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Mansudae Art Studio in Nordkorea

Wie wird man Weltmarktführer in einem Land, das sich der Welt verschließt? Das Mansudae Art Studio in Nordkorea hat das als globaler Dienstleister für Monumentalskulpturen geschafft.




- Der Präsidentenmacher trägt eine riesige goldfarbene Brille, wie sie zuletzt Sowjetführer in den Siebzigerjahren geschätzt haben und heute wieder Hipster in Brooklyn oder Friedrichshain, ein Glas allerdings ist gesprungen. Es stört ihn nicht. Choe Kjong Rim spricht mit tiefem Bass, langsam, freundlich, und seine Hände sind von geradezu irritierender Feinheit, viel zu zerbrechlich für die Größe ihrer Aufgaben. Mit diesen Händen hat er die Präsidenten gestaltet, seit 44 Jahren alle, die in Nordkorea gebraucht wurden, und ein paar fremde Staatsoberhäupter dazu, Afrikaner meist. Alle aus Bronze, denn das ist sein Gebiet, und vermutlich gibt es keinen anderen Menschen auf der Erde, der riesenhafte Diktatoren und Despoten in solcher Präzision, in solcher Lebendigkeit erschaffen kann wie er.

Choe Kjong Rim nickt bescheiden. "Ja, wir haben wohl weltweit keine Konkurrenz." Wir, weil immer das Kollektiv zählt, nicht der Einzelne. Wir, der Staat, Nordkorea, Weltmarktführer im Bau von gigantischen Bronzestatuen, die er vor allem im eigenen Land errichtet, aber zunehmend auch im Senegal, in Namibia, in Mosambik und anderen Ländern.

Und dies hier ist der Ort, wo Nordkorea wenigstens diese eine Sache besser kann als alle anderen, wenigstens einmal Weltspitze ist: das Mansudae Art Studio in Pjöngjang. Eine eigene kleine Stadt mit 4000 Angestellten, von denen rund 1000 Künstler sind. Das Studio wurde 1959 gegründet und hat sich inzwischen auf mehr als 120000 Quadratmetern ausgebreitet, zum vermutlich größten Atelierkomplex der Erde.

Er ist organisiert wie ein kleiner Konzern, in 13 Kreativabteilungen, sieben Manufakturen und mehr als 50 Nachschubabteilungen, in denen nach eigenen Rezepten Farben gemischt, Stoffe gewoben oder neue Materialien getestet werden. Kein Außenstehender darf diese Bereiche betreten, erklärt eine herzliche Dame von der Auslandsabteilung, aber für den Erfolg des Studios seien sie unerlässlich. FE gewissermaßen? Die herzliche Dame schaut irritiert, diese Begriffe sagen ihr nichts.

Aber vielleicht benötigt man kein Management-Sprech, um die Zutaten des Erfolgs zu finden. Und vielleicht unterscheiden sie sich auch in Nordkorea nicht von denen im Rest der Welt.

Wenn sie auch sehr eigenwillig angemischt werden.

In jedem Fall umsorgt die Firma ihr Humankapital, die Künstler, wie es jede gute Personalabteilung täte; die Kunst-Stadt verfügt über eine Sauna, einen Kindergarten, eine Poliklinik sowie für die werkseigene Künstlerelf ein Fußballstadion, dessen Rasen sorgfältig gepflegt ist. Hier arbeitet Choe Kjong Rim, seit er 1969 als 25-Jähriger und als einer von ganz wenigen Kunststudenten seines Jahrgangs auserwählt wurde, das Bild seines Landes zu prägen. Damals ging es Nordkorea wirtschaftlich gut, und aus den Ländern der Dritten Welt reisten Delegationen an, um von dem Staatschef Kim Il Sung zu lernen.

