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Idee verschenkt

Die betriebliche Altersvorsorge ist ein Flop. Dabei könnte sie für Arbeitnehmer sehr attraktiv sein – wenn Politik und Unternehmen an einem Strang zögen.




• Horst Poth fühlt sich betrogen. Auch nach fünf Jahren noch. Während der 68-Jährige in seiner Altbauwohnung in Berlin-Halensee den Stapel Dokumente aus dem Aktenordner kramt, redet er sich wieder in Rage. Er kann sich immer noch so aufregen wie damals, im Februar 2008, als er Post von der Barmer GEK bekam. In dem Schreiben forderte ihn die Krankenkasse auf, Versicherungsbeiträge in Höhe von 4000 Euro zu zahlen - nachträglich, auf die Bezüge aus seiner betrieblichen Altersvorsorge (bAV).

Bis zu seiner Rente war Poth als Filialleiter bei der Berliner Bank tätig gewesen und gut entlohnt worden. Um seine Geldangelegenheiten hatte er sich immer selbst gekümmert. Eine private Lebensversicherung hatte ihn nie interessiert, das Angebot seines Arbeitgebers, betrieblich im Rahmen einer Rentenversicherung vorzusorgen, schon. Fünf Prozent Rendite pro Jahr, das klang gut. Außerdem sicherte er so seine Lebensgefährtin für den Fall seines Todes ab. Also unterschrieb er. 14.000 Euro sparte er an, inklusive Zinsen waren daraus zu Beginn seines Ruhestandes 22.000 Euro geworden.

Doch im Jahr 2004 hatte die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt die Idee, auf bAV-Renten Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge zu verlangen, auch wenn Arbeitnehmer wie Poth die Verträge schon vorher abgeschlossen hatten und diese ursprünglich von diesen Abgaben befreit sein sollten. Durch die neue Regelung schmolz die jährliche Rendite seiner betrieblichen Altersvorsorge auf 2,5 Prozent zusammen.

Die Erfahrung des Pensionärs ist symptomatisch. Sie zeigt, wie eine im Kern gute Idee zu scheitern droht – an der Unentschlossenheit, dem Geiz und der Bequemlichkeit verschiedener Interessengruppen aus Politik und Wirtschaft. Dabei standen die Chancen für den Erfolg dieser Form der privaten Altersvorsorge zunächst nicht schlecht.

Anfang des Jahrtausends reifte die Erkenntnis, dass die gesetzliche Rentenversicherung bei vielen Menschen im Alter nicht ausreichen würde, um ihren gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Um die private Vorsorge zu fördern, führte die rot-grüne Bundesregierung 2002 eine neue Betriebsrente ein: die Entgeltumwandlung. Seitdem haben Angestellte einen Anspruch darauf, Teile ihres Bruttogehalts zur Altersvorsorge zu verwenden. Auf die Beiträge werden bis zu einem Höchstbetrag von 2784 Euro pro Jahr keine Steuern fällig, und auch die Sozialabgaben fallen weg. Die Arbeitgeber können einen freiwilligen Zuschuss leisten.

Nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Verbesserung der betrieblichen Altersversorgung schien es nur eine Frage der Zeit, bis Versicherer, Banken, Berater, Makler und Strukturvertriebe sich des Themas annehmen würden. Zumal ihnen mit dem Ende des Steuerprivilegs für Lebensversicherungen ab 2004 ein alter Bestseller abhanden gekommen war. "Jeder Vertreter wollte in die Betriebe", erinnert sich Thomas Dommermuth vom Institut für Vorsorge und Finanzplanung. Rahmenverträge an Unternehmen zu verkaufen schien eine einträgliche Sache. Denn die Vertriebskosten für solche Gruppentarife liegen 10 bis 20 Prozent unter denen für Einzelverträge, entsprechend höher fällt die Gewinnmarge für die Verkäufer aus.

Doch die anfängliche Euphorie ist vorbei. Nur noch eine Handvoll Versicherer und Honorarberater wie Aon Hewitt, Towers Watson oder Mercer beackern das Feld. Einige ausländische Anbieter und kleinere, oft schlecht qualifizierte Vermittler sind auch noch dabei. Vor allem Letztere sind Teil des Problems. "Nicht selten verstoßen sie mit ihren Produkten gegen das Betriebsrentengesetz, weil sie ihre Beratungspflichten vernachlässigen oder – auch das kommt vor – vergessen haben, in den Verträgen die Rente mit 67 zu berücksichtigen", sagt Uwe Saßmannshausen von der Beratungsfirma PS-Pension Solutions GmbH.

