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Colony Records New York

Das Internet und die Megastores der großen Musik-Label konnten dem legendären New Yorker Plattenladen Colony nichts anhaben. Doch dann versetzten Spekulanten dem letzten Fachgeschäft am Times Square den Todesstoß.




"Bei uns arbeiteten 15 Nerds, die nichts anderes wollten als Musik hören und darüber reden." Richard Turk

- Wie an den meisten Abenden seit 1971 schloss Richard Turk am 16. September 2012 um 22 Uhr sein Musikgeschäft Colony Record and Radio Center ab. Er drehte den Schlüssel um, rüttelte an den bronzenen Türgriffen, die wie Notenschlüssel geformt waren und verabschiedete sich von den Kollegen. Die Leuchtreklamen des Times Square erhellten die Nacht und auf dem Gehweg des Broadway, Ecke 49. Straße, standen an diesem Abend 200 Kunden, um Applaus zu spenden: Sie feierten Abschied von The Colony, dem Plattenladen, in dem Michael Jackson und James Brown, die Beastie Boys und Barbra Streisand eingekauft hatten und der Generationen von Musikern aus den umliegenden Theatern als musikalisches Gedächtnis gedient hatte. Turk schwört, dass er an diesem Abend nicht geweint hat.

Da standen sie, die Sänger und Pianisten, die Choreografen und Arrangeure aus der Nachbarschaft, einige Stammkunden und Touristen, die zufällig vorbeischlenderten und beobachteten, wie das letzte große inhabergeführte Einzelhandelsgeschäft im Times Square District für immer schloss. "Wir waren zum Schluss das einzige Geschäft mit Charakter im Viertel", sagt Turk. "Die Leute konnten zu uns kommen mit ihren Fragen, und wir beantworteten sie. Jeder Mitarbeiter hatte eine Leidenschaft für das Produkt, das wir verkauften und für die Kunden. Bei uns arbeiteten 15 Nerds, die nichts anderes wollten als Musik hören und darüber reden." Mit Kunden wie der Jazzsängerin Lindsay Mendez, die sagt: "Colony war mein erster Anlaufpunkt, als ich mit 18 Jahren nach New York kam. Ich weiß gar nicht, wie viele Stunden ich hier mit Freunden verbracht habe."

Am Tag nach der Schließung siedelte Turk, 61, nach Florida um, weil seine Frau dort "ein paar Geschäfte betreibt". Den Times Square, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte, hat er seitdem nicht wieder besucht, sagt er. Turk ist ein großer Mann mit Halbglatze. Wenn er über das Ende von The Colony spricht, klingt er weder bitter noch enttäuscht. Er sagt: "Wir haben zum richtigen Zeitpunkt aufgehört. Lieber erhobenen Hauptes gehen, als in ein paar Jahren mit einem Berg Schulden." Vermisst er sein altes Leben? "Nur den Kontakt mit den Kunden und Kollegen. Die vermisse ich sehr."

The Colony fiel nicht allein dem Internet zum Opfer, was man schon daran ablesen kann, dass es die Megastores auf der anderen Straßenseite - Virgin Music, Tower Records, Borders - um mehrere Jahre überlebte. Diese Geschäfte wollten Geld verdienen, indem sie die neue CD von Beyoncé an Teenager verkaufen - ein hoffnungsloses Unterfangen. Klar, auch Colony verkaufte immer weniger CDs. Aber der Laden besaß das größte Angebot an Vinyl und raren Aufnahmen in New York, verkaufte Sammlerstücke zum Preis von mehreren Tausend Dollar. Der größte Umsatzbringer war das Sortiment an Notenbüchern, das etwa eine Million Exemplare umfasste. Wenn der Vermieter Turk angeboten hätte, den Vertrag zu gleichen Konditionen zu verlängern, hätte The Colony nicht aufgeben müssen. Doch die Investmentgesellschaft Invesco verlangte fünf Millionen Dollar im Jahr statt einer - das Todesurteil für ein knapp 500 Quadratmeter großes Plattengeschäft.

