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Welthandel

Eingekauft wird überall. Aber die Sitten sind sehr verschieden, wie unsere Korrespondenten berichten.




1. Frankreich Scheck lass nach!
Warum die Franzosen ein veraltetes Zahlungsmittel lieben. Text: Karin Finkenzeller

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor fünf Jahren zum ersten Mal in Frankreich ein Bankkonto eröffnete. Das war gar nicht so einfach. Um in Frankreich Bankkunde zu werden, muss man einen Wohnsitz im Land nachweisen. Mangels Einwohnermeldeamt übernimmt diesen Nachweis der Stromversorger oder Telefonanbieter. Um aber überhaupt eine Wohnung zu mieten, die über Strom und Telefon verfügt, braucht man zunächst ein Konto. Wer also nicht in eine französische Familie hineingeboren wurde, sondern aus dem Ausland zuzieht, benötigt in erster Linie jemanden, der ein Einsehen hat.

In meinem Fall war es die Angestellte der französischen Tochter einer portugiesischen Bank in Paris. Dort hatte man bereits Erfahrung mit den nicht übermäßig gastfreundlichen Vorgaben der Franzosen. Eine Frage der Dame überraschte mich gegen Ende der Formalitäten dann aber doch: Ob ich ein Scheckheft bräuchte, wollte sie wissen. Schecks? Das war doch eine Erfindung aus dem vergangenen Jahrhundert! Wusste gar nicht, dass es so was überhaupt noch gibt. Nein, brauche ich natürlich nicht.

Knapp zwei Wochen später kam ich reumütig zurück. Ob ich vielleicht doch ein Chéquier haben könnte? Denn ohne ist man ein Niemand in Frankreich. Ich wurde ständig danach gefragt. Über die Kaution für meine Wohnung sollte ich einen Scheck ausstellen, für die Miete. Der Energieversorger EdF, immerhin ein Weltkonzern, schickte mir mit der ersten Rechnung sogar eine Anleitung: Ich sollte den am unteren Ende des DIN-A4-Blatts befindlichen Abschnitt ausfüllen und ihn entweder mit dem Nachweis über meine Bankverbindung oder mit einem zugunsten des Unternehmens ausgestellten Scheck in einen Umschlag stecken, frankieren und an EdF adressiert in den Briefkasten werfen. Dabei sollte ich aber bitte nicht vergessen, auf der Rückseite des Schecks meine Kundennummer zu notieren. Mein Vorschlag, ich könnte doch praktischerweise einen Dauerauftrag einrichten, wurde mit Misstrauen quittiert. Für das Wort Dauerauftrag gibt es zwar eine französische Übersetzung - prélèvement automatique -, aber sonderlich beliebt scheint er nicht zu sein.

Im September vergangenen Jahres veröffentlichte die Europäische Zentralbank eine Statistik, wonach die Franzosen im Jahr 2011 fast drei Milliarden Schecks ausgestellt haben - mit deutlichem Abstand so viele wie in keinem anderen europäischen Land. Insgesamt wechselten auf diese Weise gut 1,78 Billionen Euro die Besitzer. Zum Vergleich: Das französische Bruttoinlandsprodukt, also der Gesamtwert aller Güter, Waren und Dienstleistungen, betrug im selben Jahr 1,99 Billionen Euro. Jeder Franzose unterschreibt - statistisch betrachtet - 46 Schecks jährlich. Ein Deutscher dagegen rechnerisch nur 0,5. Inzwischen kenne ich die Erklärung für diese Amour fou. Wer in Frankreich einen ungedeckten Scheck ausstellt, macht sich nicht nur strafbar, sondern wird ganz schnell mit dem Verbot belegt, dieses Zahlungsmittel in den nächsten fünf Jahren noch einmal zu benutzen. Das gilt übrigens unabhängig von der Summe, und seien es die 1,50 Euro für den Kaffee in der Bar nebenan.

