüber öffnen. Aber das Papier ist auch ein Aufruf, das Träumen nicht aufzugeben: "Architekten werden in Zukunft kleine, teilautarke Raumschiffe bauen. Erst dann wird die Stadt ein Organismus, der aus sich selbst heraus lebendig wird!" -