Moment mal: mehr als 10000 Dollar Miete pro Quadratmeter? Hat man sich bei Invesco verrechnet? Keineswegs. Der Spitzenpreis im Times Square District lag laut der Maklerfirma CBRE im ersten Quartal 2013 bei fast 22000 Dollar pro Quadratmeter - der Sonnenbrillenmulti Sunglass Hut zahlt für ein Geschäft an der Ecke Broadway und 46. Straße diesen höchsten Quadratmeterpreis der Welt.

Grundbesitzer können solche Preise verlangen, weil der Times Square das Epizentrum der Hypergentrifizierung ist, die in Manhattan um sich greift. In Stadtteilen wie Soho oder dem West Village verdrängten einst Boutiquen und Galerien die Fleischer, Schneider und Spielzeuggeschäfte. Nun verschwinden die Boutiquen und Galerien zugunsten von Showrooms, in denen sich Weltmarken präsentieren, die sich die Mietpreise leisten können.

Die Hausbesitzer tun alles, um von dem Boom zu profitieren. An der Fifth Avenue zahlte ein Vermieter dem Herrenausstatter Brooks Brothers 47 Millionen Dollar Ablöse, damit der sein Stammhaus acht Jahre vor Vertragsende verlasse. Der japanische Konzern Uniqlo überweist nun für einen 15-Jahres-Mietvertrag 300 Millionen Dollar.

Nestlé, Prada, Audi: Deren glitzernde Filialen sind nicht darauf angelegt, Gewinn zu erzielen. Sie sollen die Produkte dem endlosen Strom der Touristen präsentieren. Die können die Waren dann später, wo auch immer, kaufen.

Kein anderer Ort in New York ist besser geeignet, eine Marke glamourös zu inszenieren als der Times Square. 2013 werden hier 54 Millionen Menschen flanieren, schätzt die Times Square Alliance, ein Zusammenschluss der ansässigen Unternehmen. Fernsehbilder von den Leuchtreklamen erreichen gut zwei Milliarden Menschen pro Jahr. "Der Markt ist heißer als heiß", sagt Steven C. Witkoff, ein Immobilieninvestor. "Weltkonzerne rennen uns die Türen ein, wenn wir eine große Fläche am Times Square anbieten." Deswegen investiert die Witkoff Group mit drei anderen Firmen 800 Millionen Dollar in einen Wolkenkratzer am Broadway, Ecke 47. Straße: sechs Geschosse Einzelhandel, zehn Geschosse Leuchtreklame, darüber 30 Geschosse Hotel. Es ist nur eines von einem halben Dutzend Neubauprojekten im Viertel.

Schräg gegenüber steht das Brill Building, wo die einstige Ladenfläche von The Colony noch immer auf einen Nachmieter wartet. Invesco verkaufte das elfgeschossige Gebäude inzwischen für 200 Millionen Dollar - etwa doppelt so viel, wie die Firma vor drei Jahren bezahlt hatte. Der neue Besitzer Allied Partners Group kündigte an, das Gebäude in eine "erstklassige Einzelhandels- und Büro-Location zu verwandeln". Gerüchte besagen, Microsoft wolle hier einen Flagship-Store einrichten.

Als Richard Turks Vater Sidney 1948 mit seinem Partner Nappy Grossbardt Colony Record and Radio Center gründete, hieß die technische Revolution in der Musikindustrie 45-Inch-Single. Das Geschäft befand sich am Broadway, Ecke 52. Straße, gleich neben dem Colony Theatre. Nappy und Sidney hatten schnell den Ruf, den bestinformierten Musikhandel der Stadt zu betreiben. Jazzstars wie Louis Armstrong und Fats Domino kamen vorbei, aber auch Bandleader wie Benny Goodman oder Count Basie. "Ich war vielleicht acht Jahre alt", sagt Richard Turk, "da sah ich einen Mann vor unserem Geschäft in die Trompete blasen. Das war Miles Davis." Gegenüber spielte Jimi Hendrix in einem Club Gitarre, und als er die Miete nicht bezahlen konnte, fragte er Sidney, ob der für 30 Dollar sein Keyboard haben wolle.

