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Bernd Brinkmann

Bernd Brinkmann verlor den Job. Das war schlimm, aber nicht verheerend. Denn Brinkmann will noch was.




- Es ist nicht herauszukriegen, was genau da passiert war. Sicher ist: Es war Ende April 2011, und der Morgen brach an wie andere auch. Brinkmann erwachte. Er ging in den Garten. Er frühstückte, fuhr zur Arbeit, und als er mit den Dispositionslisten durch war, mit der Post und ersten Telefonaten, drehte Brinkmann eine Runde im Hof und aß ein Butterbrot.

Die Bombe platzte am Nachmittag. Zu den Chefs? Das klingt nicht gut, dachte Brinkmann. "Setz dich, Bernd", sagten sie. Die Entlassungspapiere lagen parat. Für Brinkmann, 54 Jahre alt, einen Mann, der 30 Jahre beim Möbelhersteller Flötotto in Ostwestfalen gearbeitet hatte, war die Zeit plötzlich um.

Es gibt viele, denen nach einem solchen Schlag die Kraft zu einem Neuanfang fehlt. Bei Bernd Brinkmann war das anders. Zwar war er schockiert. Doch gleichzeitig erwachte in ihm der Trotz. Er raffte sich auf und gründete ein Jahr nach seiner Entlassung einen Online-Shop für Möbel, den er die "Welt der kleinen Wünsche" nannte. Seitdem schickt er, um die Tage bis zum Durchbruch zu verkürzen, am laufenden Band Marketing-Texte und E-Mails durchs Land, die durch den hemmungslosen Einsatz von Ausrufezeichen aus der Masse herausstechen.

Ihre einzige Botschaft: Bernd Brinkmann ist Feuer und Flamme.

Vertreibung aus dem Paradies

Auf den ersten Blick ist er nicht der Typ für ein Internet-Start-up. Die Hyperkreativen in Berlin und Hamburg tragen selten Birkenstock-Sandalen. Brinkmann schon. Und er ist Westfale. Er spricht auch wie ein Westfale - nur deutlich mehr. Sein Cousin und Kompagnon, Jürgen Brinkmann, sagt: "Der Bernd, der kann die Leute zutexten. Das kommt uns zugute."

Bernd Brinkmann kann das tatsächlich. Das unterscheidet ihn von Jürgen, der schweigsam in seinem Büro in Gütersloh-Friedrichsdorf sitzt und sich um die IT kümmert. Keiner der beiden > hätte sich bis neulich für einen Unternehmer gehalten. Warum auch? Sie hatten eine Firma, die auf sie achtgab, und in dieser Firma fühlten sich die Brinkmanns wohl. "Für uns", sagt Bernd Brinkmann, dessen Vater und Onkel schon bei Flötotto gearbeitet hatten, "war Flötotto wie eine große Familie. Klingt abgedroschen. War aber so."

Das Ende wird ein Anfang

Früher gab es bei Flötotto Grundstücke für die Belegschaft, Würstchen am Samstag, Verständnis für kleine Marotten. "Zu den Zeiten von Fritz und Reinhard Flötotto war das ein toller Arbeitgeber", sagt Brinkmann, "ich setzte mich gerne aufs Rad, um zur Arbeit zu fahren. Da kannte man sich, es herrschte Respekt."

Und wenn es doch einmal knallte, "weil Fehler nun einmal passieren", signalisierten die Chefs am folgenden Tag, dass es bei der Kritik wirklich nur um die Sache und nicht die Person gegangen sei. "Was ich als Einkäufer an Stress erlebte", sagt Brinkmann, stolz darauf, den Chefs in diesen Jahren die eine oder andere Anregung präsentiert zu haben, "war positiver Stress."

Das begann sich zu ändern, als Flötotto im Sommer 2002 den ersten Insolvenzantrag stellte. Die Unsicherheit kroch in die Belegschaft. Und richtig schlimm wurde es nach der zweiten Insolvenz im Jahr 2007, als die Firma, auf deren Stühlen die Schüler in halb Deutschland saßen, umstrukturiert wurde. Brinkmann hatte den Eindruck, vom neuen Management nicht ernst genommen zu werden. "Wer von der alten Truppe übrig war", sagt er, "fühlte sich wie eine Kostenstelle, obwohl wir Ideen hatten und den Aufbau vorantrieben. In der Firma herrschte ein Ton, den wir nicht gewohnt waren." Das war negativer Stress, sagt er. Der hätte ihn auf Dauer kaputt gemacht.