Wer einen Scheck ausstellt, gilt deshalb fast automatisch als vertrauenswürdig. Er ist auch das einzige Zahlungsmittel, für das die Banken keine zusätzlichen Gebühren erheben. Das hatten sie vor einigen Jahren zwar mal versucht, mussten die Maßnahme aber zurücknehmen. Die EC-Karte namens Carte Bleue ist zwar inzwischen im Alltag ein ebenfalls gängiges Zahlungsmittel, kostet im Jahr aber bis zu 30 Euro. Für das Rundum-Paket mit Internetbanking, Daueraufträgen und Geldabheben am Automaten ist man ruck, zuck 150 Euro jährlich los.

Als ich kürzlich die Hausratversicherung für meine Wohnung am Schalter überwies, kostete das 2,30 Euro extra. Hätte ich der Versicherung per Post einen Scheck geschickt, wären nur Briefmarke und Kuvert fällig gewesen. Ich wundere mich deshalb längst nicht mehr, wenn an der Supermarktkasse vor mir jemand sein Scheckheft zückt. Geht ja auch schnell. Die Kassen sind meist mit einer Vorrichtung ausgestattet, die Ort, Datum und Summe auf das Papier druckt. Der Kunde muss nur noch unterschreiben. Auch die Schulkantine, die Kinderkrippe oder die Anzahlung für die nächste Urlaubsreise werden per Scheck beglichen.

Laut einer Untersuchung der französischen Notenbank zahlt jeder Franzose durchschnittlich 274 Euro pro Scheck. Französische Betriebe, insbesondere Mittelständler, tragen laut derselben Studie im Mittel eine Summe von 2248 Euro ein, um Zulieferer oder Mitarbeiter auszuzahlen. Und nein, nicht nur ältere Franzosen hängen an dieser Zahlungsform. Die meisten Nutzer sind zwischen 35 und 49 Jahre alt. Groß war deshalb voriges Jahr die Aufregung, als Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerium vorschlug, die Menge der Schecks bis 2017 um die Hälfte zu reduzieren. Verbraucherschützer laufen seither Sturm gegen das ihrer Meinung nach von den Banken initiierte Ansinnen.

Tatsächlich kommt der französische Rechnungshof zu dem Schluss, dass die Finanzinstitute für die Bearbeitung der kostenlosen Schecks insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr aufwenden müssten. Den Einsatz der EC-Karte sowie Überweisungen ließen sie sich dagegen mit zusammen 3,3 Milliarden Euro vergüten.

Meine Miete überweise ich übrigens inzwischen jeden Monat von meinem deutschen Konto nach Frankreich. Per Dauerauftrag und SEPA-Überweisung. Kostet ja nichts.

2. Russland Tote Seelen kaufen
Unter den Zaren galt Handel als unfein, unter der Sowjetmacht als kriminell. Geändert hat sich daran nicht viel. Text: Stefan Scholl

In Russland handelte man schon immer gern mit Rauchwaren. Auch meine Frau Olga versucht seit vergangenem Dezember, zwei 40 Zentimeter lange und 1,5 Zentimeter breite Silberfuchsfellstreifen zu erstehen. Für ihren Schafspelzmantel, dessen Kragen und Ärmel bleigraubräunliche Fuchsfellbesätze schmücken. Der Pelz ist sechs Jahre alt, und der Silberfuchsbesatz beider Ärmelränder arg abgeschabt. Zu Neujahr ging sie in ihrer Heimatstadt Tscheboksary in der mittelrussischen Republik Tschuwaschien auf den Zentralmarkt. Dort, wo auch Waldhonig, frischer Quark oder noch zappelnde Wolgafische gehandelt werden, meist um die Hälfte billiger als in Moskau, wie so vieles in Russland.

Olga wurde fündig, allerdings erst nach längerem Suchen. Und das Graubraun des Silberfuchses, den die Händlerin ihr anbot, schimmerte eher schäferhundgelbschwarz. "Ihren muss wohl jemand getönt haben", erklärte das die Händlerin meiner Frau. Allerdings folgte daraus, dass Olga auch den noch tadellosen Kragenbesatz hätte auswechseln müssen, für insgesamt 5000 Rubel, umgerechnet knapp 130 Euro. Der ganze Pelz hatte neu 650 Euro gekostet. "Ist mir zu teuer", sagte Olga und verschob den Einkauf bis zu ihrer Rückkehr nach Moskau. In der Hoffnung auf mehr Auswahl.

