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Bezahlsysteme

Kreditkarten und Bezahlterminals? Sind von gestern. Das ist die Botschaft der Anbieter neuer Bezahlsysteme. Ein Überblick über das umkämpfte Geschäft.




Mobile Terminals Zielgruppe: Kleine Händler und inhabergeführte Unternehmen Ausgangssituation: Bezahlterminals für Kredit- oder EC-Karte sind teuer. Sie müssen gekauft oder gemietet und gewartet werden. Oft kosten sie eine monatliche Grundgebühr und eine zusätzliche Transaktionsgebühr, bei Kreditkarten rund drei bis fünf Prozent der Kaufsumme. Dahinter steht eine lange und intransparente Kette aus Banken, Kartenunternehmen und Zwischenfirmen, die alle mitverdienen. Und gerade in Deutschland ist es nicht so leicht, einen sogenannten Kartenakzeptanzvertrag zu bekommen. Kleine Händler verzichten daher oft auf Terminals und schicken den Kunden lieber zum nächsten Geldautomaten. Die Idee: Ein Terminal liest Daten von der Karte und versendet Buchungsaufträge. Das ist kein Hexenwerk. Ein Smartphone kann das auch. Es muss nur um ein kleines Kartenlesegerät, einen Dongle, erweitert werden, das in der Regel in die Kopfhörerbuchse gesteckt wird. Elektronische Brieftaschen - E-Wallets Zielgruppe: Konsumenten Ausgangssituation: Warum tragen wir eigentlich EC- und Kreditkarten, Bargeld, Bonus- und Treuekarten oder Rabattmarken mit uns herum? Die Idee: Das Smartphone wird zur elektronischen Brieftasche, in der alles gebündelt wird. Sogar Theater- und Konzertkarten, Busfahrscheine und Quittungen sollen im Smartphone gespeichert werden. Die Anbieter Der Vorreiter: Square

Die ursprüngliche Idee für das mobile Terminal stammt von James McKelvey und dem Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey. Ihre Firma heißt Square nach der quadratischen Form des Dongles und der Formulierung "Are we square?" (frei übersetzt "Sind wir quitt?"). Im Frühjahr 2010 an den Start gegangen, beschäftigt die Firma aus San Francisco mittlerweile mehr als 400 Mitarbeiter. Der Dongle und die dazugehörige App sind für die Händler kostenlos, es fallen keine monatlichen Gebühren an. Sie zahlen pro Transaktion eine Gebühr von 2,75 Prozent des Umsatzes. Partner von Square sind unter anderem Visa USA und Starbucks. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im September 2012, bei der Starbucks mit 25 Millionen Dollar bei Square einstieg, wurde der Wert der Firma auf 3,25 Milliarden Dollar geschätzt. Square ist in ganz Nordamerika verbreitet und drängt nun auf den europäischen und asiatischen Markt. Die Firma bietet mittlerweile auch eine komplette Zahlungslogistik für Gastronomie-Betriebe an: Kassensysteme, Bondrucker, Software-Lösungen bis hinein in die Warenwirtschaft.

In naher Zukunft möchte Square den Bezahlvorgang weiter automatisieren. Kunden sollen mithilfe einer Wallet-App bezahlen können, ohne dass es nötig ist, sein Smartphone überhaupt aus der Tasche zu holen. Dazu müssen sie Händlern gestatten, kleine Beträge vom Konto abzubuchen. Beim Betreten des Ladens sendet die App ein Erkennungssignal an das System des Verkäufers. Auf seinem Bildschirm erscheint ein Foto des Kunden. Zum Bezahlen drückt der Verkäufer dann nur noch auf das Foto des Kunden, und der Betrag wird abgebucht.

Mittlerweile versuchen zahlreiche Anbieter, das Modell zu kopieren. Es ist allerdings nicht einfach auf Europa übertragbar. Denn Amerikaner zahlen mit Kreditkarte - die Technik von Square muss nur einen simplen Magnetstreifen auslesen. In Deutschland sind Kreditkartenzahlungen eher unüblich (5,3 Prozent des Umsatzes), man zahlt bar (57 Prozent) oder mit EC-Karte (33 Prozent), die einen Chip enthalten. Den auszulesen ist aufwendiger und teurer.

Drei deutsche Klone: SumUp, Payleven, Streetpay

Gleich drei deutsche Start-ups versuchen, die Ideen und Techniken von Square auf den europäischen Markt zu bringen. Alle drei Firmen haben ihren Hauptsitz nicht in Deutschland. Sie sind als Limited Companie in London und Dublin registriert, was vor allem steuerliche Gründe hat.

