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Ritter Sport

Ritter Sport arbeitet in Nicaragua mit Kleinbauern zusammen und bezahlt ihnen mehr für ihren Kakao, als das Unternehmen eigentlich müsste. Aus Eigennutz.




- In dieser Geschichte geht es um Schokolade, deren Preis im deutschen Supermarkt und was der mit dem Leben der Produzenten von Kakao zu tun hat. Es treten auf: die Eheleute Reynaldo Morales Ordoñes und Luz Marina López, der Schokoladenhersteller Alfred Ritter, dessen Statthalter in Nicaragua, Manfred Günkel, und der Entwicklungshelfer Jan Bock, der später sagen wird: "Die Firma hat sich einfach was getraut." Es ist eine Geschichte über Moral und Unternehmertum und darüber, dass am Ende beide Seiten profitieren können, wenn der Stärkere etwas riskiert.

Die Hauptstadt Managua ist nur gut 200 Kilometer entfernt. Aber der Staat ist weit weg. Schon lange ist die Nationalstraße 5 eine holprige Piste ohne Asphalt. Durch das Fenster dringt schwüle Hitze in den Wagen, aus dem dichten Grün der Bäume vernimmt man das Geschrei der Affen. Hier, im tropischen Hochland von Nicaragua, im Departament Matagalpa, will der schwäbische Schokoladenhersteller Ritter Sport die Gesetze des Weltmarktes außer Kraft setzen.

Die bescheidene Holzhütte von Reynaldo Morales Ordoñes, 56, und dessen Frau Luz Marina López, 48, liegt mehrere Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Zwölf Hektar groß ist ihr Grundstück. Dort bauen sie Kaffee an, wie fast alle ihre Nachbarn, Mais und Maniok. Und seit einigen Jahren auch Kakao.

Auf der Finca von Morales schützen hohe Bäume die Kakaopflanzen vor zu viel Sonne. "Kakao", sagt der Mann, "ist eine empfindliche Pflanze." Und eine krankheitsanfällige dazu. Vor allem die Monilia genannte Pilzerkrankung kann zu empfindlichen Ernteausfällen führen. Deshalb ist der Anbau wirtschaftlich nicht ohne Risiko. Wenn die Kakaobohnen von Morales nicht zur Weiterverarbeitung taugen, hat er ein Jahr umsonst gearbeitet.

Aber auch bei einer guten Ernte hat er auf den Preis keinen Einfluss. Mit Glück trifft er auf einen Händler, der ihm einen auskömmlichen Preis zahlt. Es kann aber genauso gut sein, dass er sich mit einem weit schlechteren Preis zufriedengeben muss. Sicher kalkulieren lässt sich das Kakaobohnengeschäft nicht. Ein Schicksal, das er mit allen Kleinbauern in Zentralamerika teilt. Genauer gesagt: geteilt hat.

Seit einigen Jahren ist Morales Mitglied der Kooperative "Ríos de Agua Viva" in seiner Gemeinde Rancho Grande. 420 Familien haben sich zu dieser Genossenschaft zusammengeschlossen. Ihren Kakao liefern sie an die erst 2011 gegründete Firma Ritter Sport Nicaragua S.A. - zentralamerikanischer Kleinbauer trifft auf schwäbischen Mittelstand. Die Tochtergesellschaft des schwäbischen Schokoladenherstellers arbeitet in Nicaragua gegenwärtig mit 21 Kooperativen zusammen, von denen 4300 Familien leben. Sie erhalten für ihren Kakao einen deutlich besseren Preis als auf dem Weltmarkt.

Doch es geht um mehr als nur ums Geld. Die Mitglieder einer Kooperative bekommen Kredit und Saatgut und haben die Garantie, dass selbst in entlegenenen Winkeln geerntete Bohnen noch nach Matagalpa transportiert und dort abgekauft werden.