In Russland handelte man schon immer nach eigenen Gesetzen. Im 19. Jahrhundert wurden sogar tote Seelen aufgekauft. Ein merkwürdiges Geschäft, das der Schriftsteller Nikolai Gogol in seinem Roman "Die toten Seelen" beschreibt. Sein Held, der frühere Beamte Tschitschikow, kauft bei Großgrundbesitzern in der Provinz verstorbene, aber noch nicht aus dem Staatsregister gestrichene Leibeigene. Zu Spottpreisen, versteht sich. Der Kniff: Er will mit diesen toten Seelen als behördlich bestätigter Sicherheit Großkredite aufnehmen und sich mit dem Geld aus dem Staub machen.

Eigentlich hat die russische Öffentlichkeit Händler nie gemocht. Auch wenn gegen Ende jenes Jahrhunderts die ersten freigelassenen Leibeigenen mit Holz-, Getreide- oder Pelzhandel zu Millionären wurden: Lew Tolstoi wäre nie auf die Idee gekommen, 2000 Seiten über russische Buddenbrooks zu schreiben.

Später, nach der Revolution von 1917, war der Handel noch schlechter angesehen und wurde als Spekulantentum strafrechtlich verfolgt. Der Verkauf vorher erstandener Ware mit Gewinn blieb sieben Jahrzehnte verboten. Die Folge war Mangel. Mangel an Damenstrumpfhosen, Klopapier, Cognac oder Gogol-Romanen. Angesichts absurd billiger Flugtickets schleppten kaukasische Obstbauern ihre Erzeugnisse im Handgepäck nach Moskau. Vor den dortigen Wurstläden standen ganze Provinzstädte Schlange, die in Autobussen und Zügen angereist waren, um in der Hauptstadt jene Defizitgüter zu ergattern, die ihre Staatsläden nie erreichten.

Die sowjetische Planwirtschaft handelte nicht, sie produzierte. Und das sehr oft an den Bedürfnissen der Leute vorbei. Heute herrscht zwar Marktwirtschaft, aber russische Marktwirtschaft. Statt zu produzieren, scheint Russland nur noch zu handeln. Einkaufszentren überwuchern ehemalige Fabrikgelände. Verkaufsmanager ist ein Massenberuf.

In dem Bestseller-Roman mit dem anglorussischen Titel "Duchless", den man auch als "tote Seele" übersetzen kann, wird der Direktor eines Gemüsekonservenimporteurs gar zum zynisch-romantischen Helden. Jedoch führt dieser im ganzen Buch kein einziges Verkaufsgespräch, es bleibt nebulös, womit er sich die Prämien verdient, die er in ausgiebig geschilderte Sauf- und Kokaingelage sowie Frauenaffären steckt.

Russlands Händler werden ihr Tschitschikow-Image nicht los. Bei Bedarf betrachtet der Staat das Bemühen, möglichst billig etwas zu erwerben, um es möglichst teuer weiterzuverkaufen, nach wie vor als kriminell. So landete der einstige Ölmilliardär Michail Chodorkowski für Jahrzehnte im Gefängnis. Ermittlungsbehörden und Gerichte waren zu der Überzeugung gekommen, er habe das Öl, das er in den Westen exportierte, zuvor seinen eigenen Tochterfirmen gestohlen.

Aber fast noch mehr wird der Einzelhandel drangsaliert. Mit Steuer-, Hygiene- und Brandschutzprüfungen, mit Alkohol- und Zigarettenverkaufsbeschränkungen würgen die Staatsorgane vor allem kleine Läden und Kioske - zum Wohl der Hypermarktketten. Versuchen Sie mal, in Taganrog oder Tomsk Mehrkornbrötchen, Tabakpfeifen oder gar orthopädische Fußeinlagen zu erwerben. Staatlich begünstigte Monopolisten verkaufen mit nicht selten dreistelligen Gewinnspannen Massenware. Die Preise, ob für inländische Nudeln oder ausländische Sportwagen, liegen weit über westlichem Niveau. Markt als Wettbewerb um Qualität und Preis funktioniert in Russland nicht.