Wenn er heute über den Tag seiner Kündigung redet, sagt er: "Seltsamerweise war das ein Befreiungsschlag." Es versteht sich, dass er bei diesem Satz ein stilles Tränchen verdrückt. Allerdings verdaute er die Leere besser als sein Cousin Jürgen, der schon etwas früher bei Flötotto entlassen worden war und kaum fassen kann, was ihm damals geschah. "Vielleicht", sagt Bernd, "bin ich einfach ein anderer Typ."

Er hat Techniken entwickelt, die ihm beim "Kopf-frei-Kriegen" halfen. Die Spaziergänge. Der Garten mit den Buddha- Figürchen. Die Runde im Bistro "Yello". Das tat gut. Und eine Familie, die ihn aufzufangen versuchte, hatte er auch. Das war noch wichtiger als der Gedanke, dass sie nicht mehr von ihm abhängig war: "Meine Frau hatte einen Job. Das Haus war im Griff. Die Kinder hatten Arbeit."

Wobei die Söhne so ganz anders arbeiten "als wir früher", sagt Brinkmann. Sie laufen herum, wie sie wollen, und verdienen Geld mit Dingen, die andere für ein Hobby halten - beim professionellen Pokerspielen in London zum Beispiel. Dass man so selbstbestimmt arbeiten kann, ließ Brinkmann nach dem Rauswurf nicht los.

Norbert Hesselkamp, ein auf Dämmstoffe spezialisierter Unternehmer, den Brinkmann kennengelernt hatte, kam in dieser Lage wie gerufen. In der Zeit, in der Brinkmann immer wieder zu seinem Cousin fuhr, um darüber zu reden, ob sich nicht irgendetwas aus ihren Erfahrungen und Kontakten machen ließe - Brinkmann hatte wenig Lust, sich als Mittfünfziger mit schriftlichen Bewerbungen eine Abfuhr nach der anderen einzuhandeln -, bot ihm Hesselkamp einen kleinen Job an als Fahrer und für den Telefondienst.

"Das ist die Grundsicherung", sagt Brinkmann, und es ist klar, dass er sie in traurigen Stunden als Alternative zum Arbeitslosengeld II begreift. Seine Frau sagt: "Ich hab' mich total gefreut, dass Bernd eine Aufgabe bekam. Menschen müssen doch Aufgaben haben, für die sich das Aufstehen lohnt." Es macht ihr nichts aus, dass manche Tage nun lang sind. Hauptsache, sagt sie, dass Bernd wieder zufrieden und "richtig zu Hause ist, wenn er zu Hause ist".

Im Winter 2011 beschlossen die Cousins, einen kleinen Internet-Shop für Möbel ins Netz zu stellen. Im März gründeten sie eine Firma, im September 2012 ging ihr Portal "Welt der kleinen Wünsche" online. Es sieht ein bisschen so aus wie ein Ableger des Online-Portals "Welt des Wohnens", das sein früherer Chef Reinhard Flötotto betreibt.

Reden, um beachtet zu werden

Überhaupt ist es nicht so, als spiele Flötotto im Leben der Brinkmanns keine Rolle mehr. Ihre Büros und der Ausstellungsraum liegen in der ehemaligen Flötotto-Zentrale in der Senner Straße in Gütersloh. Der alte Arbeitgeber hat einen neuen Standort in Rietberg-Varensell bezogen, und dort herrscht Totenstille, wenn man nach den Brinkmanns fragt. Bernd Brinkmann dagegen hat verstanden, dass sich das Reden über Flötotto lohnen kann - beim Marketing zum Beispiel. Das Branchenblatt "Inside" sprang wie viele andere Magazine auf den Alt-Neu-Vergleich an und schrieb: "Die Senner Straße lässt sie nicht los."

Und so rührt er die Werbetrommel, sammelt auf Messen Visitenkarten ein und Broschüren von Leuten, die Partner suchen. Bislang hatte die Website erst knapp 18000 Besucher, die Produktliste ist überschaubar. Die beiden Cousins haben für jede Bestellung eine Nadel in eine Deutschlandkarte gesteckt - kaum 20 Stück sind darauf verteilt.

"Es kann sein, dass es uns in einem Jahr nicht mehr gibt", sagt Bernd Brinkmann. "Ich bin aber nicht aufs Geld aus, auch wenn die Jungs im Yello immer wieder scherzhaft nach dem ersten Mercedes fragen."

Er geht in das Zimmer, in dem sich einst die Flötotto-Mannschaft zum morgendlichen Kaffee traf. Auf einem Regal liegen Tischbeine, in die Brinkmann Löcher sägen ließ - Teelichthalter. Und auf dem Boden stehen Kartons, die bis zum Anschlag mit Rundhölzern gefüllt sind, als handle die Welt der kleinen Wünsche mit Kaminholz. "Wir suchen noch nach unserem Profil", sagt der Jungunternehmer, "bei einigen der Produkte, die wir per Vorkasse für die Kunden besorgen, setzen wir aber bereits bewusst auf Fabrikate sozialer Werkstätten und Reststoff-Verwertungen. Und auch das hier geht in die Richtung."