Für Morales hat sich seither viel verändert. Allein mit seinem Kakao verdient er im Jahr rund 3000 Dollar. Nach Abzug der Beiträge für die Genossenschaft, die dafür die Trocknung und Fermentierung der Kakaobohnen übernimmt, bleiben etwa 1800 Dollar übrig. In einem Land, in dem mehr als 80 Prozent der Bevölkerung von zwei Dollar oder weniger am Tag leben müssen, ist das eine bedeutende Summe.

Mehr als 1800 Kakaobäume stehen auf Morales' Finca. Sie sind von der ebenso robusten wie aromatischen Sorte Trinitario - eine Kreuzung der Ursprungsarten Criollo und Forastero. Mehr als 90 Prozent der weltweiten Ernte wachsen auf Bäumen der Standardsorte Forastero. Trinitario oder Criollo sind selten und hochwertig. "Nahe am Edelkakao!", sagt der Firmenchef Alfred Ritter.

Die Tonne Kakaobohnen kostet gegenwärtig an der Rohstoffbörse rund 2300 Dollar, vor einigen Jahren lag sie noch bei 1500 Dollar. Ritter umgeht in Nicaragua die Börse und kauft die Bohnen direkt von den Erzeugern. Dafür bezahlt er einen stolzen Preis: Rund 3500 Dollar ist ihm die Tonne Kakao wert. Obendrauf gab es 2012 noch einen "Jubiläums-Bonus" von 500 Dollar pro Tonne, weil das Unternehmen hundertjähriges Bestehen feierte. War das nicht ein bisschen übertrieben? Alfred Ritter ist anderer Ansicht. "Kakao ist ein sensibles Pflänzchen, ein schwierig zu erzeugender Rohstoff - und der ist jeden Dollar wert."

Das Verblüffende an dem Geschäft: Ritter bezahlt einen hohen Preis, aber am Ende profitieren beide Seiten. Morales verdient gutes Geld. Und Ritter hat zuverlässige Lieferanten. Für ihn ist das ein wichtiger strategischer Vorteil.

Er ist Geschäftsmann - nicht Entwicklungshelfer. Hinter den hohen Preisen steckt eine Strategie. Er ist in dem Land inzwischen der größte Abnehmer von Kakao und will die Einkäufer der Konkurrenz fernhalten. Das wird sich womöglich noch einmal auszahlen.

Denn die Schokoladen-Industrie hat ein Problem: Ihr geht der Kakao aus. Über Jahre hinweg war der Rohstoff sehr billig. Viele Kleinbauern konnten oder wollten deshalb nicht mehr in ihre Plantagen investieren, bessere Pflanzensorten kaufen oder teure Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen. Die Produktion sank. So stellten sich viele Abnehmer mit ihrer Preisdrückerei selbst ein Bein.

Dass die Schwaben gute Preise bezahlen, hat sich unter nicaraguanischen Kakaobauern mittlerweile herumgesprochen. Und auch, dass sie bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie helfen den Bauern, ihre Erträge zu steigern und Pflanzenkrankheiten zu bekämpfen. Für Kooperativen organisiert das Unternehmen Schulungen, bei denen es um Qualitätsverbesserung durch bessere Fermentation und Trocknung geht. Diese Partnerschaft bindet die Lieferanten an die Firma - und sichert den Nachschub an Kakao-Bohnen.

Noch bezieht Ritter gerade einmal vier Prozent seines Bedarfs mit Bohnen aus Nicaragua, das sind rund 600 Tonnen. "Das Ziel sind 2000 Tonnen pro Jahr", sagt Manfred Günkel, 43. Der Sohn eines Deutschen und einer Nicaraguanerin ist Forst- und Agrarfachmann und arbeitete als Entwicklungshelfer in Nicaragua, seit zwei Jahren ist er dort Geschäftsführer von Ritter Sport. 2000 Tonnen sind ein ambitioniertes Ziel: rund 13 Prozent des Bedarfs. Später einmal sollen es 20 Prozent werden.

15000 Tonnen Kakao verarbeitet Ritter Sport jedes Jahr. Die Bohnen kauft das Unternehmen meist an der Börse. Mehr als die Hälfte stammt aus Westafrika, vor allem vom weltgrößten Erzeuger, der Elfenbeinküste, die wegen Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen am Pranger steht.