1971 zog Colony drei Blocks südlich in das Brill Building - dort hatte sich ein Mikrokosmos der Musikindustrie angesiedelt. Unabhängige Labels, Tonstudios, Texter, Komponisten, Studiomusiker, Promoter, Radiostationen arbeiteten hier auf engstem Raum zusammen. Erste Hits waren die Tanznummern von Glenn Miller und Benny Goodman, später entwickelte sich der sogenannte Brill-Building-Sound, ein Amalgam aus Pop, Rock und Soul. Burt Bacharach, Neil Diamond, Sonny Bono, Paul Simon, Phil Spector, Dionne Warwick, Ben E. King, Liza Minelli gehörten zu den Künstlern, die ihre Karriere im Haus 1619 Broadway begannen.

Im Erdgeschoss wühlte Turk durch die Regale, um seinen prominenten Kunden alle musikalischen Wünsche zu erfüllen oder sie zu inspirieren. "Für Elton John öffnete ich den Laden immer ganz früh sonntags. Damals war er einer der größten Stars. Er bestand immer darauf, jedes Album als Vinyl, Tonband und Kassette mitzunehmen." Der junge Michael Jackson verbrachte oft Stunden im Geschäft und fragte Turk über die Musikgeschichte aus. Bis zum letzten Arbeitstag beehrten Musiker The Colony - Amateure und Profis wie Lady Gaga und Jay Z.

New Yorker meiden das Touristenviertel

Bleibt die Frage, was aus einer Gegend wie dem Times Square wird, wenn der klassische Einzelhandel den Showrooms von mm oder General Motors, Samsung oder HM weicht? Seit die Stadt New York Anfang der Neunzigerjahre begann, mit dem Geld und den Konzepten des Disney-Konzerns das Viertel zu sanieren, ging es wirtschaftlich steil bergauf. Wo einst Junkies lungerten, entstanden mehr als 30 neue Wolkenkratzer, in die Firmen wie Ernst Young, Reuters oder Condé Nast einzogen. Touristen geben hier jedes Jahr sieben Milliarden Dollar aus, was der Stadt wichtige Steuergelder einbringt. Und die Musicals, besonders die Disney-Produktionen, sind erfolgreich wie nie.

New York hat sein gefährlichstes Viertel in ein Profitcenter verwandelt. Das Problem: New Yorker meiden die Gegend. Eine Umfrage der Times Square Alliance ergab, dass mehr als 80 Prozent der Einwohner den Times Square nie besuchen. Sogar neun von zehn Leuten, die hier arbeiten, verlassen nach Feierabend das Viertel so schnell wie möglich. Gentrifizierung im Extrem: Globale Konzerne zelebrieren hier ihre Version einer Großstadt.

Alle Bars und Buchhandlungen, die Richard Turk früher besuchte, sind verschwunden; ebenso das 42nd Street Luncheonette und das Gotham Diner an der 51. Straße. "Alles ist jetzt sauber und familienfreundlich, man fühlt sich wie die Kugel in einem riesigen Flipper, wenn man über den Platz geht", sagt Turk. "Aber es ist eine künstliche Umgebung, die künstliche Erfahrungen produziert und nur eine Botschaft kennt: Du sollst konsumieren, ohne Fragen zu stellen."

In Florida denkt Turk darüber nach, wie er die Erinnerung an The Colony verewigen kann. Mit der Musik hat er abgeschlossen, die Sammlung hat er an Musikschulen verkauft. Wegen Colonys Leuchtreklame fragte die Rock and Roll Hall of Fame an. Derzeit verarbeitet Turk Fotos und Dokumente zu einem Bildband. Und als sich das Ende des Ladens abzeichnete, filmte er in den letzten Monaten Interviews mit mehr als 100 Stammkunden. Für den Dokumentarfilm hat er Produzenten gefunden - der Sender HBO zeigt Interesse. Einen Titel hat das Projekt bereits: "Manhattan Lullaby" - Schlaflied für Manhattan. -