Bei Flötotto stand er im Kontakt mit 150 Zulieferern. Er wusste, dass bei den Furnierwerken der Region Rundhölzer übrig bleiben, die nicht zu verwerten sind. Jetzt kauft er diese Hölzer, er lässt sie zu einem Tischler bringen, der sie drechselt, schleift und ölt. Und wenn sie wieder bei ihm ankommen, packt er eine Glasplatte dazu - fertig ist ein Bausatz, aus dem sich die Kunden einen Tisch basteln können oder ein Regal. "Sie werden sehen", sagt Brinkmann, "das kommt gut an!" In dem selbst gedrehten Youtube-Video zur Serie "Round" ist von einem "wirklich innovativen Möbelstück" die Rede.

Frage, und es wird dir geholfen

Obwohl die Ideen unausgereift sind, findet er mit seiner brachialen Offenherzigkeit ständig Leute, die zu kleinen Gefallen bereit sind, den Fotografen zum Beispiel oder die Tochter von Bekannten, die für die Website posierte. Manche nahmen ihn zu Vorträgen mit, wie dem des "Vorstandsflüsterers" Philipp Riederle, einem Teenager, der seine Bekanntheit einem Podcast verdankt. Als er von dort zurückkam, hielt Brinkmann das Internet für eine Zaubermaschine, die auch er bedienen kann.

Allerdings benötigen Brinkmann & Brinkmann zum Überleben noch mehr. Sie brauchen eine Bank, die ihnen einen Kredit gibt und Geschäftspartner wie Marc Rexroth, der mit seinem Unternehmen Reditum "Möbel mit Vorleben" aus alten Fahrradschläuchen, Paletten oder Seesäcken produziert und sich auf einer Messe von Brinkmanns Aufbruchsgeist begeistern ließ. Der Designer Jochen Flacke wiederum war von Brinkmanns Hilfeersuchen so angetan, dass er bei einer seiner Fahrten durch die Region in die Senner Straße abbog und ihm sagte: "Ihr braucht gute Produkte. Ihr müsst stärker, strukturierter und systematischer über die Verkäuflichkeit nachdenken."

Das ist der springende Punkt. Bislang ist die Welt der kleinen Wünsche wenig attraktiv. Und Rundhölzer mit Glasplatte sind nicht jedermanns Sache.

Jochen Flacke dachte beim Geplauder mit Brinkmann nicht nur an die Branche, in der Firmenneugründungen selten sind. Er dachte auch an den eigenen schweren Aufstieg. Am Ende versprach er Brinkmann, gegen Erfolgsbeteiligung, Skizzen für Rundholz-Möbel, die mit professionellen Verfeinerungen ansetzen, wo Brinkmanns Round-System aufhört.

Es muss doch belohnt werden, sagt Flacke, wenn man den "Blutdruck für eine Idee" hat.

Fehler sind dazu da, dass man sie macht

Bernd Brinkmann findet das alles "verrückt": Jochen Flacke war bei ihm! Radio Gütersloh und der "Kölner Stadt-Anzeiger" haben angerufen! Das baut ihn auf, während er abwechselnd, "manchmal fünf Minuten hier, fünf Minuten dort", für seinen Internet-Shop und den Dämmstoffhändler arbeitet.

Aber natürlich gibt es auch jene, die sich abwenden, wenn er anruft, stürmische E-Mails schreibt oder auf der Suche nach verwertbaren Resten bei den Herstellern anklopft: "Guten Tag, mein Name ist Bernd Brinkmann, ich hätte eine kleine Frage, bitte." Von den zehn Leuten, die er anspricht, reagieren drei nicht, vier sagen ab, und nach den Treffen mit den übrigen bleibt allenfalls einer im Boot.

Er hält das aus. Etwas bewegt sich - da steckt er die Angst vor dem Aus weg.

Und wenn Brinkmann heimkommt, sich in den Garten legt und den Himmel über Westfalen anschaut, scheint es sogar ein bisschen wie damals zu sein, als er noch ohne Magenschmerzen von der Arbeit kam, weil man ihn schätzte. Vielleicht sogar besser? "Selbst wenn ich Fehler mache, sind es meine eigenen", sagt er. Natürlich weiß er, dass die Welt der kleinen Wünsche noch keine Erfolgsstory ist.

Doch das Wichtigste ist, sagt er: Bernd Brinkmann, 54, brennt noch.-

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