1. SumUp: Das Berliner Start-up hat nach eigenen Angaben bereits "mehrere Zehntausend" Dongles verteilt, die genauso funktionieren wie die von Square. Allerdings nicht nur für Kreditkarten, sondern auch für EC-Karten. Der SumUp-Dongle liest die Daten auf dem Karten-Chip und überträgt sie per Smartphone an einen Abrechnungsserver. Der Kunde bestätigt die Buchung, in dem er mit dem Finger oder einem Stift zum Beispiel auf einem iPad des Händlers unterschreibt (Chip--Sign-Prinzip). Die Transaktionsgebühren betragen, genauso wie bei Square, 2,75 Prozent ohne weitere Kosten. Die Firma kopiert ebenfalls gerade die Wallet-Idee von Square, mit dem Smartphone zu bezahlen, ohne es aus der Tasche zu nehmen. Strategisch will sich SumUp in Richtung Süd- und Westeuropa ausweiten. 2. Payleven: Wenn es um das Kopieren erfolgreicher amerikanischer Internet-Modelle geht, dann sind die Gebrüder Samwer nicht weit. Aus ihrer Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet stammt Payleven, das zeitgleich in Deutschland, Brasilien, Großbritannien und den Niederlanden startete. Beteiligt sind auch Holtzbrinck Ventures und seit Kurzem die Kinder von Silvio Berlusconi.

Payleven bietet zwei Verfahren: Swipe Sign für EC- und Mastercard. Hier bestätigt der Kunde die Buchung per Unterschrift. Der Dongle ist für den Händler kostenlos. Beim zweiten Verfahren Chip Pin für alle Karten kostet der Dongle den Händler einmalig 99 Euro und hat eine numerische Tastatur zur Pin-Eingabe. Bei beiden Verfahren zahlt der Händler eine Transaktionsgebühr von 2,75 Prozent. Die Firma will sich in Europa und in Südamerika ausbreiten.

3. Streetpay: Die Starnberger Firma kommt aus dem E-Commerce, hat Geldgeber aus Abu Dhabi gefunden und die arabischen Länder im Blick. Dongle und App sind kostenlos (Swipe--Sign-Prinzip) und funktionieren mit Kredit- und EC-Karten (Lastschrift). Der Händler zahlt eine Transaktionsgebühr von 1,9 Prozent pro Buchung. Junger Schwede: iZettle

Den Deutschen eine Nasenlänge voraus ist iZettle mit Sitz in Stockholm. Es ist der einzige Anbieter, der seine Chipkartenleser nicht nur Geschäftskunden, sondern auch Privatpersonen anbietet. Es gibt einen Chip--Sign-Dongle für beide Zielgruppen (kostet 24,95 Euro) und einen Chip--Pin-Dongle mit Nummerntasten nur für Unternehmen (kostet 49 Euro). Seit dem Sommer 2011 ist iZettle in Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark, seit Kurzem auch in Großbritannien, Deutschland und in Südamerika vertreten. Investoren sind unter anderem MasterCard und American Express. Das Eigenkapital betrug nach der zweiten Investorenrunde (Juni 2012) mehr als 47 Millionen Dollar. Partner in Deutschland sind die Deutsche Telekom (Vertrieb/Datenübertragung) und die Volks- und Raiffeisenbanken (Buchungen). Gebühr für den Händler: 2,75 Prozent pro Transaktion.

Querdenker: LevelUp

Das Start-up SCVNGR aus Boston startete sein Bezahlsystem LevelUp in den ersten drei Monaten als Plattform für tägliche Sonderangebote, sogenannte Daily Deals. Das merkt man der App heute noch an. LevelUp arbeitet auf Basis von QR-Codes. Registrierte Nutzer können ihre Kreditkarteninformationen hinterlegen und erhalten einen individuellen QR-Code auf ihr Smartphone. Dieser wird im Geschäft von speziellen LevelUp- Terminals gescannt. Der Kunde erhält dafür kleine Rabatte, Bonuspunkte oder sogenannte First Time Visit Specials. LevelUp funktioniert ohne Dongles und erlässt dem Händler die Transaktionsgebühr in Höhe von zwei Prozent des Warenwertes, wenn dieser für LevelUp wirbt. Investoren sind unter anderem Google Ventures. Bisher gibt es LevelUp in den größeren Städten der USA.

Big Player 1: Google

Im September 2011 führte Google seinen Dienst Google Wallet in New York und San Francisco ein. In den USA kann damit in mehr als 200000 Läden bezahlt werden. Der Kunde hält dafür einfach sein Handy vor ein Terminal. Auf einem Google-Server sind Kreditkarteninformationen, aber auch Angebote und Treuekarten hinterlegt, die das Handy per Near Field Communication (NFC, auf Deutsch: Nahfeldkommunikation) an das Terminal sendet. Das funktioniert zum Beispiel bei der Kaufhauskette Macy's, bei der Fast-Food-Kette Subway, bei Foot Locker oder Toys 'R' Us. Der Zugang zu Google Wallet ist für Kunden kostenlos. Händler zahlen 1,4 bis 3,4 Prozent Transaktionsgebühr (je nach Umsatz). Geld will Google vor allem mit eingeblendeter Werbung und speziellen Daily Deals verdienen.