Für die Künstler des Landes war es damals und ist es noch heute die größte Ehre, für das Unternehmen zu arbeiten, denn nur dort dürfen die Bilder der "geliebten Führer" Nordkoreas gemalt und deren Statuen gegossen werden: die vom ewigen Präsidenten Kim Il Sung, vom verehrten General Kim Jong Il und irgendwann einmal vom geliebten, aber noch sehr jungen Marschall Kim Jong Un, der erst Ende 2011 an die Macht kam und dessen Ikonografie noch nicht festgelegt worden ist, sodass er bislang nur auf Fotos auftaucht, nicht in Kunstwerken. Drei Generationen, Familien-Herrschaft seit 1948.

Das Mansudae Art Studio bietet in vielerlei Hinsicht, was sich Künstler erträumen. Jeder erhält ein eigenes, großzügiges Atelier, hat tägliche Arbeitszeiten von 9 bis 18 Uhr und bezieht ein Monatsgehalt, das, an nordkoreanischen Verhältnissen gemessen, üppig sein dürfte, dessen Höhe aber so geheim ist wie fast alles hier. Die Künstler dürften, so erklärt es die herzliche Dame von der Auslandsabteilung, malen und formen, was sie wollten, nur sollten im Schnitt zehn Staatswerke pro Jahr dabei sein - also jene, die in Behörden, Parteibüros, öffentlichen Gebäuden und an Häuserfassaden hängen, auf Plätzen stehen, an den Landesgrenzen, in Wäldern, auf Hügeln, an Seen, in den Bergen, am Meer.

Also alle Kunst bis auf jene Bilder, die, obwohl sie fast genauso aussehen wie die Staatswerke, in allen Wohnungen und Häusern des Landes hängen, in den Wohn-, Schlaf- und Esszimmern, wo die geliebten Führer Kim Il Sung und Kim Jong Il immerwährend präsent sind, damit jeder Bürger weiß, an wen er seine Dankbarkeit zu richten hat.

Dank der Zentralisierung der Kunst präsentiert sich der Staat dem Volk stets in erhabener Mustergültigkeit. Perfekt gemalt. Widerstandslos schön. Und stets so, dass alle Bilder den Vorgaben des Sozialistischen Realismus folgen, der höchsten Wert darauf legt, die Wirklichkeit nicht realistisch abzubilden, sondern so, wie sie sein sollte.

Inzwischen hat das Land einen eigenständigen Stil entwickelt, der die frühere stalinistische Härte durch pausbäckige Harmlosigkeit ersetzt und die Führer eher als joviale Großväter denn als martialische Kämpfer darstellt. Das hilft beim weltweiten Absatz. Und wenn jemand abstrakt malen möchte? Das sei natürlich nicht verboten, erklärt die herzliche Dame, es herrsche volle künstlerische Freiheit, aber die "abstrakte Methode", seien wir ehrlich, die wolle ja niemand. Weil sie den Gefühlen des Volkes widerspreche. Und den Wünschen der Herrscher. So jedenfalls hat es der geliebte General Kim Jong Il gesagt bei einer seiner berühmten "Vor-Ort-Anleitungen", die er den Künstlern gegeben hat, sechsmal insgesamt habe er den Studios einen Besuch abgestattet, sie standen unter seiner direkten Anweisung.

Choe Kjong Rim nickt erneut. Wie sollte er auch den ewigen Präsidenten Kim Il Sung abstrakt darstellen? Es war ja schon schwierig genug, ihn überhaupt neu in Bronze zu gießen. Das wurde notwendig nach dem Tod seines Sohnes Kim Jong Il im Dezember 2011, der sich aus lauter Bescheidenheit zu Lebzeiten geweigert hatte, zur Statue zu werden. Aber nach seinem Ableben durfte das Volk endlich seine Gefühle ungehindert zum Ausdruck bringen und verlangte eine Statue auf dem heiligsten Hügel des Landes, am Großmonument Mansudae in Pjöngjang.

Dort hatte bislang, 20 Meter hoch, schimmernd und ganz allein, der ewige Präsident Kim Il Sung gestanden, um die Huldigungen seines Volkes entgegenzunehmen. Bis vor Kurzem mussten auch alle ausländischen Besucher des Landes sich dort verbeugen, eine Vorschrift, die inzwischen gelockert wurde. Nun also sollte Kim Il Sung zur Seite rücken für seinen Sohn.