Dafür hat die Korruptokratie ihre eigenen Märkte geschaffen. Im Internet wird offen mit allem gefeilscht, was behördlicher Stempel bedarf: Führer- oder Krankenscheine, Arbeitserlaubnisse oder Diplome. Auch Adelstitel sind käuflich, bis Anfang März gab es Sonderangebote für Doktorarbeiten zu umgerechnet gut 1600 Euro. Vermutlich Winterschlussverkauf.

Zwar handelt man nicht mehr mit toten Seelen. Aber der Markt für Berufskiller ist deutlich geschrumpft, weil Geschäftsleute, die wirklich mit einem Konkurrenten abrechnen wollen, jetzt Kontakt zu Kriminalbeamten oder Staatsanwälten suchen. Für Geld sorgen viele von denen gern dafür, dass eine Zielperson hinter Gittern verschwindet, wegen Vergewaltigung etwa oder Rauschgiftbesitzes.

Meine Frau Olga war schließlich in Moskau auf dem Vogelmarkt. Ein gigantisches Gelände an der Ringautobahn, wo es außer Haustieren aus allen Kontinenten auch die größte Auswahl an Pelz- und Fellwaren in Russland geben soll. Aber Olgas Hoffnungen wurden enttäuscht. Silberfuchsfell in 40 Zentimeter langen und 1,5 Zentimeter breiten Streifen wollte dort niemand verkaufen. Ein Händler schlug ihr vor, sich einen neuen Mantel zu kaufen. Ein anderer winkte mit einer Silberfuchsfellmütze. "Kostet nur 8000 Rubel. Nehmen Sie die Mütze, schneiden Sie sie klein, das Fell reicht für jeden Besatz."

3. Brasilien Nur die Ruhe!
Gekauft ist ein Fernseher in Brasilien schnell. Doch wehe, er geht kaputt. Text: Franz Lenze

Der Laden hieß Extra und unser Verkäufer Edílson. Er lächelte. Er straffte seinen Rücken und sagte: "Hallo! Wie geht's Ihnen? Wie heißen Sie? Wie? Aha." Beinahe hätte er uns die Hände geschüttelt, wie alten Bekannten. Wir waren neu in São Paulo und wollten einen Fernseher kaufen. Keinen teuren. Nur ein kleines Gerät, um Telenovelas zu gucken. Hin und wieder. "Fühlen Sie sich wie zu Hause", sagte Edílson. Dann legte er die Hand auf eines dieser fernöstlichen Produkte. "Damit machen Sie nichts falsch." Am Gerät hing ein Schild: nur 69,90 Reais, 27 Euro also. Kann das sein? Nein, sagte unser Verkäufer, das ist der Preis für die erste Rate. Und dann sahen wir es auch, ganz klein am unteren Rand des Schildes: x 10.

Brasilianer lieben Raten. Geringer Verdienst und teure Geräte: kein Problem. Schulden machen: auch nicht. Die meisten Leute lassen jede Rate einzeln von der Kreditkarte abziehen. Einmal sahen wir zu Weihnachten ein Angebot in der Apotheke: Kaufen Sie jetzt Ihre Medikamente, zahlen Sie erst Ostern! Ginge das Geschäft bis dahin pleite, man wäre fein raus.

Doch zurück zum Fernseher. Wir nahmen ihn. Für 699 Reais, 274 Euro. "Gut", sagte Edílson, "dann brauche ich noch Ihre CPF." Die Steuernummer. Elf Ziffern, ohne die nichts läuft. Sie wollen ein Mobiltelefon, einen Pass, ein Auto? CPF, bitte! Im Supermarkt muss man sie nicht angeben, viele machen es trotzdem, weil sich so Steuern sparen lassen. Allerdings weiß der Staat dann auch, was man wo und wann gekauft hat. So wie wir einen neuen Fernseher. Unser Verkäufer lächelte und wünschte uns einen schönen Tag. "Da haben Sie was fürs Leben."

Das Leben dauerte gerade elf Monate, dann blieb die Mattscheibe schwarz. "Schneller haben Sie's wieder", riet der junge Mann vom Service am Telefon, "wenn Sie das Gerät selber bringen." Also fuhren wir in die Innenstadt der Elf-Millionen-Metropole, drei Stunden brauchten wir für knapp 20 Kilometer, bugsierten den Apparat aus dem Kofferraum und wuchteten ihn auf den Tresen. Man versprach, sich zu beeilen. Fünf Werktage, dann werde man anrufen.