Das System hat zwei Nachteile: Es funktioniert nur mit Kreditkarten und ist daher vor allem für den US-Markt konzipiert. EC-Karten-Zahlungen, wie in Deutschland üblich, sind nicht vorgesehen. Deswegen geben Experten dem System hierzulande wenig Chancen. Der zweite Nachteil: NFC ist noch nicht stark verbreitet. Nur wenige Smartphone-Modelle besitzen den NFC-Chip, der Daten zirka zehn Zentimeter weit senden kann. Bis zur Marktdurchdringung wird es noch drei bis vier Jahre dauern.

Big Player 2: PayPal

PayPal ist auf allen Märkten aktiv: offline, online, mobil. Die Firma aus Kalifornien entwickelt eigene stationäre Terminals und hat ein mobiles Lesegeräte für Smartphones mit dem Namen PayPal Here herausgebracht. Der Händler kann Karten durch das Lesegerät ziehen oder in einer App mithilfe der Handykamera Karten scannen oder Kartendaten manuell eingeben, Rechnungen verschicken und Zahlungsbedingungen festlegen. Pro Transaktion verlangt PayPal eine Gebühr von 2,7 Prozent. Für den Käufer soll auch das Bezahlen per Handy möglich werden, ohne es aus der Tasche nehmen zu müssen. PayPal ist weltweit bekannt, gilt als innovativ und sicher und hat bereits mehr als 20 Millionen registrierte Nutzer allein in Deutschland. Im Gegensatz zu Google achtet PayPal auf länderspezifische Gegebenheiten. So hat der europäische Kartenleser numerische Tasten zur Eingabe einer Pin. Bisher bietet PayPal seine Geräte in den USA, Kanada, Australien, Hongkong und Großbritannien an. Bald soll Deutschland folgen.

Mit seiner gut gefüllten Kriegskasse könnte das Unternehmen den gesamten Markt aufrollen. Jedoch verfallen PayPal und Google auch in alte Muster, wie sie von Apple und Co. bekannt sind, und bekriegen sich vor Gericht: Lange Zeit hatten die beiden Großen über eine Kooperation verhandelt, bis Google zwei PayPal-Mitarbeiter abwarb. Nun müssen Richter über den Verrat von Betriebsgeheimnissen entscheiden.

New Big Player: Yapital

Ganz neu auf den Markt drängt im Sommer die Firma Yapital, eine hundertprozentige Tochter der Otto-Gruppe mit Sitz in Luxemburg. Yapital soll händlerübergreifend und möglichst offen arbeiten, mit allen am Markt üblichen Varianten: NFC, QR-Code-Scanning, eigene Karten und Bezahlen mit Username und Passwort. Die Kassenbelege können digital archiviert und in das Steuerprogramm Elster übertragen werden. Im Februar hat Yapital die Firma Nubon aus dem Hause der Görtz-IT-Tochter Ethatlon aufgekauft, die digitale Kundenbindungsprogramme anbietet. Die Görtz-Gruppe und Otto.de sind auch die Ersten, die Yapital einsetzen werden.

Was hat Chancen auf dem deutschen Markt?

"Niemand wird sein Bezahlverhalten verändern, nur weil es neue Bezahlmöglichkeiten gibt", sagt der Payment-Experte André M. Bajorat. Erst wenn der Kunde einen echten Mehrwert bekommt, wird er die neuen Techniken annehmen. Bajorat wünscht sich neben Rabatten und Bonuspunkten vor allem eine elektronische Schnellspur: unterwegs bestellen und bezahlen, Ware abholen, Bonuspunkte kassieren. "Erst dann habe ich einen Vorteil." Warum so viele Anbieter gerade den deutschen Markt im Visier haben, versteht André Bajorat nicht. Kreditkarten seien in Deutschland zu wenig verbreitet, und bei EC-Karten mit Giropay beträgt die Gebühr für den Händler nur 0,3 Prozent. Das ist bisher unschlagbar.

Die Verlierer

Bisher dominieren Banken und Kreditkartenunternehmen das Geschäft. Sie stellen die Terminals, machen die Verträge und sorgen für die Abwicklung. Sie könnten auch die großen Verlierer werden. Während sich die Kreditkartenunternehmen zunehmend an Square und Co. beteiligen, um nicht aus dem Markt gedrängt zu werden, verlieren die Banken zunehmend den direkten Kontakt zum Kunden und rutschen in die reine Abwicklerrolle hinein. Die Wertschöpfungskette verläuft ohne sie. Laut dem "Branchenkompass 2012 Kreditinstitute" fürchten 57 Prozent der Entscheider in deutschen und österreichischen Banken die Bezahlsysteme im Internet (Vorjahr: 51 Prozent). Mobilfunk-Bezahlsysteme betrachten 48 Prozent als Gefahr (Vorjahr: 35 Prozent). -