Lächelnde Diktatoren sind ein Problem

Die beiden Statuen zu gießen wäre an sich kein Problem gewesen, sagt Herr Choe, wenn sich nicht eine gravierende Veränderung des Führerbildes ergeben hätte. Auch diese war vom Mansudae Art Studio ausgegangen. Dort hatte nämlich ein Maler, der mittlerweile Vorsitzender des Zentralkomitees der Bildenden Künstler Nordkoreas ist, dem Präsidenten ein ganz neues Gesicht gegeben: ein lächelndes. Und weil lächeln nicht der richtige Begriff für die umfassende Liebe des Präsidenten zu seinem Volk ist, die sich in dem Lächeln ausdrückt, wurde dieses spezielle, einmalige Lächeln "Sonnenlächeln" getauft.

Nach und nach wurde der bis dahin ernste, strenge Kim Il Sung durch den fröhlichen, sonnenlächelnden Kim Il Sung ersetzt. Es waren die späten Neunzigerjahre und die Zeiten hart, Millionen Menschen hungerten im Land, die Stromversorgung brach zusammen, das Militär wurde aufgestockt, und der ewige Präsident begann zu lächeln. Und obwohl diese Entwicklung grundsätzlich zu begrüßen gewesen sei und für Maler auch kein Problem, stellte sie Skulpteure doch vor enorme Probleme: Ein lächelnder Mensch in Bronze sieht fast immer doof aus, weil seine Zähne dunkel sind und aus demselben Material wie der Rest des Körpers, was selbst den realistischsten Sozialistischen Realismus überfordert. Am Mansudae-Hügel sollten aber nun erstmals auch sonnenlächelnde Bronzen stehen.

Also forderte Herr Choe sein Kollektiv mit noch höherem Nachdruck heraus, auch diese Aufgabe zu meistern, er veranstaltete Wettbewerbe unter den Künstlern, die sich an Zeichenbrettern und Computern immer exakter dem Sonnenlächeln näherten, wobei half, dass das Lächeln in 20 Metern Höhe stattfindet, vor einem oft sehr hellen Himmel.

Als er auch noch erzählt, dass die beiden geliebten Führer in Einzelteilen gegossen und dann zusammengeschweißt wurden, stockt er allerdings zunehmend, er bewegt sich, so wirkt es, gefährlich nah an Staatsgeheimnisverrat heran. Die Gießerei dürfen wir auf keinen Fall besuchen, wegen der sensiblen Technik, sagt man uns, und des Vorsprungs vor der internationalen Konkurrenz.

Globaler Dienstleister für Monumentalkunst

Am 13. April 2011, dem Tag der Sonne, war es dann so weit, und die beiden sonnenlächelnden Statuen wurden auf dem Mansudae-Hügel eingeweiht, ein Volksfest und der größte Triumph für den Volkskünstler Choe, der den Titel bereits zu diesem Zeitpunkt trug, die höchste Auszeichnung in Nordkorea, und eine noch höhere sollte offenbar nicht erfunden werden. Er selbst aber vergisst nie, warum er zu solch außergewöhnlichen Leistungen in der Lage ist: "Weil wir dem geliebten Präsidenten und dem geliebten General so treu ergeben sind und unter ihnen so viele Erfahrungen sammeln durften."

Das alles muss man wissen, um zu verstehen, wie ein Land, das sich der Welt verschließt, zum Weltmarktführer werden kann. Zumindest und immerhin bei Bronzeriesen. Es sind dieselben Faktoren wie überall. Exzellentes Know-how. Lange Erfahrung. Erfindungsreiche Menschen. Kurze Entwicklungszyklen. Integrierte Produktion. Gutes Arbeitsumfeld. Soziale Sicherheit. Selbstbewusste Firmenkultur.