Wie konnte das passieren? Ein zentrales Problem ist: Von den meisten Mittelständlern ist die betriebliche Altersvorsorge nie gefördert worden. Mit üppigen Zuschüssen können Angestellte allenfalls bei großen Konzernen oder in Industrien mit starken Gewerkschaften rechnen. Seit Ausbruch der Finanzkrise streichen aber auch immer mehr Großunternehmen ihre Unterstützung zusammen. Das ist paradox, denn die Entgeltumwandlung bringt dem Arbeitgeber eine Ersparnis: Er zahlt weniger Sozialabgaben. Fraglich ist allerdings, ob dies alle Unternehmen verstanden haben. Denn das Thema ist kompliziert. Uwe Saßmannshausen kennt viele Vorsorgemodelle, die "sachlich und fachlich oft richtig, aber einfach nicht vermittelbar sind".

Komplexität schreckt ab

Darunter leidet auch die Akzeptanz bei den Arbeitnehmern. Die müssten individuell informiert werden. Viel zu oft aber würden die bAV-Konzepte einfach ans Schwarze Brett gepinnt oder vom Betriebsrat auf der Personalversammlung präsentiert. "Dabei gehört es zu den Fürsorgepflichten des Arbeitgebers, die Mitarbeiter bei der Vorsorge zu unterstützen", sagt Saßmannshausen.

Ulrich-Arthur Birk, Professor am Institut für betriebliche Altersversorgung, wirft der Politik Fehler vor: "Die Bundesregierung hat das Vertrauen in die bAV in den vergangenen Jahren immer weiter zerstört." Das fängt schon damit an, dass es für Laien schwer ist, den Überblick im Regelungs- und Angebotswust zu behalten. Allein fünf verschiedene Durchführungswege und drei unterschiedliche Zusagearten hat der Gesetzgeber für den Eintritt in die bAV definiert.

Zudem wurden ständig die Spielregeln geändert. Erst durften sich, wie in Horst Poths Fall, Krankenkassen und Pflegeversicherungen nachträglich an der Betriebsrente bedienen; dann schwächte die Bundesregierung 2005 die bAV mit der Einführung der privaten Rürup- und der Stärkung der Riester-Rente. Neuerdings greift auch das Finanzamt bei Betriebsrenten stärker zu: Der Versorgungsfreibetrag wird schrittweise abgebaut, vom Jahr 2040 an ist die Betriebsrente voll zu versteuern.

"Die bAV hat ein massives Glaubwürdigkeitsproblem", sagt Birk. Das führt dazu, dass die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten bei der Entgeltumwandlung zum großen Teil nicht mitmachen. Sie fürchten, unseriösen Angeboten auf den Leim zu gehen, sie fühlen sich von ihren Arbeitgebern schlecht oder gar nicht beraten und sind durch immer neue Regeln und Gesetze verunsichert. Wenig überraschend also, dass die bAV gerade mal vier Prozent des monatlichen Einkommens der deutschen Ruheständler ausmacht. Um den persönlichen Lebensstandard auch im Alter einigermaßen halten zu können, wären mittelfristig 20 bis 30 Prozent nötig, hat der Fondsanbieter Fidelity errechnet.

Dass die bAV keine größere Rolle spielt, ist aber schon jetzt schade. Denn laut dem Forscher Thomas Dommermuth ist sie trotz aller Defizite anderen Vorsorgemodellen ökonomisch immer noch überlegen. Das liegt an der Steuerfreiheit der Beiträge. Er drängt die Politik daher zu handeln: Sie solle die Arbeitgeber gesetzlich zu einem Zuschuss für die Arbeitnehmer zwingen, sagt er und verweist aufs Ausland. So hat die Schweiz eine verpflichtende betriebliche Vorsorge. In Großbritannien zahlen Beschäftigte automatisch in eine betriebliche Rentenkasse ein, solange sie nicht widersprechen. Und in den Niederlanden regeln Tarifverträge die Vorsorge, mit Erfolg: 85 Prozent der dortigen Arbeitnehmer sorgen betrieblich vor. ---
Deutschlands Nachbarn sind bei der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) weiter. Das zeigt eine repräsentative europaweite Umfrage der Fondsgesellschaft Fidelity unter mehr als 12000 Anlegern. Land - Anteil der Arbeitnehmer, die über eine bAV verfügen, in Prozent Deutschland - 49
Schweiz - 51
Großbritannien - 58
Dänemark - 75
Niederlande - 85