Ritter Sport ist einer der größten Schokoladen-Produzenten in Deutschland. 2,5 Millionen quadratische Tafeln laufen in der Produktionshalle in Waldenbuch täglich vom Band. Der Marktanteil im wichtigen Segment der 100-Gramm-Tafeln liegt bei knapp einem Viertel. Nur die Kraft Foods-Marke Milka wird hierzulande noch mehr verkauft. Seit 2008 hat Ritter auch Bio im Sortiment, es sind 65-Gramm-Tafeln, die genauso viel kosten wie die konventionellen 100-Gramm-Tafeln. Der Kakao dafür kommt zu einem guten Teil aus Nicaragua, aber auch aus Ecuador, Peru oder der Dominikanischen Republik. Doch der Umsatzanteil ist bescheiden: "Deutlich weniger als fünf Prozent", sagt Alfred Ritter. "Unser Bio-Sortiment dümpelt vor sich hin." Was auch daran liegt, dass der Bio-Fachhandel Ritter Sport nicht listet. "Wir bevorzugen traditionelle Bio-Marken im Sortiment", sagt die Alnatura-Sprecherin Stefanie Neumann - Schokolade von Firmen, die vollständig auf Bio setzen.

Im Geschäft mit konventioneller Schokolade liegt die Preisgrenze für eine 100-Gramm-Tafel im Supermarkt bei einem Euro. Eigentlich müsste Schokolade viel teurer sein. Eigentlich müssten Kakaobauern in Afrika, Asien und Lateinamerika viel mehr verdienen. Doch die Deutschen sparen besonders beim Essen. Gerade mal zwölf Prozent ihrer Konsumausgaben geben sie für Lebensmittel aus. Die Kunden seien eben "preissensibel", sagt Alfred Ritter trocken. Diese Erfahrung hat er schon bei seinem ersten Herzensprojekt, der Bio-Schokolade, gemacht. Aber der Fabrikant beobachtet auch: "Fairtrade ist ein Trend, ganz klar. Die Zahl derer, die offene Ohren dafür hat, wächst."

Sicher ist: Ritter hat in Nicaragua schon einiges bewegt. Als die Schwaben 1990 in dem Land angefangen haben, wurden dort gerade einmal 300 Tonnen Kakao geerntet. Erst im Jahr 2003 stieg die Produktion langsam an. In der vergangenen Saison 2011 /2012 meldete Nicaragua eine Rekordernte: 3600 Tonnen. Deshalb sagt der Entwicklungshelfer Jan Bock auch: "Der Kakao-Boom in Nicaragua wäre ohne das Engagement von Ritter nicht möglich gewesen. Die Firma hat sich einfach was getraut."

Dabei geht es Ritter nicht allein darum, den Bauern etwas Gutes zu tun. Auch seinem Unternehmen will er helfen. "Wir wollen unabhängiger von den starken Schwankungen auf den Rohstoffmärkten werden", sagt er. Unabhängiger von der Börse, von mit Kakaobohnen zockenden Spekulanten. Von den Folgen der Bürgerkriege in Westafrika, die zu Ernteausfällen führen. Und unabhängiger von Multis wie Cargill, ADM und Barry Callebaut, den großen drei, die den Weltmarkt für die Verwandlung von Rohkakao in Kakaomasse beherrschen.

Dafür ist das kleine Nicaragua ein guter Standort. Die Schoko-Multis haben das mittelamerikanische Land mit seinen im Weltmaßstab geradezu mickrigen Erträgen bisher kaum beachtet. Wenn alles so läuft wie geplant, sieht es gut aus für Alfred Ritter: "Das Risiko ist dann vor allem das Wetter, nicht mehr die Spekulation."

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wie beschwerlich er werden kann, das hat er selbst erleben müssen. Schon Anfang der Neunzigerjahre begannen die Ritters, sich in Nicaragua zu engagieren. Wenn Marli Hoppe-Ritter, die Vorsitzende des Familien-Beirats und Schwester des Unternehmenschefs, damals gefragt wurde, warum sie ausgerechnet in Nicaragua tätig werden wolle, antwortete sie: "Die Kakao-Industrie hat auf der Welt so viel kaputtgemacht - man muss irgendwo anfangen, um das wieder zu reparieren."