So kam es, dass der internationale Arm des Studios, die Mansudae Overseas Projects, die bereits in den Siebzigerjahren für einige afrikanische Regierungen gebaut hatten, seit 2000 mit Nachdruck expandierte. Wohl Dutzende von Statuen, Monumente und Großbauten hat Mansudae seither errichtet, in Botswana ein Denkmal für drei Stammesfürsten; im Kongo ein Basketball-Stadion; in Namibia die Figur des Unbekannten Soldaten, der eine Kalaschnikow umfasst, dort außerdem den Präsidentenpalast, den Heldenacker, ein Militärmuseum sowie die Unabhängigkeitshalle; und in Angola unter anderem ein Friedensmahnmal. Denn Nordkorea baut gern Denkmäler für Frieden, Freiheit und das Ende von Knechtschaft.

Rund 200 Millionen Dollar sollen die Künstler mit den Auslandsgeschäften verdient haben, eine erhebliche Summe für den chronisch klammen Staat, dem die Vereinten Nationen wegen des Atomprogramms harte Sanktionen auferlegt haben, aber niemand will die Zahl bestätigen. Auch die Dame von der Auslandsabteilung sieht sich dazu außerstande. Im Übrigen, sagt sie ernst, Mansudae sei nicht auf Geld aus, das Studio lebe von der Großzügigkeit des Staates, und Profit werde nicht erwartet. Es geht schließlich um Höheres. Das Korea Institute for International Economic Policy im südkoreanischen Seoul schätzt, dass in manchen Jahren bis zu 40 Prozent des nordkoreanischen Staatshaushaltes für die "Kim-family deification" ausgegeben worden sei, für die Vergötterung der Herrscherfamilie.

Die solide Heimatbasis hilft nicht nur ökonomisch, sondern auch künstlerisch. Der überhöhte Realismus ist vielerorts leicht zu verkaufen, weil er leicht zu verstehen ist, er kommt vor allem in Ländern mit hoher Analphabetenquote gut an. Aber jede Stärke ist immer auch eine Schwäche, und vielleicht wird sich der Markt für Mansudae gerade wegen der künstlerischen Gradlinigkeit nie über den kleinen Kreis von Diktatoren und Fans des Sozialistischen Realismus erweitern können, zwei Gruppen, die durch eine gewisse Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der Wirklichkeit vereint sind.

Das schafft Marketingprobleme. Zudem die Kunst des Herrn Choe und seiner 1000 Kollegen ihre Wurzeln in einem der hässlichsten Regime der Erde nicht verleugnen kann. Sie wird das Stigma einer Sumpfblume nicht los, das schreckt potenzielle Kunden ab.

Jedenfalls ist nur ein einziger öffentlicher Auftrag in der entwickelten Welt bekannt, ausgerechnet in Deutschland, ausgerechnet in der Kapitalistenstadt Frankfurt am Main, am dortigen Märchenbrunnen. Es war aber eher Zufall als gezielte Akquise, der dazu führte, dass die Nordkoreaner sechs Bronzeskulpturen renovierten. Und eigentlich ging es nur um Geld und Qualität, denn die Nordkoreaner unterboten den billigsten deutschen Konkurrenten um die Hälfte und konnten zudem eine deutlich höhere Originaltreue zusagen, schließlich arbeiten sie noch immer so wie es deutsche Künstler vor hundert Jahren getan haben, als der Brunnen gebaut wurde.

Dass Propaganda kostet, wissen die Nordkoreaner sehr genau, was ihnen erlaubt, jeden Preis zu unterbieten. Und weil sie sonst nicht viel haben für den Export, gehen sie jedes Geschäft ein, und sei es noch so krumm.

Das wurde besonders deutlich beim bislang größten Auftrag, den die Mansudae-Künstler zu bewältigen hatten und der Herrn Choe besonders gut im Gedächtnis geblieben ist. Auch wenn seine Erinnerungen in vielerlei Hinsicht den Erfahrungen der Senegalesen widersprechen. Aber in diesem Business kultiviert jeder seinen eigenen Realismus.

