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Eltern-Kind-Büro

Selbstständig arbeiten und dabei die Kinder im Blick haben – eine Leipzigerin hat das möglich gemacht.




• Johanna Gundermann ist 34 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und eine von rund 1,2 Millionen Freiberuflern hierzulande. Sie leitet eine kleine Sprachschule in Leipzig und ist Redakteurin des Elternmagazins "Unerzogen". Der gebürtigen Chilenin ging es wie vielen Frauen: Sie wollte arbeiten und trotzdem für ihre Kinder da sein. An der Lösung tüftelte sie mehr als sechs Jahre, dann funktionierte das Projekt Rockzipfel.

Seit zwei Jahren leitet sie im Westen der Stadt das Eltern-Kind-Büro, wo Freiberufler arbeiten und sich austauschen können. Rund 200 Coworking-Einrichtungen gibt es mittlerweile in Deutschland, doch Kinder sind – anders als bei Gundermann – meist nicht erwünscht. Einen Monat Büronutzung und Kinderbetreuung kosten bei ihr 150 Euro. Platz ist für sechs Kinder, die von drei freiwilligen Helfern von 9 bis 15 Uhr umsorgt werden. Die Eltern müssen sich lediglich ums Füttern und Windelnwechseln kümmern.

Nach 15 Uhr können sie die Räume weiter nutzen, müssen den Nachwuchs aber selbst beaufsichtigen. Von ihrer ursprünglichen Idee, dass die Eltern sich bei der Kinderbetreuung abwechseln, musste sich die Initiatorin verabschieden. "Die Leute zahlen nicht dafür, selbst auf Kinder aufzupassen. Die nutzen jede freie Minute zum Arbeiten, wollen ihre Kinder in guten Händen wissen und ein bisschen von ihnen mitkriegen."

Gundermann geht es darum, die Kleinen so weit wie möglich am Leben der Erwachsenen teilhaben zu lassen. Sie träume, so sagt sie, "von einer Alternative zum Wahnsinnslebensmodell". Damit steht sie nicht allein: Leute aus allen Teilen der Republik melden sich bei ihr. Sie wollen erfahren, ob die Kombination von freiberuflicher Arbeit und Kinderbetreuung auch in ihrer Stadt möglich ist.

Seit 2012 gibt es zwei vergleichbare Projekte. Laure Mitéro, die Gründerin von Coworkind in Hannover, wurde bei der Planung ihres Gemeinschaftsbüros auf das Leipziger Modell aufmerksam und ließ sich davon inspirieren. Bei ihr kümmern sich Profis um die Kinder. Auch die Macher des Münchner Allynet informierten sich in Leipzig. Und bieten nun auch Betreuung an, allerdings nicht als ständiges Angebot, sondern nur auf Anfrage.

Andere Interessierte scheiterten bei der Suche nach geeigneten – und vor allem bezahlbaren - Räumen. Das Leipziger Projekt Rockzipfel kann seine Kosten von 700 Euro im Monat durch die Elternbeiträge decken, weil keine Miete anfällt. Die Immobilie gehört einem Bekannten von Johanna Gundermann, der das Haus kaufte, um es für Initiativen zur Verfügung zu stellen, die er für vorbildlich hält. Vor 2010 funktionierte das Projekt Rockzipfel allerdings auch in einer gemieteten Dreizimmerwohnung; in Leipzig kommt man noch recht günstig an geeignete Flächen. Doch auch auf teurerem Pflaster funktioniert das Modell, wie Allynet in München beweist, der Stadt mit dem höchsten Mietenspiegel.

Um die Kosten gering zu halten, können sich Eltern-Kind-Büros zusätzlich um Zuschüsse bemühen. So bekam Gundermann für ihr Projekt eine Starthilfe von 20.000 Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.

In ihrem Fall waren persönlicher Einsatz und ein langer Atem ausschlaggebend für den Erfolg. Um der Verwirklichung ihres Traumes von der Verbindung von Arbeit und Familie näher zu kommen, setzte sie auch unkonventionelle Mittel ein. Sie tat so, als ob es ihr Projekt schon gäbe, pries es auf einem Flyer an. Als sich Mütter und Väter meldeten, um das Angebot nutzen, gestand sie, dass ihre Idee erst noch verwirklicht werden musste. Marktanalyse nennt sie das heute. Mittlerweile läuft ihr Unternehmen - sie selbst hat allerdings nichts mehr davon, weil ihre Kinder schon aus dem Kindergartenalter heraus sind.

Andere aber freuen sich über Rockzipfel: Programmierer, Designer, Übersetzer, Arbeitssuchende, Autoren, Studenten, eine Schneiderin und eine Frau, die in Ruhe ihre Hochzeit planen wollte. Sie alle kommen, weil sie ihre kleinen Kinder gern bei sich haben wollen, von den existierenden Kindergärten enttäuscht sind oder auf einen Platz in einer Kita warten.

Ein Paar, das Webseiten betreut und sich mit Internet-Marketing beschäftigt, kommt regelmäßig mit dem fast zweijährigen Sohn. Die Mutter freut sich darüber, nicht mehr erster und einziger Ansprechpartner für ihn zu sein und in Ruhe arbeiten zu können. "Wenn wir zwischendurch vom Schreibtisch hochgucken, sehen wir die Kleinen spielen, wir hören sie lachen, und das ist schön." Die beiden haben wie viele hier die Erfahrung gemacht, dass Kinder ihre Eltern arbeiten lassen, wenn sie die in der Nähe wissen.

Johanna Gundermann ermutigt Eltern, ähnliche Initiativen zu starten. Es gebe so viele Orte, an denen die sich ohnehin treffen: Mütterzentren, Kindergärten, Spieleinrichtungen. Dort könnten ohne viel Aufwand Arbeitsplätze für Selbstständige entstehen. Ihre Botschaft ist: "Jammert nicht über fehlende Kinderbetreuung - packt selbst an! " ---

Kontakt: b1-link.de/rzipfel