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Die Nebenschüler

Ohne Abitur kommst du nicht weit – das ist nahezu Konsens unter Eltern. Und danach am besten an die Uni. Fernziel: ein Volk von Akademikern. Ohne einen einzigen Klempner.




• Die Anzeige über der mehrstöckigen Fertigungslinie von Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen verrät, dass die Produktion heute leicht unter Soll liegen wird. Aber das scheint hier niemanden zu sorgen. Gelassen und konzentriert stellen die Arbeiter Wagen fertig: Da wird der Motor eingesetzt, dort kommt der Schriftzug ans Heck. Es ist ein gleichmäßiges Tun, das von außen betrachtet ganz entspannt wirkt.

"Es war mein Traumziel, bei Porsche zu arbeiten", sagt Esma Kilic. "Aber ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich dazu kommt." Die 21-Jährige aus Heilbronn wirkt abgeklärt. Ihr Lebensweg war bisher eher krumm: Nach Abschluss der Hauptschule wollte sie an eine Berufsfachschule – wurde dort aber trotz eines Notendurchschnitts von 2,8 nicht angenommen.

Stattdessen absolvierte sie ein Berufsgrundbildungsjahr, das Schulabgänger ohne Lehrstelle auf ihren Beruf vorbereiten soll. Danach arbeitete sie in diversen Minijobs und begann nebenher, auf der Abendschule ihr Abitur zu machen. Doch mit der Zeit bekam sie Zweifel: Würde sie bald keiner mehr wollen, weil sie für eine Ausbildung zu alt wäre? Also schrieb sie eine Bewerbung. Eine! An Porsche. Und wurde zum Gespräch eingeladen. "Ich war sehr angespannt. Aber alles war ganz locker. Und als wir zu lachen anfingen, dachte ich: okay!" Jetzt lernt Esma Kilic Fahrzeuginnenausstatterin. Das Abitur will sie später nachholen.

"Wir haben 150 Ausbildungsplätze", sagt Dieter Esser, Leiter der Berufsausbildung bei Porsche, "die sich in drei Bereiche gliedern: 10 Plätze für Industriekaufleute, 34 Plätze für ein duales Studium und 106 Plätze in der technischen Ausbildung. Von denen sollen grundsätzlich rund 40 Prozent an Hauptschulabsolventen gehen. Aber dabei müssen Sie bedenken, dass weniger Jugendliche einen Hauptschulabschluss als ein Abitur machen. Sie haben also statistisch gesehen mit einem Hauptschulabschluss weitaus größere Chancen, bei Porsche in die Ausbildung zu kommen."

Ausbildungsleiter Dieter Esser: „Lernen kann Spaß machen“

Na, das ist doch mal eine Neuigkeit. Heißt es nicht immer, dass Hauptschüler benachteiligt sind? Sie lernen nichts, finden keine Lehrstellen, und wenn doch, sind es Berufe, bei denen man körperlich arbeiten muss. Das ist in Deutschland nicht mehr angesehen. Schweißtreibendes Schuften im Freien, mühseliges Gefummel in Industriehallen, überhaupt Tätigkeiten, bei denen man sich die Hände schmutzig macht, lassen die Deutschen lieber von Zugereisten erledigen. Auf Baustellen verständigen sich osteuropäische Arbeiter in Migrantenesperanto, aus Fabriktoren strömen Menschen türkischer Herkunft, selbst Arbeiter in TV-Serien sprechen mit Akzent. Die Einheimischen, die dieses Schicksal teilen, werden als Wohlstandsverlierer bedauert.

Dass Deutschland seinen Reichtum weniger Betriebswirten und Juristen verdankt als Leuten, die die Entwürfe guter Ingenieure auf hohem Niveau verwirklichen, wird dabei gern übersehen. Außer von den Firmen, die diesen Reichtum schaffen und die zunehmend Probleme haben, Nachwuchs zu finden. Es gibt immer weniger Hauptschulabgänger, und Abiturienten sind für handwerkliche Tätigkeiten nicht unbedingt geeignet. Und selbst wenn, muss ein Unternehmen fürchten, dass sie später doch noch studieren – und das Geld, das in ihre Berufsausbildung gesteckt wurde, sich als Fehlinvestition erweist.