Die erste Kooperative, mit der sie damals zusammenarbeiteten, hieß "Cacaonica". In den ersten zehn Jahren war der Kakaoertrag bescheiden, die Qualität mäßig. Dann hagelte es auch noch Korruptionsvorwürfe gegen den Präsidenten der Kooperative. Professioneller wurde das Projekt zwischen 2001 und 2011, mithilfe von deutschen Entwicklungshelfern.

In Nicaragua, dem zweitärmsten Land Lateinamerikas, wollen es die Ritters jetzt wissen. In der Nähe der Provinzhauptstadt Matagalpa, umgeben von grünen Hügeln auf gut 700 Meter Höhe, liegt die Zentrale von Ritter Sport Nicaragua. Im Jahr 2008 investierte die deutsche Muttergesellschaft mehr als eine Million Euro.

Lagerhallen wurden gebaut und ein großer Verwaltungstrakt, in dem regelmäßig Versammlungen und Schulungen mit Kooperativen-Vertretern stattfinden. Es wurde ein Labor zur Analyse des Kakaos errichtet, außerdem eine Trocknungshalle für die Bohnen sowie eine Baumschule für Zehntausende von Kakaosetzlingen, die veredelt und den Kooperativen zu einem symbolischen Preis verkauft werden. Schon bald wird der Platz hier nicht mehr reichen, eine Erweiterung ist bereits geplant.

Vergangenes Jahr erwarb Ritter erstmals Land: zwei Fincas mit einer gemeinsamen Fläche von 480 Hektar, auf denen zuvor Rinder gehalten wurden. Weitere Kaufverhandlungen stünden kurz vor dem Abschluss. Die erste eigene Kakao-Ernte wird frühestens in vier Jahren erwartet. Erst müssen Kakaopflanzen gesetzt und dann muss mit Schattenbäumen aufgeforstet werden.

Warum eigenes Land? Alfred Ritter sagt: "Zur Beschleunigung und Mengengewinnung." Nach 20 Jahren Anlauf will er jetzt in Nicaragua an einem größeren Rad drehen - und dabei anständig bleiben: "Wir kaufen kein Land, wo Leute vertrieben oder ihrer Existenzgrundlage beraubt werden." Im Gegenteil: Die Bauern rund um die Ritter-Fincas sollen motiviert werden, ebenfalls Kakao anzubauen. Kakao, den seine Firma dann gern kaufen würde. -

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Ritter Sport - Die Firma wurde 1912 von den Großeltern des heutigen Ritter-Chefs, Alfred Ritter, bei Stuttgart gegründet. Der Hauptsitz ist in Waldenbuch
- 2012 lag der Umsatz bei 345 Millionen Euro (2011: 330 Millionen). Das Unternehmen beschäftigt 900 Mitarbeiter Nicaragua - 6 Millionen Einwohner, rund die Hälfte ist jünger als 18 Jahre
- 80 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, die Analphabetenrate liegt bei etwa 25 Prozent
- 1979 stürzte die sandinistische Befreiungsbewegung FSLN die jahrzehntelange Familiendiktatur des Somoza-Clans. Die USA unterstützten in den Achtzigerjahren im Bürgerkrieg die rechtsgerichteten Contras
- Seit 1987 ist das Land eine Präsidialrepublik Kakao - Deutschland importierte 2011 rund 338000 Tonnen Rohkakao und gilt als einer der wichtigsten Standorte für die Weiterverarbeitung
- 40 bis 50 Millionen Menschen weltweit leben vom Kakao-Anbau
- Pro Jahr werden weltweit rund 4 Millionen Tonnen Kakao produziert, gut drei Viertel davon in Afrika. Die Elfenbeinküste ist mit mehr als einem Drittel der Weltproduktion mit Abstand größter Kakao-Exporteur
- Eine Tafel Ritter Sport kostet in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua zwischen 4 und 5 Dollar