Herr Choe hat ein Nasenproblem

In jedem Fall hörte der nordkoreanische Bildhauer irgendwann im Jahre 2007 zum ersten Mal vom damaligen senegalesischen Präsidenten Abdoulaye Wade. Der wollte zwar, aus lauter Bescheidenheit, keine Statue von sich selbst, aber doch die nach eigener Aussage größte Bronzestatue der Welt: das "Monument der Afrikanischen Renaissance". Größer als die New Yorker Freiheitsstatue. Eine europäische Firma war an dem Auftrag bereits gescheitert, so erzählt man uns bei Mansudae stolz, und als wäre dieses Versagen vorhersehbar gewesen, blieben also nur noch die Nordkoreaner.

Blieb Herr Choe. Der entwickelte, erzählt er, mit seinem Kollektiv erste Entwürfe und ein 60 Zentimeter hohes Modell. Die schwierigste Aufgabe für Herrn Choe bestand darin, die afrikanischen Gesichter afrikanisch aussehen zu lassen. Schließlich soll das Monument den Ausbruch Afrikas "aus Dunkelheit, aus 500 Jahren Sklaverei und 200 Jahren Kolonialismus" zeigen. Der Volkskünstler formt mit seinen zerbrechlichen Fingern eine breite Nase in die Luft. Sein Kollektiv studierte unzählige Fotos von Afrikanern, aber dem Präsidenten Wade gefielen die koreanischen Interpretationen nicht: "Ich brauchte afrikanische Gesichter, nicht asiatische", sagte er später in einem Interview.

Das ist ein verbreitetes Problem bei Mansudae, das vielleicht damit zu tun hat, dass die Menschen der Welt nur schwer abzubilden sind, wenn man sie nie sieht. Bereits in Simbabwe hatten Bürger beklagt, dass die Statue eines Revolutionärs dem Revolutionär überhaupt nicht ähnle; und in Botswana empfand man die drei Stammesfürsten als charakterlose Standardkörper, denen afrikanische Köpfe aufgepfropft worden waren. Ein Unternehmensberater würde bei Mansudae vermutlich als Erstes das Qualitätsmanagement zu verbessern suchen.

Abdoulaye Wade aber war schließlich zufrieden mit den drei heroischen Figuren, dem muskulösen Vater, der leicht bekleideten Mutter und dem Kind, das westwärts zum Atlantik zeigt. In Pjöngjang gossen die Arbeiter ein zehn Meter hohes Modell, das als Vorbild für den Riesen diente und mit dem sie allerlei Tests veranstalteten, um es gegen Natureinflüsse zu wappnen: Erdbeben, Stürme, Blitzeinschläge.

Parallel wählte Herr Choe die Arbeiter aus, die vor Ort in Dakar das Monument errichten sollten, denn das gehört zum Service: Montage vor Ort, von Fachkräften, die nie in Erscheinung treten, weil sie hinter hohen Zäunen ihre Baracken selbst bauen, in denen sie während der Arbeiten leben. So machen es auch die Soldaten in Nordkorea, die zu Tausenden im Straßen- und Häuserbau eingesetzt werden, man sieht ihre einfachen Unterkünfte, die meist aus Lehm sind und nur notdürftig abgedichtet, in Pjöngjang und anderen Städten. Und neben den Hütten wuchern manchmal Gemüsegärten zur Selbstversorgung - wer in Nordkorea bauen gelernt hat, wird afrikanische Verhältnisse nicht als schlimm empfinden.

Auch Kritik dringt nicht ins Land hinein

Der künstlerische Chef schickte also 300 Arbeiter los, bedauernd, dass er nicht mitreisen konnte, aber die Hitze in Dakar, die Feuchtigkeit, in seinem Alter sei das zu viel gewesen. Im Senegal spricht man hingegen von 150 Nordkoreanern, aber auch diese Menge zog Zorn auf sich in einem Land mit fast 50 Prozent Arbeitslosigkeit, in dem es an Fachkräften nicht mangelt.