Zwei Wochen später fuhren wir wieder hin. Mal nachfragen. "Gott ja", sagte die Frau hinterm Tresen. "Da brauche ich jetzt erst mal Ihre CPF." Blickte auf den Bildschirm ihres Computers, fuhr sich durchs lange braune Haar. "Hm, ja, also ... Leider wird das kaputte Teil nicht mehr produziert." Nicht mehr produziert? "Der Fernseher ist fast neu", riefen wir. "Jaha", lachte die Dame. Und nun? "Kein Problem. Wir klären das. In fünf Tagen."

Ein paar Wochen später fuhren wir wieder hin. Mal nachfragen. "Der Fernseher, Sie wissen schon." Die junge Frau blickte auf ihren Monitor, sie blickte uns an, sie suchte ihre Kollegin, beide schauten sie auf den Bildschirm und wieder zu uns. "Entschuldigung, welcher Fernseher?"

Der Kasten war weg, kein Witz. Wir verglichen unsere Protokollnummer, wir kontrollierten die CPF. Stimmte alles. Nur der Fernseher blieb verschwunden. Er stand nicht im Lager, er stand nicht im System. "Und was machen wir jetzt?" Ratlose Blicke. "Ich gehe den Chef holen." Stilettos klapperten über Beton. Der Chef kam. Gern hätte man wütend gefragt, ob er das Gerät geklaut habe, aber Brasilianer sind so ausgesucht höflich, das hätte nur für Irritationen gesorgt. Der Chef guckte nun auch, überlegte. Blieb lange stumm. Dann zuckte er mit den Schultern und sagte: "Da müssen Sie sich an unser Service-Center wenden."

Brasilien ist ein Paradies für Käufer. Die Shopping-Malls sind rappelvoll. Allein in den Favelas, den Armenvierteln, gab das renommierte Forschungsinstitut Data Popular bekannt, setzt der Handel im Jahr umgerechnet 21 Milliarden Euro um. So viel wie das Bruttoinlandsprodukt des kleinen Nachbarlandes Bolivien. Einkaufen ist für Brasilianer ungetrübte Freude. Steht man im Supermarkt an der Kasse und hat die Milch vergessen, flitzen Angestellte auf Inline-Skates zu den Regalen, um die Kartons zu holen. Andere packen einem den Einkauf in Tüten. Überall wimmelt es von Personal, hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe. Aber wehe, es gibt mal ein Problem.

Beim Service-Center der Firma lief das so: Protokollnummer aufsagen, Steuernummer angeben, Adresse und Bankverbindung. Nach einer Weile klang es durch den Hörer: "Nein, ich kann Ihnen noch nichts sagen." Mal war irgendwas mit dem Computer, mal hatte ein Kollege geschlampt. Dann: vertrösten auf die nächsten fünf Werktage. So ging das Woche um Woche.

Unser Nachbar, der in seinem Vorgarten stand und die Gladiolen goss, schlug vor, er könne sich mal kümmern. Er ist Despachante, selbstständiger, professioneller Behördengänger. Er hangelt sich berufsmäßig durch den Dschungel der Bürokratie. Für viel Honorar, normalerweise. Von uns nahm er nichts an. Immerhin erreichte uns danach ein Brief, in dem die Firma lapidar mitteilte: "Wir werden den Betrag Ihrem Konto gutschreiben." Vom Fernsehapparat war nun keine Rede mehr, nur noch vom Betrag. Aber von welchem Betrag? Und von welchem Konto überhaupt? Hier war keines angegeben. Es kam dann auch kein Geld.