Sie können, wenn man ihnen zeigt, dass sie wollen

Aber nicht alle Hauptschulabgänger sind ausbildungsreif. Für viele ist der Hauptschulabschluss das Ergebnis einer Negativauslese: Man macht ihn, weil man sonst nichts kann. Die Hauptschule ist zu einer Nebenschule geworden, in der sich lern- und leistungsschwache Kinder sammeln, die ahnen, dass sie wenige Chancen haben, und die sich irgendwann selbst nichts mehr zutrauen. Mit viel Geduld und Zeit könnte man solche Schüler fördern, aber dafür fehlen Geld und Personal. Also sitzen sie stattdessen in zu großen Klassen vor überforderten Lehrern, die oft nur rudimentär auf diese Aufgabe vorbereitet worden sind. Da geht dann allerlei verloren, von Grundkenntnissen über die Nazi-Zeit bis zu Bruchrechnen und Rechtschreibung, aber vor allem eines: die Motivation.
"Hauptschüler beschäftigen sich häufig nicht gern lange mit Dingen, auch an Selbstdisziplin fehlt es manchmal", sagt Dieter Esser von Porsche, ein bedachter Mann, dem man eine große Zuneigung zu seinen Azubis anmerkt. "Die Anforderungen in der Hauptschule sind nicht sehr hoch. Schlechte Noten zu haben bedeutet also, dass man nichts getan hat. Unser Weg ist es deshalb, den Jugendlichen zu zeigen, dass Lernen Spaß macht. Wenn es da klick macht, können sie sehr gute Ergebnisse erzielen."
Aber warum macht sich die Firma überhaupt die Mühe? "In den Hauptschulen schlummert ein großes Potenzial. Da gibt es Menschen, die vielleicht wenig Freude an der Schule haben, aber viel Freude am handwerklichen Tun. Wenn man diese Gruppe nicht von vornherein ausschließt, kann man aus ihr sehr gute Mitarbeiter gewinnen." Esser hält es deshalb nicht für sinnvoll, ausschließlich auf die Noten zu achten. "Wenn einer in der Schule schlecht war, aber seit der Kindheit Akkordeon spielt und schon zweimal eine Meisterschaft gewonnen hat, weiß ich, dass der etwas kann, wenn er nur will."
Das weiß der Mittelstand schon länger, inzwischen kommt die Botschaft auch in Konzernen an. Denn bei Hauptschülern ist der lange prophezeite Wettkampf um Arbeitskräfte bereits in vollem Gang. Selbst schwache Schüler werden umworben. Die Deutsche Telekom bietet seit 2009 Jugendlichen mit Förderbedarf eine einjährige Ausbildungsvorbereitung an, bei der Deutschen Bahn läuft ein ähnliches Programm mit dem Titel "Chance Plus", BASF startet damit in diesem Jahr. Bei RWE läuft schon seit 2004 das Programm "Ich pack' das": Jedes Jahr durchlaufen etwa 100 Jungen (und manchmal ein Mädchen) die einjährige Maßnahme, die das Unternehmen rund 1,3 Millionen Euro im Jahr kostet. Das Ausbilder-Teilnehmer-Verhältnis ist luxuriös: 1 zu 6. Doch die Vermittlungsquote rechtfertigt sie: Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer haben am Ende einen Ausbildungsplatz.
Das Wichtigste, sagt der Ausbilder Oliver Poock, sei die Motivation. "Wenn sich jemand für 'Ich pack das' bewirbt, legen wir das Zeugnis zur Seite und führen ein persönliches Gespräch. Da merken wir schnell, ob der Bewerber motiviert ist." Poock ist ein handfester Bursche, der Autorität ausstrahlt, ohne sie betonen zu müssen. Und der für den Anfang vor allem Wert auf Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit legt. "Der große Unterschied zur Schule ist, dass die Jungs hier nicht sein müssen – sie kommen freiwillig. Und das ist wichtig, das müssen sie verstehen: Sie tun das für sich." Am Ende des ersten Monats verreisen dann alle für eine Woche, damit die Jugendlichen sich untereinander besser kennenlernen und den Wert der Gemeinschaft spüren. "Danach", sagt Poock, "herrscht ein ganz anderer Umgangston. Und die Jungs passen gegenseitig auf sich auf."
Der soziale Aspekt ist wichtig. Viele Bewerber stehen allein, ohne Unterstützung der Familie oder eines anderen Erwachsenen. Manche sind schon froh, dass die 220 Euro Taschengeld, die alle Teilnehmer bekommen, ihr Mittagessen finanzieren. Am schwersten haben es jedoch die, die sich überfordert fühlen: "Diesen Jungs dürfen Sie nicht sagen, was sie in einem Jahr alles lernen sollen", sagt Poock. "Denn dann lautet deren Antwort: 'Das schaffe ich nie.' Denen muss alles häppchenweise serviert werden."