Sicher ist hingegen, dass die Nordkoreaner zwei Jahre benötigten, um das Monument auf einem Stück Land zu errichten, das Gegenstand eines eigenen Skandals im Senegal wurde: Denn der Präsident hatte es an einen Kumpel verschenkt, der es dann mit enormen Aufschlag wieder an die Regierung zurückverkaufte. Die Nordkoreaner wiederum akzeptierten als Bezahlung ein Stück Land, das sie ebenfalls mit gutem Gewinn verkaufen konnten. 25 Millionen Dollar soll es wert gewesen sein, 70 Millionen sagen andere.

Als die Statue schließlich am 3. April 2010 in Anwesenheit von 19 afrikanischen Staatschefs eingeweiht wurde, sei er sehr stolz gewesen, sagt Choe Kjong Rim, denn was könne ein Künstler mehr erreichen: nicht nur die Statuen der geliebten Führer Nordkoreas, sondern auch die Bronzestatue mit der größten Figurhöhe der Welt zu verantworten! Rund 50 Meter hoch ist sie, gefertigt aus drei Zentimeter dicken Metallplatten, gleißend steht sie in der Tropensonne, und vom Panorama-Raum im Kopf des Bronzemannes fällt der Blick auf einen nahe gelegenen Slum. Aber diese Sicht kennt Herr Choe nicht.

Er weiß auch nicht, dass sein Werk höchst umstritten ist. Kritik wäre eine ganz neue Erfahrung für ihn, wer würde seine Kunst infrage stellen in Nordkorea? Aber im Senegal, in dem zu 94 Prozent Muslime leben, empörte man sich über die entblößte Brust der Frau. Und bei den wenigen Christen in seinem Land musste sich Präsident Wade entschuldigen, weil er den muskulösen Mann mit Christus verglichen hatte. Zudem hat sich der Herrscher etwa ein Drittel der Einnahmen aus den Eintrittsgeldern gesichert, wie er sagt, um sie einer Wohltätigkeitsorganisation zu spenden, die er selbst betreibt.

Nur einer fand die Statue hinreißend: Muammar al-Gaddafi. Er schrieb gleich nach der Einweihung Präsident Wade einen Brief mit der Frage, wo auch er eine solche Statue bestellen könne. Aber daraus ist dann nichts mehr geworden. Auch das alles weiß Herr Choe nicht. Und vielleicht empfindet er es sogar als Segen, von der Welt nicht allzu viel mitzubekommen. Ein Weltmarktführer der Abgeschiedenheit.

Dann bedeutet die herzliche Dame, dass die Besuchszeit bei Mansudae abgelaufen sei und der Volkskünstler sich wieder der Kunst des Volkes zuwenden müsse. Als wir sein Atelier verlassen, tanzen draußen ein paar Hundert Künstler und Arbeiter von Mansudae einen großen Reigen, nicht für Besucher, nur für sich, das Kollektiv, denn sie wollen die acht neuen Tänze einüben, die zum Geburtstag des ewigen Präsidenten dem Volk vorgestellt worden waren.

Die Musik klingt, als stamme sie von André Rieu, und noch ein wenig stolpernd drehen sich die Paare in einem weiten Kreis, der den Hauptplatz der Studios ausfüllt, vorbei an den wandhohen Gemälden des sonnenlächelnden Kim Il Sung und des sonnenlächelnden Kim Jong Il, vorbei auch an der brandneuen Doppelstatue von Kim Il Sung und Kim Jong Il auf zwei gewaltigen Bronzerappen, deren Vorderbeine in den blauen Himmel steigen.

Dann verstreuen sich die Arbeiter und die Künstler, und der Herbstwind verweht das letzte Lied, es trägt den Titel "In einem Rutsch". Es ist ein typisches Lied für Nordkorea. Eine der Strophen lautet: "Wir bauen ein neues Stadtviertel in einem Rutsch, wir überholen alle Hightech-Nationen in einem Rutsch."-