Wir verloren die Lust. Kauften uns einen neuen Fernseher, eine andere Marke natürlich, gelernt ist gelernt. Bis wir Anfang des Jahres einer brasilianischen Freundin von dem Fall erzählten. Einer resoluten Person und ehemaligen Callcenter-Mitarbeiterin. Sie telefonierte an einem Tag sechs Stunden am Stück, am nächsten wieder und am darauffolgenden noch einmal. Hangelte sich von einem Vorgesetzten zum nächsten. Hörte sich Ausflüchte an, mailte Quittungen, Rechnungen, Briefe, alles, was sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Schaltete Procom ein, die allmächtige Verbraucherschutzorganisation, als es hieß, uns fehle noch der Durchschlag unserer Kreditkartenabrechnung, ein kleiner gelber Zettel, als letzter Beweis dafür, dass wir den Fernseher auch wirklich bezahlt hatten. Bekam irgendwann, selbst schon mürbe, die Chefin des Kunden-Service ans Telefon, eine Dame, deren Stimme zitterte, wie bei jemandem, der nicht gern Fehler zugibt, genau das aber jeden Tag tun muss, wieder und wieder. Schließlich versprach sie: "Wir zahlen." Inklusive 214 Reais Zinsen, also 84 Euro. Kurze Rückfrage: Wann genau wird der Betrag überwiesen? "Innerhalb von fünf Werktagen."

Tja, was soll man sagen: 1237 Tage nach dem Verschwinden unseres Fernsehers war das Geld wirklich da. Geht doch.

4. China Wo selbst die Götter Krämer sind
Handel zu treiben ist in China eine nationale Obsession. Denn wer handelt, lebt den chinesischen Traum. Text: Bernhard Bartsch

Der Balkon unserer Pekinger Wohnung ist eine Müllhalde. Jedenfalls in meinen Augen. Für Sun Ayi, unsere chinesische Haushälterin, ist er ein wertvolles Depot. In ordentlichen Haufen sortiert sie dort unseren Abfall: Papier, Plastik, Glas, Metall, Holz, Textilien. "So guten Müll wirft man doch nicht einfach weg, den verkauft man", tadelte mich Sun Ayi, als ich sie nach ihren ersten Arbeitswochen auf die Wertstoffsammlung ansprach. "Prima", meinte ich, "dann verkauf den Müll, behalt das Geld, und der Balkon ist wieder sauber." Als Antwort bekam ich ein entgeistertes Kopfschütteln: "Verkaufen? Bei den derzeitigen Preisen?"

Heute weiß ich, dass der chinesische Müllmarkt äußerst komplex ist. Die Preise steigen und fallen mit Angebot und Nachfrage, und gewiefte Händler wie Sun Ayi haben stets die Kurse im Blick. Manchmal hortet sie wochenlang Altpapier, ein andermal fragt sie höflich, ob wir nicht wieder einmal Kleidung aussortieren wollen. Wenn sie den Zeitpunkt für günstig hält, schleppt sie unsere Plastikflaschen und Getränkedosen zu einem Trödler, der den Müll in seinem Depot lagert, bis er ihn an den nächstgrößeren Händler weiterverkauft. Ich habe Sun Ayi nie gefragt, wie viel Geld sie mit unserem Müll verdient, denn sie soll nicht glauben, dass ich es ihr abknöpfen will. Einmal habe ich mich jedoch erkundigt, ob sich der beträchtliche Aufwand denn lohne. "Das könnt ihr Ausländer nicht verstehen", erklärte sie mir. "Wir Chinesen treiben gerne Handel."

Oh doch, so viel verstehe ich schon. Die chinesische Lust am Handel ist schließlich unübersehbar. Kaufen und Verkaufen ist viel mehr als eine marktwirtschaftliche Spielart. Es ist eine nationale Obsession. Wer Handel treibt, lebt den chinesischen Traum.

Jeder versucht heute, Händler zu sein: Mein Friseur fragt mich beharrlich, ob ich nicht in Peking eine Wohnung kaufen wolle, er kenne da jemanden. Die Taxifahrerin, deren Wagen ich gelegentlich miete, hat ihren Kofferraum voller Vitaminpräparate, die sie während der Fahrt anpreist. Mein Vermieter insistierte jahrelang, ich solle von meinen Deutschlandreisen Autofelgen und Radkappen mitbringen, wir könnten damit einen hübschen Profit machen. Schon der erste Chinese, den ich näher kennenlernte, war eine Händlernatur. Ende der Achtzigerjahre, ich war ein Teenager, schlug ein chinesischer Bekannter meinen Eltern vor, ein Exportgeschäft mit Plastikblumen aufzuziehen. Meine Eltern, solide deutsche Beamte und leidenschaftliche Botaniker, konnten mit der Idee nichts anfangen, und der Mann verschwand bald aus unserem Leben. Was sollte er auch mit Menschen, die nicht gern Handel treiben?

