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Verdi: Blick in die Bilanz

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi agiert auch nicht viel anders als viele Arbeitgeber. Sie baut Personal ab, weil sie Geld für Investitionen in ihr Kerngeschäft braucht: Streiks.




Ein Kuriosum vorweg: Verdi beschäftigt zwar knapp 3000 Mitarbeiter und nimmt jährlich mehr als 400 Millionen Euro an Beiträgen ein, veröffentlicht aber keinen Jahresabschluss. Die Begründung: Aus der Höhe des Vermögens, das Insider grob auf eine Milliarde Euro taxieren, könnte die Gegenseite Rückschlüsse ziehen auf die Kampfkraft im Tarifkonflikt, also die Fähigkeit, Streikgeld zu zahlen. Was die Gewerkschaft herausgibt, sind einige aktuellere Einzelzahlen und eine "Haushaltsabschluss" genannte Soll-Ist-Rechnung – die auch noch mit Verzögerung, die neueste stammt von 2010. Aber auch diese dürren Daten zeigen: Ökonomischen Zwängen kann sich die Gewerkschaft ebenso wenig entziehen wie jedes normale Unternehmen.

Entstanden vor gut zehn Jahren aus fünf wirtschaftlich teilweise stark angeschlagenen Einzelgewerkschaften, stand Verdi am Anfang massiv unter Druck. 2003 noch überstiegen die Ausgaben die Einnahmen, um 63 Millionen Euro. Dieses Defizit musste aus dem Gewerkschaftsvermögen ausgeglichen werden. In den Folgejahren liefen Verdi zudem mehr als eine halbe Million Mitglieder weg, sodass die Beiträge bis 2007 um gut zehn Prozent auf 403 Millionen Euro sanken. Hinzu kamen hohe Streikkosten, die in der Haushaltsrechnung allerdings nicht auftauchen. Sie zeigt nur den Anteil an den Beiträgen (Budget- Anteil), mit denen der Streikfonds jährlich wieder aufgefüllt wird.

Um nicht finanziell auszubluten, begann Verdi zu sparen und tut es bis heute. Denn obwohl die Personalkosten bis 2010 um gut 15 Prozent auf rund 228 Millionen Euro sanken, blieb ein Haushaltsdefizit von rund 1,5 Millionen Euro. Unumstritten ist der Sparkurs trotzdem nicht.

Die gewerkschaftsinterne Gewerkschaft VGB moniert, die steigenden Zuführungen zum Streikfonds seien schuld am Defizit und würden mit dem Abbau von Arbeitsplätzen erkauft: Jahrelang betrugen sie 12 bis 13 Millionen Euro (rund 3 Prozent der Beiträge), seit 2007 steigen sie stetig. Damit hat die VGB nicht ganz unrecht. Und nicht nur beim Personal wird gespart, um den Streikfonds zu stützen. Auch der Innovationsfonds, 2010 immerhin noch mit 4,5 Millionen Euro dotiert, aus dem früher Projekte zur Mitgliedergewinnung und -bindung finanziert wurden, wurde aufgelöst. Sein Budget wird neuerdings auch dem Streikfonds zugeschlagen.

Das Motto von Verdi: Streiken ist Kerngeschäft. Bei Tarifauseinandersetzungen treten viele Arbeitnehmer Verdi bei; erfolgreiche Verhandlungen führen zu höheren Bruttolöhnen und Beiträgen. Sichtbar sind diese Effekte bereits. Der Mitgliederschwund konnte auf nur noch 0,47 Prozent im Jahr 2012 reduziert werden. Seit 2007 steigt das Beitragsvolumen wieder. 415 Millionen Euro waren es 2010 und 2011 und im vergangenen Jahr 423 Millionen Euro.

Um Konflikte gegen die Arbeitgeber durchfechten zu können, braucht die Gewerkschaft vor allem eines: eine gut gefüllte Streikkasse als Drohkulisse. Streikende erhalten von Verdi pro Streiktag das 2,5-fache ihres Monatsbeitrags, der wiederum ein Prozent des Bruttolohns ausmacht – also 2,5 Prozent ihres Bruttolohns täglich. Da diese Zahlung steuer- und abgabenfrei ist, kommen die meisten Beschäftigten damit in etwa auf ihr Nettogehalt. Verdi kostet der Spaß Schätzungen zufolge im Schnitt 55 Euro pro Kopf und Tag. Zwischen 2006 und 2010 lagen die durchschnittlichen jährlichen Streikkosten bei 33,2 Millionen Euro. Insofern ergibt die Auffüllung des Streikfonds Sinn. 2010 waren es durch eine Sonderzuweisung von 6,1 Millionen Euro mit insgesamt knapp 19 Millionen bereits 4,5 Prozent der Beiträge, und dieser Satz soll bis 2013 auf 8 Prozent und damit gut 30 Millionen steigen. ---
Verdi, nach der IG Metall Deutschlands zweitgrößte Gewerkschaft, entstand 2001 durch die Fusion von fünf Einzelgewerkschaften aus verschiedenen Dienstleistungsbranchen. Mehr als zwei Millionen Mitglieder werden von Verdi über ihre Rechte informiert, in Betriebs- und Personalräten vertreten, lassen Gehälter und Arbeitsbedingungen aushandeln sowie Streiks organisieren. Verdi hat knapp 3000 Mitarbeiter sowie zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer. Die Geschäfte von Verdi führt der Bundesvorstand, der alle vier Jahre von dem aus Mitgliedern bestehenden Bundeskongress gewählt wird.