Sie bekamen eine Chance und nutzten diese: Auszubildende bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen
Es geht ohnehin nur langsam voran, denn: "Wir machen Projekte, in denen jeder Erfolge sehen kann. Damit bauen wir die jungen Leute Schritt für Schritt auf. Und so gleichen wir auch theoretische Defizite aus: Wenn die Jungs bei uns eine Fläche ausrechnen oder einen Körper, wissen sie, wofür sie das tun. Dann merken sie plötzlich, warum sie überhaupt etwas lernen müssen."
Nach drei Monaten mit praktischen Projekten und einem Tag Berufsschule pro Woche machen alle ein Praktikum, in der Regel außerhalb von RWE. "Das läuft meistens nicht so gut", so Poock. Über die Beurteilungen spricht er mit den Praktikanten: "Überleg mal, wenn du Chef wärst: Würdest du den behalten? Nee, sagen sie, natürlich nicht. Und dann sagen wir: Das ist deine Beurteilung. Du würdest dich selber rausschmeißen. Da rappelt es bei ihnen. Beim zweiten Praktikum geht es besser." Einige fangen später beim zweiten Praktikumsbetrieb sogar ihre Ausbildung an – ein wichtiger Grund für den Erfolg des Programms.
Oliver Poock lässt keinen Zweifel daran, dass es klare Regeln gibt - wer morgens 15 Minuten zu spät kommt, bleibt nachmittags 15 Minuten länger. Wichtiger aber scheint, was die Jugendlichen sonst nur selten erfahren: "Wir trauen ihnen etwas zu. Und wenn die sehen, dass sie gar nicht so dumm sind, wie sie denken, werden sie besser und besser." Eigenes Werkzeug, ein eigener Arbeitsplatz, selbstverantwortliches Arbeiten – Raum zum Wachsen.
Dieter Esser von Porsche sagt: "Jeder Azubi, der bei uns seine Ausbildung beendet, bekommt eine unbefristete Festanstellung. Das ist ein Vertrauensvorschuss, den die meisten nicht enttäuschen wollen." Und wenn einer Probleme hat, wird er nicht fallen gelassen. "Ich denke, man sollte jedem aufhelfen, der gestolpert ist."
Uwe Hück, talkshow-erprobter Betriebsratsvorsitzender bei Porsche, setzt vor allem auf den Sport. "Die Jugendlichen müssen lernen, durchzuhalten, sich zu wehren und zu kämpfen. Dafür ist Sport gut geeignet. Außerdem bricht er Hierarchien. Wenn der Azubi mit dem Ingenieur in einer Mannschaft spielt, sehen sich beide danach ganz anders."
Der 51-Jährige hat selbst einen weiten Weg zurückgelegt: Er wuchs in einem Heim auf und begann seine Karriere 1977 als Autolackierer, daneben war er zweimal Europameister im Thaiboxen. Hück findet, dass es an Anerkennung für einfache Arbeit fehle. "Wir müssen respektieren, dass es unterschiedliche Talente gibt, und genauso müssen wir Respekt gegenüber Menschen zeigen, die die Straße kehren oder in einer Küche arbeiten. Ich sage immer: Gott hat uns für jede Hand fünf unterschiedliche Finger gegeben, weil wir die Hand nicht nutzen könnten, wenn alle Finger gleich wären."
Die Perspektiven sind gar nicht schlecht: Handwerksmeister verdienen in einigen Firmen schon heute mehr als Diplomkaufleute. Auf dem Weg dorthin könnten dem Hauptschüler mehrere Praktika helfen. In verschiedenen Modellprojekten – Betrieb-und-Schule-Klassen in Nordrhein-Westfalen, Praxisklassen in Bayern, Berufsstarterklassen in Niedersachsen – verbrachten die Kinder im Durchschnitt die Hälfte ihrer Schulzeit in Betriebspraktika. Das erhöhte deutlich und nachweisbar vor allem die Chancen der schwächeren Schüler, einen Ausbildungsplatz zu finden.
Schließlich bräuchte es noch etwas Pädagogik jenseits des reinen Büffelns. "Die jüngeren Lehrer", erinnert sich Porsche-Azubi Esma Kilic an ihre Schulzeit, "waren sehr streng, bei denen war Essen und sogar Trinken im Unterricht verboten. Die Älteren waren lockerer. Ein Lehrer hat immer, wenn es nicht lief, fünf Minuten Pause gemacht: raus auf den Hof, Luftschnappen. Und von der 7. bis zur 9. Klasse hatte ich eine Mathelehrerin, mit der ich über alles reden konnte. Vorher hatte ich Probleme in Mathe, aber bei ihr wurde es viel besser, und das Lernen hat mehr Spaß gemacht. Wenn wir nicht mehr konnten, hat sie uns um den Hof laufen lassen, während wir ein Buch auf dem Kopf balanciert haben. Danach waren alle wieder fit."
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