Glaubt man der offiziellen Geschichtsschreibung, wollten die Chinesen immer schon vor allem eines: handeln. Chinesische Schüler lernen, dass ihre Vorfahren nie als Eroberer oder Missionare durch die Welt gezogen seien, sondern als Kaufleute, die dem staunenden Publikum im Ausland Seide, Tee und Porzellan brachten. Dass die Wahrheit viel komplizierter ist, spielt für das nationale Selbstverständnis keine Rolle.

Schon vor mehr als 2000 Jahren vereinheitlichte Chinas legendärer erster Kaiser, Qin Shihuangdi, die Gewichts- und Längenmaße, um den Handel zu vereinfachen. Auch Chinas religiöse Vorstellungen orientieren sich an den kaufmännischen Werten. Die chinesischen Götter sind nicht allmächtig oder unergründlich, sondern Dienstleister, die Gesundheit oder Geschäftserfolg verkaufen und dafür mit Opfergaben bezahlt werden. Mao Zedong versuchte zwar, seinem Volk alle diesseitigen und jenseitigen Geschäftstätigkeiten auszutreiben. Händler gehörten mit Zirkusdarstellern, Masseuren und Intellektuellen in die unterste Gesellschaftsschicht. Doch in Wahrheit war die kommunistische Armut und Mangelwirtschaft eine erstklassige Schule für clevere Händler, und als Profitstreben um 1980 wieder erlaubt wurde, war Chinas Kaufmannsgeist lebendiger denn je.

Nicht, dass dabei alle Erfolg hätten. Die Geschichte des chinesischen Wirtschaftswunders ist auch eine Geschichte der Spekulationsblasen. Als gefährlichste gilt der Immobilienmarkt, der nur deswegen noch nicht zusammengebrochen ist, weil der Staat ihn mit aller Kraft stützt. Chinas Aktienmärkte haben dagegen schon mehrere Abstürze erlebt und laufen doch immer wieder so heiß, dass manche Unternehmen sogar Börsenpausen einräumen, in denen Angestellte vom Bürocomputer aus ihre Depots pflegen dürfen.

Doch oft galoppiert die Händlerherde auch auf abgelegeneren Wiesen: Mal schießen die Preise für Knoblauch oder Ingwer in utopische Höhen, dann werden Pu'er-Tee oder tibetische Raupenpilze gehortet und an eigenen Börsen gehandelt.

Womöglich wären die Chinesen vorsichtiger, wenn es nicht so viele Erfolgsgeschichten gäbe. Fast alle Unternehmer, die heute auf den chinesischen Milliardärslisten stehen, haben einmal als kleine Händler angefangen. Und weil Chinas Boom oft wild und verrückt ist, kennen viele auch in ihrem eigenen Umfeld Anekdoten über magische Geldvermehrung.

Mein Freund Xin etwa beklagte sich jahrelang über seine Mutter, die auf Flohmärkten alte Vasen kaufte und damit die ganz Wohnung vollrümpelte. 200000 Yuan (25000 Euro) habe sie dafür ausgegeben, klagte er. Doch kürzlich wendete sich das Blatt, als seine Mutter erstmals vier ihrer Vasen zu einem Auktionshaus brachte. Eine entpuppte sich als Fälschung, die drei anderen werden nun versteigert. Die Schätzwerte liegen zwischen 8 und 13 Millionen Yuan (980000 bis 1,6 Millionen Euro).

Sicherlich hofft auch Sun Ayi, in unserem Müll einmal etwas Wertvolleres zu finden als Zeitungen und alte Pullover. Ich wünsche es ihr. Was den Balkon betrifft, haben wir inzwischen übrigens einen Handel gefunden, mit dem wir beide leben können. In der kalten Jahreszeit, wenn ohnehin niemand draußen sitzen würde, darf sie dort ihren Müll lagern. Sobald es warm wird, muss sie ihr Depot aber woanders anlegen. -